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utopie

Superreiche Idealisten wollen eine Waterworld-Stadt bauen

Pack deine Sachen, wir ziehen um. Oder lieber doch nicht?

Alex Lubben

Screenshot via Seasteading.org

Eine schwimmende High-Tech-Stadt klingt wie etwas aus einer Science-Fiction-Story, aber tatsächlich stammt die Idee eher aus dem Silicon Valley. Und möglicherweise ist sie auch gar nicht so weit von der Umsetzung entfernt.

Hinter dem Plan steckt das Seasteading Institute, ein Thinktank aus Weltverbesserern und Unternehmern, die in Meeres-Communitys einen wichtigen Schritt nach vorn sehen. Die Bewohner dieser ozeanischen Siedlungen wären damit nicht nur vor dem steigenden Meeresspiegel sicher, sondern auch vor wenig innovativen Regierungen – laut Joe Quirk, dem Präsidenten des Seasteading Institute, zwei der größten Probleme der Menschheit.

"Seasteading löst beide Probleme", sagt Quirk gegenüber VICE News. "Meiner Meinung nach viel besser, als zum Mars zu fliegen."

Das Seasteading Institute ist dieses Jahr mit Französisch-Polynesien übereingekommen: Die Nonprofit-Organisation soll einen "Seastead"-Prototypen in einer geschützten Lagune bauen und somit hoffentlich beweisen, dass die Idee funktionieren kann. Aktuell rechnen die Verantwortlichen damit, ihren Prototypen inklusive Unterwasser-Restaurant 2020 in Betrieb zu nehmen.

Bei dem Projekt geht es allerdings um viel mehr als nur ein besonders schickes Restaurant. Es geht um eine Utopie.

Inspiriert wurde Seasteading zum Teil durch das Wüstenfestival Burning Man. Dort begegnete Quirk dem Seasteading-Pionier und Enkel des Wirtschaftswissenschaftlers Milton Friedman, Patri Friedman. Die beiden schrieben eine Art Manifest für ihre Website. Als "aquapreneurs", also "Wasserunternehmer", beschreiben sie, wie Seasteads acht große Probleme lösen werden. Aus dem Buch der beiden wurde auch ein Amazon-Beststeller in der Kategorie "marine engineering".

Die Grundannahme hinter dem gesamten Projekt ist, dass die Meeresspiegel aufgrund vom Klimawandel steigen werden und wir deswegen irgendwann nur noch im Ozean leben können. Quirk und Friedman sind überzeugt, dass schwimmende Städte Folgendes können:

  • "Die Armen bereichern", denn kleine Inselstaaten seien meist wohlhabender und selbstbestimmter, sobald sie unabhängig werden
  • "Die Kranken heilen", weil die medizinische Forschung in der schwimmenden Stadt nicht länger von Bürokratie eingeschränkt werde
  • "Die Hungernden speisen" – man müsse nur die Algen ernten, die überall blühen und CO2 absorbieren werden, wenn das Klima wärmer wird
  • "Die Atmosphäre reinigen", indem man CO2-umwandelnde Algen züchtet, die eine neue, mit Sonnenkraft betriebene Energiequelle in der neuen "blauen Wirtschaft" darstellen
  • "Menschen im Gleichgewicht mit der Natur leben lassen", dank mit Wasserkraft betriebenen Städten, deren Technologie von Pflanzen inspiriert ist
  • "Die Welt mit Strom versorgen", durch Meereswärmekraftwerke, eine relativ unbekannte Art der Energiegewinnung, die sich die unterschiedlichen Wassertemperaturen des Meeresgrunds und der Meeresoberfläche zunutze macht
  • "Aufhören zu kämpfen" – indem Menschen sich aus vielen Seasteads mit verschiedenen Systemen das passende aussuchen können, seien sie befreit vom "Regierungsmonopol"

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    Die achte große Problemlösung nennen die Visionäre "The Velella Mariculture Research Project"; dabei handelt es sich um ein schwimmendes Gehege, in dem nachhaltige Fischzucht möglich ist. Damit werde man hoffentlich "neun Milliarden Menschen mit köstlichem Sashimi versorgen", und das ohne CO2-Fußabdruck.

    Superreiche feiern die Idee schon jetzt. Peter Thiel war einer der Geldgeber; er gab Friedman 1,7 Millionen Dollar Startkapital, damit der das Seasteading Institute gründen konnte. Thiel ist laut Business Insider 2011 aus dem Vorstand zurückgetreten, laut Quirk ist er aktuell nicht an der Insel in Französisch-Polynesien beteiligt. Es sitzen aber weiterhin zwei Mitarbeiter der Thiel Foundation im Vorstand des Seasteading Institute.

    Die Seasteader wollen "nicht nur die Politik dezentralisieren, sondern auch die Finanzen", so Quirk.

    "Wenn Gesellschaftssysteme schwimmen könnten, dann könnte man sie auseinandernehmen und an neue Orte bringen, und dadurch würde die Regierungsführung variieren", sagt Quirk. "Damit könnte Regierung als Technologie sich so schnell weiterentwickeln wie Handys."

    "Ich stelle mir Seasteads ein wenig wie schwimmende iPhones vor. Du kannst deine Regierungs-App mitbringen und wählen, wie die Gesellschaft aufgebaut wird."

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