Sex

Die Jungfrauen-OP: Warum Roma-Frauen sich vor der Ehe unters Messer legen

Wir begleiten eine 20-jährige spanische Romni, die ihre Jungfräulichkeit "wiederherstellen" lässt.

von Sabina Urraca
21 Dezember 2017, 6:41am

Illustration von Agnès Ricart Gregor

Um ihre Identität zu schützen, will ich sie zuerst Alba nennen. Die junge Roma-Frau lacht und besteht auf einem neuen Pseudonym. "In unserer Gemeinschaft ist Alba ein verbreiteter Name", erklärt sie. "Ich will nicht versehentlich das Leben eines armen Mädchens ruinieren." Also nenne ich sie Amanda.

Amanda ist 20 und will anonym bleiben, weil sie eine Gitana ist – eine spanische Romni. Dazu steht ihre Hochzeit kurz bevor und sie ist keine Jungfrau mehr. Wenn das herauskäme, würde man Amanda aus ihrer Roma-Gemeinschaft verstoßen. "Also muss ich jetzt tun, was ich tun muss." Damit meint sie eine Rekonstruktion des Hymens (im Volksmund irreführend "Jungfernhäutchen"), die ihren Mann von ihrer Jungfräulichkeit überzeugen soll.

Wir haben uns eben erst kennengelernt, doch Amanda gibt sich sichtlich einen Ruck und erzählt ungefragt von ihrem ersten Mal. "Ich habe mich in einen Payo, einen Nicht-Rom, verliebt", erklärt sie. "Ich hatte das Gefühl, mit ihm Sex haben zu müssen, um ihn nicht zu verlieren." Nach dieser Beziehung habe sie mit einem weiteren Typen geschlafen, sei aber nicht verliebt gewesen. "Aber sie haben mich ja nicht gezwungen, ich hatte auch Spaß daran", lacht sie.


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Als Amanda 14 war, versprach ihr Vater sie an den 15-jährigen Sohn eines Familienfreunds. "Zum Glück bekam sein Vater Arbeit in Portugal, also zogen sie für ein paar Jahre dorthin", sagt sie. "So konnte ich weiter zur Schule gehen und Zeit mit meinen Freunden verbringen."

Sie führte ein ziemlich normales Teenager-Dasein, doch ihre Roma-Freundinnen heirateten eine nach der anderen, bis sie die einzige Junggesellin war. "Von meinen Freundinnen, die nicht Roma sind, ist keine verheiratet", sagt Amanda. "Ich würde am liebsten noch ein paar Jahre ledig bleiben, aber das ist keine Option. Das kann ich meinem Vater nicht antun. In meinem Alter haben die meisten Roma-Frauen schon drei, vier Kinder." Dass sie bei ihrer eigenen Zukunftsplanung so wenig mitreden darf, belastet sie sichtlich. Gleichzeitig scheint die bevorstehende Hochzeit sie nicht nur zu bekümmern. "Ich finde es schon besser, zu heiraten. Und wenigstens ist er ein netter Kerl."

Eines der wichtigsten Rituale bei einer Roma-Hochzeit in Spanien, insbesondere in Andalusien, ist der "Taschentuch-Test". Damit soll die Jungfräulichkeit der Braut bestätigt werden. Eine Spezialistin, "Juntaora" genannt, steckt ein Taschentuch in die Vagina der Frau, durchbricht den Hymen und sammelt Blut auf, das als Beweis dient.

Die operative Lösung

Wenn einer Nicht-Jungfrau wie Amanda ein solcher Test bevorsteht, lässt sie häufig einen Eingriff namens "Zurcido" vornehmen – das Wort bedeutet in etwa "Vernähen". "Ich bin definitiv nicht das erste Roma-Mädchen, das einen Zurcido vornehmen lässt", sagt Amanda.

In den vergangenen 15 Jahren hat Dr. Vilas zahllose Hymenalrekonstruktionen durchgeführt. Laut der Ärztin wollen die Frauen sie entweder "aus ästhetischen Gründen, oder weil sie einer Kultur angehören, die großen Wert auf die weibliche Jungfräulichkeit legt".

In ihrer Praxis in Madrid erklärt Dr. Vilas Amanda, wie der Eingriff aussehen wird. Sie zeichnet komplexe Abbildungen von Vaginen auf eine Tafel, und Amanda muss durchweg kichern. "Sie müssen mir nichts erklären", sagt sie. "So lange Sie wissen, was Sie tun, bin ich zufrieden."

Dr. Vilas spricht unbeirrt weiter. "Es stehen verschiedene Methoden zur Auswahl", erklärt sie. "Bei der einfachsten werden verbleibende Bestandteile des Hymens zusammengefügt. Das geht mit örtlicher Betäubung. Danach sollte die Patientin mindestens drei Tage mit dem Sex warten, damit der neue Hymen verheilt ist."

Im Internet finden sich außerdem andere Billigmethoden, mit Membranen, die rote Flüssigkeit abgeben sollen, wenn sie beim Sex reißen.

Bei einer weiteren Methode wird ein Material namens Alloplant in die Vagina eingeführt, das einen Hymen imitiert und zerreißen kann. Die invasivste Methode sieht vor, dass auf beiden Seiten der Vagina Einschnitte in die Schleimhaut gemacht und diese dann vernäht werden. Da so offene Wunden entstehen, muss die Patientin lange warten, bis sie Sex haben kann.

"Egal welche Option Sie wählen, der Eingriff muss von einem Spezialisten durchgeführt werden", betont die Chirurgin. "Ich weiß von vielen Fällen, in denen billige, illegale Eingriffe zu furchtbaren Infektionen geführt haben." Manchmal habe das eine künstlich herbeigeführte Gewebeschicht zur Folge, die durch Sex nicht zu durchbrechen sei. Im Internet finden sich außerdem andere Billigmethoden, mit Membranen, die rote Flüssigkeit abgeben sollen, wenn sie beim Sex reißen.

Wenn eine Operation nicht möglich ist, gibt es noch einen letzten Ausweg. Amanda erzählt mir von einer Freundin, deren Eltern die Juntaora bestachen, damit sie behauptete, die Braut habe den Test bestanden. "In der Hochzeitsnacht schnitt sie sich dann in den Finger, steckte ihn zwischen ihre Beine und legte so ihren Mann rein."

Das "Jungfernhäutchen" ist gar keins

Wir warten darauf, dass Amanda sich für eine Option entscheidet. In der Zwischenzeit erklärt Dr. Vilas, warum der Taschentuch-Test Quatsch ist. "Ein Mädchen kann Jungfrau sein und überhaupt nicht bluten", sagt sie. Die Forschung zeigt, dass die Mehrheit der Frauen bei der ersten vaginalen Penetration nicht blutet. und bei diesem Gewebe handelt es sich, entgegen verbreiteter Mythen, nicht um eine Membran, die beim Sex oder überhaupt irgendwann einreißen muss.

Amanda wählt schließlich die erste Methode, das Zusammenfügen des vorhandenen Hymens. Dafür muss sie vier Tage vor der Hochzeit noch einmal nach Madrid fahren. "Meine Mama wird eine Ausrede über einen Termin für mein Kleid erfinden müssen", sagt sie.

Die OP ist ein offenes Geheimnis unter Frauen

So gut wie alle Frauen in Amandas Familie wissen Bescheid, bis auf die Großmütter. Sie beschreibt das Thema als offenes Geheimnis unter den Frauen in vielen Roma-Familien. "Es geschieht zwar widerwillig, aber wir sprechen darüber", sagt sie. "Wenn ein Mädchen sich den Eingriff nicht leisten kann und sie ihren Vater nicht um Geld bitten will, helfen manchmal ihre Freundinnen aus."

Amandas Operation wird 2.300 Euro kosten – eine riesige Summe für ihre Familie. "Ich weiß nicht, was mit mir passiert wäre, wenn meine Mutter das Geld nicht hätte", sagt sie. "Ich muss alles geben, um mich dankbar zu zeigen."

Am Tag des Eingriffs erscheint Amanda mit ihrer Mutter und einer Kusine. Die Begrüßung fällt etwas angespannt aus, ihre Verwandten sind unglücklich über ihre Entscheidung, mit einer Journalistin zu sprechen. Aber Amanda hat dafür keine Aufmerksamkeit. "Ich weiß gar nicht, warum ich so nervös bin. Ich habe noch nie gehört, dass so ein Eingriff schiefgegangen ist", sagt sie. "Ich will einfach nur verheiratet sein und mit meinem Mann leben und meiner Mutter für alles danken, indem ich ihr Enkel schenke."

"Zur Hölle mit Glück. Wir brauchen kein Glück, sondern unsere 2.000 Euro."

Ihre Mutter und Kusine wirken ruhig und geduldig. Frust oder Wut gegenüber Amanda scheinen sie keine zu verspüren. Sie sitzen im Wartezimmer und unterhalten sich entspannt über die Hochzeit, als sei Amanda für eine normale Untersuchung hier. Als Amanda aufgerufen wird, gibt ihre Mutter ihr zwei Küsse und sagt ein kurzes Gebet. Amanda wirft mir einen letzten Blick zu und ich gebe ihr nervös zwei Daumen hoch.

Die Operation soll eine Stunde dauern. Ich will eigentlich warten, bis sie herauskommt, sie fragen, wie es ihr geht, und mich dann verabschieden. Doch sobald sie in Richtung OP-Saal verschwunden ist, steht ihre Kusine auf und bittet mich höflich zu gehen. "Ich habe nichts dagegen, dass du hier bist", sagt sie. "Aber meiner Tante ist es unangenehm. Das hier ist eine private Familienangelegenheit." Bevor ich gehe, wünsche ich ihnen viel Glück. Darauf sagt Amandas Mutter: "Zur Hölle mit Glück. Wir brauchen kein Glück, sondern unsere 2.000 Euro."

Wenige Tage nach ihrer Hochzeit treffe ich Amanda wieder. Sie sagt, sie habe ein wenig Angst gehabt, auf der Hochzeit zu tanzen, die Ärztin habe vor zu viel Bewegung gewarnt. Der Taschentuch-Test sei aber nach Plan verlaufen – und wäre er das nicht, hätte ihre Mutter die Juntaora noch in letzter Minute bestochen. Auch die Hochzeitsnacht sei ein Erfolg gewesen, selbst wenn es mehr wehgetan habe als erwartet. "Aber natürlich nicht so sehr wie beim ersten Mal", lächelt sie.

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