Rudis Brille

"Wir wurden von Anfang an für tot erklärt" – 10 Jahre Radio "Superfly"

Wir haben mit den Machern von 'Superfly' darüber geredet, warum sie Heinz-Christian Strache eine DJ-Stunde gaben, wie der österreichische Radiomarkt derzeit aussieht und ob Mathias Euler-Rolle​ dem Sender etwas gebracht hat.

von Rudi Wrany und Rudy Wrany
11 April 2018, 1:01pm

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Superfly

Beim Blick auf Wiens Radiolandschaft kommen einem nur wenige Sender in den Sinn, wenn man an Musik abseits des Mainstreams denkt: FM4, die ORF-"Jugendschiene", ist hier wohl noch immer Platzhirsch Nummer Eins, auch weil landesweit (und über die Grenzen hinaus) gesendet wird. Daneben gibt es nicht mehr allzu viel Platz. Ein ambitioniertes Projekt, das vor 10 Jahren gestartet wurde, ist Superfly.fm.

Ich hatte von Anbeginn an das Glück, mit einer kleinen Sendung dabei zu sein und bewundere immer noch den Einsatz der kleinen, ambitionierten Redaktion. Derzeit arbeiten 10 Vollzeitbeschäftigte im Sender, wie auch eine variierende Anzahl von freien Mitarbeitern und Sendungsmachern. Finanziell möglich gemacht wurde das Projekt unter anderem von den Sunshine-Gründern Mathias Kamp und Heinz Tronigger – vormals Meierei, dann Passage und Roxy, heute Albertina Passage. 2008 ging das Projekt "98,3 Ssssuperfly" mit dem gleichnamigen Song on air, inklusive wuchtiger Medienkampagne. Seither ist viel passiert.

Ich traf mich mit Geschäftsführer Thomas Mair, Musikchef Jürgen Drimal und Programmleiter Gerald Travnicek, den man auch als Head der Deep House Mafia kennt, zum Gespräch über 10 Jahre Radio abseits des Mainstream mit den Schwerpunkten Soul, Disco, Funk, Jazz, House und Black Music. Der Einfachheit halber habe ich die Antworten zusammengefasst.

Noisey: Wenn ein Sender 10 Jahre überlebt hat, ist das eurer Meinung nach eine lange Zeit oder erst der Anfang?
Superfly: Wenn der Sender Superfly heißt und man die Entwicklungen am Radiomarkt in Wien beobachtet, dann ist es eine immens lange Zeit. Denn wir wurden von Anfang an für tot erklärt. Es wurde uns nicht zugetraut, diese heiß umkämpfte Frequenz zu halten.

Wer sind denn die, die euch das nicht zugetraut hätten?
Es war die Stimmung, ohne hier jemanden zu nennen. Es war ungewöhnlich, dass jemand in Österreich einen Radiosender macht, den es in dem Format nicht schon fünf Mal gibt. Denn bisher gab es zumeist AC (Adult Contemporary), HOT AC (Hot Contemporary, bedeutet noch mehr Hits), und CHR Formate (letzteres trifft etwa auf Radio Energy zu und meint aktuelle, schnelle Charthits). Da stach unser Sender heraus, da es eine echte Mischung war. Man bezeichnet uns als UC was so viel heißt wie "Urban Contemporary".

Ihr selbst seid keine studierten Medienmanager, wurden nun welche aus euch?
Nach 10 Jahren arbeitet man sich natürlich ein. Außerdem ändern sich die Verbreitungswege derart rasant, dass man sich ständig neu einarbeiten muss. Die terrestrische Verbreitung ist in unserem Fall nicht mehr das Einzige, was zählt. Wir werden auch sehr stark online und über die App gehört. Da haben wir auch in Österreich sehr starken Zuwachs zu verzeichnen.

Hinter euch standen ja nie große Unternehmen oder Medienhäuser ... ?
Wir sind eigentlich der einzige echte private Radiosender – kein Franchise wie NRJ oder kein Sender wie eben KroneHit. Wir wollten auch deswegen genau diese Art von Radio machen, die wir gut fanden. Wir haben natürlich über die Sunshine-Events eine Community aufgebaut, im Laufe der Jahre.

Aber hätte denn eine Event-Community gereicht? Wachsen die Leute nicht hinaus oder hören sie den Sender auch, wenn sie älter werden?
Dauerhaft hätte die Event-Community nicht gereicht. Dieses Argument war aber einer der Hauptgründe für die Frequenz-Vergabebehörde. Damals hatten wir 25 Mitbewerber, da waren alle dabei – unter anderem der Standard, Mediaprint, Styria. Wir hatten aber viele Interessensbekundungen aus der Community und auch seitens unseres Labels.

Um das zeitlich einzugrenzen: Wann war das?
2005 war die Bewerbungsfrist, im Sommer. 2007 war dann der Bescheid rechtskräftig und danach hatten wir ein Jahr Zeit, on air zu gehen. Andere hätten das vielleicht früher geschafft, bei uns war das eben nicht anders möglich, da wir natürlich noch null Vorbereitungen getroffen hatten und kein Risiko eingehen wollten, zu früh kostenintensiv zu investieren.

"Es hat gerumpelt und geraschelt, viele Aufnahmen waren fragwürdig."

Das musikalische Programm des Senders war sehr stark von Soul geprägt, war das auch die Vorgabe der Radiogründer?
Soul war immer der größte gemeinsame Nenner, das stimmt. Natürlich ging es schon auch um Vielseitigkeit. Aber es wurden anfangs einmal unsere vielen Platten gesammelt, digitalisiert und in einen Topf geworfen. Unser Musikchef ist jahrelang Tag und Nacht gesessen und hat unter anderem Tracks digitalisiert und geforscht.

Wie definiert sich denn genau der Job des Musikchefs bei Superfly, wo man ja nicht ständig den Zwang hat, das Allerneueste spielen zu müssen?
Es ist ein never ending process, beim Stöbern und Suchen. Vor allem geht es darum, die beste Qualität der Stücke aufzutreiben. Wahrscheinlich war das auch der Charme, den Superfly ausgemacht hat, dass wir am Anfang nicht mit einem top geschliffenen Programm an den Start gegangen sind. Es hat gerumpelt und geraschelt, viele Aufnahmen waren fragwürdig. Die gesamte Verpackung war natürlich noch nicht so professionell und wir brauchten Berater. Wir haben auch bewusst mit Menschen gestartet, die noch keine große Radioerfahrung hatten. "Authentizität" war das Schlagwort. Außerdem konnten wir uns die top ausgebildeten Radiomoderatoren und Manager nicht leisten. Heute sind sie natürlich alles Profis. Damals wollten wir auf Leute setzen, die für das Projekt brennen. Klar hat Gerald Tavnicek auch schon für FM4 geschrieben, aber eben nicht moderiert oder Beiträge on air gestaltet.

Täuscht mich der Eindruck, dass die Musik untertags heute "moderner" ist als noch vor 10 Jahren?
Die Soundentwicklung ist natürlich eine neue – Sounds kommen und gehen. Die Zugänge waren andere. Aber klarerweise gab und gibt es auch echte Superfly-Klassiker, auch wenn man einige spöttisch dem Popcorn-Soul zurechnet. Beabsichtigt war natürlich, dass man auf Superfly das längste DJ-Set der Welt gehört hat, da man alles händisch eingegeben musste. Alle waren am Ende ausgebrannt. Dann erst haben wir endlich nach einiger Zeit auf Automatismus umstellen können, das hat natürlich auch gedauert. Vor allem aus den Staaten haben wir aber immens viel Zuspruch und viele DJs, die in Wien weilen, den Sender hören und finden, dass das genau in ihrem Land fehlt, die finden unsere Klassiker großartig oder unsere Jazz- und Discoausflüge.

Ist das Programm und die Redaktion jetzt soweit für euch optimal, dass man sagen kann, so geht es die nächsten zehn Jahre und noch darüber hinaus weiter?
Wir wollten Programm für die Hörer machen und das haben wir in den letzten Jahren soweit optimieren können. Ein bisschen mehr Content könnte es aber durchaus wieder einmal geben in den nächsten Jahren.

Foto: Rudi Wrany

Ihr habt ja auch die Hilfe eines gestandenen Medienprofis wie Mathias Euler-Rolle (als Programmchef) für eine kurze Zeit in Anspruch genommen. Wie sehr konnte er euch helfen?
Er war zu dem Zeitpunkt der Richtige. Und er war einer, der uns gewisse Regeln, die für alle Sender der Welt gelten, beigebracht hat. Er wies uns auch darauf hin, dass, auch wenn alles eine Zeitlang gut läuft, wir immer wieder einen Elfmeter verschießen können, um es in der Fussballersprache zu formulieren.

"Heinz Christian-Strache hat sich – das darf man ja kaum sagen – bei seiner Playlist sogar was überlegt, was man nicht von allen behaupten konnte."

Aber inhaltlich war er doch woanders zu Hause, er war immerhin sehr lange bei Ö3 ...
Inhaltlich hatte er natürlich einen kommerzielleren Zugang, denn aus dieser Ecke kam er. Da hatten wir durchaus Diskussionsbedarf, denn die Radiobehörde hatte ja eine Vorgabe und wir wären dann vielleicht nicht mehr ganz Superfly gewesen, aber am Ende kam der Ruf an ihn aus der Politik und somit blieb diese Diskussion unvollendet. Er war auf jeden Fall ein wichtiger Part unserer Entwicklung, er hat uns viel beigebracht und einiges vom Chaos der Anfangstage beseitigt.
Das anarchisch Anmutende war wichtig, um dann etwas Professionelles daraus zu machen.

Woher bezieht ihr eure Nachrichten, eure News?
Die kaufen wir zu, was eine gängige Praxis ist, da wir natürlich keine Korrespondenten haben. Was Stadt- und Grätzel-News anlangt, recherchieren wir aber natürlich selbst.

Seid ihr politisch? Könnt ihr euch noch an die Auftritte aller Kandidaten zur Nationalratswahl 2013 im Radio erinnern? Als Heinz-Christian Strache auch kam?
Wir versuchen, so neutral wie möglich zu sein. Damals konnten wir aber auch schwer zurückrudern, nachdem tatsächlich alle gekommen waren und eben dann auch Heinz-Christian Strache kam. Das hieß damals "Politik am DJ Pult". Für die nächsten Wahlkämpfe haben wir das dann aber gelassen. Das Thema Politik ist derzeit ja hypersensibilisiert. Hört man unsere Songtexte, sind sie jedoch sehr sozialkritisch. Aber natürlich werden uns sicher auch FPÖ-Wähler hören und Heinz-Christian Strache hat sich – das darf man ja kaum sagen – bei seiner Playlist sogar was überlegt, was man nicht von allen behaupten konnte.

Wir haben uns aber danach sehr viel Kritik geholt. Wir hätten ja durchaus unser Demokratieverständnis so modifizieren und sagen können, wir laden alle ein außer der FPÖ ein, denn wir waren ja nicht öffentlich-rechtlich. Das haben wir dann aber nicht getan. Es war letztendlich ein einmaliger Versuch, auch auf Reichweite zu gehen.

Euer Webauftritt war bis vor kurzem verbesserungswürdig, teilt ihr meine Meinung?
Nun wir backen kleine Brötchen, tatsächlich gibt es nun aber eine neue Seite und eine neue App. Wir stoßen aber rasch auch an unsere Kapazitätsgrenzen. Die Projektaufgaben daneben konnten wir uns einfach nicht leisten. Es ging nun alles peu à peu, aber wir liefern ständig ab. Wir sind auch in diesem Bereich kontinuierlich gewachsen. Nun haben wir auch ein kleines Team, das sich darum kümmert. Früher haben wir etwa alle gemeinsam Facebook gemacht. Seit einem halben Jahr gibt es nun einen Social-Media-Plan und das Kraut-und-Rüben-Syndrom wurde dadurch beseitigt.

Wie wichtig ist eine gut funktionierende Morning Show?
In der Früh sollte man in den Tag begleitet werden. Entspanntes Aufstehen und positiv in den Tag gehen ist hier der Fokus, keine Comedysendung. Danach gestalten Gerald Travnicek und sein dreiköpfiges Team die Beiträge des Tages. Man kann es in etwa so beschreiben: 10 bis 15 Prozent der Zeit des Tages ist Wort und der Rest ist Musik.

Der Radiotest und ihr werdet ja nie gute Freunde. Derzeit ist eure Reichweite wieder leicht gesunken, wenn man dem glauben kann.
Der Radiotest ist vom System her schon ein Wahnsinn, da er ja extrem lange dauert und wir in einem nach wie vor laufenden Gerichtsprozess gegen das ausführende Institut GfK Austria bereits nachweisen konnten, dass der Radiotest nicht lege artis durchgeführt und die Reichweiten sogar manipuliert wurden. Wir haben auch geklagt, weil wir hier der Meinung sind, dass wir nicht korrekt in der österreichischen Radiolandschaft abgebildet werden. Wir sehen etwa, dass unsere Streamingdaten ständig steigen. Wir haben dort etwa unsere Reichweite vervierfacht. Eigentlich sollten ja im Testverfahren auch die Onlinehörer berücksichtigt werden. Doch im Radiotest haben wir kaum Steigerungen. Wir haben uns eben deswegen vor Gericht begeben, was ja ein wenig an den Kampf David gegen Goliath gleicht.

Ihr habt euch nun auch schon mehrfach um Frequenzen in den Bundesländern bemüht, die Steiermark hat nicht geklappt, wie sieht es in Niederösterreich aus?
Eigentlich wollten wir uns anfangs nicht groß für Frequenzen in den Bundesländern bemühen. Als Wien auf gesunden Beinen stand, haben wir uns in Graz und Oberösterreich beworben. Bei beiden haben wir die Frequenz nicht bekommen, wobei in Oberösterreich die gültige Spruchpraxis angewandt wurde, dass ein Bewerber, der die Frequenz bereits 10 Jahre innehatte, sie erneut zugesprochen bekam. Wir haben es aber zumindest versucht. Im Großraum Wien/St. Pölten haben wir sie nun zugesprochen bekommen, aber der Entscheid ist noch nicht rechtskräftig, da alle Instanzen von den Gegnern ausgeschöpft werden und der Entscheid nun gerade beim Bundesverwaltungsgericht liegt.

Wieviele Tracks gibt es auf Rotation?
Oft ein gern gehütetes Geheimnis, aber es sind etwa 1.800 Tracks auf Rotation. Das Archiv, das alles speist, umfasst in etwa 90.000 Tracks.

Wie ist das Verhältnis zu anderen Sendern, die ähnliche Musik spielen ? FM4 oder Lounge FM?
Wir haben zu allen Sendern ein entspanntes Verhältnis. Wir versuchen, das, was wir machen, gut zu machen und uns auf uns zu konzentrieren.

Gibt es Punkte, die vielleicht in Zukunft anders werden?
Die Jazzleiste am Sonntag wird ausgebaut und besser strukturiert. Wir behaupten, dass sich unsere Jazzleiste auf einem Top-Niveau bewegt. Daneben wollen wir unter dem Schlagwort "Community Radio" die abendliche Spezialistenschiene ausbauen (wo es auch viel House/Techhouse, aber auch Downbeat zu hören gibt). Vielleicht gelingt es uns, einige Spezialisten von früher wieder zurückzuholen, beziehungsweise neue in den Sender zu bringen (Ein Wink mit dem Zaunpfahl, Bewerbungen sind erwünscht).

Der Donnerstag wird noch reichhaltiger elektronisch ausgebaut. Freitags gibt es neue Formate mit Manifest und Schenkelspreizer. Die Message sollte sein: "Uns liegt extrem viel an Musik". Wir möchten wieder mehr Charaktere featuren. Vielleicht bringen wir Charaktere zusammen, die zusammenfinden sollten. Bis zum Sommer wird jedenfalls die neue Spezialistenschiene stehen. Superfly sollte auch die Szene ein bisschen zusammenbringen.

Ist euer Programm nach 10 Jahren jugendlich genug?
Ein Musikstil per se sagt nichts über die Altersgruppe aus. Wir wollen immer vielfältig mit Musik umgehen. Wir haben die Stadt in den letzten 10 Jahren musikalisch stark beeinflusst. Wenn man heute in kleine Clubs oder Bars geht und viel Discoboogie oder unsere Art von House hört, dann haben wir ein bisschen was erreicht. Eine Nummer von Prince kann alt rüberkommen, wenn man sie nicht richtig verpackt –oder danach die Carglass-Werbung kommt. Sie kann aber auch genau passen, wenn davor flashiger Elektro läuft.

Die Superfly-Geburstagparty findet am Freitag 13.4. in der Ottakringer Brauerei auf mehreren Floors statt (unter anderem mit Austrian Apparel) und allen Radio-DJs statt. Im Juli folgt noch ein Sommerfest in der Pratersauna.

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