Feminisme

"Forever alone" und glücklich: Warum junge Menschen das Daten aufgeben

Moderne Dating-Apps fordern viel Ausdauer und führen meist doch nur zu jeder Menge Frust. Immer mehr junge Menschen geben die Suche nach einer festen Beziehung deshalb sogar komplett auf und konzentrieren sich stattdessen lieber mehr auf sich selbst.
27 Januar 2017, 8:05am
Photo by Ivo de Bruijn, courtesy of Stocksy

Wie viele junge, schwule Männer hat auch der 24-jährige Paul Barry Tinte Grindr und jede Menge anderer Apps genutzt, um Männer kennenzulernen. Vor einigen Monaten hat er sein Dating-Leben dann an den Haken gehängt. "Ich kann mich nicht mein ganzes Leben lang zu 'Netflix and chill' verabreden – aber wie kann man von diesen Leuten erwarten, dass sie sich auf eine feste Beziehung einlassen? Vor allem, wenn die Wahrscheinlichkeit ziemlich groß ist, dass sie schon mal was mit jemandem hatten, den man kennt?"

Das bedeutet nicht, dass Barry abstinent lebt. E hat es allerdings sowohl auf den herkömmlichen Wegen als auch über digitale Kanäle aufgegeben, nach romantischen Partnern zu suchen. Er nutzt die Gelegenheit auf Sex, wenn er dem passenden Mann begegnet. In der Zwischenzeit ist er allein sehr viel glücklicher. "Ich habe mich einfach sehr viel besser gefühlt. Ich verdiene mehr Geld und bin unglaublich produktiv geworden, seitdem ich aufgehört habe zu daten, Dating-Apps zu nutzen und ständig über Dating nachzudenken", sagt er.

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Barry hat den gleichen Schritt gemacht wie viele andere junge Menschen, die bewusst auf romantische Beziehungen verzichten und sich damit dem Vorurteil widersetzen, die jungen Menschen von Heute wären nichts weiter als sexverrückte Monster, die durch die Öffentlichkeit stolpern und bei Apps wie Tinder Menschen nach rechts oder links wischen als wäre alles nicht mehr als ein Spiel. Obwohl die New York Times das Sexleben der Generation Y in ein ganz eigenes journalistisches Genre verwandelt hat, beschließen immer mehr junge Menschen des digitalen Zeitalters, Single zu bleiben und finden darin das große Glück.

Die Musikagentin Briana Cheng hat aufgehört, sich mit Männern zu verabreden, nachdem Dating in ihrer Wahlheimat New York allgegenwärtig wurde. "[Die Stadt] ist so groß und es gibt so viele Menschen, die nach etwas oder jemanden suchen", erklärt sie. "Es ist schlichtweg einfacher, sich auf sich selbst zu konzentrieren." Sie macht eine kurze Pause. "Wow", lacht sie. "Ich höre mich schon an wie die Bibel."

Die meisten jungen Menschen haben allerdings beschlossen, Single zu bleiben, weil sie negative Erfahrungen gemacht haben. "Dating wäre sehr viel interessanter für mich, wenn es einen TÜV für diese ganzen Männer gäbe. Einen Schlampen-TÜV sozusagen", erklärt Barry.

Die Autorin Sophie Saint Thomas wünscht sich wahrscheinlich auch, dass sie einen Schlampen-TÜV hätte. Während dem Studium hat sie beschlossen, sich nicht zu binden, weil sie ihr damaliger Freund betrogen und riskiert hat, sie mit einer Geschlechtskrankheit anzustecken. (Sie wurde aber negativ getestet und verließ ihn.) In den folgenden zwei Jahren bewegte sie sich ziellos umher und hatte mit verschiedenen Männern Sex – aber sie ging mit keinem von ihnen aus. "Ich hatte nach wie vor Sex, war mir aber auch sehr bewusst darüber, dass ich eine Pause von der Suche nach einer Beziehung brauchte", erinnert sie sich. "Es ging nicht darum, dass ich Beziehungen verabscheute oder mich durch meine negative Erfahrung abgeschreckt gefühlt habe – aber es war einfach eine gute Zeit, in der ich mich selbst weiterentwickelt habe."

Foto: Miguel Constantin Montes | Pexels | CC0

Während dieser Zeit erforschte Thomas zum ersten Mal ihre Bisexualität und verschiedene Fetische. "Ich habe so viel über meine eigene Sexualität gelernt – was ich mochte und was nicht. Ich weiß nicht, ob es genauso gewesen wäre, wenn ich ständig auf der Suche nach einer festen Beziehung gewesen wäre."

Viele alleinstehende junge Menschen ziehen eine klare Linie zwischen Sex und Dating. "Das hat in meinen Augen nichts miteinander zu tun", erklärt die 25-jährige Masterstudentin Jolene.* "Ich trenne Verabredungen und Geilheit ganz grundsätzlich voneinander. Eine Verabredung sollte nicht die Nahtstelle zwischen meinen sexuellen Bedürfnissen sein. Ich würde nicht mit jemanden ausgehen, nur weil ich geil bin."

Cheng sagt, dass ihre Dating-Abstinenz ihr Sexleben verbessert hat: "Wenn man sich ganz bewusst trifft, um Sex zu haben, wenn man Sex haben möchte, dann sind die Erwartungen geringer, was auch dazu führt, dass man sich weniger Gedanken um den anderen machen muss. Wenn man Gefühle für jemandem hat, dann kann einen das im wahrsten Sinne des Wortes verrückt werden lassen."

Andere hingegen haben es aufgegeben, sich zu verabreden, weil sie eine traumatische Erfahrung gemacht haben. "Ich wurde im selben Monat verlassen, indem ich die Diagnose Krebs bekommen habe. Das hat mich vom Dating abgeschreckt", erzählt Teela Wyman, 24, aus New York. Sie sagt, dass sie durch die Zeit während der Behandlung im Krankenhaus dazu gezwungen wurde, sich mit dem Alleinsein zu arrangieren. "Ich mag den Menschen, zu dem ich geworden bin, wirklich sehr. Es wäre mittlerweile schwer, jemanden zu treffen, der mich glücklicher machen kann, als ich es sowieso schon bin. Dating scheint mir ziemlich zeitaufwändig dafür, dass man keine Garantie hat, dass das Ganze auch zu einem entsprechenden Ergebnis führt."

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Yasmine, eine weiteres Mitglied der Generation Y, hat aufgrund ihrer psychischen Erkrankung aufgegeben, sich mit anderen zu verabreden. "Ich bin Borderlinerin und leider unter einer bipolaren Störung. Das macht es ziemlich schwierig, eine Beziehung zu führen. Ich versuche es schon gar nicht mehr. Manchmal habe ich Sex mit Männern (selten), aber Dating ist für mich vom Tisch."

Kuba, 24, aus Philadelphia hat aufgehört nach einer festen Freundin zu suchen, weil er es nicht schaffte, seine "Traumbeziehung" zu finden. Die Jahre als Single machten ihn depressiv, aber er glaubt auch, dass ihn die Einsamkeit auf lange Sicht glücklicher gemacht hat "Ich musste erst mein eigenes inneres Drama entwirren, bevor ich mich auf einen anderen Menschen einlassen konnte", sagt Kuba. "Ich habe heute, Jahre später, definitiv mehr Spaß am Daten. Doch so sehr ich auch das Gefühl habe, dass ich in all den Jahren etwas verpasst haben könnte, habe ich doch auch das Gefühl, dass es die richtige Entscheidung war."

Natürlich besitzt die Generation Y nicht das Monopol auf die Entscheidung, allein zu leben. Die 39-jährige konservative Abgeordnete und Romanautorin Lisa de Pasquale schrieb ein Buch über Dating, hat männliche Avancen aber über vier Jahre lang ignoriert. "Ich flirte gerne und habe viele männliche Freunde, aber ich war seit mindestens vier Jahren auf keinem ersten Date mehr", erinnert sie sich. "Das letzte erste Date war ein Blind Date – im wahrsten Sinne des Wortes: Er war blind!"

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De Pasqual hat früher davon geträumt, eines Tages Enkel zu haben. Heute wünscht sie sich ab und an, sie hätte einen Partner, aber Beziehungen haben nicht mehr die oberste Priorität bei ihr. "Ich habe mir ein gutes Leben aufgebaut und genieße meine Zeit allein", sagt sie. Online-Dating hat sie nach eigener Aussage noch nie ausprobiert.

Während sich viele Menschen einst Sorgen darüber gemacht haben, als alte Jungfer oder allein zu sterben und nur ab und an anonyme Sexdates zu haben, scheinen viele junge Menschen Trost in ihrem privaten Umfeld zu finden. Vielleicht finden sie zufällig einen Partner, vielleicht verbringen sie ihre Tage aber auch glücklich und zufrieden in ihrem eigenen Haus. In jedem Fall sind sie glücklicher, wenn sie nicht ständig auf der Suche nach Sex durch ihr Iphone scrollen. Wie Barry sagt: "Ich liebe mich selbst und meine perfekte Wohnung sehr viel mehr, als die Vorstellung, mit jemandem gesehen zu werden oder irgendeinen Arsch bei mir zu Hause sitzen zu haben."


*Namen wurden geändert.