"Wie ein extrem langes Musikvideo" – Unsere ausführliche Filmkritik zum Marteria-Film
Musikfilm

"Wie ein extrem langes Musikvideo" – Unsere ausführliche Filmkritik zum Marteria-Film

Gestern feierte Marterias erster Film 'antiMARTERIA' Premiere und eine Filmexpertin sagt euch jetzt, wie sehenswert er wirklich ist.

Foto: Screenshot von YouTube aus dem Video "Marteria – antiMARTERIA" von Green Berlin

Es begann mit mysteriösen Instagram-Postings und endet jetzt mit einem kompletten Film. Als Marteria sich Anfang Dezember in Südafrika zeigte, spekulierten wir schon, dass da doch bestimmt an einem Album und Musikvideos gearbeitet wird. Klar, war auch so. Doch neben dem frisch erschienenen Roswell überraschte uns der Rapper dann noch mit der Ankündigung, dass ein ganzer Film namens antiMARTERIA kommen sollte. Gestern feierte dieser dann im Berliner Kino International Premiere. Gleichzeitig wurde er auf YouTube online gestellt, damit ihn jeder kostenlos sehen kann. Filmexpertin Anna Wollner hat sich für uns Marterias erstes Langfilm-Projekt angeschaut und kritisch unter die Lupe genommen:

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Jetzt also auch noch ein Film. Als ob Marteria wirklich alles könnte. antiMARTERIA ist eine knapp 60-minütige Erfahrung, ein visueller Trip in den Kopf des Rappers. Als ob die Musik noch nicht reichen würde. Dabei will antiMARTERIA die perfekte Bebilderung des Albums Rosswell sein und das jüngste Werk des Rostockers in einen universelleren Kontext stellen. Oder besser gesagt in einen südafrikanischen – denn da spielt der Film – unter dem Label modernes Märchen.

Dabei sind es eigentlich nur Fragmente, kurze fiktive und dokumentarische Momentaufnahmen, die zu einem großen Ganzen verbunden werden sollen. Ein bisschen Kapitalismuskritik, ein bisschen Drogenrausch, ein bisschen Einblick in das Leben von Marteria. Dabei geht es um ein indigenes Volk mit Stoßzähnen aus Elfenbein, ein paar Warlords und Drogenschmuggler, die es auf eben jenes wertvolle Gut (die kostbarste Substanz im Universum, die das Bewusstsein erweitert und Raum und Zeit öffnet), abgesehen haben und um Marteria. Der tingelt auf Promotour durch Südafrika, macht mit seiner Entourage in Townships Halt, spielt mit den Kindern Fußball und verteilt Hansa Rostock-Trikots. Zwischendrin ein paar Aliens und Raumschiffe.


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Die verschiedenen Handlungsstränge kreuzen sich, als Marteria beim Angeln einen dieser Stoßzähne herausfischt und eine Vision hat. Mit Aliens und übernatürlichen Fähigkeiten. Es ist ein Geschichtsmosaik, ein Kaleidoskop der Bilder, ein kryptischer Klangteppich, der auf der dramaturgischen Ebene verstört, mehr Fragen hinterlässt als Antworten gibt und von Marterias Musik zusammengehalten wird.

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Zugegeben, es sind mitunter betörend schöne Bilder oder besser gesagt assoziative Bilderketten: weite Landschaften, Dünen, Sand, Lichtspiegelungen in der Wüste. Immer wieder Infrarotbilder einer Wärmekamera, Animationen, Verfremdungseffekte. Kampfszenen mit Blut und Martial Arts. Ein bisschen Neil Blomkamps District 9, ein bisschen Manga, ein bisschen Kill Bil l, ein bisschen Nicholas Winding Refn und Terence Malick. Allerdings auf Speed. Oder in diesem Fall Elfenbeinpulver.

Dennoch oder vielmehr trotzdem fühlt es sich oft an wie ein extrem langes Musikvideo – unterbrochen von einer Drogenerfahrungs-Gangster-Messiasgeschichte. Die Bilder, sie sehen stylisch aus und sind vertraut – zumindest wenn man die Musikvideos zu "Aliens" und "Das Geld muss weg" kennt. Am Ende wirkt der Film wie die Resteverwertung überflüssigen Musikvideomaterials, in dem einfach viel zu viel zusammenkommt.

Die Idee für dieses audiovisuelle Schaulaufen hatte Marteria zusammen mit dem Regisseur und Autor Specter Berlin, um sich herum scharen sie bekannte Gesichter. Marteria spielt stocksteif eine Version von sich selbst, die schnoddrige Berliner Allzweckwaffe Frederick Lau seinen Manager, Emilia Schüle eine Art Zahnfee mit drittem Auge und schrillen Klamotten, Trystan Pütter (der in Toni Erdmann im vergangenen Jahr erst auf Petit Four onanieren durfte) einen Reisebegleiter, Szene-Fotograf Paul Ripke den Szenefotograf Paul Ripke, der immer im Mittelpunkt des Geschehens ist und die Kamera in der Hand hält.

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"Anfangs wussten wir gar nicht was es werden soll", steht im Pressetext zum Film. Ein Gefühl, das auch am Ende nicht verschwindet.


Den kompletten Film könnt ihr hier anschauen:

Anna ist auch auf Twitter: @FilmAnna

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