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Ein Gaffer erzählt, weshalb er gafft

"Ich bin sensationsgeil. Da stehe ich zu."
Symbolbild: imago | Rupert Oberhäuser

Nachdem vor zwei Jahren ein Mädchen am Hauptbahnhof Hagen von einem Auto angefahren wurde, kamen so viele Gaffer, dass Rettungssanitäter Moritz Lünenschloss nur noch ihre Füße erkennen konnte. Keiner von ihnen half ihr. Und Lünenschloss hatte so wenig Platz, dass er kaum seinen Sanitätskoffer öffnen konnte.

Seit neun Jahren arbeitet er bei der Berufsfeuerwehr Hagen. Gaffer treffe er jeden Tag, sagt er. Aber wieso glotzen und filmen so viele von ihnen – anstatt zu helfen? Wollen sie später den Kumpels eine Story erzählen? Filmen sie, um Videos auf YouTube zu posten? Dieser Frage ging der WDR in einer Reportage nach und begleitete Lünenschloss durch seinen Berufsalltag.

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"Kein vernünftiger Mensch wird jemanden in einer Situation filmen, in der er selbst nicht sein möchte", sagt Lünenschloss. Um herauszufinden, weshalb Menschen trotzdem ihre Handys zücken, kontaktierte der WDR einen Gaffer, der ein Unfallvideo auf YouTube hochgeladen hat. Darin zu sehen: drei ineinander gefahrene LKWs, darunter ein zerquetscher PKW und eine Autoschlange, die gemächlich am Unfall vorbeifährt.

Der Mann ist bereit zu reden, möchte aber nicht erkannt werden. Weshalb er den Unfall gefilmt hat? "Aus Reflex", sagt er. "Ich bin von solchen Sachen fasziniert." Die Aufnahmen mache er, weil er "hinterher besser Gaffen könne" als zum Zeitpunkt des Unfalls. "Dann kann ich mir das Video in Ruhe angucken." Auch mit der Bezeichnung Gaffer hat der Mann keine Probleme. Für ihn sei das nichts Negatives. "Ich bin sensationsgeil. Da stehe ich zu", sagt er.


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Als der WDR-Journalist fragt, wieso er nicht geholfen habe, obwohl keine Rettungskräfte in Sicht gewesen seien, schweigt der Mann. Nach fünf langen Sekunden sagt er: "Ich wusste nicht, ob die Polizei schon da war." Normalerweise würde er natürlich helfen, statt zu filmen. Er kenne die Konsequenzen: Für unterlassene Hilfeleistung gibt es bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe. Auch bloßes Gaffen kann bis zu 1.000 Euro Bußgeld kosten.

2017 starben 3.177 Menschen durch Verkehrsunfälle. Wie viele Gaffer es dagegen gibt, ist nicht bekannt. Sie tauchen weder in Statistiken auf, noch gibt es Zahlen, wie viele Einsätze sie bereits behindert haben. Was aber klar ist: Es werden mehr. Das berichten Polizei und Feuerwehr.

"Wir können das Gaffen nicht verbieten", sagt Sanitäter Moritz Lünenschloss. "Aber wir können es denen wenigstens schwierig machen." Seit 2015 setzt das Land NRW mobile Sichtschutzwände gegen Gaffer ein. Bis die Wände aufgestellt sind, kann es aber eineinhalb Stunden dauern – viel zu lang, um die Opfer rechtzeitig abzuschirmen. Das hält auch Rettungskräfte auf, die sonst ebenfalls helfen könnten, so Lünenschloss: "Wir fahren nicht an einen Unfallort, um Decken hochzuhalten, sondern um professionell Hilfe zu leisten."

Dass Rettungskräfte gegen Gaffer vorgehen, kommt aber nicht immer gut an: Im November 2017 bespritzte ein Feuerwehrmann vorbeifahrende Gaffer mit Wasser. Das Netz feierte ihn dafür, trotzdem prüfte die Staatsanwaltschaft, ob der Feuerwehrmann mit seiner Löschaktion den Verkehr gefährdet hatte. Ein Verfahren blieb jedoch aus.

Weshalb Gaffer von Unfällen so fasziniert sind, ist auch am Ende der Reportage nicht ganz klar. Vermutlich ist ihre Sensationslust dieselbe, die Menschen haben, wenn sie anderen zuschauen, wie sie in Fischinnereien baden oder Känguruhoden essen. Wie es der Gaffer aus dem Interview sagt: "Wahrscheinlich wäre es besser einfach weiterzufahren. Aber die Neugier ist größer."

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