Rechtsextremismus

"Solch ein Überfall setzt eine massive kriminelle Energie voraus"

In Salzwedel haben mutmaßliche Neonazis ein autonomes Zentrum angegriffen. Wir haben eine Autonome gefragt, was zur Hölle gerade in der 25.000-Seelen-Stadt los ist.

Jan Karon

Jan Karon

Foto: AZ Kim Hubert

Salzwedel ist eine alte Hansestadt, in der sich Fachwerkhäuser in engen Gassen aneinanderreihen. 25.000 Menschen leben hier, und eigentlich gäbe es keinen Grund, über ein verschlafenes Städtchen in Sachsen-Anhalt zwischen Hannover und Berlin zu schreiben.

In den vergangenen Wochen tauchte Salzwedel jedoch immer wieder in den bundesweiten Schlagzeilen auf. Am 16. Mai mobilisierten Autonome zu einem antifaschistischen Stadtspaziergang, bei dem sie vor dem örtlichen AfD-Büro und Wohnhäusern von Neonazis Lieder sangen und somit gegen Rechtsextremismus protestierten. Bei der Kundgebung fuhr ein Auto in die Menschenmenge, das Neue Deutschland schrieb unter Berufung auf Augenzeugen von einem womöglich politischen Hintergrund der Tat. Es wurde spekuliert, der Angreifer sei Hells Angel oder ein ortsbekannter Rechter. Auch VICE berichtete.

Anfang der Woche kam es zum nächsten Vorfall: In der Nacht von Montag auf Dienstag drangen vermummte Täter in das Autonome Zentrum Kim Hubert ein, griffen Antifaschisten mit Pfefferspray an, zündeten eine Rauchbombe und dämolierten die Einrichtung. Wir haben mit Melanie* gesprochen, die sich in dem Zentrum engagiert.


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VICE: Was ist in der Nacht von Montag auf Dienstag im Autonomen Zentrum Kim Hubert passiert?
Melanie: Fünf Minuten nach Mitternacht sind etwa zehn Personen in das Haus eingedrungen. Sie waren dabei sehr leise und sind direkt in den zweiten Stock, wo vier Antifaschisten übernachten wollten. Dort haben sie sofort angefangen, alles kurz und klein zu schlagen. Die waren von oben bis unten vermummt, hatten Baseball- und Teleskopschläger dabei. Die Spuren in den Türen lassen zudem darauf schließen, dass sie auch eine Axt oder ein Beil hatten. Die Vermummten griffen die Personen mit Pfefferspray an. Als sie das Gebäude verließen, traten sie Möbel kaputt und zündeten im ersten Stock eine Rauchbombe, sodass niemand das Haus verlassen und ihnen folgen konnte. Innerhalb von fünf Minuten war der Spuk vorbei.

Was wurde beschädigt?
Die Angreifer haben Türen, Regale, Fenster und Fahrräder zerstört, außerdem Tische und Stühle, einen Spiegel und eine Anlage. Durch die zerstörten Fenster fielen Scherben auf ein Auto, das dadurch beschädigt wurde. Die haben aber nicht die körperliche Auseinandersetzung gesucht; es ging ihnen darum, uns zu bedrohen, einzuschüchtern.

Was macht euch so sicher, dass es Rechtsextreme waren, die das Zentrum angegriffen haben?
Das ist ja nicht der erste Angriff auf das Kim Hubert. 2010 stürmten Neonazis das Zentrum, als Antifaschisten bei einer Infoveranstaltung über einen Naziaufmarsch in Dresden informiert haben. Mehrere Anwesendene wurden verletzt. Ein Jahr später griffen sie das Kim Hubert mit Molotow Cocktails an. Auch 2016 gab es einen Brandanschlag, dazu immer wieder Auseinandersetzungen in Sozialen Medien. Das hat eine gewisse Chronologie. Wir verbuchen das als Vergeltungsangriff, nachdem wir Mitte Mai den antifaschistischen Stadtspaziergang veranstaltet haben.

Was ist damals vorgefallen?
Wir wollten darauf aufmerksam machen, dass Salzwedel ein Problem mit Neonazis hat. Also sind wir spazieren gegangen – mir ist das von der Rhetorik wichtig, denn marschieren gehen die anderen. Wir hatten eine Musikkapelle dabei, die Rotzfreche Asphaltkultur. Wir haben dann vor dem AfD-Büro und den Häusern stadtbekannter Nazis Halt gemacht und Lieder gespielt. Die Message war: "Wir wissen auch, wo ihr wohnt – nutzen das aber für friedlichen Protest." 120 Leute waren gekommen, und wer Salzwedel kennt, der weiß, dass die Menschen hören und sehen, wenn 120 Leute durch die schmalen Gassen laufen.

Es gab Berichte über einen Angriff mit einem Auto auf eure Kundgebung.
Am Nachmittag wollte ein Mann mit seinem Audi durch die Menschenmenge in einer kleinen Straße. Er ist zufällig in die Straße eingebogen, hat die Chance dann aber genutzt, um die Protestierenden zu bedrohen, indem er mit aufheulendem Motor und hoher Geschwindigkeit auf die Demo fuhr und erst im letzten Moment bremste. Die Situation ist eskaliert, als ein Transparent seine Windschutzscheibe streifte. Er hat das Fenster runtergekurbelt, ins Transparent gegriffen und erneut Gas gegegeben. Der Mann mit dem Transparent war aber mit seiner Hand noch in ner Schlaufe und wurde 50 Meter mitgeschleift, bevor das Auto wieder abbremste.

Es gab Berichte, denen zufolge der Mann ein stadtbekannter Nazi sei. Augenzeugen sprachen von einem Hells Angel. Auch wir hatten damals berichtet.
Es ist richtig, dass der Mann ein "Support 81"-Shirt anhatte, was darauf schließen lassen könnte, dass er mit den Hells Angels zumindest sympathisiert. Aber so ein Shirt kann man in jedem Laden kaufen. Es hat sich dann herausgestellt, dass der Angreifer nicht zu den Hells Angels gehörte.
Wir sprechen heute davon, dass der Täter ein unorganisierter Rechter war, das heißt, dass er keiner uns bekannten Gruppe zugehörig ist, sein Facebook-Profil aber darauf schließen lässt, dass er rechtsextremes Gedankengut verbreitet. Auf dem Profil finden sich Bilder des Führermuseums mitsamt Hakenkreuz, AfD-Posts und Bilder des Frontsänges der rechtsextremen Band Screwdriver, Ian Stuart Donaldson.

Inwiefern kann man den in einer kleinen Stadt wie Salzwedel überhaupt von einer rechtsextremen Szene sprechen?
Die Polizei sagt, es gebe weder eine rechte, noch eine linke Szene. Das ist das offizielle Wording. Dem widersprechen wir aber klar und deutlich. Es ist eine Mär, dass Einzeltäter Brandanschläge oder Einbrüche auf das Autonome Zentrum verüben. Die Szene ist organisiert. Es gibt auch Überschneidungen zwischen Neonazis und AfD: Aktuell engagieren sich etwa Sebastian K. und Marvin J. in der Jungen Alternative Salzwedel; beide haben enge Verbindungen zur Kameradschaftsszene und wurden schon bei Neonazi-Aufmärschen gesichtet. Außerdem stellt die AfD immer wieder kleine Anfragen im Landtag zum Kim Hubert, womit wir ebenfalls politisch unter Druck gesetzt werden.

Für uns steht fest: Mit dem Angriff auf das Zentrum hat rechtsextreme Gewalt in Salzwedel eine neue Qualität erreicht. Erstmals sind Neonazis geplant in ein Gebäude eingebrochen, haben schlafende Menschen angegriffen und haben innerhalb von wenigen Minuten alles kurz und klein geschlagen. Solch ein Überfall setzt eine massive kriminelle Energie, gezielte Planung und große Brutalität voraus.

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