Beruf

Männer wären lieber arbeitslos, als in „Frauenberufen“ zu arbeiten

In vielen Berufszweigen sind nach wie vor deutlich mehr Frauen als Männer beschäftigt, obwohl man seit Jahren versucht, die Männerquote in sogenannten Frauenberufen zu erhöhen. Eine aktuelle Umfrage legt nun allerdings nahe, dass viele Männer scheinbar...
11.1.17
Photo by Joselito Briones via Stocksy

Vor allem soziale Berufe bemühen sich seit Jahren darum, die Männerquote in ihrer Branche zu erhöhen. Dass es so wenig Männer gibt, die als Erzieher oder Krankenpfleger arbeiten wollen, hängt aber scheinbar nicht nur vom niedrigen Gehaltsniveau und der gesellschaftlichen Anerkennung dieser Berufe ab—viele Männer haben schlichtweg keine Lust, „Frauenarbeit" zu machen, wie eine Umfrage der New York Times nahelegt.

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Allerdings werden in männerdominierten Branchen deutlich weniger neue Stellen geschaffen als in weiblich orientierten Berufsfeldern, wie ein aktueller Bericht der amerikanischen Behörde für Arbeitsstatistik zeigt. Beispielsweise konnte die verarbeitende Industrie in den USA im Dezember lediglich einen Zuwachs von 17.000 Stellen verzeichnen, nachdem im Oktober und November bereits Stellen gekürzt worden waren. Im Gegensatz dazu wurden im Bildungswesen sowie im Gesundheitssektor—zwei Wirtschaftszweige, die traditionell als eher weiblich besetzt angesehen werden—im Dezember 2016 rund 70.000 neue Stellen geschaffen. Ähnlich ist die Geschlechterverteilung laut eines Berichts der Bundesagentur für Arbeit auch in Deutschland: Danach lag der Frauenanteil bei Berufen im Gesundheits- und Sozialwesen im Jahr 2015 bei rund 77 Prozent. Im Bereich Erziehung und Unterricht waren es 71 Prozent.

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Die Arbeitslosenquote liegt in den USA bei Männern derzeit bei 4,4 Prozent, bei den Frauen sind es hingegen nur 4,3 Prozent. In Deutschland sieht es ähnlich aus: Hier sind 6,4 Prozent Prozent der Männer und 5,8 Prozent der Frauen arbeitslos. Es würde sich also anbieten, dass sich Männer, die früher als Lokomotivführer oder Elektrogeräteinstallateur gearbeitet haben—zwei Berufe, die laut der amerikanischen Behörde für Arbeitsstatistik zwischen 2014 und 2024 voraussichtlich am meisten abbauen werden—, auf ein Berufsfeld spezialisieren, das auch in Zukunft noch weiter wachsen wird. Das größte Beschäftigungswachstum gab es laut einer Studie des Pew Research Centers, die im Oktober 2016 erschien, in den vergangenen 25 Jahren im amerikanischen Bildungs- und Gesundheitswesen und auch die Bundesagentur für Arbeit hat im April 2016 den größten Zuwachs in Bereich Pflege und Soziales verzeichnet. Warum also ist für so viele Männer der Umstieg in einen vermeintlichen „Frauenberuf" undenkbar?

Einerseits könnte diese Weigerung zusätzlich darin begründet sein, dass die Arbeit in diesen Berufszweigen nach wie vor schlechter bezahlt wird als in Handwerks- oder Industrieberufen. Untersuchungen zeigen allerdings auch, dass Männer in der Regel mehr Geld bekommen und auch schneller befördert werden, wenn sie in einer frauendominierten Branche tätig sind. Dann kommen allerdings die archaischen Rollenbilder ins Spiel, die uns auch beruflich vorschreiben wollen, welche Tätigkeit für das eigene Geschlecht „angemessen" sind und welche eben nicht.

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Ein Schweißer sagte gegenüber der New York Times, dass er nicht mal darüber nachdenken würde ins Gesundheitswesen zu gehen, obwohl er aufgrund des technischen Fortschritts bereits mehrere Jobs in seiner jetzigen Branche verloren hat. „Ich möchte jetzt nicht abwertend klingen, aber Krankenschwestern oder andere Pflegekräfte sind in meiner Vorstellung immer Frauen", sagt Tracy Dawson. „Das sind einfach eher Frauenberufe."

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„Das traditionelle Männlichkeitsbild steht der Anstellung von Männern aus klassischen Arbeiterberufen im Weg. Ich halte das für ein echtes Problem", sagte Andrew Cherlin, Soziologe und Professor für Public Policy an der Johns Hopkins University, gegenüber der New York Times.

Olga Shurchkov ist Wirtschaftsprofessorin am Wellesley College und erklärt, dass uns geschlechtsspezifische Vorstellungen über bestimmte Berufe und Aufgaben bereits in jungen Jahren eingeimpft werden: „Die gesamte verhaltensökonomische Literatur zeigt, dass Frauen eine stärkere Abneigung gegen Wettbewerb haben und weniger risikobereit sind. Außerdem sind sie eindeutig kooperativer als Männer. Damit eine Aufgabe als männlich orientiert angesehen wird, müssen Jungen Mädchen im Wettbewerb hinter sich lassen. Damit eine Aufgabe als weiblich orientiert wahrgenommen wird, müssen Frauen anfangen, mit den Männern zu konkurrieren und mindestens genauso gut sein wie sie."

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Aus diesem Grund sind Männer laut ihr nicht ohne weiteres bereit, weiblich orientierte Jobs anzunehmen. Zum Teil geht es dabei natürlich auch um das Stigma—manchmal liegt es aber auch einfach nur an den Vorlieben, die wir von Natur aus oder aufgrund des gesellschaftlichen Einflusses entwickelt haben.

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Um die männliche Sicht auf weiblich orientierte Berufe zu verändern, müssen wir diese Probleme bereits in jungen Jahren ansprechen, sagt Shurchkov. Sie verweist auf die zahlreichen Kampagnen, mit denen Anfang der 2000er-Jahre europaweit versucht wurde, mehr Männer für Erziehungsberufe zu gewinnen, um das Berufsbild so letztendlich zu verändern.

Ironischerweise, meint Shurchkov weiter, würde das Stigma auch dann verschwinden, wenn sich mehr Männer finden würden, die in weiblich orientierten Berufsfeldern arbeiten würden. „Wenn entsprechend viele Männer in einer bestimmten Branche tätig wären, würde sich das Bild ganz von allein verändern. Doch es geht nicht darum, sie zu etwas zu zwingen. Es wäre sehr naiv zu glauben, dass sich die tiefverwurzelten Ansichten von Menschen so leicht verändern ließen."


Foto: Unsplash | Pexels | CC0