Was ihr als Paar tun könnt, wenn ihr zu wenig Sex habt

Vielleicht nicht nach drei Monaten, vielleicht nicht nach drei Jahren – aber irgendwann wird es auch euch passieren.

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13 November 2017, 5:01am

Foto: Grey Hutton

In Beziehungen, die länger als sechs Monate dauern, läuft es meist so: Anfangs ist der Sex toll, aber irgendwann schlaft ihr kaum noch miteinander. Wenn das mehr von deinem Partner oder deiner Partnerin ausgeht, bist du sicher anfangs verständnisvoll. Die Arbeit stresst, er oder sie ist abends müde. Aber irgendwann zieht es dich trotzdem runter, vielleicht bist du sogar sauer. Und dann streitet ihr euch – nicht unbedingt über Sex, sondern über alles Mögliche. Schließlich schläfst du allein auf der Couch und versuchst zu verstehen, was vor sich geht.

Aber was geht denn genau vor sich? Manche sind der Meinung, dass es ohne Sex an Glückshormonen fehlt und man sich deswegen in die Haare kriegt. Das mag ein Stück weit stimmen, doch selbst wenn, ist das noch nicht die ganze Erklärung. Schließlich kann man auch selbst Hand anlegen und an seinen Dopamin-Kick kommen. Aber egal wie viele Endorphine du dir selbst erzeugst, das ist eben kein Ersatz für körperliche Nähe zu dem Menschen, den du liebst.

"Für viele Paare ist Sex nicht nur eine Möglichkeit, körperlich intim zu sein, sondern auch emotional", sagt Amanda Gesselman, Sozialpsychologin und Forscherin am Kinsey Institute. "Es gibt sicherlich einen gewissen Zusammenhang zwischen Zufriedenheit mit unserem Sexleben und Zufriedenheit mit der gesamten Beziehung." Schwindendes sexuelles Interesse könne an Problemen wie Stress oder Depressionen liegen, doch Gesselman sagt auch, dass weniger Sex im Laufe einer Langzeitbeziehung normal ist. "Aber das interpretieren wir dann vielleicht als ein Zeichen, dass etwas nicht stimmt."


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Was als kleine Sorge beginnt, kann sich in unseren Gedanken schnell zu einem Riesenproblem aufblähen. "Vielleicht denkt man, der Partner oder die Partnerin findet einen nicht mehr attraktiv, hat keinen Spaß mehr am Sex, oder gar an der Beziehung – obwohl nichts davon stimmen muss", sagt Gesselman.

Um Sex zu bitten macht uns verletzlich, selbst wenn wir seit Jahren mit der Person zusammen sind. Wenn uns jemand zurückweist, kann das Unsicherheiten und Komplexe hervorrufen, mit denen wir bereits in der Vergangenheit zu kämpfen hatten. Und dann wird man gereizt oder zieht sich vor der anderen Person zurück. Für diese Gefühle können wir auch bewusst erst einmal nicht so viel. Dass Zurückweisung so etwas auslöst, hat seine Wurzeln in der Kindheit, als wir mit unseren Eltern die allerersten Bindungen eingegangen sind.

"Es ist bekannt, dass Menschen verschiedene Bindungstypen entwickeln, und danach richtet sich auch ihre Herangehensweise mit Partnern", sagt Gesselman. "Es gibt Menschen, die eine ängstlichere Bindung zum Partner haben und mehr Bestätigung brauchen. Manchen Studien zufolge sehen solche Menschen Sex eher als eine Art Anzeiger für die Stabilität der Beziehung." Für diese Personen könne es sehr belastend sein, wenn der Partner kein Interesse zeigt.

Bei Sex geht es nicht nur um Sex

Vanessa Marin ist Sex-Therapeutin in Los Angeles und hat häufig Patienten und Patientinnen mit diesem Problem. Auch sie betont, dass weniger Sex in einer Langzeitbeziehung normal sei. Aber oft seien Menschen überrascht, wie emotional sie werden, wenn es keinen Sex mehr gibt.
"Viele scheinen zu denken, bei Sex ginge es nur um Sex", sagt Marin. "Aber es geht dabei um vieles mehr. Dein Partner möchte vermutlich nicht einfach nur einen Orgasmus haben, sondern damit auch bestätigen, dass ihr einander wichtiger seid, als all die anderen Dinge, mit denen ihr euch beschäftigen könntet." Wenn ein Partner lieber Arbeitsmails schreiben oder zusammen Netflix schauen will, könne man das als Zurückweisung auffassen.

Aber da hört das Problem noch nicht auf: Wenn einer negative Gefühle mit sich herumschleppt, ohne darüber zu sprechen, merkt der andere ja, dass etwas nicht stimmt. Laut Marin kann daraus ein Teufelskreis entstehen, denn diese ungelöste Spannung schadet wieder der Intimität. Natürlich ist es auch nicht gerade einfach, das Thema anzusprechen. "Wir sind nicht geübt im Umgang mit Zurückweisung. Wir wissen nicht, wie man mit diesem Gefühl klarkommt", sagt Marin. "Also stauen wir das alles auf, und es ruft immer wieder frühere Zurückweisungen wach. Plötzlich ist man wieder in der 5. Klasse und wird beim Völkerball als letzter ins Team gewählt."

Was kannst du also tun, wenn du keinen Sex hast und dir das zusetzt? Kommunizieren. Auch wenn das unangenehm und peinlich sein kann. Marin erklärt Paaren, die sie betreut, dass es nicht darum geht, immer Sex zu kriegen, wenn man ihn möchte. Stattdessen gehe es darum zu lernen, die Zurückweisung zu verkraften. Das erlaubt es wiederum beiden Partnern, offener und deutlicher über ihre Wünsche zu reden. Und das bedeutet weniger Streit, weniger angestauter Frust.

Ist unsere Vorstellung von Sex beschränkt?

Eine völlig neue Definition von Sex kann ein guter Weg sein, das Problem in Wohlgefallen aufzulösen. "Viele Paare sehen Geschlechtsverkehr als die Norm", sagt Marin. "Aber man darf nicht so einseitig denken. Es gibt viele Arten, wie man Sex haben kann. Aber statt kreativ zu sein, denken wir, wir müssten immer dasselbe machen." Wenn dein Schatz also keine Lust auf immer dasselbe hat, dann solltet ihr vielleicht überlegen, den klassischen "Geschlechtsakt" nicht mehr als den Dreh- und Angelpunkt eures Sexlebens zu sehen. Das kann einfach nur eine von vielen Erfahrungen sein, die euch einander näherbringen.

"Was, wenn zum Beispiel nur eine Person die andere oral befriedigt?", fragt Marin. "Oder eine Person macht Dirty Talk, während die andere masturbiert? Es gibt so viele Dinge, die man machen kann, und wenn einem das erst einmal klar wird, hat man mehr Auswahl." Ein bisschen sexuelle Aktivität, nach der einem gerade der Sinn steht, statt "Alles oder nichts" – das klingt doch sehr vernünftig.

Ein letzter Tipp: Laut einer Studie der University of Toronto haben Menschen es leichter, an diesem Aspekt einer Beziehung zu arbeiten, wenn sie das Ganze als Prozess begreifen. Wer erwartet, dass mit dem oder der Richtigen alles von allein klappt, hat Beziehungen vielleicht nicht richtig verstanden. Das nächste Mal, wenn dein Partner oder deine Partnerin dich zurückweist, solltest du dir deiner Gefühle bewusst werden, aber sie nicht in dich reinfressen. Versuch lieber mal was Neues – zum Beispiel: darüber reden.

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