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Ich dachte, ich kann ohne Internet nach Mekka pilgern – und habe mich sowas von geirrt

Von wegen, das Spirituelle und das Weltliche vertragen sich nicht. Ohne Technologie geht in Mekka mal gar nichts.

von Muhamed Beganovic
19 Dezember 2018, 9:20am

Bild: Muhamed Beganovic | ROM 

Als ich 2016 zum ersten Mal die Pilgerreise nach Mekka machte, packte ich meine Umhänge­tasche mit Lesestoff voll. Der Beamte bei der Sicherheitskontrolle bat mich, meinen Laptop herauszunehmen. Ich schmunzelte und sagte, dass ich keinen dabei hätte. Was würde ich auch mit so einem Gerät machen? Schließlich flog ich über 3.600 Kilometer, um zu pilgern, nicht, um Netflix zu schauen.

Ich hatte mein Telefon dabei, um ab und an Lebenszeichen an meine Familie zu schicken. Ich hatte diese roman­tische Vorstellung, dass man sich beim Haddsch vom Weltlichen löst und in sich hinein gekehrt Gott, Vergebung und die Erlösung sucht.

Als ich dann am Flughafen Dschidda ankam, rund 80 Kilometer von Mekka entfernt, beschloss ich dennoch spontan, eine saudische SIM-­Karte zu kaufen. Ein Jahr zuvor starben beim Haddsch nämlich knapp 1000 Menschen, als eine Mas­senpanik ausbrach: Ich wollte für den Notfall vorbereitet sein – man kann ja nie wissen.

Dieser Text erschien zuerst im Gesellschaftsmagazin ROM #2.

Ich hatte mehrere Guides ausgedruckt und ein kleines Büchlein besorgt, das die gesamte Pilgerreise im Detail erklärt. Papier braucht keinen Akku und schert sich nicht um Funksig­nalstörungen. Das zumindest war meine Logik. Eigentlich bin ich ein digitaler Mensch, der permanent den Laptop auf dem Schoß oder das Telefon in der Hand hat. In Saudi-Arabien wollte ich aber auf Entzug gehen. Denn ich hatte die Befürchtung, dass mich Gadgets ablenken oder verführen würden. Schließlich sollte nichts zwi­schen Gott und mir stehen.

Verloren ohne GPS-Navigation

Pilger in Mekka
Bild: Muhamed Beganovic | ROM

Dann saß ich aber im Bus Richtung Mekka. Was ich nicht erwartet hatte: die vielen Check­points auf dem Weg dorthin. An jedem verloren wir mindestens 45 Minuten. Ich war froh, dass ich mich mit meinem Smartphone ablenken konnte.

Eine Woche später begann der Haddsch. Am zweiten Tag gingen die Pilgerinnen und Pilger zur Arafat­-Ebene, die etwa 17 Kilometer von der Kaaba entfernt ist. Die Ebene ist 80 Quadrat­kilometer groß und beherbergt an dem einen Tag über drei Millionen Menschen. Das ergibt eine Bevölkerungsdichte, die höher ist als in Hong Kong. Meine Reisegruppe war in Zelten am Fuße der Ebene untergebracht.

Ich ging in der Früh einige Stunden spazieren, um mir die Umgebung anzuschau­en und zu sehen, wer alles angereist war. In einem kleinen Park hatten ein paar Frauen aus Somalia einen Stand aufgestellt, an dem sie Liegematten verkauften. Zwischen Containern sah ich Männer, die pakistanische Fahnen aufgehängt hatten und im Schatten verweilten. Von dort ging ich zum Berg der Barmherzigkeit, einer kleinen Erhebung Mitten in der Ebene, wo der Prophet Muhammad seine Abschiedspredigt gehalten haben soll. Dort blieb ich eine Weile und wollte dann zurück zur Reisegruppe, verlor aber die Orientierung.

"Als würde Gott mir sagen wollen, dass ich nicht zwingend auf Technologie verzichten müsste, um ein 'guter' Pilger zu sein"

Ich wusste noch, dass mich eine acht­spurige Straße vom Zelt zum Berg geführt hatte. Bei einem Funkmast war ich nach links abge­bogen, auch daran konnte ich mich erinnern. Doch an praktisch jeder Kreuzung gab es einen solchen Mast. Ich trug zwar ein GPS­-Armband, das den Pilgernden eingangs überreicht wur­de, aber damit wirst du nur gefunden, wenn dich jemand als vermisst meldet.

Es war schon früher Nachmittag und in wenigen Stunden würden wir alle wieder die Ebene verlassen müssen, um uns in Richtung Muzdalifa­-Ebene, etwa sechs Kilometer entfernt, zu bewegen. Ich gab also nach, nahm mein Telefon aus der Tasche, schaltete die Mobildaten ein, dann die GPS­-Ortung, öffnete Google Maps – und zehn Minuten später war ich im Zelt und konnte unter der Klimaanlage aus dem (gedruckten) Koran rezitieren.

Tiere opfern per App

Vielleicht lag es an dieser Erfahrung oder vielleicht an der Abkühlung, aber langsam leuchtete es mir ein. Es kam mir vor, als würde mir Gott sagen wollen, dass ich nicht zwingend auf Technologie verzichten müsste, um ein "guter" Pilger zu sein. Zum Haddsch gehört eine Portion Mühe dazu, man muss sich aber nicht unnötig abplagen. Reisten die Menschen vor Hundert Jahren noch tagelang per Schiff oder Kamel nach Mekka, so fliegt man heutzutage nur wenige Stunden. Man muss dann aber bei der Reisepasskontrolle und den Checkpoints unheimlich lange warten.

Ein weiteres Beispiel: Während der Pilgerzeit müssen die Pilgerinnen und Pilger ein Tier opfern. Das Ritual ist angelehnt an das Leben des Propheten Abraham. Früher musste man in den Schlachtbezirk Mekkas ge­hen, ein Tier kaufen und dann entweder selbst schächten oder jemanden dafür bezahlen. Heute kann man mit der App bei der Islamischen Entwicklungsbank einzahlen und das Tier wird in deinem Namen geopfert. Die Bestätigung, dass das Opfer erbracht wurde, kommt dann per SMS. Ich musste mich dann selbst fragen, warum ich so dumm war und glaubte, als Asket leben zu müssen, wenn der technologische Fortschritt schon längst Einzug beim Haddsch gefunden hatte.

Auf dem Hoverboard um die Kaaba

Am dritten Tag der Reise begaben wir uns nach Mekka. Das kilometerlange Marschieren unter der sengenden Sonne (42 Grad Celsius) als schwer zu bezeichnen, wäre eine Unter­treibung: 20 bis 40 Kilometer mussten wir täglich bewältigen. Doch ich nahm diese Mühen bereit­willig auf mich. Der Haddsch ist nämlich mehr als eine bloße Wallfahrt. Er ist eine Sehnsucht. Man spart und betet monate­-, manchmal jahre­lang, um diese Reise antreten zu können. Man fantasiert davon. Aber er ist nicht billig: Eine Haddsch­-Reise dauert insgesamt drei Wochen und kostet etwa 4.500 Euro pro Person.

Während des Haddsch mussten die Pilgerinnen und Pilger eine Vielzahl an Ritualen in und um Mekka absolvieren. Wir Muslime glauben, dass diese Abläufe vor mehr als 1.400 Jahren vom Propheten Muhammad festgelegt worden sind. Seitdem bleiben sie unverändert. Aus einer Art fear of missing out hetzten sich viele Pilgernde auch zwischen Stätten, die nicht Teil der Haddsch­-Rituale waren und erschwerten sich dadurch die Reise. Ich gehörte zu jenen, die es ruhiger angegan­gen sind. Ziel der Pilgerreise ist schließlich die spirituelle Läuterung.


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Letztens habe ich auf Facebook ein Video gesehen, auf dem ein Pilger zu sehen ist, der die Kaaba mit einem Hoverboard umrundet. Verboten ist das nicht. Denn die Pilger möchten die vielen Mühen minimieren. Vor einem Jahr waren Sonnenschirme mit integrier­ter Powerstation sehr beliebt. So können die Smartphones, die fleißig zum Einsatz kamen, jederzeit aufgeladen werden. Es war erstaunlich zu sehen, wie viele Leute Facebook­-Live­streams, Videochats oder Anrufe über Apps wie Viber, Facebook Messenger oder WhatsApp tätigten. Nach Angaben des saudischen Minis­teriums für Kommunikation und Informations­technologie wurden 2017 während des Haddsch 23.000 Terabyte an Daten verwendet.

Bis dahin hatte ich das Handy dazu verwendet, um Informationen zu suchen oder mich über Google Maps zu orientieren. Aber als ich das Meer an Bildschirmen sah, wie auf einem Konzert, begann auch ich, Selfies vor der Kaaba zu schießen. Ich verschickte sie alle über WhatsApp an meine Frau. Nach dem langen Marsch wollte ich mit dem Umrunden der Kaaba beginnen und suchte meine Guides in der Tasche. Ich hatte dermaßen geschwitzt, dass sie völlig durchnässt war – und damit auch die gedruckten Guides. Mein wasserfestes Handy aber war in seiner Hülle wie unberührt. Ich öffnete eine Koran­-App und rezitierte Suren.

Künstliche Intelligenz soll beim Pilgern helfen

Das alles ist nur ein Bruchteil der Technologie, die in dieser Zeit im Einsatz ist. Über Notfallsysteme, Überwachung und so weiter ist wenig bekannt, denn die saudischen Behörden ver­öffentlichen keine Daten zu ihrer Software. Fakt ist, dass knapp 6.000 Kameras die Pilgerstätten überwachen und dass intelligente Systeme versuchen, kritische Menschenströme frühzeitig zu erkennen, damit die 100.000 Einsatzkräfte diese auflösen können, bevor sie entstehen.

In Zusammenarbeit mit der WHO wurde ein System entwickelt und implementiert, das das Ausbrechen von Infektionskrankheiten früh­zeitig erkennen soll. Sicherheitsrisiken gibt es dennoch: Frauen beispielsweise sind auch bei der Haddsch nicht vor sexuellen Belästigungen geschützt.

Kürzlich erschien im Internet ein Video, in dem die Behörden ihre Vision vom Haddsch im Jahr 2030 zeigen. Wenn es nach ihnen geht, wird Künstliche Intelligenz auch beim Pilgern Einzug finden. Ein smartes Armband, intelligen­te Kopfhörer und elektronische Karten sollen den Pilgernden auf ihren Reisen zur Seite stehen. Die Karte soll einerseits zur Identifika­tion und andererseits als Hotel­-Keycard dienen. Das Armband soll den Verlauf der Pilgerrituale tracken und an wichtige Punkte erinnern. Über die Kopfhörer sollen relevante Informationen oder Gebete zugespielt werden.

Schon heute verlieren Pilgernde ständig ihre GPS­-Armbänder, Smartphones, Schlüssel, Porte­monnaies und leider auch manchmal ihre Familienmitglieder. Es stellt sich auch die Frage, wie die Privatsphäre der Pilgernden bei der immensen Mengen an Daten geschützt werden soll.

Trotzdem, ich habe inzwischen gelernt, das Spirituelle und das Weltliche zu vereinbaren. 2017 habe ich den Haddsch erneut gemacht, dieses Mal mit meiner Frau. Das Telefon haben wir mit hilfreichen Apps und Dokumenten gefüllt. Wir haben brav wieder saudische SIM­-Karten gekauft. In der Tasche hatten wir aber auch ein analoges Haddsch­-Buch dabei – für den Fall, dass der Akku mal alle ist.

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