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Fleisch

Die ethische Fleischesserin: Auf Hummerfang mit Louise Gray

Gray hat ein Jahr lang nur Fleisch gegessen, das sie selbst getötet hat. In ihrem Buch 'The Ethical Carnivore' hält sie die Erfahrung fest.

von Ava Szajna-Hopgood
06 Oktober 2017, 2:21pm

"Schnell, bevor die Schranke runtergeht!"

Louise Gray rennt zum Auto zurück, ihre Tante sitzt am Steuer und ruft ungeduldig. Wir fahren schnell unter der Mautschranke durch und zum Strand von Seacliff beim schottischen Küstendorf North Berwick. Wir folgen einer unbefestigten Straße, bis sie sich durch einen Wald gabelt. Gray und ich klettern mit Thermoskannen, Jacken und Kameraausrüstung aus dem Auto und ihre Tante fährt davon.

Der Strand von Seacliff, bei North Berwick unweit von Edinburgh

Wir durchqueren das Waldstück und erreichen den Strand. Dunkler Sand säumt die Küste. Ein weißer Pick-up-Truck steht auf einem flachen Felsen. Wir sind ein wenig spät dran, und Gray legt ein Tempo vor, dem ich in Gummistiefeln auf Sand unmöglich folgen kann.

Gray ist eine ehemalige Journalistin. Nach vier Jahren als Umweltkorrespondentin für den Daily Telegraph zog sie von London nach Edinburgh. Die Herkunft seines Fleischs kennen – diese reichlich abgenutzte Phrase wollte sie tatsächlich leben. So entstand ihr Plan, ein Jahr lang nur Tiere zu essen, die sie selbst getötet hat. Ihr Buch The Ethical Carnivore dokumentiert die 18 Monate, die sie sich intensiv mit dem ethischen Fleischkonsum auseinandergesetzt hat.

"Es gibt keine Rechtfertigung, keinen einfachen Ausweg", sagt sie mir. "Man kann sich nicht rausreden, indem man sagt, man hat es selbst getötet oder auf ethische Weise gemacht. Wenn Menschen es grundsätzlich falsch finden, einem Tier das Leben zu nehmen – dagegen würde ich niemals argumentieren. Ich akzeptiere, dass sie das so sehen, sonst könnte ich mein Buch gar nicht schreiben. Mein Buch ist keine philosophische Abhandlung, sondern zeigt nur meinen persönlichen Weg. Die Leute können sich ihr eigenes Urteil bilden."

In The Ethical Carnivore gibt es verstörende Szenen aus der Massentierhaltung, wie man es von einem Buch über die Ethik des Fleischkonsums erwartet. Aber Gray lässt sich zu keinem eindeutigen Urteil verleiten, sondern bemüht sich darum, den Dialog am Laufen zu halten.

Louise Gray, Autorin von The Ethical Carnivore

Also schließe ich mich Gray an, um die ethische Fleischesserin einen Tag lang zu begleiten. Wir haben vor, unseren eigenen Hummer zu fangen.

Im kleinen Hafen von Seacliff empfangen uns Grays Cousin und seine Fischer-Crew. Wir klettern ins Boot und der Hummerfischer Sam Lowe fährt uns hinaus in den Nordsee-Meeresarm Firth of Forth.

Grays Cousin und der Hummerfischer Sam Lowe sammeln die Beute ein

Das Boot ist mit Gummimatten ausgelegt und zu klein, um sich aus dem Geschehen rauszuhalten. Wir stehen inmitten von Eimern mit Fischköpfen, Funkausrüstung, Sandwiches und Thermoskannen mit grünem Tee, und Lowe zieht Ladungen zappelnder Fische und Krabben aus dem Wasser.

Gray misst die Hummer, um zu sehen, ob sie zum Behalten groß genug sind. Wer sich hier vertut, kann mit 1.000 Pfund Bußgeld rechnen. Meine Hände zittern, als ich eine kleine Schere ausstrecke, um sie mit einem Band zu sichern. Als die Hummer gesichert sind, legen wir sie in einen Eimer hinten im Boot und fahren das Boot zur nächsten Fangstelle.

Messen des Hummers

Zurück an Land im Hafen von North Berwick geht es weiter zum Lobster Shack. Das winzige Restaurant-Hüttchen serviert in den Sommermonaten Touristen frisch gefangene Langusten, Muscheln und Makrelen. Der Inhaber Stirling Stewart hilft uns, unser Mittagessen zu verarbeiten.

Der auserwählte Hummer kommt auf ein Schneidebrett. Wir gehen zu den Bänken vor dem Lobster Shack, damit Gray das Meerestier töten kann. Stewart bringt ein riesiges scharfes Messer heraus, und Grays Körperhaltung verändert sich ein wenig. Bisher ist sie heute ein bisschen fahrig, wird schnell mal hektisch und verlegt ihre Autoschlüssel. Jetzt wird sie still und ruhig, steht ein wenig gerader. Sie stellt sich vor den Tisch, die Beine schulterbreit auseinander.

Gray hält den Fang des Tages

Ich höre, wie der Hummer knackt, als Gray ihn in der Mitte durchschneidet. Die Utensilien auf der hölzernen Bank klirren, schließlich seufzt Gray erleichtert und das Tier hört auf, sich zu bewegen.

Gray und Steward wischen die Eingeweide weg, ziehen dem Hummer die Scheren ab und legen das Fleisch auf den Grill. Es zischt und knackt beim Grillen, der Hummer verfärbt sich von Mitternachtsblau zu einem Pfirsichton, schließlich wird er rosenrot. Gray erklärt mir, dass die Scheren sich bewegen, weil das Fleisch sich in der Hitze zusammenzieht.

Der Hummer wird getötet und in der Mitte durchgeschnitten, bevor er auf den Grill kommt

Ich habe noch nie Hummer gegessen, und es schmeckt genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte: üppig, süß und so zart, dass es auf der Zunge zergeht. Ein Geschmackserlebnis, das sich schwer ohne Klischees beschreiben lässt.

"Ich denke, vor allem unsere Generation muss wieder eine Verbindung zur Nahrung herstellen. Das geht nicht durch einen Bildschirm", sagt Gray zwischen Hummerbissen. "Fleischessen – und überhaupt Essen – ist ein Weg, wie man diese Verbindung wiederherstellen kann, und selbst erlegtes Fleisch zu essen, ist da die ultimative Erfahrung. Ich finde nicht, dass man nur essen sollte, was man selbst getötet hat. Es gibt einfach viele Leute, die sehr empfindlich sind und die das nicht könnten. Mich hat das auch viel Zeit und Arbeit gekostet. Deshalb hab ich auch das Buch geschrieben – damit ihr das nicht alles machen müsst."

Der Hummer in Knoblauchbutter

Nur einen Katzensprung vom Lobster Shack entfernt treffen wir uns mit Maggie Sheddan. Sie wird uns die Hummer-Zuchtstation des Hafens zeigen. Die Zuchtstation befindet sich in Frachtcontainern und entlässt jedes Jahr Tausende heranwachsende Hummer in den Firth of Forth.

In der Wildnis legt ein weiblicher Hummer 8.000 bis 10.000 Eier, von denen jedes eine Überlebenschance von 0,01 Prozent hat, wie Sheddan uns erklärt.

Die Hummer-Zuchtstation von North Berwick

"Wenn die Zuchtstation Eier aufzieht, sind wir sehr zufrieden, wenn 100 von 1.000 es schaffen", sagt sie. "Sie sind 12 bis 18 Tage lang hier und haben hier eine viel größere Überlebenschance als im offenen Meer."

Die Zuchtstation ist voll mit riesigen weißen Behältern, in denen winzige Hummer schwimmen. Sie werden nach Altersgruppen aufgeteilt und landen letztendlich in einem Hummer-Hochhaus am Ende des Frachtcontainers in ihren eigenen "Wohnungen", wie Sheddan dazu sagt. Dort bleiben sie, bis sie alt genug für die Freiheit sind.

"Die Zuchtstation unterliegt keinen EU-Regelungen", sagt Gray. "Sie wird einfach von örtlichen Fischern betrieben, die ihre Fangquote schützen wollen."

"Wir sagen auch nicht, dass niemand Hummer essen soll", fügt Sheddan hinzu. "Sie schaffen Arbeitsplätze für uns, wir können damit auch Bildung über Hummer anbieten und die Menschen auf sie aufmerksam machen."

Am nächsten Tag besuche ich Gray zu Hause in Edinburgh. So kurz vor der Veröffentlichung ihres Buchs steckt sie tief im Pressetrubel. Sie zeigt mir den Gefrierschrank, den sie kaufen musste, um das viele Fleisch aufzubewahren, das im Zuge ihrer Bucharbeit bei ihr landete. Einiges davon habe sie auch an Freunde und Familie verteilt.

Hat sich Grays Alltag abgesehen von dem Gefrierschrank und den großen Watstiefeln, die sie kaufen musste, durch das eigenhändige Schlachten geändert?

"Ich sehe Fleisch jetzt anders", sagt sie. "Zu verstehen, wo mein Essen herkommt, hat sich zu einer unglaublichen Reise entwickelt. Manchmal wünsche ich mir, ich hätte erst gar nicht damit angefangen. Es ist viel einfacher, schön unwissend und glücklich zu bleiben. Aber Leuten Dinge zu erklären, ist eine Leidenschaft von mir. Ich helfe ihnen gern dabei, die Welt zu verstehen. Und darin bin ich jetzt besser."

Ich frage Gray, wie Stadtbewohner wohl auf The Ethical Carnivore reagieren werden und was Menschen ohne Zugang zu Wild und Hummer-Zuchtstationen tun können, um ethische Fleischkonsumenten zu werden.

"Bauern und Wildhüter sind oft nicht so gut darin, über ihre Arbeit zu sprechen", räumt Gray ein. "Aber ich denke, das wandelt sich. Ich würden allen empfehlen, selbst zu kochen oder Fleisch zu finden, wo man eine Verbindung aufbauen kann – durch einen guten Metzger, ein Lebensmittel-Abo oder auf einem Markt.

Es wird wohl immer Menschen geben, die Fleisch essen wollen. Genau deswegen ist es auch so wichtig, dass die Tiere, aus denen das Fleisch wird, auf verantwortungsbewusste Art gezüchtet und geschlachtet werden.

Auf meiner Heimreise nach London komme ich durch den malerischen Lake District. Die Wolken sind hier keine graue Decke mehr, sondern lassen helle Sonnenflecken zur Erde durchdringen. Ich habe nur einen Tag lang so gelebt wie Gray, und trotzdem merke ich, dass ich die Landschaft bereits mit anderen Augen sehe.

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