literatur

Dieser Pastor hat einen Roman über Analsex und Glauben geschrieben

Wir haben mit Konstantin Sacher über seinen Roman 'Und erlöse mich', schlechten Sex, Ayahuasca-Trips und den Tod gesprochen.

von Matern Boeselager
30 Januar 2018, 10:46am

Foto vom Autor

"Ich muss wissen, ob ihr mich für ein egoistisches Arschloch haltet. Bitte schickt eure Antwort möglichst bald." – Das ist die Bitte, mit der der Erzähler dieses Buch anfängt. Die Geschichte, die dann folgt, führt den Protagonisten durch Champagner-Partys in Nobelhotels, Hippie-Kommunen auf Mallorca und Stripclubs in London. Auf dem Weg hat er sehr viel Sex – und hadert mit Gott. Und das liegt auch daran, dass der Autor des Buches Theologe ist.

"Und erlöse mich" ist der Debütroman von Konstantin Sacher. Sacher ist 33 Jahre alt, hat zwei Jahre lang als Vikar (eine Art Azubi-Pastor) in Frankfurt gearbeitet und unterrichtet nun evangelische Theologie an der Universität Leipzig. Wir haben mit ihm über sein ungewöhnliches Buch, Ayahuasca-Trips in Ecuador und die wahre Bedeutung von Erlösung gesprochen.

VICE: Dein Roman handelt von einem gut aussehenden Theologie-Studenten, der gerne trinkt, raucht und mit vielen Frauen schläft. Wie viel von dir steckt da drin?
Konstantin Sacher: Also: Keine der Geschichten, die im Buch vorkommen, habe ich so erlebt. Das Buch ist also nicht autobiografisch, aber: Die Gefühle des Protagonisten kenne ich, diese innere Zerrissenheit, die er erlebt. Immer wenn er sich auf einem guten Weg befindet, macht er es wieder kaputt. Dieses Muster trage ich auch in mir.

Und wie spiegelt sich das im Buch wider?
Ich habe mir für einzelne Gefühle Geschichten ausgesucht, die das gut illustrieren. Manche davon sind aber Freunden von mir passiert: zum Beispiel die Szene, in der ein Mädchen dem Protagonisten das Kondom einfach vom Penis abzieht. Viel von dem, was er in der Hippie-Kommune auf Mallorca erlebt, ist von einem Ayahuasca-Rausch inspiriert, den ich mal im ecuadorianischen Dschungel erlebt habe. Und: Für alle Frauen, die in dem Buch vorkommen, hatte ich echte Vorbilder aus meinem Leben.

Sacher vor dem Berliner Dom | Foto: VICE Media

Wolltest du mit den Sexszenen bewusst provozieren?
Nein, überhaupt nicht! Die sind da drin, weil ich das Leben eines Mannes Ende 20 realistisch zeigen wollte. Sex ist einfach ein riesiger Faktor im Leben. Und deshalb musste er auch ins Buch. Der Sex im Buch ist ja auch nicht immer nur positiv, sondern oft auch hochproblematisch – und darunter leidet der Protagonist auch. Es war mir wichtig zu zeigen, dass Sex großartig ist, aber auch negative Seiten haben kann. Beim Schreiben habe ich überhaupt nicht darüber nachgedacht, dass das provokant sein könnte. Das ist mir erst klar geworden, als ich mit den Ersten darüber geredet habe. Aber dann habe ich beschlossen, dass mir das egal ist.

Hast aus der Kirche Ärger bekommen?
Nein, die Kirche hat bis jetzt gar nicht reagiert – dabei habe ich meinem Kirchenpräsidenten extra ein Exemplar geschickt. Das liegt vielleicht daran, dass ich gerade nicht als Pastor arbeite, sondern an der Universität unterrichte. Ich habe das Buch meinem Chef vorher gegeben, weil ich ihn warnen wollte, dass das an der Theologischen Fakultät ein bisschen heikel sein könnte. Aber ihm hat es sehr gut gefallen. Ich weiß aber, dass jetzt an der Fakultät und auch unter den Studenten natürlich darüber geredet wird.

Also glaubst du, dass es keine Probleme geben wird, wenn du wieder als Pfarrer arbeiten willst?
Nein, ich glaube nicht. Ich habe letzte Woche erst mit meiner Pröbstin ausgemacht, dass ich dieses Jahr ein ehrenamtliches Pfarramt übernehme, da scheint es also kein Problem zu geben. Ich kann mir vorstellen, dass das vielleicht für ältere Leute in der Gemeinde erstmal ungewohnt ist – aber ich kann ja dann mit ihnen darüber sprechen.


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Deine Romanfigur benimmt sich oft wie ein ziemliches Arschloch. War dir das bewusst?
Ja, klar. Die Frage stellt er sich selbst permanent: Bin ich einfach ein Egoist? Er gibt deshalb auch eine E-Mail-Adresse an, an die man schreiben soll, wie man ihn findet. Die Adresse habe ich wirklich eingerichtet, und jetzt schreiben mir da immer mal wieder Leute. Ein paar finden, dass er wirklich ein Arschloch ist, andere aber überhaupt nicht. Mein Ziel war natürlich nicht, ihn als reines Arschloch darzustellen, sondern als ambivalente Person. Ich hoffe, dass ich ihm auch genug von der anderen Seite mitgegeben habe.

Egal, ob er gerade mit anderen Theologie-Studentinnen Analsex hat oder betrunken mit dem Porsche auf der Autobahn fährt – er sucht dabei immer nach etwas, das er "Erlösung" nennt. Was ist das?
Erlösung bedeutet für mich, wirklich angekommen zu sein. Jeder kennt dieses Gefühl, nicht zufrieden zu sein mit dem, was man hat, mehr zu wollen, etwas anderes zu wollen. Erlöst ist man, wenn das weg ist, wenn man wirklich nur im Moment bleiben will. Diese Sehnsucht danach hat der Heilige Augustinus ausgedrückt, als er gesagt hat: "Unruhig ist mein Herz, bis es Ruhe findet in dir, oh Herr." Danach strebt ja auch der Protagonist.

Der Witz ist natürlich, dass er das nie bekommen kann. Niemand kann das. Was wir in der Welt immer wollen, das finden wir nicht in der Welt. Religiöse Menschen glauben, dass man erst bei Gott wirklich ankommen kann – also leider erst im Tod.

Glaubst du, Gott ist den meisten Menschen heute überhaupt noch wichtig?
Ich glaube, Gott ist immer gleich wichtig. Was weniger wichtig ist, sind überkommene religiöse Vorstellungen von Gott, zum Beispiel diese christlichen Bilder. Aber das ist nicht so schlimm, denn Gott ist ja nicht das, was in der Bibel steht. Gott ist eigentlich nur unser Wort für unsere Unfähigkeit, alles zu verstehen. Deshalb wird Gott immer wichtig sein, weil wir immer vor diesen existenziellen Fragen stehen werden. Natürlich kann man sagen, dass man nicht daran glaubt – aber dann hat man schon über Gott nachgedacht.

Das ist irgendwie deprimierend.
Vielleicht, aber es ist einfach die Wahrheit. Das, was wir im Leben suchen, können wir nicht haben. Keiner von uns.

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