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Ein Aussteiger berichtet: So funktionieren illegale Poker-Turniere in Berlin

Von Sicherheitspersonal, Fluchtwegen und "dem Mann mit dem Koffer": Ein Kartengeber erklärt die Organisation von Pokerrunden in Berliner Hinterzimmern.

von Marko; aufgeschrieben von Tim Geyer
06 November 2018, 5:00am

Collage bestehend aus: Chips: pxhere | Karten: Pixabay || Bearbeitung: VICE 

Wenn Koksdealer in einem Kellerraum um eine halbe Million Euro pokern, klingt das nach einer Szene aus dem Film Bube, Dame, König grAS. Für Marko war das Realität. In einer illegalen Berliner Pokerrunde gab er als Dealer über ein Jahr lang die Karten.

Weil die Turniere nie angemeldet waren und so auch niemand Steuern zahlte, fielen sie unter illegales Glücksspiel. Dafür können Veranstalter bis zu fünf Jahre in den Knast wandern – und das tun sie auch. Immer wieder beendet die Polizei solche Runden in Privatwohnungen oder Hinterzimmern von Spielotheken. Erst im Mai flog ein Netzwerk von illegalen Pokerturnieren auf, mutmaßlich gesteuert von Berliner Hells Angels. Auch Prominente sollen mit an den Spieltischen gesessen haben.

Weil Marko das Risiko bei großen Turnieren irgendwann zu hoch wurde, hörte er vor zwei Jahren auf, dort zu arbeiten. Heute dealt er in einer kleineren Runde nur unter Freunden. Ebenfalls illegal, aber im Pott liegen höchstens mal 200 Euro und nicht mehr 40.000 wie früher. Die großen illegalen Runden fänden auch heute noch statt, sagt er. Meistens am Wochenende von Sonntag auf Montag. Allein in Kreuzberg geht Marko von mindestens zehn Turnieren pro Woche aus.


Der furchteinflößendste Schuldeneintreiber Großbritanniens


Marko heißt eigentlich anders. VICE ist sein richtiger Name bekannt. Aber weil es für ihn gefährlich werden könnte, wenn ihn Spieler erkennen, berichtet er hier unter Pseudonym von seinen Erfahrungen.

Die Organisation – Verräterische Einkäufe vermeiden

Die Spiele, bei denen ich Karten gegeben habe, fanden in einem Berliner Hinterhof in einem relativ großen, dunklen und verrauchten Kellerverlies statt. Die Chips hätte man theoretisch mit Bargeld in verschiedenen Spielwarengeschäften kaufen können, damit es nicht auffällt. Aber wir hatten professionelle Casino-Chips. Die sind schwerer und teurer. Generell schicken Veranstalter in solchen Fällen Strohmänner los, um die Koffer zu besorgen. Wenn zehn Leute einkaufen, ist das weniger auffällig, als wenn eine Person 50 Koffer besorgt. Und wenn man die Chips zum Beispiel kurz vor Weihnachten kauft, geht es in der Masse der Bestellungen unter.

Wenn du alles organisiert hast, setzen sich an jeden der Tische zehn Leute, die unterschiedlicher nicht sein können. Und dann geht es los.

Die Spieler – Clan-Mitglieder und bürgerliche Familienväter

Als Veranstalter musst du vor allem Leute kennen, die viel Geld haben und es in bar mitbringen. Oder du kennst Leute, die bereit sind, um viel Geld zu spielen, auch wenn sie sich das eigentlich nicht leisten können. Mit deiner Einladung bekommst du als Teilnehmer eine Telefonnummer und eine Adresse. Vor Ort wählst du diese Nummer, damit du eingelassen wirst.

Ab 500 Euro bist du bei solchen Runden dabei. Bei uns gingen um die 40.000 Euro pro Tisch rum. In einem 24-Stunden-Turnier war immer etwa eine halbe Million Euro Bargeld im Umlauf. Am Tisch versammeln sich dann zu 99 Prozent Männer der verschiedensten Nationalitäten und sozialen Schichten. Asiaten, Südländer, Deutsche, Profispieler, Akademiker, Schauspieler, Koksbarone, Spielotheken-Betreiber, Clan-Mitglieder.

Generell muss man sich im Klaren darüber sein, dass manche Spieler aus Milieus kommen, wo das Wort Spaß nicht existiert. Die erzählen wenig aus ihrem Privatleben. Ist ja alles illegal. Aber viele Spieler führen ein ganz normales Familienleben.

Oft lernen sich die Spieler erst am Tisch kennen und manchmal kommt es zu Reibereien. In eine Schlägerei ist das aber nur einmal ausgeartet. Alkohol ist bei solchen Runden umsonst und die beiden hatten ganz schön viel gesoffen. Einer der beiden hatte viel Geld verloren und fing an, die Mutter des Anderen zu beleidigen. Der Andere hat schließlich zugeschlagen. Dann wurden beide hinaus begleitet. Und das kann unangenehm werden.

Die Security – Morddrohungen am Tisch

Wenn so viel Geld in einem Raum ist, musst du Sicherheitsvorkehrungen treffen. Als Erstes haben wir jedem klargemacht, dass dieses Turnier Leute veranstalten, die du nicht beklaust. An der Tür standen zwei Typen, die gefühlt vier mal vier Meter breit waren. Ob sie bewaffnet waren, weiß ich nicht. Es würde mich nicht wundern, aber ich will das auch nicht wissen.

Sie hatten eine Liste, auf der alle angemeldeten Spieler und Mitarbeiter standen. Nehmen wir mal an, du bist wirklich so dumm und tauchst dort auf, obwohl du nicht auf der Liste stehst. Dann fragen dich diese Männer erst, was du hier willst und wie du hier hergekommen bist. Wenn du Glück hast, werfen sie dich danach nur raus. Wenn du Pech hast, begleiten sie dich.

Bevor ich erzähle, was das bedeutet, muss ich sagen, dass alles immer sehr professionell ablief und ich mich immer sehr gut aufgehoben gefühlt habe. Angst um mein Leben hatte ich nur ein einziges Mal.

Damals hat ein Spieler bei mir am Tisch um die 20.000 Euro verloren und es nicht sehr gut verkraftet. Er hat mir die Schuld gegeben, ich hätte ja die Karten verteilt. In der Pokerwelt ist das eine schwere Anschuldigung. Der Dealer gilt als neutral. Aber er hat es nicht dabei belassen, sondern mir am Tisch eine Morddrohung ausgesprochen. Ich kannte ihn nicht, aber in solchen Kreisen sagt man so etwas nicht aus Spaß. Dann hat er angekündigt, dass mir auf meinem Nachhauseweg etwas passieren würde. Also habe ich meinem Chef das Problem geschildert. Und er hat direkt reagiert.

Ein paar Männer haben den Typ rausgetragen und auf der Straße zusammengeschlagen. Ich habe ihn danach nie wieder gesehen. Es ist keine gute Idee, sich mit jemandem vor Ort anzulegen. Auch nicht mit den Mädels, die dort bedienen. Wenn bei uns jemand übergriffig wurde, hat es nicht lange gedauert, bis die großen Männer von der Tür kamen.

Der Mann mit dem Koffer

Es gibt bei solchen Runden immer einen Mann im Raum, der besonders groß und schwer ist. Und dieser Mann sitzt den ganzen Abend über auf dem Koffer mit dem ganzen Geld. Sitzen im Sinne von: sitzen. Du gibst ihm dein Bargeld. Er steht auf, öffnet den Koffer, legt das Bargeld rein und gibt dir dafür Chips. Dann macht er den Koffer wieder zu und setzt sich wieder drauf.

Die Polizei – Notfallplan und Fluchtwege

Wenn die Bullen kommen, kannst du nicht einfach 80 Leute verschwinden lassen. Im Notfall verlässt der Mann mit dem Koffer den Laden als Erstes. Das Bargeld ist schließlich das wichtigste Beweismittel. Deshalb gibt es für ihn einen Fluchtplan. Er saß bei uns immer an einem Hinterausgang, der direkt in das Gebäude darüber und auf die Straße geführt hat. Wenn er weg ist, weiß jeder, was zu tun ist: Ich hebe die Hände hoch und sage der Polizei: "Wir spielen hier nur um Spielgeld, ich kenne hier keinen."

Es gab bei uns nie eine Razzia, aber als der Typ auf der Straße zusammengeschlagen wurde, kam die Polizei. Die Kollegen, die sich um den Typen gekümmert hatten, haben natürlich genauso wie er die Schnauze gehalten und erzählt, dass sie spazieren waren.

Ich habe mir wegen Strafen nicht viele Gedanken gemacht. Ich bin nicht vorbestraft. Ein befreundeter Polizist meinte mal, in den Knast müsste ich nicht, aber eine Bewährungsstrafe und eine fette Steuerrückzahlung würde ich kriegen. Das ganze Geld war es aber wert.

Der Verdienst – Ein kleines Festgehalt, aber hohe Trinkgelder

Für mich ist das Kartengeben im Vergleich zum Spielen die entspanntere Art, Geld zu verdienen. Bei der illegalen Runde, die zweimal im Monat stattfand, habe ich ein Grundgehalt bekommen und Trinkgeld. Wenn der kleinste Chip 2,50 Euro wert ist, hast du nach einer Stunde, in der 20 Hände gespielt werden, schon 50 Euro. Aber wenn jemand einen 2.000-Euro-Pott holt, schiebt er dir schon mal einen Fuffi pro Hand zu. Im Monat bin ich so auf 4.000 bis 5.000 Euro gekommen und habe natürlich keine Steuern gezahlt.

Der größte Pott in einer illegalen Runde an meinem Tisch betrug fast 40.000 Euro. Das ist schon ein super Gefühl, wenn du derjenige bist, der die letzte entscheidende Karte aufdeckt.

Die Veranstalter bekommen von jedem Endpott fünf Prozent. Dadurch machen die um die 15.000 Euro am Abend. Je nachdem, wie lange die Runden gehen und wie viel gesetzt wird, kann es auch mehr sein. Natürlich zahlen die auch keine Steuern.

Drogen und Prostitution

Allein um die 24 Stunden durchzustehen, wurde bei uns an den Tischen viel gekokst. Als Dealer bekommt man immer wieder mal eine Nase oder einen Joint angeboten. Das muss der Veranstalter genehmigen. Dann kommt man da genauso dicht raus wie die anderen, wenn man möchte.

Generell kriegt man als Kartengeber viele Angebote von den Leuten, auch für Jobs. Einmal sprach mich ein Spieler nach der Runde an und fragte, ob ich für ihn Kokstaxi fahren wolle. Ich habe abgelehnt.

Irgendwann hatten wir auch mal ein paar Prostituierte da. Der Laden war halb Spielothek, halb Bordell. Zwischendurch kamen dann die Prostituierten rein und haben gefragt, ob jemand was braucht. Der ein oder andere Spieler hat sich dann für eine halbe Stunde verabschiedet. Das verändert natürlich das ganze Spiel: Wenn eine halbnackte Frau durch den Laden läuft, sind die Leute unkonzentriert.

Betrug – Nur mit dem Dealer

Bescheißen kann man nur gemeinsam mit dem Dealer. Ich bin derjenige, der konstant die Karten in der Hand hat. Wie du Karten markierst, kannst du überall nachlesen. Ich habe von Fällen gehört, wo Bedienungen vorgemischte Kartendecks eingeschleust und dem eingeweihten Dealer übergeben haben. Dann ist die Reihenfolge der Karten schon festgelegt. Mir wurden schon die Hälfte des Potts oder auch Drogen als Bezahlung dafür angeboten, dass ich bei sowas mitmache. Habe ich aber nie. Das Risiko ist viel zu groß.

Die Verlierer – Menschliche Dramen und Kühe als Einsatz

In fast jeder Runde gab es jemanden, bei dem ich gedacht habe: Du solltest jetzt lieber nach Hause fahren. Da spielen sich menschliche Dramen ab. Manche Leute verkaufen davor ihr Auto, kratzen die Familienersparnisse zusammen und verlieren ihre letzten 10.000 Euro in einer Runde.

Einmal hat jemand als Einsatz seinen Autoschlüssel auf den Tisch geknallt. Aber der verrückteste Einsatz war in meiner Heimat, Jahre bevor ich nach Berlin gezogen bin. Jemand hatte 2.000 Euro gesetzt und der Gegner, ein Landwirt, hatte das nicht mehr. Er hat dann eine Kuh gesetzt, die in etwa 2.000 Euro wert war. Der Bauer hat verloren und die Kuh wurde noch am gleichen Abend abgeholt.

Man kriegt viel Leid und Elend mit. Das muss man ausblenden können, wenn man nach Hause geht. Wenn da jemand all sein Geld verliert, war das seine Entscheidung, sich an den Tisch zu setzen. Er muss damit leben, genauso wie ich damit leben muss, Morddrohungen zu bekommen.

Für mich war trotzdem von vornherein klar, dass das nichts für die Ewigkeit ist. Das Risiko ist dann doch zu hoch. Irgendwann habe ich in meinem normalen Job genug verdient, um nicht mehr jede Woche 24 Stunden an einem Pokertisch sitzen oder mich bedrohen lassen zu müssen. Jetzt muss ich für das gleiche Geld natürlich viel mehr arbeiten, aber das ist in Ordnung.

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