Foto: Pau Reta | Flickr| Public Domain

Innsbrucks Nachtleben ist besser, als du vielleicht denkst

Du denkst, Innsbrucks Nachtleben ist mit dem Weekender gestorben? Falsch gedacht! Hier ein kleiner Guide von A wie Altstadt bis Z wie Zappa.

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17 Juli 2018, 2:53pm

Foto: Pau Reta | Flickr| Public Domain

Klar doch, Innsbruck ist ein manchmal anstrengendes Touristenkaff und um eine Stadtbesichtigung inklusive Besuch des Goldenen Dachls zu überleben, braucht man vermutlich die Begeisterungsschwelle von Owen Wilson in Romcoms. Anders sieht es hier mit dem Nachtleben aus. Auch wenn Innsbruck seit der Schließung des Weekenders, des wichtigsten Clubs der Stadt, nach außen hin eher ruhig scheint, ist das Nachtleben gar nicht so schlecht. Wo sonst kann man in Iglus saufen, am Innufer entspannt raven und ungeduscht im Snowboard-Outfit in Bars rumstehen?

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A wie Altstadt

Abseits von Touristen betreten die Innsbrucker Altstadt am Tag nur Masochisten und die armen Schweine, die in dieser grausamen Kommerzhölle zwischen Kuckucksuhr und grausiger Lederhosenfolklore arbeiten müssen. Am Abend kann man es in den düsteren Seitengassen ganz gut aushalten. In einer solchen liegt das Moustache, das Stammlokal der Millennial-Bohemiens, wo man sich schon Frühabends einen Platz erkämpfen muss, aber nur mit schlagkräftigen Argumenten, yo. Nicht weit davon liegt das Café Gallerie, in dem man leicht in den Couchsesseln versumpft. Im dunklen Keller des Prometheus darf man auch tanzen, wenn man Goth genug ist.

B wie Bäckerei

Benjamin Stolz

Auch in Innsbruck verwandelt man alte Industrie-Buden und andere Symbole des Nachkriegs-Kapitalismus in Clubs, in schlimmen Fällen sogar in Manufakturen für post-industrielle Luxusgüter, die man dann beispielsweise in Form von Longboards im Instagram-Feed wiederfindet. Die Bäckerei Kulturbackstube ist die Königin der Läden mit dem Suffix "-ei". Hier trifft man sich beim beliebten (kein Witz) Poetry Slam und den Open-Mic-Sessions, aber auch um gemeinsam zu meditieren, sein Rad zu reparieren oder Swing zu tanzen. In der Bäckerei finden Vernissagen, bärtige Folkies und ihre Akustikgitarren und die Indieband von nebenan Platz. Wenn ihr wirklich vorbeischaut, vergesst nicht, eure Schnurrbärte zu wichsen, Zigaretten vorzudrehen und retro Kratzpullover so lange zu tragen, bis sie sich in euren Achselhaaren verheddern.

C wie Clubs

Für Kids aus dem Kaff mag die Clublandschaft in Innsbruck gar nicht so schlecht aussehen, lebt man allerdings länger als zwei Wochen in Innsbruck, lässt sich die Buntheit und Vielfältigkeit der Diskotheken mit der Farbe der Amsel vergleichen. Wer mit wem wohin geht, ist auch im Westen ein Statement. Die Triade der Abgedroschenheit vereint sich in den drei vor allem von tendenziell jüngeren Leuten besuchten Clubs Felix, Blue Chip und dem Hofgarten. Diese Clubs machen keinen Hehl daraus, musikalisch und auch sonst nichts Besonderes zu sein und mit Kronehit- und Ö3-artiger Dauerbeschallung ein möglichst großes Publikum abzuholen. House- und Techno-Hörer trifft man im Club Cubique in der Nähe des Hauptbahnhofs, oder in den Bögen (siehe E). Sich als Wannabe-Libertine verkleiden und sich fühlen wie im Post-Britpop-London kann man in Innsbruck seit dem Ende des Weekenders (siehe W) nur mehr bei gewissen Veranstaltungen (zum Beispiel im Sixty-Twenty nahe der SoWi). Im Dachsbau feiert man zu altem und neuem HipHop. Die Tante Emma in den Bögen wird von manchen gar für den besten Club Österreichs gehalten.

E wie Ing.-Etzel-Straße – aka "Die Bögen"

(c) Markos Mant
Markos Mant | Unsplash

Wer in Innsbruck noch nach zwei motiviert ist, lallt einfach "Gemma Bögen" in die Runde. Ab diesem Zeitpunkt passieren nicht selten Dinge, für die man sich am nächsten Morgen schämt. Das muss aber nicht an den Bögen liegen. Unter den Gleisen vor dem Hauptbahnhof gibt es Plätze für lederhosentragende Gröler, die auf Bars tanzen, Leute, die über Pop philosophieren, lebende Alk-Leichen, Singles, die um vier Uhr morgens noch niemanden mit nach Hause genommen haben und – vor allem – Gelegenheiten zum Musikhören: In der PMK ist die Mini-Subkultur Innsbrucks und ihre Jünger daheim, in den Bars ringsum reicht der Sound von Balkan-Disko über Classic Rock bis Schlager. Im Project oder der Tante Emma tanzt und trinkt man sich mit elektronischer Begleitmusik ins Nirwana. Die unterschiedlichen Lokale setzen einen unterschiedlichen Alkoholpegel voraus, irgendwann verliert man sowieso den Überblick und schafft es gerade noch, in der Kaiserstube irgendeinen fettigen Scheiß zu bestellen, bevor man mittags in Chicken-Wings-Resten aufwacht.

G wie Graffiti

Weil sich Innsbruck regelmäßig als jung, hip und urban darstellt, gibt es für eine Stadt dieser Größe einiges in Sachen Street Art zu erkunden. In und um die Fortgehviertel (aber vor allem außerhalb des Zentrums) findet man etwa Werke von HNRX, der vor ein paar Jahren aus dem neuen "INNS’BRUCK" Logo "INNS’WURSCHT" machte, oder von Crazy Mr. Sketch, der triste Betonmauern mit Schriftzügen und Tieren verschönert. Rund um die und in der PMK (siehe E) findet man Sticker ohne Ende. In Innsbruck muss man für die kleinen Spuren von Guerilla-Kunst etwas genauer suchen. Zum Glück findet man sie vor allem dort, wo man seine Wahrnehmungssinne erweitert.


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I wie Innufer

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Würde der Inn an einem warmen Sommerabend auf einen Schlag springflutartig über die Ufer treten, gäbe es in der Stadt wohl keine Poser mehr. Auf der breiten Mauer entlang des Rad- und Gehwegs zwischen Hauptuni und CCB sitzen die Leute wie (verzeih’ mir, Leonard) Vögel auf dem Draht. Bei schönem Wetter tun Hunderte so, als würden sie gemütlich ein paar Bier trinken und als wären nicht Hunderte da, die so tun, als würden sie gemütlich ein Bier trinken. Überhaupt kein Durchkommen ist vor allem an den Abenden, an denen im Frühsommer immer Mittwochs das "Sonnendeck" stattfindet. Von einer “mysteriösen” Facebook-Seite wird erst am selben Tag angekündigt, ob man am Innufer ein DJ-Pult und eine kleine Bar aufstellen wird. An solchen Abenden tun dann Zehntausende so, als würden sie zu loungiger elektronischer Musik gemütlich ein Bier trinken, und als wären nicht Zehntausende da ... ihr habt es kapiert.

L wie Live Musik

Benjamin Stolz

In einer überschaubaren Anzahl von Venues kann man in Innsbuck an fast jedem Abend (zumindest am Wochenende) Live-Musik hören. Open-Mic-Nights sind hier immer noch ein Ding (auch wenn der Typ mit Man Bun und Akustik-Gitarre Nummer 27 den meisten ziemlich auf die Nerven geht) – und in mehreren Lokalen finden solche regelmäßig statt (siehe B). In Jazz-Bars wie dem Early Bird treffen sich regelmäßig alle drei Jazz-Fans Innsbrucks. An Sommerabenden zaubern die Hippie-Enkel, die auf den Parkwiesen kiffen, ihre Schrammelgitarren unter den Ponchos hervor und zwangsbeglücken ihr Umfeld. In den verhältnismäßig größeren Locations wie dem Hafen oder der Music Hall spielen öfters große, manchmal sogar großartige Acts auf.

K wie Karaoke

Ja, auch das ist hier wirklich noch ein Ding. Zumindest, wenn man sich anschaut, wie voll wahre Horrorläden á la SEGA-Bar an Karaokeabenden sind. Auch im Copa, einem weiteren Lokal, das aus völlig unerfindlichen Gründen immer voll ist, singt man. Geht es um die 3 minutes of fame oder um den Spaß? Am Ende des Abends wird jedenfalls mehr gegrölt als gesungen. Und feinfühlige Joseph Gordon-Levitts, die wie in 500 Days of Summer die Pixies ins Mikro lechzen, findet man übrigens auch nicht. Hier bleibt man lieber bei Papapapokerface, maximal bei "Wonderwall".

N wie Nordkette

Auch wenn die komplette Bergversessenheit der BürgerInnen des (der Legende nach) Heiligen Landes vermutlich nur ein nationaler Mythos ist, um Touristen auszusackeln, tut man es in Innsbruck tatsächlich am Berg. Die Rede ist vom Feiern. Auf der Seegrube, also zirka 1900 Meter über dem Meeresspiegel, steht von Dezember bis April ein Iglu, in dem jeden Freitag Partys steigen. Richtig oft raufzufahren, leisten sich meist nur Innsbrucks Studenten-Bourgeoisie, Reiche oder dem NC Entflohene aus dem Norden. Ein Ticket auf den Berg ist halt einfach unverschämt teuer. Im Sommer findet an Ort und Stelle das Wetterleuchten Festival statt, bei dem vor allem elektronische Musik aufgelegt wird.

S wie Snowboarder

Max Kukuruzdiak | Unsplash

Schon ab Oktober, wenn die Kastanien an der Innpromenade einen auf Indian Summer machen, sieht man sie, die mysteriösen Gestalten. Mit Snowboard-Boots über den Schultern, dem Board in der Hand, schief aufgesetztem Helm und bis zu den Knien hochgekrempelten Skihosen sehen sie auf dem frühmorgendlichen Walk zum Stubaier-Gletscher-Bus aus wie Ritter auf dem Weg zum Turnier. An den Abenden wird natürlich gesoffen und mit bizarren Zahlenkombinationen in Sprüngen angegeben (360 Nosegrab what the fuck). Im Jimmy’s nahe Landhausplatz heben und senken sich die Beanies und Snapbacks zum Takt ambitionsloser Dub-Musik. Entspannter Sound ist kein Problem in der Szene. Der Legende nach vertraut man neben dem pulvrigen Schnee auch auf Grünes (übrigens auch in der Wahlentscheidung vieler InnsbruckerInnen). Der Dresscode in den Bars und Clubs der Boarder ist ein eigenwilliger. Sportliche und zugleich sauteure Snowboard-Mode kombiniert mit einem verwegenen Look, als wäre man gerade mit dem Brett ins Tal vor die Lokaltür gecruist, kommen gut an.

T wie Treibhaus

Versteckt im Zentrum von Innsbruck ist es ein grauer, achteckiger Monolith, der Innsbrucks Kultur-, Musik- und Nachtleben viel besser macht. Im Treibhaus-Turm und im Keller performen Österreichs beste KabarettistInnen und AutorInnen, bei Konzerten geben sich lokale MusikerInnen und Weltgrößen die Klinke in die Hand. Al di Meola hat dort gespielt, The-Velvet-Underground-Gründungsmitglied John Cale ebenfalls, deutsche Weltbands wie Tocotronic, die Sterne oder die Nerven, 1980er Ikonen wie Suzanne Vega, Jazzmusiker wie Antonio Sanchez oder Tony Allen – die Liste reißt nicht ab. Der Treibhaus-Garten ist der Ort, an dem man früher die Schule geschwänzt hat und an dem schon oft der späte Nachmittag plötzlich ein Uhr geworden ist. Mit Blick auf die schneefreie Nordkette, während im Hintergrund der Soundcheck für den Abend-Gig leise lärmt, verzeiht man Innsbruck seine anstrengenden Seiten.

V wie Verdrängung der Ureinwohner

In den letzten Jahren schießen Bars mit Namen, die so anti sind wie ihre Getränkekarten, nur so aus dem Boden. Statt völlig willkürlichen Chart-Radio-Scheiß hört man in Bars nun auch völlig willkürlichen Alternative-Scheiß. In den Drinks findet man eine zunehmende Anzahl an Gewürzen, die der Durchschnitts-Foodie nur aus Legenden kennt. Lebende Hollister-Kollektionen mit Turnbeuteln am Rücken fluten die Straßen. Gruppen von AusländerInnen (vorwiegend aus Deutschland und Italien) mit Hochschulabschlüssen in Psychologie und Sport legen mit ihren Longboards den Straßenverkehr lahm. Quinoa in jedem Laden hat zu chronischen Verdauungsstörungen bei den Tiroler Ureinwohnern geführt, die, traut man den Informationen gewisser Parteien, vom Aussterben bedroht sind.

W wie Weekender

Dieser nicht mehr existierende, aber dennoch im kollektiven Gedächtnis Innsbrucks weiterlebende Club entlockt bei seiner Erwähnung noch bei so manchen einen Seufzer. Der Weekender ließ Innsbruck mit Acts wie Kaiser Chiefs, The Kooks oder Wombats für kurze Zeit am Indie-Himmel teilhaben und schaffte es, Legenden wie Peter Hook oder Peter Doherty ins Kaff im Westen zu holen. Nebenbei war der Student’s Monday jahrelang der Grund, schon am Montag zu saufen. Heute muss man zumindest so tun, als ob man bei den besten Partys dabei gewesen ist.

Benjamin Stolz

Z wie Zappa

Die imaginäre Reise durch das Fortgeh-Leben von Innsbruck endet mit einem Lokal, in dem man leicht versumpft. Schon beim Betreten der Bar wird man von dichtem Zigarettenrauch eingehüllt und von alter Rockmusik beschallt, während einen die zwei riesigen Augen aus Plastik, die an der Seitenwand hängen, anstarren. Das Zappa ist ein altes Lokal, in dem sich bereits Generationen von Studierenden abends einen hinter die Binde kippen, und heute so etwas wie ein Urgestein im sich ständig verändernden Nachtleben. Das Bier ist nicht billig, aber die Vibes sind gut.

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