„Ich glaube, dass unsere Generation unterschätzt wird“: Lina Maly im Interview
Foto: Sven Sindt
Musik

„Ich glaube, dass unsere Generation unterschätzt wird“: Lina Maly im Interview

In ihrer ersten Single „Schön genug“ kritisierte die 19-jährige Hamburgerin das ewige Streben nach Perfektion. Wir haben die Sängerin gefragt, wieso ein Aufwachsen mit Instagram-Models und Social-Media-Challenges so schwierig ist.
6.1.17

Gerade mal 18 war Lina Maly, als 2016 ihr Debütalbum Nur zu Besuch erschien. Tatsächlich ist die Hamburgerin mit den überraschend reifen Songtexten aber gekommen, um zu bleiben. Und um endlich mit dem Vorurteil aufzuräumen, dass geistige Reife und komplexe Inhalte zwingend etwas mit dem Alter zu tun haben müssen. Lina sieht sich als Vertreterin einer Generation, der nichts mehr zugetraut wird, nur weil sie Emojis und Hashtags verwendet. Gleichzeitig sieht sie soziale Netzwerke aber eben auch durchaus problematisch—und thematisiert genau das auch in ihren Liedern.

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In „Schön genug" positioniert sie sich klar gegen das Streben nach Perfektion, das der jungen Generation so gerne nachgesagt wird und wäre manchmal gerne „weniger von allem und trotzdem genug". Ein Wunsch, mit dem die mittlerweile 19-Jährige nicht alleins ein dürfte und den ich als Gleichaltriger ebenfalls teilen kann. Grund genug sich mit der Sängerin in Berlin zusammenzusetzen und darüber zu sprechen, was ihr in punkto Musikbranche, Social Media und ihren Gleichaltrigen gehörig gegen den Strich geht—und was es eigentlich mit uns macht, ständig mit vermeintlich perfekten Scheinwelten konfrontiert zu werden.

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Was hat sich seit der Veröffentlichung deines Debütalbums in deinem Leben verändert?
Ich bin zum Beispiel von zu Hause ausgezogen, Hamburg nach Berlin, habe hier neue Leute kennengelernt und alte Freundschaften wieder aufgefrischt, es hat sich also einiges verändert. Was die Musik angeht, schreibe ich inzwischen ganz alleine und arbeite an neuen Texten. Am Anfang wurde ich dabei ja an die Hand genommen, wenn man so will. Man fand meine Stimme toll, es hieß „Hey Lina, komm, wir helfen dir ein bisschen" und ich arbeitete mit allen möglichen Menschen zusammen. Das hatte ich auch alles nie hinterfragt, aber irgendwann dachte ich mir „Das kannst du auch allein". Es ist total befreiend, wenn man keinerlei Instanz hat, die einem über die Schulter guckt. Du bist dein eigener Chef. Ich will damit jetzt auch gar nicht behaupten, ich wäre zuvor von anderen kontrolliert worden oder dass ich mich eingeengt gefühlt hätte, aber ich genieße diese Selbstständigkeit total.

Gab es davor denn den Versuch, den Druck, eine bestimmte Art von Musik zu machen oder dich auf eine bestimmte Art und Weise zu verkaufen?
Druck auf keinen Fall. Man hätte mich vielleicht auch mit 17 schon pushen können, aber ich habe ja von Anfang an gesagt „Leute, ich mache erst mein Abi". Es war dann auch nie wieder Thema, insofern habe ich also was sowas anbelangt keinerlei Probleme. Ich könnte mir aber durchaus vorstellen, mal eine Art Imagewechsel à la Miley Cyrus durchzuziehen. Momentan bin ich überall so dieses liebe Schulmädchen, das trotz ihres jungen Alters mit solch ernstem Tenor singt. Das ist zwar alles ganz nett, aber ich kann mir vorstellen, dass es mir irgendwann auch auf die Nerven geht.

Wenn meine Musik nicht ankommt, die Leute nichts mehr kaufen und niemand mehr zu meinen Auftritten kommt, wird sich auch sonst keiner mehr um mich scheren. Dann war's das eben.

Authentizität scheint ja oft irgendwie unterbewertet. Andererseits glaube ich, dass wir uns in einer Zeit befinden, wo sie immer mehr an Wichtigkeit gewinnt.
Da bin ich ganz deiner Meinung. Kennst du die Geschichte von Bob Dylan? Er hat immer genau das gemacht, was mach nicht von ihm erwartet hat—einfach, weil er Lust darauf hatte. Von politischen Songs, über Rockgitarre bis hin zur Country-Platte. Ich habe jetzt zwar nicht unbedingt diesen Drang, ganz gezielt gegen irgendwelche „Regeln" zu verstoßen, aber man muss sich einfach weiterentwickeln, oder besser gesagt diese Weiterentwicklung zulassen, sonst geht man irgendwann ein. Immer nur das Gleiche zu machen ist doch auch ätzend, oder? Alle verändern sich doch irgendwie. Ich kenne auch offen gestanden keine Künstler, die nicht irgendwie mit der Zeit gehen.

Klar, die Frage ist nur: Machen sie es, weil sie persönlich reifen, oder weil sie mit irgendeinem Trend mitschwimmen wollen? Immerhin sind das zwei grundverschiedene Motive.
Sicherlich, aber ich denke das ist mehr Amerika. Sowas kennen wir ja hier gar nicht. Bei mir stellt sich niemand vor mein Haus und fotografiert mich durchs Fenster. Man meint, alles über Ariana Grande zu wissen, aber über Tim Bendzko weiß man so gut wie nichts. Weißt du, was ich meine? Trends hinterherlaufen, dieses zwanghafte sich anpassen ist—soweit ich es mitbekommen habe—im deutschen Musikgeschäft nicht so krass wie anderswo. Gut, vielleicht bin ich auch einfach noch zu naiv oder habe das am eigene Leib nicht erfahren müssen. Mir wurde aber immerhin schon zu verstehen gegeben: Wenn meine Musik nicht ankommt, die Leute nichts mehr kaufen und niemand mehr zu meinen Auftritten kommt, wird sich auch sonst keiner mehr um mich scheren. Dann war's das eben. Noch sehe ich das aber alles noch recht entspannt und weiß auch genau, was ich will und was nicht.

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Mir persönlich fällt das auch schon deswegen leicht, weil ich von übermäßiger Selbstinszenierung nichts halte. Auch dieses ganze Spektakel, dieses Aufgeplusterte bei irgendwelchen Preisverleihungen oder Ähnlichem sagt mir nicht zu. Ich kenne mich und ich weiß auch, was meine Fehler, meine Makel sind. Deswegen fällt es mir beispielsweise auch immer besonders schwer, jemandem zu sagen, warum er meine Platte kaufen sollte. Menschen vergessen oft, dass du auch nur Mensch bist. Man kann schnell eher als Produkt gehandelt werden, statt als Lebewesen. Das war mir zwar von vornherein irgendwie klar, gerade in diesem Business. Aber das möchte ich mir beibehalten: die Dinge zu durchschauen und nicht bei allem mitzuspielen.

Foto: Nicole Zaddach

In deinem Song „Schön genug" hast du dieses Thema ja auch angesprochen.
Richtig. Ich habe durch meinen „Job" wirklich gelernt, dass Menschen nur Menschen sind. Egal wie viel Geld oder Erfolg sie haben, oder was sie möglicherweise nach außen suggerieren: Wir sind alle irgendwie gleich. Ich habe wirklich die Menschlichkeit innerhalb dieser Branche kennenlernen können, die viele gar nicht sehen oder deren Existenz so viele abstreiten. Oft werden Künstler für Heilige gehalten, verehrt und vergöttert, urplötzlich dann aber wieder verteufelt und in den Dreck gezogen. Sie werden „verunmenschlicht" und das stört mich. Ich finde es einfach so schade und es nervt mich auch ehrlich gesagt, dass Menschen sowas einfach annehmen. Vor allem Erwachsene sind sich hier ihre Rolle hier nicht so bewusst. Sie wissen glaube ich nicht, was sie für einen Einfluss auf Jugendliche und Kinder ausüben.

Es gibt zwei junge Frauen, die über diese App musical.ly Videos veröffentlichen und sich dabei von zwei Millionen Viewern anhimmeln lassen, die ihnen dieses Schauspiel abnehmen. Die sind der Meinung, dass ihr Leben perfekt und total erstrebenswert wäre. Auch dieses ganze Snapchat-Ding … Ich kann damit einfach nichts anfangen. Klar, ich benutze auch Social Media, Instagram & Co., aber ich lege nicht 1000 Filter über jedes Bild oder versuche, mich und mein Leben spannender darzustellen, als es ist. [lacht]

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Viele in unserem Alter sehen das ja alles ganz anders. Ich kenne selbst Leute, die sich am Leben irgendwelcher Instagram-Persönlichkeiten orientieren und sich deren „Lifestyle" zum Vorbild nehmen.
Das hat meiner Auffassung nach ganz viel mit Selbstbewusstsein zu tun. Bist du mit dir selber nicht im Reinen, erhältst aber parallel dazu positives Feedback von anderen, kann das zu einer Art Sucht werden. Die Sucht nach Bestätigung, könnte man sagen. Solche Leute tun mir leid. Deswegen fühle ich mich nicht wie etwas Besseres oder so, aber ich brauche das nicht. Das soll nicht heißen, dass jeder Blogger oder YouTuber irgendwelche Selbstkomplexe hat oder mir unsympathisch ist, aber dieses Konzept, darauf hinzuarbeiten genau wie jemand anderes zu sein, finde ich total falsch.

Ich glaube, dass unsere ganze Generation unterschätzt wird. Vielleicht kümmern wir uns deshalb lieber um ein ‚perfektes' Image als um echte Probleme.

Wenn man es auf die Musikebene überträgt: Milky Chance war der totale Hammer. Sie haben etwas ganz Neues, einen ganz eigenen Sound kreiert und wurden auf der ganzen Welt dafür gefeiert. Und plötzlich machen es alle nach, bis niemand mehr Bock drauf hat. Das ist doch blöd. Man sollte doch immer sein eigenes Ding machen. Es scheint natürlich irgendwo der sicherere Weg zu sein, sich schlicht an anderen zu orientieren und ihnen nachzueifern, aber für mich ist das einfach nichts. Das liegt auch einfach daran, dass der Mensch ein Mängelwesen ist. Man sieht immer nur das, was einem fehlt. Wir eifern irgendwelchen vermeintlichen Idealen nach, statt das wir uns auf wirklich Wichtiges konzentrieren, Momente einfach genießen. Wir haben es uns vielleicht auch einfach zu bequem gemacht.

Was glaubst du, woran das liegt?
Gute Frage. Wenn es zum Beispiel heißt, dass ich so jung bin und so ernste Texte schreibe, denke ich mir: Hallo? Ich bin doch nicht 12. Ich glaube, dass unsere ganze Generation einfach krass unterschätzt wird. Vielleicht sind wir deswegen auch so „ruhig" und kümmern uns lieber um ein „perfektes" Image als um echte Probleme. Bei dieser Ice-Bucket—Challenge war das ganze verschüttete Wasser wahrscheinlich mehr wert, als die Spende, die tatsächlich zusammenkam. Ich unterstelle mal, dass es für viele mehr eine Sache der Profilierung als alles andere war.

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Aber das ist ja nichts Neues: Zu behaupten man hätte dieses Motiv, aber eigentlich hat man ein anderes.
Ja, leider. Man nimmt an etwas teil, aber nicht der Sache wegen, sondern um irgendwie aufzufallen. Was soll sowas? Generationen vor uns waren da glaube ich ganz anders. Ihnen wurde nicht permanent—oder zumindest nicht auf die gleiche Art und Weise,—eingeflößt, was perfekt ist und was nicht. Nicht, dass sie es unbedingt einfacher hatten, aber ich glaube, man konnte dadurch, dass man nicht ständig mit diesen Scheinwelten in den sozialen Medien in Kontakt kam, einfacher mit sich selbst ins Reine kommen.

Guter Punkt. Andererseits haben die Netzwerke ja auch etwas Positives und bieten Platz für alternative Schönheitsideale—zum Beispiel die Body-Positive-Bewegung.
Natürlich begrüße ich das. Ich möchte auch nicht behaupten, dass alles schlecht ist. Aber gleichzeitig durchschaue ich das Ganze zu gut, um es wirklich feiern zu können, verstehst du? Es gibt Sängerinnen wie Beth Ditto oder Adele. Beide sind „Plus-Size". Dass man das erwähnen muss, dass diese beiden wunderschönen Frauen so und so viel „Volumen" haben, das zeigt doch schon, dass da etwas verkehrt ist. Warum muss man denn überhaupt noch darüber reden oder sogar dafür kämpfen, damit das akzeptiert wird?


Titelfoto: Sven Sindt