Sex

Chronische Schmerzen haben mein Sexleben verbessert

Erst durch einen Unfall wurde mir bewusst, welche sinnlichen Möglichkeiten mir mein Körper bietet. Bis dahin war es aber ein langer und beschwerlicher Weg.

von Sara Youngblood Gregory
05 Januar 2020, 4:00am

Illustration: Cathryn Virginia

Als ich zum ersten Mal Sex mit einem anderen Spoonie hatte, einem Menschen mit chronischen Schmerzen, war mein Körper ein einziges Wrack. Drei Jahre zuvor war ich von einem Auto überfahren worden. Nach den Operationen musste ich nicht nur das Laufen neu lernen, sondern erfuhr auch, dass ich für den Rest meines Leben unter schlimmen Schmerzen leiden würde. Zusammen mit meiner Partnerin reiste ich wochenlang kreuz und quer durch die USA. Mir tat alles weh, ich war erschöpft. Meine Partnerin legte mich neben unser kleines Lagerfeuer und fragte mich, ob ich Sex haben wolle. Sie hatte breite Schultern, Stäbe in ihrem Rücken und einen rasierten Kopf. "Ja", sagte ich.

Während wir miteinander schliefen, bat ich sie, mich zu schlagen. Sie nahm aufgeheizte Steine aus dem Feuer und verbrannte mich damit. Sie zog an meinen Haaren und drückte mein Gesicht in die Erde. Sie bearbeitete meine Vagina wie wild. Ich bettelte sie förmlich an, es mir noch härter zu geben – und sie erfüllte mir meinen Wunsch. Natürlich lief das alles innerhalb unserer vorher gesteckten Grenzen und mit festgelegten Safewords ab. Ich entschied mich also bewusst für die Schmerzen. Und diese Entscheidung war wie eine Offenbarung: Ich verwandelte mein Leid in Lust und Vergnügen und ließ die Schmerzen so nicht mehr mein Leben bestimmen.


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Als ich vor Kurzem "Chronische Schmerzen und Sex" bei Google eingab, las ich auf der Website der amerikanischen Non-Profit-Organisation Mayo Clinic, dass der Spaß am Sex oft verloren gehe, wenn man an chronischen Schmerzen leidet. Aber ich könne meine Sexualität trotz meiner Krankheit wiederfinden. So oder so ähnlich lautet meistens das Fazit, wenn in den großen Medien über chronische Schmerzen berichtet wird: Man muss das Ganze besiegen, man darf sich nicht davon unterkriegen lassen.

Aber was, wenn ich meinen Körper gerade wegen der chronischen Schmerzen jetzt besser verstehe? Trotz der Meinung von Mayo Clinic und trotz der allgemeinen Entsexualisierung von Menschen mit Behinderung haben die Schmerzen weder meinen Spaß gekillt noch mein Leben eingenommen. Ich kämpfe nicht gegen meine Schmerzen an, um meine Lust am Sex neu zu entfachen. Nein, gerade wegen meiner chronischen Schmerzen ist mein Sex jetzt queerer, ungewöhnlicher und intimer.

Ich bin nicht immer ein Spoonie gewesen. Bis zu meinem 22. Lebensjahr war ich körperlich nicht eingeschränkt. Dann kam jedoch der Unfall, und ich wurde von einer Athletin zu einer Studiumsabbrecherin, die wieder bei ihren Eltern wohnte und ohne Hilfe weder laufen noch aufs Klo gehen konnte. Ich schämte mich und wurde depressiv. Ich verließ kaum noch mein abgedunkeltes Zimmer und sprach nur selten. Ich suchtete mich durch alle Staffeln der Serie Law & Order: Special Victims Unit. Ich schwärmte für die Hauptfigur Olivia Benson, während mein Körper von den schlimmen Schmerzen und meiner Traurigkeit zerstört wurde. An recht viel mehr kann ich mich nicht erinnern.

Dann drückte mir eine Freundin das Buch Brilliant Imperfection: Grappling with Cure von Eli Clare in die Hand. Clare ist ein Poet, Dozent zum Thema Behinderung und ein Trans-Memoirenschreiber. In Brilliant Imperfection schreibt er darüber, wie Behinderungen immer in einen medizinischen Kontext gesetzt werden und wie unsere Gesellschaft besessen davon ist, alle Krankheiten zu heilen und auszumerzen – auch Behinderungen. Er untersucht, wie das alles mit Gender-Transition, Sexualität und queerem Sex von Menschen mit Behinderungen zusammenhängt. Er fragt, was passiert, wenn wir unser Leid nicht nur akzeptieren, sondern auch ganz selbstbewusst damit umgehen. Sein Buch sollte mir nicht zeigen, wie ich mit meinen negativen Gefühlen und meinen Verletzungen klarkomme. Es war meine Berechtigung, die Person zu sein, zu der mich mein Unfall gemacht hatte: eine Lesbe mit Behinderung. Es war meine Berechtigung, mich gegen meine verinnerlichte behinderten- und lesbenfeindliche Scham aufzulehnen. Clare war der einzige Mensch, der mir sagte, dass mein Selbstwertgefühl nicht davon abhängt, dass es mir besser geht und ich keine Schmerzen mehr habe. Ich habe das Buch immer wieder gelesen und jedes Mal erneut geweint.

Schmerz ist mein Zugang zum heißesten und intensivsten queeren Sex, den ich mir nur vorstellen kann.

Mehrere Monate später lernte ich, wieder zu laufen. Einen Monat danach lernte ich meine jetzige Freundin kennen. Bei unserem ersten Date bemerkte meine Partnerin, dass ich hinkte, und passte sich wortlos meiner Geschwindigkeit an. Noch am selben Abend hatten wir Sex. Wie jedes Mal während des ersten Jahres unserer Beziehung musste ich währenddessen und danach immer wieder heulen. "Bei mir bist du sicher", sagte meine Freundin, "ich bleibe hier." In den Armen meiner Partnerin wurde mir klar, dass mich meine queere Identität auf meine Krankheit vorbereitet hatte. Denn diese Worte habe ich während meines turbulenten Coming-outs immer wieder von meinen Sexualpartnerinnen und Mentorinnen gehört. Andere Freunde und Freundinnen wollten wegen meiner sexuellen Identität und später wegen meiner Behinderung nichts mehr mit mir zu tun haben. Eine ganze Reihe an lesbischen und queeren Frauen stärkte mir in meiner schwächsten Phase hingegen den Rücken.

Im Laufe meines voranschreitenden Heilprozesses habe ich einen starken Drang danach entwickelt, durch guten Sex wieder Spaß in meinem Körper zu haben. Dafür muss ich jetzt aber kreativ werden und meine "unanständige" Einstellung zum Thema Geschlechtsverkehr, die ich durch meine sexuelle Orientierung und meine Schmerzen entdeckt habe, voll auskosten. Schmerz befreit mich vom Normalen. Schmerz ist mein Zugang zum heißesten und intensivsten queeren Sex, den ich mir nur vorstellen kann.

Wenn ich mein Leben vor und nach dem Unfall vergleiche, dann bin ich froh darüber, wie die chronischen Schmerzen mein Sexleben vertiefen und erweitern. Früher hatte ich beim Sex oft hindernde Gedanken – zum Beispiel "Wie fühlt sich das für sie an?" oder "Mache ich auch alles richtig?". Es war eine Erleichterung, wenn alles vorbei war. Und Spaß hatte ich nur, wenn meine Partnerin auf ihre Kosten kam.

Meine chronischen Schmerzen bringen meine Gedankenwelt zum Stillstand und bereiten mir so mehr körperliche und sinnliche Möglichkeiten. Diese Möglichkeiten machen mich zu einem Bottom und beinhalten oft besondere Wünsche und manchmal auch die absolute Unterwerfung. Davor ging ich immer davon aus, dass ich mich als Bottom zu verletzlich machen würde, dass meine Wünsche egoistisch rüberkämen und dass meine Kinks peinlich seien. Mit weniger Gedanken ermöglicht es mir meine Unterwürfigkeit allerdings, mich eingehend und lange auf meinen Körper und meine sexuellen Vorlieben zu konzentrieren. Die Schmerzen haben mein sexuelles Vergnügen in den Vordergrund gerückt. Und das fühlt sich an wie eine Heilung.

Für mich ist der ideale Sex immer ein "Fick dich!" in Richtung der Strukturen, die queere Spoonies wie mich klein halten. Chronische Schmerzen haben nicht das Ende meiner Sinnlichkeit eingeläutet, sondern sie queerer, ungewöhnlicher und komplexer gemacht. Ich war gezwungen, meine Schmerzgrenze auszuloten. Dabei fand ich eine tiefe Dankbarkeit dafür, dass mein Körper überhaupt etwas spüren kann. Ohne chronische Schmerzen wäre das vielleicht nie passiert.

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