Das fragwürdige Geschäft mit "Wunderkindern"
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Das fragwürdige Geschäft mit "Wunderkindern"

Sind manche Menschen einfach zu Großem geboren oder werden sie von überehrgeizigen Eltern dazu gezwungen? Wir haben "Mini-Mozart" Curtis Elton besucht und festgestellt: Einfach ist die Antwort nicht.
11.7.17

Curtis Elton beantwortet meine Fragen wie ein professioneller Pressesprecher. Eigentlich kein Wunder: Mit gerade mal 12 Jahren ist das klavierspielende Wunderkind schon ein echter Medienprofi und hat dutzende Interviews gegeben. Seine Auftritte in verschiedenen Talkshows haben ihm den Spitznamen "britischer Mini-Mozart" eingebracht.

Als wir jetzt gemeinsam im Wohnzimmer seiner Eltern sitzen, erzählt er mir allerdings, dass er Klavierstücke aus dem 16. Jahrhundert eigentlich gar nicht so gerne spielt. ("Das ist alles zu leidenschaftslos, keine Pedale, das erzählt keine Geschichte!") Curtis träumt davon, eines Tages in der Royal Albert Hall zu spielen, dass er medial so präsent ist, ist allerdings ziemlich ungewöhnlich. Normalerweise meiden Wunderkinder das Rampenlicht. Viele von ihnen zerbrechen unter dem Druck, nicht nur dem eigenen Anspruch, sondern auch dem der Medien zu genügen.

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Nehmen wir zum Beispiel mal die Mathematikprofessorin Ruth Lawrence, die mit 13 Jahren ihren Bachelor an der Oxford University gemacht hat, anschließend nach Israel zog und Interviews seither partout ablehnt. Oder der schüchterne Andrew Halliburton, dem der Druck, ein mathematisches Wunderkind zu sein, so sehr über den Kopf wuchs, dass er sein Studium schmiss und anfing, bei McDonald's zu arbeiten.

"Ich sehe mich selbst einfach als einen Menschen, der sehr gut in dem ist, was er macht."

Trotz des starken öffentlichen Interesses an Wunderkindern gibt es kaum Untersuchungen, die dieses Phänomen betrachten. Professor David Feldman, ein Experte für kognitive Entwicklung an der Tufts University, ist einer der wenigen Wissenschaftler, die sich der Erforschung von Wunderkindern und Hochbegabten verschrieben haben. Wie er mir erklärt, gab es vor ihm noch nicht einmal eine einheitliche Definition von einem Wunderkind.

"Ich musste mir erst eine überlegen", sagt er, während unseres Telefonats. "Gemeint ist ein Kind, das im Alter von zehn Jahren auf einem anspruchsvollen Gebiet Fähigkeiten zeigen, die normalerweise dem professionellen Niveau eines Erwachsenen entsprechen."


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Ein Wunderkind zu finden, das bereit war, mit mir zu sprechen, war dabei deutlich schwieriger als erwartet. Schließlich erklärte sich Curtis' Mutter Hayley zu einem Treffen im Haus der Familie in einem Londoner Vorort bereit. Schon im Eingangsbereich strahlt mir ein gerahmtes Foto von Curtis entgegen, auf dem er als kleiner Mozart verkleidet ist. Daneben hängt eine Plakette, die verkündet, dass es sich hier um den jüngsten graduierten Pianisten der Welt handelt. Das Wunderkind hat mich bereits erwartet und trägt einen weißen Seidenanzug.

Theoretisch erfüllt Curtis die Kriterien eines kindlichen Genies eigentlich überhaupt nicht – zumindest nicht nach Feldmans eng gefasster Definition. Als er seinen Abschluss machte, war er schließlich bereits Elf und somit ein Jahr älter, als es die Definition voraussetzt. Hayley hingegen betont, dass Curtis der jüngste Mensch der Welt sei, der einen Universitätsabschluss in Musik und ein Diplom des Londoner Trinity College hätte. Dadurch könne er nicht nur auf dem Niveau eines professionellen Musikers spielen, sondern hätte auch ein entsprechendes musikalisches Verständnis. Eine besondere Begabung ist allerdings nicht dasselbe wie ein Wunderkind.

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Ich frage seine Mutter, ob Curtis getestet wurde. "Das war mir immer egal", sagt sie.

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Ein klavierspielendes Wunderkind, das Feldmans anspruchsvolle Kriterien erfüllt, ist zum Beispiel der 15-jährige George Harliono. Er spielte sein erstes Solokonzert im Alter von neun Jahren und trat in der Vergangenheit schon mit dem Staatlichen Sinfonieorchester in Moskau, in der Royal Albert Hall in London und an der Seite des berühmten chinesischen Pianisten Lang Lang auf.

"Ich betrachte mich selbst nicht als Wunderkind. Eigentlich fühle ich mich auch nicht wohl dabei, wenn mich andere so nennen", erklärt Harliono. "Ich sehe mich selbst einfach als einen Menschen, der sehr gut in dem ist, was er macht. Wenn man das macht, was einem gefällt und man von den Menschen in seiner Umgebung unterstützt wird, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass man sehr gut in dem ist, was man macht. Ich glaube nicht, dass ich mit einem besonderen Gen oder ähnlichem geboren wurde."

"Die meisten Wunderkinder werden keine erfolgreichen, anerkannten, erfüllten und glücklichen Erwachsenen. Eher das Gegenteil."

Natürlich sind Harliono und Curtis einzigartig – daran würde vermutlich niemand zweifeln. Doch was ist, wenn ein Kind mit dem Glauben aufwächst, anders zu sein?

"Die meisten Wunderkinder werden keine erfolgreichen, anerkannten, erfüllten und glücklichen Erwachsenen. Eher das Gegenteil", erklärt Feldman. Er schätzt, dass nur knapp drei Prozent aller vermeintlichen Wunderkinder einer professionellen Karriere auf ihrem Gebiet nachgehen.

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"In so einem Fall muss alles glatt laufen und auch weiterhin gut laufen – zehn Jahre lang oder mehr", sagt er. "Allerdings halten es die Wenigsten auch solange aus."

Manchen Familien fehlen schlichtweg die Ressourcen, um den Unterricht ihres Wunderkinds zu bezahlen. Manchmal haben Kinder aber auch einfach keinen Zugang zu der Förderung, die sie bräuchten, um weiterzukommen. Ganz abgesehen davon sind die Möglichkeiten, in bestimmten Bereichen einer professionellen Karriere nachzugehen, begrenzt. Zum Beispiel erreichen nur wenige Wunderkinder im Schach das Niveau eines Meister oder Großmeisters – alle anderen müssen sich einen normalen Beruf suchen.

Feldman mahnt zur Vorsicht. "Es ist wichtig, nicht die Erwartung zu haben, dass man mit einem talentierte Kind auch immer eine wundervolle Geschichte zu erzählen haben wird – im Gegenteil. Meistens sind die Geschichten gar nicht so schön."

Feldmans Worte klingen noch immer in meinem Gedächtnis nach, als ich Hayley in die Küche folge, um mich mit ihr in Ruhe zu unterhalten. Das Klavier ist ganz offensichtlich eine große Leidenschaft von Curtis, in die auch Hayley sehr viel investiert hat. Gleichzeitig scheint sie zu ahnen, dass man ihr diesen Ehrgeiz auch negativ auslegen könnte.

"Wurde dir schon mal vorgeworfen, dass du ihn zu sehr unter Druck setzt?", frage ich.

"Nein, nein", sagt Hayley. "Wenn jemand talentiert ist, dann muss ihn auch unterstützen." Angst, dass sie ihrem talentierten Nachwuchs damit die Chance auf eine normale Kindheit raubt, hat sie nicht.

"Als ich vor einigen Jahren einen Wettbewerb gewonnen habe, kam eine Frau zu mir und fragte, ob ich überhaupt üben musste."

"Man muss es richtig machen. Manche Eltern sind total besessen von der akademischen Ausbildung ihrer Kinder und denken an nichts anderes mehr. Ich glaube, man muss die richtige Balance finden."

Feldman hingegen hat bei seinen Untersuchungen die Beobachtung gemacht, dass sich "immer mindestens ein Elternteil vollkommen der Förderung des Kindes verschrieben [hat]. Sie haben sozusagen all ihre Kraft in diesen Prozess gesteckt." Laut dem Experten gibt es drei Voraussetzungen, um ein Wunderkind zu werden: eine natürliche Begabung, die Unterstützung der Eltern und die richtige Umgebung (zum Beispiel ein Land, in dem kein Krieg herrscht).

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Oft wird dabei unterschätzt, dass selbst ausgemachten Wunderkindern nichts in den Schoß fällt. "Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich vor einigen Jahren einen Wettbewerb gewonnen habe und eine Frau zu mir kam und fragte, ob ich überhaupt üben musste", erzählt Harliono. "Das war schon fast komisch, wenn man bedenkt, wie viel ich üben musste."

In seinem Buch Outliers zitiert Malcolm Gladwell eine Studie des Psychologen Anders Ericsson, um zu zeigen, dass jedes vermeintliche Wunderkind mindestens 10.000 Stunden üben muss, um auf einem bestimmten Gebiet so gut zu werden. "Ich arbeite Hunderte von Stunden an einem einzelnen Stück und trete schlussendlich eine halbe Stunde lang auf", bestätigt auch Harliono.

Laut ihm seien es häufig die Eltern, die an eine beinahe magische Begabung ihres Nachwuchses glauben wollten – und dementsprechend auch die Ersten sind, die das Wort "Wunderkind" in den Mund nehmen.

"Er konnte schon sehr früh lesen und schreiben. Damals war er noch nicht mal drei", sagt Hayley über Curtis. "Als er angefangen hat, Klavier zu spielen, hat er es gleich richtig gemacht und mit den Fingern gespielt. Das ist ziemlich ungewöhnlich, denn normalerweise hauen Kinder nur auf den Tasten herum."

Während ich Hayley so zuhöre, frage ich mich, ob sie Curtis' natürliche Begabung immer wieder betont, weil es im Westen eine generelle Abneigung gegen offen ehrgeizige Erziehungsmodelle wie in beispielsweise China gibt. Der Mythos des Wunderkinds erinnert an die Lügen gertenschlanken Schauspielerinnen, die Journalisten gerne erzählen, wie sehr sie Junkfood lieben.

"Wenn du ein intelligentes Kind hast, warum solltest du ihm dann im Weg stehen?"

Ich frage Curtis, ob er glaubt, dass er anders ist. "Ja", antwortet er, ohne zu zögern. "Ich bin ein ziemlich begabter Klavierspieler. Ich mache viele Sachen und ich gebe nie auf."

Angesichts all der Nachteile, die es mit sich bringt, ein Wunderkind zu sein – der Verlust einer normalen Kindheit, die mediale Aufmerksamkeit und die zeitlichen Verpflichtungen –, ist es schwer nachzuvollziehen, warum Eltern wollen, dass ihre Kinder als Genies gelten. Es gibt allerdings eine sehr nüchterne Erklärung: Es hilft ihnen, in die besten und renommiertesten Schulen und Universitäten zu kommen.

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"Das hat sich mit dem Wahn der oberen Mittelklasse verbunden, dass ihre Kinder unbedingt einen guten Studienplatz bekommen müssen", sagt Feldman. "Sie suchen nach einem möglichen Vorteil für ihr Kind, damit es aus Tausenden von anderen Kindern heraussticht, die ebenfalls in einer Eliteschule aufgenommen werden wollen. Ich persönlich finde das verwerflich, korrupt und kann so etwas nicht unterstützen."

Hayley sieht das anders. "Wenn du ein intelligentes Kind hast", sagt sie, "warum solltest du ihm dann im Weg stehen? Du richtest mehr Schaden an, wenn sie sich in der Schule langweilen. Sie müssen beschäftigt werden."

Als ich sie frage, wie sie es finden würde, wenn sich Curtis eines Tages gegen seine "Gabe" entscheiden sollte, wird sie sauer. "Das ist, als würde man sagen: 'Gibt es Menschen, die sich von einem Auto überfahren lassen wollen?'" Zwar sei ihr nichts wichtiger als die Zufriedenheit ihres Kindes, nicht einmal eine Karriere als Starpianist, gleichzeitig ist sie aber auch überzeugt: "Das ist nicht Curtis. Ich weiß, dass er das möchte."

Ich verlasse das Haus der Eltons mit gemischten Gefühlen. Mit 12 Jahren scheint Curtis sich und sein Leben schon bereitwillig dem Klavier verschrieben zu haben. Ich kann allerdings auch nicht anders, als immer wieder an Feldmans warnende Worte zu denken, dass nur drei Prozent aller Wunderkinder auch als Erwachsene mit ihrem Talent Erfolg haben.

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Genau wie ein professioneller Sportler mit kaputten Knien, kann es auch passieren, dass Kinder nie wieder lang oder weit laufen können werden, wenn man sie darauf trainiert, Großes zu erreichen.

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Mich trifft vor allem, was Alice sagt, nachdem sie Fotos von Curtis gemacht hat. "Es war ziemlich leicht, ihn zu fotografieren. Normale Menschen denken immer darüber nach, wie sie wahrgenommen werden. Das macht es oft schwierig, sie zu fotografieren. Curtis dagegen war irgendwann komplett abwesend."

Sie macht eine kurze Pause und sagt dann: "Wahrscheinlich, weil er so überreizt ist."

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