Wieso haben so viele Spieler im Schweizer Team einen Migrationshintergrund?

Vor dem Achtelfinale haben wir einem Spieleragenten, zwei Politikern und kickenden Kindern die Frage gestellt, die die Menschen in der Schweiz selbst mehr zu beschäftigen scheint als die Aufstellung gegen Schweden.

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Juli 3 2018, 1:47pm

Die Schweizer Nationalmannschaft mit Granit Xhaka (10) und Xherdan Shaqiri (23): imago | Sven Simon

Was Mesut Özil und İlkay Gündoğan für Deutschland sind, sind Xherdan Shaqiri und Granit Xhaka für die Schweiz: Fußballnationalspieler mit sogenanntem Migrationshintergrund. Anders als ihre deutschen Kollegen konnten Shaqiri und Xhaka die Schweiz mit zwei Toren ins Achtelfinale der Fußball-WM 2018 schießen. Doch die Art, wie die beiden Söhne von kosovo-albanischen Eltern ihre Treffern bejubelten, hat eine Debatte in der Schweiz losgetreten, die der in Deutschland in nichts nachsteht.

Shaqiri und Xhaka formten mit ihren Händen einen Doppeladler – das Wappentier Albaniens. Das war zu viel für manche Menschen in der Schweiz. Dabei hat mehr als die Hälfte der 23 Schweizer Nationalspieler einen Hintergrund wie Shaqiri und Xhaka: Laut Angaben einer Transferplattform sind sieben Spieler in der zweiten Generation in der Schweiz aufgewachsen, dort nennt man sie Secondos. Acht weitere wurden im Ausland geboren – so wie der Ex-Münchener Shaqiri. Damit gehören die Schweizer wie schon bei der WM 2014 auch 2018 zu den Teams mit dem höchsten Anteil an Spielern mit Migrationshintergrund. Doch den 65 Prozent auf und neben dem Platz steht ein Anteil von 37 Prozent in der Bevölkerung gegenüber.

Wir haben einen Schweizer Spieleragenten, zwei Politiker und einige Kindern auf einem Zürcher Fußballplatz gefragt, woher dieser Unterschied zwischen der Nationalmannschaft und der Gesamtbevölkerung kommt und was die Mannschaft über die Schweiz aussagt.

Mihael Stankovic, Spieleragent

"Ich bin seit 1997 als Spieleragent tätig und habe die Durchmischung der Nationalitäten sowohl als Spieler als auch als Agent und Berater erlebt. Mladen Petrić und Boris Smiljanic gehörten zu meinen Klienten.

Ich selbst bin zwar in der Schweiz geboren, dennoch glaube ich, dass die Schweizer keine Vorstellung davon haben können, wie es ist, hierher zu kommen, ohne die Sprache zu sprechen, sich finanziell am Limit zu bewegen und keine sozialen Kontakte zu haben. Mein Vater als Serbisch-Stämmiger aus dem heutigen Kroatien, der im Balkankrieg flüchten musste, und meine Mutter aus Serbien kennen diese Problem ganz genau.

"Viele Secondos wissen schon mit zwölf Jahren: 'Ich will Profi werden.' Dafür stecken sie dann auch die schulische Ausbildung zurück – mit Konsequenzen."

Meiner Erfahrung nach unterstützen die Eltern von Migranten und Secondos ihre Kinder für den Traum, Fußball-Profi zu werden, zu hundert Prozent – mit allen Risiken, aber natürlich auch mit dem Hintergedanken, dass sich das irgendwann auszahlt. Im Gegensatz dazu merke ich, dass der Fußball für die Schweizer ein Hobby ist und es zu Hause heißt: 'Mach zuerst deine Ausbildung!' Für mich als Berater ist das entscheidend.

Viele Secondos wissen schon mit zwölf Jahren: 'Ich will Profi werden.' Dafür stecken sie dann auch die schulische Ausbildung zurück – mit Konsequenzen. In meinen 20 Jahren habe ich zahlreiche 14-, 15-jährige Secondos betreut, die das so gemacht haben. Die aktuellen Nationalspieler Ricardo Rodriguez und Josip Drmic waren zwei davon, die heute ihren Traum leben können. Bei diesem Willen, alles für dieses Ziel in den Hintergrund zu stellen, sehe ich teilweise Unterschiede. Aktuell haben wir viele Kosovaren im Nationalteam. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass in zehn Jahren andere Nationalitäten überwiegen."


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Kinder auf dem Fußballplatz

Namen der Kinder auf deren Wunsch geändert

"Die Schweiz ist ein kleines Land und darum kommen weniger Schweizer in die Nati. Wenn es ein großes Land wäre, hätten sie mehr Chancen und mehr Spieler." - Jemal, 10, Ägypten

"Als Ausländer hat man aber auch bessere Chancen zu spielen, weil es weniger Schweizer hat, die gut sind. Darum kommt man einfacher in die Nationalmannschaft. In Brasilien hat man zum Beispiel weniger Chancen." – Semere, 10, Eritrea

"Ich glaube, dass sie nicht so viele Schweizer Spieler haben, weil die Schweizer zu viel in die Schule gehen und die anderen in der Freizeit viel mehr trainieren."

"Die ganz guten Spieler kommen oft aus ärmeren Ländern, wo sie vielleicht auch die Schule nicht bezahlen können. Dafür gehen sie dann halt Fußball spielen, während wir hier in die Schule gehen. Wenn es dann in einem solchen Land zum Krieg kommt, müssen sie in die Schweiz flüchten und können schon viel besser Fußball spielen und bewerben sich dann als Fußballer." – Jonas, 11, Schweiz

"Ich denke, weil es nicht so viele Schweizer gibt, die sich für Fußball interessieren. Viele Albaner wollen das und haben den Willen und fangen schon als Kinder richtig an, Fußball zu spielen. Es gibt viele andere Sportarten, die Schweizer vielleicht spannender finden als Fußball." – Samuel, 10, Eritrea

"Ich glaube, dass sie nicht so viele Schweizer Spieler sind, weil die Schweizer zu viel in die Schule gehen und die anderen in der Freizeit viel mehr trainieren. Die Schweizer sind nur in der Schule." – Leon, 10, Schweiz

Cédric Wermuth, Nationalrat der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SP)

"Ich kann mir gut vorstellen, dass der Fußball für viele Secondos eine Flucht aus der räumlichen Enge, wie z.B. Sozialwohnungen aber auch aus bedrückenden Erlebnissen ist. Das ist aber meiner Meinung nach ein Ausdruck von Perspektivlosigkeit, der sie auch auf dem Schweizer Arbeitsmarkt begegnen. Dort sind Migranten aus Ex-Jugoslawien nach wie vor nicht gut integriert. Das zeigte auch der Bericht des Bundesrats von 2010 zur wirtschaftlichen Integration der kosovarischen Bevölkerung. Der Einstieg in das Berufsleben fällt nicht nur Kosovaren, aber auch Albanern in der Schweiz auffallend schwerer als anderen Nationalitäten, was die Folge einer Diskriminierung ist. Das macht Sport als Ort des Erfolgs dann zum Beispiel für Secondos aus diesen Ländern attraktiv.

Ich kann mich an meine Volksschulzeit erinnern. Da gab es mehrere Fälle von Flüchtlingen aus dem Balkan, die in der Schule keine Chance hatten, aber sehr gut Fußball spielen konnten. Das war ein Weg, Freundschaften zu schließen und Anerkennung zu finden. Wenn Secondos dann im Fußball erfolgreich sind, geht es oft auch um ihre Migrationsgeschichte, die man dann als erfolgreich darstellt. Das darf man als Integrationserfolg aber nicht überbewerten, denn es ist vielmehr eine Kehrseite von gescheiterter Integration."

Markus Hausammann, Nationalrat der Schweizerischen Volkspartei (SVP)

"Dadurch, dass die Anzahl an Secondos in Fußballvereinen größer ist als zum Beispiel in Turnvereinen, ergibt sich logischerweise auch eine andere Selektion. Was aber nicht heißt, dass ein Schweizer Talent den Sprung in die Fußballelite nicht auch schaffen müsste.

Ich bin daher überzeugt, dass Secondos, die im Fußball erfolgreich sind, auch von der Perspektive getrieben sind. Dass sie also im Sport die größeren Chancen sehen, weiterzukommen als zum Beispiel im Beruf und daher den nötigen Biss haben, das durchzuziehen. Dass junge Secondos ihre Chancen anders wahrnehmen als junge Schweizer, ist ein Symptom einer noch nicht optimalen Integration. Dazu braucht es wahrscheinlich noch eine nächste Generation."

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