Instagram Stories haben die Dating-Welt für immer verändert

Wenn du in einer Langzeitbeziehung steckst, hast du keine Ahnung, wie sehr dieses Feature den Sex unserer Generation beeinflusst.

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03 August 2017, 10:56am

Illustration von Owain Anderson

Als Instagram Stories vor einem Jahr gelauncht wurden, konnte noch niemand ahnen, welchen Einfluss sie auf unser Leben haben würden. Teenager nutzten damals natürlich schon fast ihr ganzes Leben lang Snapchat und Vlogging-Seiten, um jede Zuckung ihrer Freunde mitzuerleben. Aber Teenager stecken eben in ihren Jugendzimmern fest und dürfen noch nichts Cooles machen, sodass sie sich gegenseitig mit Playback-Singen und Condom Challenges unterhalten müssen.

Die Hauptzielgruppe von Instagram sind dagegen Leute in ihren 20ern, und die zelebrieren in ihren Instagram Stories hemmungslose Trinkgelage, paradiesische Urlaube und Partys, zu denen du nicht eingeladen warst. Die Stories bieten uns einen nicht abreißenden, FOMO-induzierenden Liveticker aus dem Leben unserer Mitmenschen, zugleich intim und anonym. Die meisten von uns können WhatsApp-Nachrichten von guten Freunden ohne größere Gewissensbisse über Nacht ungelesen lassen, aber gleichzeitig wischen wir uns durch die Stories von Leuten, mit denen wir seit zehn Jahren nicht gesprochen haben.

Klar, dass Instagram Stories ihren größten Einfluss im Bereich Dating entfalten. Seit Tinder hat kein Stückchen Technik unser Liebesleben so sehr umgekrempelt. Falls du schon länger in einer Beziehung bist, verwirrt dich das jetzt vielleicht, denn die Stories bieten keine offensichtliche Option zum Flirten oder Kennenlernen. Aber ich bin eine Veteranin, die sich täglich an der Single-Front in die Schlacht stürzt, also kann ich es dir erklären.

Die offensichtliche "Thirst Trap"

Ursprünglich lautete die Definition einer Thirst Trap: "ein sexy Foto oder eine aufreizende Nachricht, die in einem sozialen Netzwerk gepostet wird, um andere dazu zu bewegen, öffentlich die Attraktivität dieser Person zu preisen". Doch im Laufe der Zeit ist das Phänomen immer weiter angewachsen, nicht zuletzt dank Instagram Stories. Heute sind wir alle so durstig wie Teilnehmer eines Wüstenmarathons.

Die Stories bieten eine perfekte Umgebung für diesen zielgerichteten Exhibitionismus. Zu den typischen Thirst-Trap-Formaten gehören natürlich Klassiker wie Spiegel-Selfies, aber auch Schnappschüsse aus dem Bett (in CK-Unterwäsche, was sonst) oder Screenshots von einem Song, den du gerade hörst – etwa weil du weißt, dass die Zielperson den Song gut findet, oder weil ihr euch schon darüber unterhalten habt. Und dann gibt es natürlich noch das wacklige Selfie-Video, in dem du den Kopf zur Seite legst, die Lippen zum Schmollmund verziehst und dich selbst sowie etwaige Zuschauer über deine Kamera-Anzeige mit den Augen vögelst.

Und so läuft das Ganze heutzutage auf Instagram: Du postest ein Bild, das für eine oder mehrere Personen bestimmt ist. Du willst, dass die andere Person es sieht, und sie zieht dasselbe Spielchen mit dir durch. So startet ihr ein seltsames Balzritual des Sehens und Gesehen-Werdens, der Bestätigung und Ablehnung. Es ist eine Art Machtspiel. Du legst die Beute aus, sie tappen in die Falle: Du hast die Kontrolle. Sie öffnen die Story nicht und du wartest vergebens: Deine Macht ist verpufft. Doch dann postet das Objekt deiner Begierde selbst Stories, du bist den ganzen Tag beschäftigt und checkst sie erst spätabends aus: Jetzt hast du die Macht zurückerlangt. Und das hört auch nicht auf, wenn ihr erst einmal in der Kiste gelandet seid – nein, es geht einfach so weiter, bis sich euer Flirt im Sand verläuft oder ihr einander nicht mehr ausstehen könnt.

Wenn du ein Foto geschossen hast, das viel zu scharf für die Öffentlichkeit ist, oder du nicht für übermäßig "durstige" Posts bekannt werden willst, machst du Folgendes: Du postest das Bild und versteckst es dann in den Story-Einstellungen vor so vielen Nutzern, wie du willst. So glaubt deine Zielperson, dass du ganz entspannt halbnackt auf Instagram posierst, während das Foto in Wirklichkeit aber nur vielleicht 10 Personen sehen können. Im Grunde schickst du ihnen gerade per Privatnachricht einen heißen Schnappschuss, ohne dass sie etwas von deiner perfiden Taktik mitkriegen.

Ein charakteristisch durstiger Schnappschuss von der Autorin

Die Instagram-Direktnachricht hat das Sexting revolutioniert

Es gibt genau zwei Gemütszustände nach dem Sexting. Erste Option: Du schaust dir den Schweinkram nochmal durch und bist ein bisschen stolz, dass deine Rechtschreibung selbst unter Hochdruck nicht entgleist. Nebenbei fragst du dich, ob du nicht sogar schlagfertig genug für ein zweites Standbein als Stand-up-Comedian bist. Zweite Option: Du scrollst dich noch einmal durch Aussagen, die dir zum Zeitpunkt des Gesprächs sexy und verführerisch vorkamen, aber in Wirklichkeit hast du einen faden Wust aus viel zu sexuell aggressiven Anmachen und peinlichen Fotos auf dem Bildschirm.

Bevor die moderne Technik unser Leben bestimmte, mussten wir dem geilen Grauen niemals im Spiegel ins Auge sehen. Heute müssen wir diese Konfrontation alle verkraften, ob es uns gefällt oder nicht – und ich gehe stark davon aus, dass es den meisten von uns nicht gefällt.

Und den Leuten von Instagram ist das bewusst. Deswegen macht die Plattform es uns möglich, von unserer relativ öffentlichen Thirst-Trap-Story nahtlos zum Privatflirt überzugehen. Und: Nachrichten lassen sich löschen. Also so richtig. Als wären sie niemals passiert. Wenn du etwas Dummes von dir gegeben hast, kannst du es ungesagt machen. Fotos und Videos verschwinden nach 24 Stunden automatisch, und wenn du sie erst einmal geöffnet hast, kannst du sie nur noch ein weiteres Mal abspielen und danach nie wieder. Instagram hat das Sexting in etwa so unverfänglich gemacht wie Tinder das Online-Dating.

Die Leute, auf die du stehst, sind unfassbar langweilig

Bevor es die Stories gab, konnte man schnell mal glauben, dass eine Person mit besonders gut sitzender Frisur und einem leicht exotischen Namen ein extrem faszinierender Mensch sein muss. Doch heute kannst du sehen, dass dieser faszinierende Mensch jeden Tag eine Schüssel Kellogg's frühstückt und seine Sonntage in der Kneipe verbringt, mit zwei oder drei blassen Typen, die alle aussehen, als würden sie Malte heißen.

Wenn du mehr als fünf Stories hast – oder, Gott steh uns bei, mehr als zehn –, dann habe ich deine Posts "verborgen". Niemand klickt auf dein Profilbild und denkt sich: "Welch ein Glück, da sind ja Dutzende kleine Rechtecke! Ich kann es kaum erwarten, deinen Tag Minute für Minute Revue passieren zu lassen: vom morgendlichen YouTube-Schauen und Toast essen mit dem Mitbewohner über das Bürotoiletten-Selfie bis hin zum Lieblingssong-Summen auf dem Heimweg." Wenn du erst einmal als Shitposter hervorstichst, hast du es vermasselt. Wir wissen jetzt alle, was du für einer bist.

Ein Bild von mir, das mich als wandelnde Geschmacklosigkeit ausweist

Wenn du ständig feiern gehst, kannst du das vor deinem Schwarm nicht mehr verheimlichen

Teenager von heute wissen, dass man keine illegalen oder potenziell karrieregefährdenden Dinge in den sozialen Netzwerken anstellt – die allermeisten jedenfalls. Diese Lektion haben sie sich von einer reichlich bescheuerten Generation abgeguckt, die das mit Fotos von schlecht gedrehten Joints auf StudiVZ und MySpace erst noch auf die harte Tour lernen musste. Wenn du – 20 aufwärts – also mal wieder auf dem besten Weg bist, morgens um 7 Uhr zombiemäßig mit deinen Zombiefreunden auf irgendeinem Dach zu hocken, während "Despacito" aus dem Handy plärrt, dann wird schon bald jeder davon wissen – auch und gerade die Leute, auf die du stehst. Wir können es nämlich einfach nicht lassen, Anspielungen auf irgendwelche Feiergelage zu posten. Wir lernen es einfach nicht. Wir werden es nie lernen.

Das wird die andere Person entweder anziehend oder abstoßend finden – je nachdem, ob sie genau so durch ist wie du.


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Es ist viel zu einfach, versehentlich eine Story anzuklicken, wenn du einfach auf das Profil willst und dann auf den kreisrunden Avatar statt den Namen klickst

Folgendes Szenario: Ein lauer Sommerabend, du sitzt mit ein paar Freunden bei dir zu Hause und hast schon ein paar hochprozentige Drinks intus. Den Kater von morgen kannst du jetzt schon erahnen. Du willst deinen versammelten Freunden eine Person zeigen, die du unbedingt vögeln willst – der du aber, und das ist hier ganz wichtig, nicht bei Instagram folgst. Swipe, Tipp, Klick und plötzlich ist der ganze Bildschirm von irgendeinem bescheuerten Video verdeckt. Instinktiv wirfst du dein Handy wie eine Frisbee durchs Zimmer. Deine Freunde schreien. Moment. Nein. Der Schrei kam von dir. Du stürzt dich auf den Boden, dem Handy hinterher, drehst das Handy um und siehst noch die allerletzten Sekunden, bevor das Video zu einem verschwindenden Kreis zusammenschrumpft. Scheiße, du hast dir gerade jede einzelne Story "angeguckt".

Du läufst ins Schlafzimmer. Hauptsache weg. Am liebsten willst du wie Bugs Bunny in der Wand ein Loch in Form deiner Umrisse hinterlassen. Stattdessen schnappst du dir das nächste Kissen und schreist hinein. Aus dem Nebenzimmer schallt das Gelächter deiner Freunde rüber. Für dich ist es das Ende. Für sie Premium-Entertainment.

Alte Bettgeschichten werden dein loyalstes Publikum sein

Ich schau mir eigentlich nur Stories von drei Arten von Menschen an: 1) Typen, mit denen ich in die Kiste will; 2) meine engsten Freunde und 3) Frauen, deren Haut ich gerne als Umhang tragen würde – will heißen: die erfolgreich, cool und talentiert sind. Komischerweise sind die Menschen, die am rigorosesten und schnellsten meine Stories anschauen, Bekanntschaften, mit denen ich einmal oder ein paar Mal geschlafen und danach nie wieder gesprochen habe; Typen, die mich geghosted haben, und – so bizarr es auch anmutet – Leute, die mich nicht ausstehen können. Und Ex-Freunde.

Es ist kein Geheimnis, dass wir uns alle gegenseitig stalken, aber heutzutage gehen wir viel offener damit um. Da Stories so spontan anmuten und in einem schier endlosen Strom auftauchen, hat das Anklicken kaum noch etwas Verbindliches. Außerdem locken die Kreissymbole in der App einfach.

In Bezug aufs Dating wirft das einige Fragen auf: Will dieser Mensch noch einmal mit mir schlafen? Oder komme ich aufs Abstellgleis? Bin ich eine komische Betttrophäe, die man sich warmhalten will? WARUM GUCKST DU DIR DAS AN?

Der Durst wird nie versiegen

Ich will die kulturelle Bedeutung dieser sonderbaren Dokumentation unseres Alltags, die wir bei Instagram betreiben, ja nicht zu hoch hängen, aber Stories hat alle Theorien des Begehrens der letzten Jahrhunderte auf den Kopf gestellt. So etwas wie Unerreichbarkeit gibt es nicht mehr. Du schaust dir die Stories einer flüchtigen Tinder- oder Bettbekanntschaft an und sofort kennst du den Menschen. Das macht die Person sofort viel zugänglicher und weniger bedrohlich. Manche langweilt das oder schreckt das ab, andere werden regelrecht süchtig. Tinder und die Tatsache, dass wir den Erstkontakt mit potenziellen Sexualpartnern heute per Handy herstellen, bedeutet auch, dass Flirten im echten Leben kaum noch vorkommt. Stattdessen gibt es Stories – die ganzen sonderbaren, sinnlosen, lustigen, langweiligen, verführerischen und infantilen Filmchen.

Selbst wenn Stories eines Tages Geschichte ist, wird etwas anderes, ähnlich Durst machendes seinen Platz einnehmen. Wie der Philosoph und Kulturkritiker Slavoj Žižek einmal sagte: "Die raison d'être des Begehrens besteht nicht im Realisieren des Ziels, volle Befriedigung zu erlangen, sondern sich selbst als Begehren zu reproduzieren." Wir alle sind also in diesem masochistischen Kreislauf unserer eigenen Schöpfung gefangen. Durstig, immer durstiger ... bis zum Tod.

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