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Warum Kylo Ren der beste 'Star Wars'-Bösewicht aller Zeiten ist

Du denkst es doch auch.

von Brogan Morris; Übersetzt von Sandra Sauerteig
05 Januar 2018, 1:47pm

Foto: bereitgestellt von Lucasfilm

Warnung: Dieser Artikel enthält Spoiler für 'Star Wars: Die letzten Jedi'.

Wenn hartgesottene Star Wars-Fans von Die letzten Jedi nicht begeistert sind, liegt es vielleicht daran, dass sich bei Star Wars viel verändert hat. Die Sequels nehmen sich selbst auf die Schippe und die Hauptcharaktere sind nicht mehr vorrangig weiß und männlich. Während die Originalfilme vom Kampf Gut gegen Böse bestimmt wurden, zeigen die neuen Filme Graustufen.

So gab es in Rogue One vermeintliche Gute, die Verbündete töteten und Bösewichte, die eigentlich nichts weiter als obrigkeitshörige Bürokraten waren. In Das Erwachen der Macht lernten wir einen Stormtrooper mit Gewissen kennen, einen Soldaten des Imperiums, der zur guten Seite überlief. Die letzten Jedi geht noch einen Schritt weiter: Luke Skywalker, der ultimative Star-Wars-Held, ist inzwischen ein verbitterter Einsiedler, der dem Jedi-Orden ein Ende setzen möchte. Der neueste Bösewicht Kylo Ren hingegen ist ein mitfühlender Antagonist, dessen Handlungen fast schon nachvollziehbar wirken.

Bisher waren die Widersacher in Star Wars – Darth Vader, Imperator Palpatine, Count Dooku, der asthmatische Cyborg General Grievous – allesamt Bösewichte der alten Schule: Sie erfreuten sich am Leid anderer, weil sie einfach gewissenlose Arschlöcher waren. Der Palpatine-Darsteller Ian McDiarmid – allem Anschein nach der Einzige, der überhaupt Freude an den Star-Wars-Prequels hatte – spielte seine Rolle mit einem Genuss, der einem Shakespeare-Stück würdig gewesen wäre. Trotzdem konnte nichts darüber hinwegtäuschen, dass der künftige Imperator einzig und allein aus purer Boshaftigkeit handelte. Gleichzeitig wollte George Lucas die Prequels nutzen, um dem Zuschauer die Verwandlung des unschuldigen Sklavenjungen Anakin Skywalker in den mordenden Darth Vader glaubhaft zu verkaufen – vermasselte diese Chance jedoch gründlich.


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Doch Kylo Ren ist nicht einfach nur böse. Während er in Das Erwachen der Macht eher als Emo-Version von Darth Vader daherkam, wird er in Rian Johnsons neuestem Film wesentlich komplexer. Es ist Kylo Rens labile mentale Verfassung, die ihn zu seinen Taten antreibt. Adam Driver spielt die Rolle des verwirrten, emotional traumatisierten Charakters so überzeugend, dass er wohl für den Oscar als bester Nebendarsteller nominiert werden würde, wenn er nicht ausgerechnet in einem seichten Sci-Fi-Blockbuster mitspielen würde. Dass Kylo Ren so glaubwürdig ist, liegt in seiner sorgfältig gezeichneten Hintergrundgeschichte: Als Sohn von zwei der größten Kino-Helden aller Zeiten ist Kylo Ren der wahrscheinlich beste Star-Wars-Bösewicht aller Zeiten.

Wir wissen nicht viel über die Kindheit von Kylo Ren, der eigentlich Ben Solo heißt: Seine Eltern haben kaum Zeit für ihn und sein zynischer Vater Han Solo hält nicht viel von seinen Jedi-Kräften. Der Onkel, dem Kylo Ren blind vertraut, ermordet ihn beinahe im Schlaf. Dank seiner prominenten Familie fühlt sich Kylo Ren gleichzeitig zu Großem berufen und hat doch Minderwertigkeitskomplexe. Er ist ein junger Mann mit einer schmerzhaften Vergangenheit, der als Teenager im Stich gelassen wurde und verzweifelt nach einer Vaterfigur sucht.

Kylo Ren ist ein Charakter der Extreme: angsteinflößend und bemitleidenswert, verführerisch und abstoßend, überlegen und doch klein. Gegen Ende von Die letzten Jedi, nachdem er einen Großteil des Films in einer sexuell aufgeladenen telepathischen Unterhaltung mit Rey verbracht hat, ermordet Kylo seinen Meister aus einem Impuls heraus. Anschließend versucht er, Rey mit einer flammenden Rede auf seine Seite zu ziehen. In einer der wohl schönsten, verqueren Liebeserklärung der Filmgeschichte erklärt er Rey, dass sie zwar ein Niemand sei, ihm jedoch viel bedeute. Dann bittet er sie leise, sich ihm anzuschließen und klingt dabei wie der einsamste Mensch im Universum.

Kylo Ren ist anders als die früheren Star-Wars-Gegenspieler. Während sie von einer mysteriösen "dunklen Seite" in Versuchung geführt wurden, die wir als Zuschauer nie ganz verstehen konnten, ist Kylo Ren aus nachvollziehbaren Gründen böse. Er wird Darth Vader seinen Status als ultimativer Bösewicht nicht ablaufen: Vader wird immer der Schwarze Ritter mit der eindrucksvollen Stimme von James Earl Jones, der imposanten Statur von David Prowse und dem Kleidungsstil eines Post-Punk Samurai bleiben. Doch dieser großartige Gegner, so beeindruckend er damals auch war, wäre heute nicht mehr glaubwürdig. Denn uns Zuschauern leuchtet die unbegründete Boshaftigkeit einfach nicht mehr ein. Wir haben die märchenhafte Vorstellung hinter uns gelassen, dass unsere Welt völlig grundlos in Gut und Böse unterteilt ist.

Kino-Bösewichte, die einfach nur lachende Fieslinge sind, wirken heute aufgesetzt. Marvel wird beispielsweise regelmäßig für sein "Bösewicht-Problem" kritisiert, denn hier mangelt es den Widersachern oft an einer klaren Motivation für ihre Übeltaten – abgesehen davon, dass jeder Held einen Gegenspieler braucht. Kylo Ren hingegen ist der perfekte Antagonist für unsere komplexe Welt – eine Welt, in der der Held des einen für den anderen ein Schurke ist. Eine Welt, in der Moralvorstellungen flexibler geworden sind und jeder weiß, dass die "Guten" manchmal ungewollt ihre eigenen Feinde erschaffen. Wenn es also um die Gegenspieler geht, können wir definitiv sagen, dass Star Wars nicht mehr so ist wie früher. Es ist besser geworden.

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