"Spezialgebiet: Kokain & schöne Uhren": Zwei Jahre mit Deutschlands größtem Online-Dealer
Bild: Screenshot Chemical Love | Daniel Mützel | Shutterstock | Montage: Motherboard
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"Spezialgebiet: Kokain & schöne Uhren": Zwei Jahre mit Deutschlands größtem Online-Dealer

Während er Drogenpakete im Wert von mehreren Millionen Euro in alle Welt schickt, plaudert z100 aus dem Nähkästchen. Fast täglich ließ uns der Großdealer an seiner Karriere und Gefühlswelt teilhaben – mal aus Kalkül, mal aus Einsamkeit.
8.8.17

9:30 Uhr, ein Mittwoch im August 2015. Der Dealer z100 hat sich in der Nacht wieder gemeldet. Auszug aus einer E-Mail an unsere verschlüsselte Adresse:

z100 erzählt von einem angeblichen Ausflug. Ausschnitt aus einer Nachricht an die Motherboard-Redaktion.

"Ich bin ein kompletter Emotionsmensch" – Der Kleinlaute

Mai 2017. Sonnenstrahlen klettern durch das Fenster und tauchen den olivgrünen Saal des Landgerichts Landau für einen Moment in gleißendes, fast weißes Licht, als der Hauptact z100 seinen Auftritt hat: Muskulöse Statur, hellbraune Lockenmähne, das Karohemd gebügelt. Flankiert von Wachpersonal wird er in den Saal gezogen wie ein Raubtier in die Manege. Die Metallringe an Händen und Füßen scheinen sagen zu wollen: 'Schaut her, wer uns da ins Netz gegangen ist. Den lassen wir so schnell nicht wieder los.'

Der 32-Jährige, der sich in den kommenden Monaten mit seinen Komplizen vor Gericht verantworten muss, wird sich heute nicht mehr an saufende Mexikaner und Koksballaden erinnern – auch deswegen nicht, weil er nie an dem Ort gewesen ist, den er in seiner E-Mail an Motherboard so bildlich beschreibt. Bis zuletzt wird der Angeklagte bestreiten, der Mastermind der millionenschweren Drogen-Operation Chemical Love zu sein.

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Über eine halbe Stunde referiert der Staatsanwalt über die Straftaten, die man dem Bandenboss z100 vorwirft, der halb Europa mit Drogen aus dem Internet versorgte, über 3,5 Millionen Euro umsetzte und ein Jahr lang eine ganze Kavallerie an Ermittlern auf Trab hielt. Jetzt starrt er abwesend ins Leere, als hätte das alles nichts mit ihm zu tun, während Richter, Verteidiger und Staatsanwalt sein Schicksal für die nächsten Jahre seines Lebens aushandeln.

Als der vorsitzende Richter ihm zu verstehen gibt, jetzt mal was "über ihn als Menschen" erfahren zu wollen, wird z100 erst patzig, dann zerknittert. In seiner Stimme liegt ein zartes Jammern, das stärker wird, wenn ihm die Fragen etwas abverlangen. Über die Eltern sprechen beispielsweise. "Ich bin ein kompletter Emotionsmensch", beginnt er seine Erzählung kleinlaut.

"Wenn du in der Branche tätig bist, kotzt dich die Gelassenheit irgendwann an" – Die Plaudertasche

Die erste E-Mail von Chemical Love an Motherboard. Bild: Screenshot

Juni 2015. Die Mail einer bis dato unbekannten Dealerbande, die sich "Chemical Love" nennt, ist eine Kampfansage: Sie verkündet, in die Fußstapfen von Shiny Flakes treten zu wollen, dem ehemals größten Drogen-Webshop Europas. Von dem bevorstehenden Umbruch in diesem dunklen Teil des Internets erfahren wir in der Motherboard-Redaktion wenige Tage, nachdem der Handel angelaufen ist, aus erster Hand. Chemical Love adaptiert die serviceorientierte Geschäftsphilosophie von Shiny Flakes, und ein Promo-Artikel von der "sehr geehrten Redaktion" bei Motherboard, so offenbar das Kalkül, könnte dem jungen Drogen-Startup nur gut tun. Die E-Mail endet mit einem sorglosen "Liebe Grüße!"

Spätestens bei der Razzia am 14. April in dem Drogenlager wird klar: Die Absender haben nicht geblufft. Insgesamt setzt der Shop 3,5 Millionen Euro mit illegalen Drogen aller Art um, die das Trio zum größten Teil selbst aus den Niederlanden importiert. Ihr Angebot mit "Top-Sicherheit und Garantie" bewirbt die Gruppe ganz öffentlich im Internet und verschickt zu Hochzeiten knapp 1.000 Päckchen Stoff pro Monat mit der Post. Als schließlich ein SEK-Trupp ihren Drogenbunker im rheinland-pfälzischen Rülzheim stürmt, finden sie dort die verdutzten Dealer vor – inmitten von 54 Kilogramm Amphetamine, 4 Kilogramm Heroin, 1,3 Kilogramm Kokain, 25.000 Ecstasy-Pillen sowie Bestell-Listen mit tausenden Kundenadressen.

Auf dem Weg zur größten Online-Drogenbande Europas meldet sich der Drahtzieher von Chemical Love immer wieder und gibt uns mehr Einblicke in seine Welt, als uns lieb ist. Fast ein Jahr lang lässt er uns mit fast täglichen Chats und Anrufen an seiner sehr öffentlichen Karriere und Gefühlswelt teilhaben – mal aus Kalkül, oft sicher auch aus Einsamkeit.

Der gesprächige Boss hinter dem florierenden Geschäft stellt sich uns als "Dennis" vor, heißt in Wirklichkeit aber anders. Im Netz ist er bis dahin nur unter dem Namen z100 berühmt und berüchtigt. Der Mann hinter dem Pseudonym hält sogar den Kontakt, während sich die Schlinge der Ermittlungen zuzieht und sein Telefon abgehört wird – die Nachrichten und Dokumente, die uns vorliegen, zeichnen ein detailliertes, wenn auch widersprüchliches Bild eines deutschen Drogenbosses des 21. Jahrhunderts.

Mehrmals täglich kommunizierte z100 auch mit seinen Kunden im Internet und versicherte ihnen, wie groß und unbesiegbar seine Operation sei. Hier ein Post vom 10. November 2015 – fünf Monate vor seiner Festnahme. Bild: Screenshot CNW

Vieles wird im Laufe der 19 Verhandlungstage klarer werden. Etwa wie ein junger Mann, der im Überfluss aufwuchs, zu einer berüchtigten Figur der Underground Economy im Netz werden konnte. Anderes bleibt auch nach dem Urteil im Dunkeln – Dennis nimmt viele Geheimnisse mit in seine Gefängniszelle.

In Telefonaten und Chats ist unser Kontakt meist freundlich und persönlich, oft aber auch kompliziert und maximal unzuverlässig, weil der umtriebige Dealer immer wieder abschweift und ins Plaudern gerät. Auch, weil er selbst oft zugedröhnt ist. Gleichzeitig versucht er, sein Image als knallharter Drogenboss aufrechtzuerhalten, für das ihn Crime-Kiddies im Internet so vergöttern. Besonders eindrücklich zeigt sich das an einem Bericht über einen Kartellbesuch mit Kulturschock in Mexiko, den er uns im Herbst 2016 zukommen lässt:

z100 philosophiert über das Leben als Drogenboss in Mexiko, war aber vermutlich nie da. Ausschnitt aus einer E-Mail an die Motherboard-Redaktion.

"Weg von Papa und der Scheinwelt" – Das Promi-Kind

Wer z100 verstehen will, muss sich auch seine Familie anschauen. Von seiner Mutter spricht Dennis in den höchsten Tönen: Ein herzensguter Mensch sei sie, er selbst sei ohnehin ein "Mamakind". Mit seinem Vater dagegen hat er Probleme, die ihn seit seiner Jugend prägen. Er beschreibt ihn als Karrieristen, der ihm kaum Wärme gab. In seiner Heimatstadt gehört sein Vater zur lokalen Prominenz:

Mehrere Jahre ist Walter Kelsch Präsidiumsmitglied des VfB Stuttgart, gleichzeitig handelt er mit Immobilien. Vier Jahre vor der Geburt seines Sohnes ist Kelsch auf dem Karrierehöhepunkt: Er steht für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft als Stürmer auf dem Feld.

Benz mit 18, Porsche mit 20: Der Gerichtspsychologe nennt es "Wohlstandsverwahrlosung".

"Papa hat nur wenige Gefühle gezeigt", so der Sohn. Er habe ihn stattdessen mit Geschenken überhäuft: Mit 18 Jahren einen Mercedes, mit 20 einen Porsche. Von Papas Kohle habe er sich zudem viele Urlaubsreisen leisten können – und vermutlich auch die ein oder andere Schönheits-OP für seine Freundin, wie im weiteren Prozessverlauf deutlich wird. Grenzen habe er kaum aufgezeigt bekommen. "Ich habe gelebt", sinniert er über die Zeit mit Anfang 20. "Wohlstandsverwahrlosung" nennt es später der Gerichtspsychologe.

Während er die eigenen Kinder mit teuren Geschenken abspeist, trifft sich der Vater regelmäßig mit anderen Frauen. Spätestens als er von den heimlichen Dates von Papa Walter erfährt, bricht die Beziehung zwischen Vater und Sohn. Nach der Sportlerkarriere folgt der wirtschaftliche Crash seines Vaters. Er verliert nach windigen Immobiliengeschäften 2012 seine Firma. Das führt auch den Sohn auf andere Bahnen, wie er sagt: "Weg von Papa und der Scheinwelt."

Geschäftig berichtet z100 in einem unserer Telefonate von seiner Vorgeschichte.

"Wenn es nicht gestreckt ist, geht man davon nicht kaputt" – Der Kokser

Beim Versuch, auf eigenen Beinen zu stehen, rutscht Dennis nach dem wirtschaftlichen Crash seines Vaters 2012 in seine eigene Version einer Scheinwelt. "Über ein Mädchen", wie er es nennt, macht er einen Abstecher ins Rotlichtmilieu. Schnell steigt er auf zum Zuhälter, vermietet Terminwohnungen an Sexarbeiter in Stuttgart, Hamburg, Segeberg. Tut sich mit Ratchanee K. zusammen, einer Puffmutter aus Stuttgart und seine spätere Lebensgefährtin. Und weil es gut ins Milieu passt, fängt er an, mit Drogen zu dealen.

Wie es dazu kam, klingt wie der Plot eines B-Movies: Eines Nachts steht er in einer Karaoke-Bar, wird von einem Vietnamesen namens Jun angequatscht. Jun geht zum Fenster, klopft gegen die Scheibe, fragt: 'Weißt du, was das ist?' Auf die offensichtliche Antwort hin („Fenster?") schüttelt Jun nur den Kopf. 'Nein. Das ist Glas. Das ist neu. Damit wirst du reich.'

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Mit 'Glas', also Meth, will Dennis aber zunächst nichts zu tun haben. Jun versucht mehrmals, ihn zu überreden. "Meth war eigentlich tabu. Ich kannte es aus dem Fernsehen, das macht dich kaputt." Aber Jun kann gut reden – und Dennis gut zuhören. Wenig später ist er Teil von Juns Bande, fährt mit nach Tschechien, um Stoff zu besorgen. Sein Ausstieg aus der Meth-Szene ist eher unsanft, am Ende verpfeift er die Bande bei der Polizei. Und doch: Dennis hat Blut geleckt.

z100 rechtfertigt sich ein paar Jahre später für Crystal Meth und Heroin in seinem Angebot. Ausschnitt aus einer verschlüsselten Chat-Nachricht.

Schon Jahre vor seiner Laufbahn als Dealer kommt Dennis mit Drogen in Kontakt. Im Internat beginnt er mit Anabolika zu experimentieren, wenig später probiert er Ecstasy und Amphetamine. Dennis erzählt von durchgekoksten Tagen und Nächten, von epileptischen Anfällen und Panikattacken, die ihn irgendwann heimsuchen. Als er selbst vom Konsumenten zum Händler wird, gibt Dennis auf die alte Dealer-Bauernregel "Don't get high on your own supply" nichts mehr.

Kurz vor seiner Festnahme habe er sich bis zu 4 Gramm Kokain am Tag durch die Nase gezogen. "Bis zum Umfallen", wie er dem Richter erklärt. Doch der versteht nicht, fragt, was das denn hieße, 'bis zum Umfallen'. "Bis es nicht mehr ging." Und das wiederum heißt? "Na, bis ich Probleme beim Atmen bekam.'

Genug Stoff habe er ja gehabt, fragt der Gerichtspsychologe, eher rhetorisch. Dennis vereist, Blick zum Anwalt, ein Nicken, in Ordnung: "Ja, hatte ich", grinst er. Die Wahrheit ist manchmal befreiend.

"Die leben auch alle noch": z100 rechtfertigt sich für Crystal Meth und Heroin in seinem Angebot. Ausschnitt aus einer verschlüsselten Chat-Nachricht.

"Wir zahlen mehr als 10.000 Euro für Werbung!" – Der Vermarkter

Zwei Monate nach der ersten Mail mit dem Interview-Pitch und penetranten, ungebetenen Angeboten, man könne uns einen "schönen Geschenkkorb" aus Speed, LSD und Koks zum Testen zusammenstellen, wechseln wir in einen verschlüsselten Chat. Es geht darum, wie unser Gesprächspartner überhaupt belegen kann, dass er der Betreiber von Chemical Love ist.

Eins von ca. 20 Angeboten, uns Drogen zuzuschicken. Ausschnitt aus einer E-Mail an die Redaktion.

Ein schriftliches Interview interessiert uns nicht, doch würden wir gerne den Hintermännern dieser neuen Drogen- und Geldmaschine, die sich im Internet entwickelt hat, näher kommen. Wer steckt hinter dem berüchtigten z100, dem Boss, den die Crime-Kiddies im Darknet vergöttern und der in kürzester Zeit zum deutschen Drogen-Kingpin aufsteigt? Ein Filmdreh sei ebenfalls möglich, so der Dealer in einem seiner langen Telefongespräche. Nichts davon kommt je zustande – zu flatterhaft und unzuverlässig ist Dennis.

"Keinen Bock mehr auf deine verfickte Lügenfresse!" – Der Sohn

Nicht nur von den Drogen kommt Dennis nicht los, auch nicht von seinem Vater: Zwischen den beiden scheint bis heute ein bizarres Nebeneinander von Distanz und Abhängigkeit zu bestehen. Obwohl Dennis von seinem Vater tief enttäuscht wurde, pflegt er auch in seiner Zeit als Online-Dealer engen Kontakt mit ihm. Mehr noch: Die Staatsanwaltschaft untersucht, ob sie Komplizen waren und die beiden gemeinsame Sache gemacht haben.

Das ungesunde Verhältnis verdeutlicht ein von Ermittlern abgehörtes Gespräch zwischen Vater und Sohn: In dem Telefonat geht es vermutlich um Walter Kelschs Fahrdienste zu Drogen-Großhändlern in den Niederlanden – denn der Darknet-Boss besitzt zu diesem Zeitpunkt keinen Führerschein mehr. Unter anderem für die Touren nach Rotterdam mietet der Vater innerhalb eines Jahres 35 Mietautos an, im Gegenzug darf er sie privat nutzen.

Ausschnitt aus einem von Ermittlern abgehörten Telefongespräch zwischen Walter Kelsch und seinem Sohn.

Offenbar fühlt sich Dennis in der Halbwelt sicherer als in der Firma seines Vaters, dem er zuvor versuchte, sich anzunähern. Doch Dennis' erste Gehversuche in der Immobilienbranche währen nicht lange – auch, weil Vater Walter ihm dabei eher ein Stock zwischen den Füßen als eine Unterstützung ist.

Wie er im Landauer Landgericht zu Protokoll gibt, habe ihm der Vater ein Wohnobjekt gegeben, eine Art Testlauf, um zu sehen, ob der Sohn schon selbst Immobilien verwalten kann. Dennis hat wohl auch schon einen Käufer an der Angel, doch der Vater wickelt hinter seinem Rücken einen eigenen Deal ab und prellt den Sohn. "Das hat mich verletzt", sagt Dennis heute. "Ihm ging es so gut, das war unnötig".

Für Dennis hat sein Vater seitdem höchstens noch den Status eines Betrügers. Als das Chemical Love-Kartenhaus eingestürzt ist, bewertet die Stuttgarter Staatsanwaltschaft die Sache ähnlich: Sie ermittelt gegen Kelsch Senior wegen windiger Immobiliengeschäfte und Anlagebetrug – er soll Investoren geprellt, Freunde betrogen und alte Menschen um ihre Rente gebracht haben.

Ausschnitt aus einem von Ermittlern abgehörten Telefongespräch zwischen Walter Kelsch und seinem Sohn.

Aber nicht nur der Sohn ist vom Vater abhängig, auch der Vater vom Sohn: Dennis finanziert den ehemaligen Nationalspieler bis zum Schluss mit, zahlt ihm pro Monat 472 Euro für eine Spießeridyll-Wohnung in Stuttgart-Degerloch, in der der Vater mit seiner Frau mietfrei wohnen kann.

Doch eine Drogenbörse als Akt der Rebellion gegen den gefühlskalten Vater? Dennis' Aufstieg in die Top-Riege deutscher Drogenhändler mit dem Sich-Abarbeiten an einer emotionslosen und nachlässigen Vaterfigur zu erklären, würde z100s eigenen Antrieb nicht gerecht werden.

Dennis vermisst kurz nach dem Launch seines Shops die Konkurrenz. Ausschnitt aus einer verschlüsselten E-Mail an die Redaktion.

"Zu viele dumme Fehler" – Der Amateur

Chemical Love sollte besser sein als alle Drogen-Versandhäuser vor ihm: ein glänzender, freundlicher Online-Shop mit bestem Kundenservice, beeindruckendem Design und Sonderangeboten für besonders treue Käufer.

z100s Vorbild ist der mittlerweile inhaftierte Leipziger Online-Dealer Maximilian S., der als Shiny Flakes über 915 Kilo Drogen verkaufte. "Ist ein guter Junge", befindet z100 am Telefon, "aber er hat zu viele dumme Fehler gemacht und war allein." Hier wittert er eine Lücke, die er durch seine Kontakte ins Milieu füllen will.

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Nur an der Technik scheitert z100 regelmäßig. Allein bekommt er es nicht hin, einen sicheren Shop im Internet und im Darknet aufzusetzen und zu betreiben. Er sucht sich Hilfe auf dem Schwarzmarktboard Crimenetwork.biz (CNW) und gerät an den Kreditkartenbetrüger, Coder und Grafiker Statine.

Aus einer Chat-Unterhaltung, die Statine mit einem Cybercrime-Kollegen geführt hat.

Seinen ersten Auftritt auf CNW unter dem Pseudonym z100 hat Dennis mit einem iPad und macht sich damit ziemlich lächerlich in der auf Verschlüsselung und Sicherheit bedachten Cybercrime-Szene. Als er Statine erstmals kontaktiert, einen auf dicke Hose macht und für die Abwicklung eines Grafikjobs ein Foto von einem Haufen Bargeld schickt, entdeckt der Coder ein Geotag im Bild – und teilt dem Auftraggeber triumphierend mit, er wisse auf den Meter genau, wo er sich befinde. Dennis, paranoid, gehackt worden zu sein, macht daraufhin kurzen Prozess und zerstört panisch sein MacBook.

Der Darknet-Boss braucht Nachhilfe in Sachen Internet

Noch Jahre später macht Statine Witze über seinen damaligen Chef und dessen technisches Unvermögen. Letztlich stellt diese Episode eine Art Assessment-Center für den Online-Drogenhandel dar. Denn z100 ist jetzt von Statines IT-Skills überzeugt und holt ihn ins Team. Der kleine Cybergangster soll den Shop programmieren, Bilder der Drogen ins Netz stellen, Bestellungen weiterleiten, Supportanfragen bearbeiten und manchmal auch mit z100's Foren-Account im Internet auftreten.

Aus einer Chat-Unterhaltung, die Statine mit einem Cybercrime-Kollegen geführt hat.

Während Statine an der Website herumprogrammiert, baut sich Dennis eine Corporate Identity als Online-Dealer z100 auf und knüpft Kontakte. Sein Profilbild ziert ein rosa Panther.

"Wir kennen alle Tricks" – Der Dealer-Superstar

Am 7. April 2015 traut sich Dennis aus der Deckung. Er bewirbt seine neuen Plattform "Chemical Love", damals noch mit dem etwas bürokratischen Nachsatz "Deutsche Apotheke". Bis die Seite und das Bitcoin-Bezahlsystem stehen, wickelt z100 den Handel vorerst nur über das Forum von CNW ab, auf dem auch Viren, Waffen, und geklaute Daten gehandelt werden. Für ihn ist es der Beginn seines raketenhaften Aufstiegs als Dealer-Berühmtheit – für die Cybercrime-Einheiten der Polizei ist es ein Anfangsverdacht, der die Ermittlungen einleitet. Denn auch sie lesen den Post mit.

Dennis versteht instinktiv, dass das Board ein Türöffner für viele neue Kunden sein kann. Deswegen kauft er sich für 10.000 Euro im Monat bei den Betreibern der Seite ein Monopol, mit dem er seine Ware exklusiv auf CNW bewerben kann. Um seine Operation größer erscheinen zu lassen, setzt er Accounts für imaginäre internationale Chemical Love-Mitarbeiter auf und antwortet damit auf Anfragen. Er tritt dort jetzt unter dem wenig subtilen Titel DRUG LORD auf. Seine Bekanntheit wächst rasant. Über das Board regelt er auch Feedback und Fragen zur Bestellung – allerdings wächst ihm das schnell über den Kopf.

Mit schicken Videos und animierten Bannern bewarb z100 vor den Augen der Ermittler sein Geschäft. Bild: Screenshot Chemical Love

Eigene Welt, eigene Regeln – Banner aus dem Online-Shop von Chemical Love. Bild: Screenshot Chemical Love

Ein paar Monate später hat Dennis es geschafft: Der Shop ist fertig programmiert, sieht schick aus und das Geschäft rollt. Von Medikamenten bis hin zu Angeboten wie dem "Nature One-Paket" (Speed, Koks, MDMA zum Sonderpreis) gibt sich das Business beinahe schon seriös und lockt mit weltweitem Versand, Ecstasy-Pressungen mit Wunschlogo und anderem Schnickschnack.

Auch für Großabnehmer machte Chemical Love ein Angebot. Bild: Screenshot Chemical Love.to

Während der führerscheinlose Dennis sich über die holländische Grenze kutschieren lässt, um Nachschub zu besorgen, laufen Chemical Loves animierte Werbevideos für den Internet-Shop sogar auf YouTube – direkt vor den Augen der Ermittler. "Wir kennen alle Tricks", prahlen sie auf der Chemical Love-Website. "Eigene Welt, eigene Regeln – werde Teil davon."

Im Internet lässt sich z100 als "Tony Montana", "größer als El Chapo und Escobar zusammen" oder gleich als "Gott" feiern – seine treuen Kunden auf CNW verehren ihn und schätzen seine stetige Kommunikation. Unter jedem seiner täglichen Großbuchstaben-Updates im Schwarzmarktforum finden sich Lobeshymnen seiner Fans auf die von ihm gelieferten Drogen, die in Päckchen bei den Bestellern eintrudeln.

Eins der typischen, wirren z100-Updates, um die Kunden zu beruhigen – der Inhalt war meistens frei erfunden. Bild: Screenshot CNW

Dass die Angeberei zu einem großen Teil nur Fassade ist, beweist nicht nur Dennis' spätere Verhaftung in dem Drogenbunker des Trios im rheinland-pfälzischen Rülzheim. Das zeigen auch die Chats und Telefongespräche mit uns, bei denen er sich über sein hartes Dealer-Dasein beklagt.

Dennis spürt den Druck. Ausschnitt aus einer E-Mail an die Redaktion.

z100 steht durch die aggressive Werbung permanent unter Druck und droht, aufzufliegen. Die Seite fällt in den folgenden Monaten immer wieder aus und auch der Nachschub funktioniert nicht immer. Die Kunden reagieren darauf, wie sie eben in Cybercrime-Kreisen reagieren: ungehalten, aggressiv, beleidigend.

Wie schnell z100 der Kontakt mit den zappeligen Kunden auf die Nerven geht, beweisen unzählige Forenposts und eine Anmerkung auf der Website: Wer keine Antwort kriegt, habe wahrscheinlich "einfach eine dumme Frage gestellt". Dennis wirkt gestresst und fahrig, die Fassade der Unantastbarkeit bekommt erste Risse.

"Come on, will dir doch bloß 500 Euro in Bitcoin schenken" – Der Bestecher

13 Wochen vor der Festnahme: Nun soll die ganze Welt wissen, was für ein bombiges Geschäft Dennis da gerade aufzieht. Besonders wichtig ist ihm nämlich "Marketing und gute PR", wie er immer wieder sagt.

Ein ganz besonderes Anliegen ist ihm, dass wir endlich ein Interview mit ihm führen, in dem er der Öffentlichkeit seine Vision eines modernen Drogenunternehmens unwidersprochen darstellen kann. Mehrmals pro Woche schickt er "Updates" und "Ideen" zur Bild- und Textgestaltung. Als er merkt, dass wir zurückhaltend reagieren und seine Werbesendung möglicherweise nicht zustande kommen wird, ändert er seine Taktik in Richtung Bestechungsversuch.

Er ist in diesen Dezembertagen besonders großspurig, denn das Geschäft flutscht: "Viertelmillion Umsatz diesen Monat. Danke, Bitcoin!" Der Kurs der Kryptowährung war in diesem Monat überraschend in die Höhe geschossen und bis auf 500 US-Dollar geklettert (aktuell sind es 2000 US-Dollar) – Drogendealern gefällt das.

"Echt jetzt, T.", schrieb er im verschlüsselten Chat, seinem Sprachfluss nach völlig zugeballert, "du bist der erste Mensch, dem ich Geld aufzwingen muss! Komm, her jetzt mit der Wallet." Er probiert es über mehrere Tage.

"Spezialgebiet: Kokain, Amphetamin & schöne Uhren" – Der Boss

"Gebürtiger Holländer, mal hier, mal da" – die Teamvorstellung auf der Website des Drogenshops Chemical Love. Bild: Screenshot Chemical-Love.to

Der Chef als "eleganter Stratege" mit Expertise in Kokain und schönen Uhren, sein Partner ein "tollwütiger Mexikaner": So stellen sich Dennis und seine angebliche Truppe 2015 auf der mittlerweile von den Ermittlern abgeschalteten Chemical Love-Website vor. Die Wahrheit ist trivialer. Die Mitarbeiter, die er für sein Drogen-Business rekrutiert, sind Menschen in eher schwierigen Lebenslagen, die sich vom Versprechen auf schnelles Geld leicht locken lassen.

Der Chef verballert das Geld in der Luxussuite – seine Vasallen müssen im Standardzimmer bleiben

Da ist der zeitweise alkoholabhängige Denis T., der für den Boss die Drogenpakete zur Post bringt. Dessen Bruder Rene L., der Verwalter des Drogenbunkers von Rülzheim, der bereits wegen schweren Bandendiebstahls verurteilt worden ist. An Bord sind außerdem Dennis' Lebensgefährtin Ratchanee K., eine Sexarbeiterin aus Thailand, die wegen Meth-Handel und schwerer Körperverletzung einsaß sowie Achim R. – LKW-Fahrer mit etwas skurriler Deliktbiographie: Körperverletzung, Verstoß gegen das Waffengesetz, Verbreitung von Kinderpornos, Kindesmissbrauch, unerlaubter Umgang mit radioaktiven Stoffen.

Seine Gang speist z100 mit relativ mickrigem Gehalt für ihre zum Teil sehr gefährlichen Dienste ab – der Mann, der sein unterkellertes Badezimmer als Drogendepot zur Verfügung stellt, kriegt als Miete gerade einmal 150 Euro pro Monat.

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Die Lust am Luxus scheint z100 ein steter Antrieb zu sein. Während er für sein sein Team nur Kleckerbeträge übrig hat, mietet sich der Chef immer wieder über längere Zeit im Stuttgarter Luxushotel "Le Méridien" ein und häuft dort binnen weniger Tage fünfstellige Rechnungen an. Für sich selbst beansprucht der Boss während seiner Besorgungsfahrten die Suite im Amsterdamer "Intercontinental". Wer ihn chauffiert, das Zeug verpackt, versendet und versteckt, muss trotz sechsstelliger Chemical Love-Einkünfte mit einem Standardzimmer vorlieb nehmen. Und obwohl er selbst gar nicht fahren kann, gönnt der Dealer sich zwischendurch einen Maserati. Wo die Luxuskarosse heute steht, ist ein Mysterium. Vor Gericht verweigert er dazu jede Auskunft.

"Ich musste einen Fehler begleichen, das war sehr wichtig" – Der Münchhausen

In dieser an Mysterien reichen Geschichten ist da auch noch "Gino": Bei Streitigkeiten drohte er dem Chemical-Love-Mitarbeitern gern mit diesem mysteriösen Oberboss, der um jeden Preis zufriedengestellt werden müsse. Seinen imaginären Freund präsentierte er auch dem Gericht als eigentlichen Strippenzieher hinter Chemical Love – nur dumm, dass ihn niemand je gesehen hat. Auch die Ermittler haben keine Beweise für Ginos Existenz.

Dass er keineswegs Skrupel hat, selbst als Angeklagter vor Gericht eine haarsträubende Geschichte aufzutischen, hat Dennis schon einmal bewiesen. Auf Drogen und mit 1,8 Promille Alkohol im Blut rast er 2013 mit dem Porsche von Papas Gnaden über eine Verkehrsinsel und brettert dabei ein Verkehrsschild um. Der Polizei erzählt er später, seine Freundin habe am Steuer gesessen. Sie habe den Unfall auch nur gebaut, weil drei mysteriöse Unbekannte in einer dicken Limousine die beiden von der Straße gerammt hätten.

"Ich halte die Schmerzen und die Kälte nicht mehr aus!" – Der Gefangene

Doch der Angeber hat auch eine weiche und sogar charmante Seite. Dass Dennis keineswegs nur der abgebrühte Drogenboss ist, als der er sich im Netz gerne präsentierte, zeigt eine Postkarte, die er an seine Freundin Carolina T. schreibt. Dennis klagt darin über Schikanen in der Untersuchungshaft, er werde ständig zu Gesprächen genötigt, etwa wenn ihm Carolina Dinge ins Gefängnis schicken will. So geschehen am 22. September 2016, als ein Päckchen von T. – zwei DVDs, eine Zeitschrift mit dem Titel "Was wäre wenn" und ein Selbstbräunungstuch – die Haftanstalt erreicht, aber von Staatsanwalt Alexander Fassel aus Sicherheitsgründen abgelehnt wird.

"Ich halte die Schmerzen und die Kälte nicht mehr aus, die machen mich kaputt", schreibt er und fleht: "Bitte sendet mich in einen Himmel." Der Brief wird sofort beschlagnahmt. Die Staatsanwaltschaft sieht darin ein Indiz für einen möglichen Suizid. Dennis' Schreiben endet mit den Zeilen: "Es gibt hier keine Liebe, und ohne Liebe sterbe ich."

Ausschnitt aus der beschlagnahmten Postkarte an Carolina T.

Mag sich dieser Brief auch ganz herzerweichend lesen – ganz so unschuldig kann z100 in seiner Zelle nicht gewesen sein. Zumindest soll er noch die Energie aufgebracht haben, einem seiner Sidekicks in der Untersuchungshaft mit einem Kopfschuss zu drohen, sollte der sich zu einer Aussage gegen den Chef hinreißen lassen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Dennis' mutmaßlicher Todesdrohung – doch kann den Vorwurf nicht erhärten.

Der Kriminelle eines neuen Typus braucht ein soziales Außen

Dass Dennis ständig den Kontakt zu uns gesucht und schon mal 90 Minuten am Telefon gequasselt hat, deutet darauf hin, dass sein luxuriöses Internet-Dealerleben ein Stück weit einsam gewesen sein muss – und dass er ein soziales Außen gesucht hat, dem er sich offenbaren konnte. In der Welt des Verbrechens gibt es die simplen Gemüter, die nur die blanke Gier antreibt; der geltungssüchtige, mitteilungsbedürftige Dennis gehört eher nicht dazu. Manchmal hadert er mit seinen Entscheidungen, etwa als er in einem Chat unsere Meinung dazu wissen möchte, ob er Heroin in sein Sortiment mit aufnehmen soll – als wollte sich bei anderen rückversichern, ob das denn alles okay ist, was er da macht. Fällt diese Antwort aber nicht so aus wie gewünscht – egal, dann zieht er es trotzdem durch.

Im Internet schien die Operation Chemical Love viel erfolgreicher und beeindruckender, als sie es in der Wirklichkeit je war. Doch das Produkt z100 und seine halb ausgedachte Gang aus Mexikanern wurde in dem Metier, das sich Dennis ausgesucht hat, kurz zu einer Legende. Nach Mexiko hat er es allerdings nie geschafft.

z100 – Der letzte seiner Art?

Die Zerschlagung von Chemical Love ist für die Ermittler ein großer Erfolg. Bei ihrer monatelang geplanten Operation erleiden sie aber auch eine Niederlage: Sie kommen nach der Festnahme nicht an das Vermögen des Online-Dealers ran. Das Passwort für sein Kryptowährungs-Wallet, in dem noch immer ein Betrag von von über 1,6 Millionen Euro schlummert, will Dennis weder in den Verhören noch im Prozess einfallen.

Mai 2017, Verhandlungstag 17: Die Luft ist stickig im Landgericht Landau. Gerade werden die Schlussplädoyers verlesen, der Angeklagte hat nun das Wort. Kleinlaut bittet Dennis um Verständnis: "Ich bitte Sie, zu berücksichtigen, dass ich schnellstmöglich eine Therapie machen will", sagt er noch zu Richter Ruppert, bevor dessen Kammer z100 zu fast 15 Jahren Haft verurteilt.

Das Forum Crimenetwork.biz, das Shiny Flakes und Chemical Love zum Aufstieg verhalf, nehmen Ermittler kurz nach Dennis' Festnahme vom Netz. Seitdem z100 hinter Gittern sitzt, konnte sich noch keine Nachfolgeseite als zentraler und leicht zu erreichender Drogenumschlagplatz im Internet etablieren. Stattdessen legen die Ermittler nach und verfolgen etliche Chemical-Love-Kunden strafrechtlich. Erst kürzlich konnten Spezialisten der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) mit AlphaBay und HansaMarket zwei der drei größten internationalen Darknet-Schwarzmärkte zerschlagen.

Doch da ist auch noch eine andere Statistik: Immer mehr Menschen kaufen Drogen im Darknet. 2016 stieg die globale Nachfrage nach Kokain, Crystal und LSD auf Darknet-Märkten im Mittelwert um circa 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bis der nächste Dennis zum Höhenflug ansetzt, ist es nur eine Frage der Zeit.