Ostdeutschland

Junge Ossis haben keine Kultur

Jetzt erobern sie sich die zurück. Vorne mit dabei: die Autorin Valerie Schönian. Sie erklärt, was das "Ostbewusstsein" ausmacht.
31.3.20
Die Autorin Valerie Schönian
Foto: ZEIT Online | Meiko Herrmann

"Ich steck dir die halbe Tüte Erdnusschips in deinen … zuckersüßen Mund"

Wer jetzt keine Melodie im Kopf hat, ist leider Wessi. Egal, ob vor oder nach der Wende geboren. Ich habe seit einer Woche einen Ohrwurm von "Kling Klang" der Ost-Band Keimzeit. Nämlich seit ich Ostbewusstsein von Valerie Schönian gelesen habe.

Valerie ist acht Tage vor der Wiedervereinigung in Sachsen-Anhalt geboren. In einem Staat, der kurz darauf weg war. Trotzdem fühlt sich Valerie als Ossi. Warum? Darf man das noch? Und wieso halten sich so viele alte Ost-Klischees bis heute? Mit einem Roadtrip durch Deutschland hat sie versucht, das herauszufinden. Valerie arbeitet als Journalistin für die ZEIT und hat den Podcast Ostbewusstsein moderiert.

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Auch ich bin gerade noch so in der DDR geboren. Valerie und ich kennen uns, wir haben schon einmal über dieses seltsame Gefühl von ostdeutschem Patriotismus gesprochen, das Valerie das "Ostbewusstsein" nennt:

Eine komische Vorliebe für panierte Fleischwurst mit Ketchup – das "Jägerschnitzel" –, Rotkäppchensekt und Nudossi-Streichcreme. Und eine Verteidigungshaltung, wenn es um Kindheitserfahrungen und nach rechts rutschende Ost-Wählerinnen geht. Als ich Valerie anrufe, um mit ihr über ihr Buch und dieses Gefühl zu sprechen, offenbart sie: "Ich mag eigentlich lieber Nutella."

VICE: Ich wollte in das Interview eigentlich mit einem Ost-West-Witz einsteigen, weil das auch in deinem Buch eine Rolle spielt. Ich habe aber keinen guten gefunden.
Valerie Schönian: Steht einer mit leeren Einkaufstüten vorm Supermarkt, fragt ein Anderer: Kommst du oder gehst du?

Aber aus aktuellen Zeiten kenne ich keinen. Wir hatten im Podcast eine Witze-Rubrik. Das waren vor allem solche Einkaufswitze aus der DDR-Zeit.

Aktuelle Ossi-Witze gehen eher so: Was bekommt man, wenn man einen Ossi und einen Wessi kreuzt? Einen arroganten Arbeitslosen.
Hm. Den habe ich sogar schonmal gehört. Ich weiß nicht, findest du das lustig?

Ich habe nicht gelacht.
Ich auch nicht. Ich weiß, wie es gemeint ist, aber es ist gleichzeitig bitter.

Wie kann ich so einen Landesteil verteidigen, in dem eine rechtsradikale Partei so viele Stimmen holt?

In Ostbewusstsein beschreibst du, wie du durch Görlitz spazierst und einen "Ost-Kater" bekommst. Hast du den immer noch, also hast du genug von dem Thema?
Das war nach der Europawahl. Ich war viel herumgereist und hatte versucht, den Osten zu verstehen. Dann wurde die AfD dort so stark und ich dachte: Wie kann ich so einen Landesteil verteidigen, in dem eine rechtsradikale Partei so viele Stimmen holt? Solche Momente passieren mir immer wieder. Ich verliere dann kurzzeitig die Lust, mich damit auseinanderzusetzen, bin fast persönlich beleidigt und denke: Macht euren Scheiß doch alleine.


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Du schreibst, je länger die Mauer nicht mehr steht, desto ostdeutscher fühlst du dich. Stimmt das wirklich?
Das klingt erstmal paradox. Aber mein Osten hat ja nicht mit der DDR zu tun, sondern damit, dass ich in diesem Sozialisationsraum, der mal die DDR war, aufgewachsen bin. Meine Ossi-Momente kamen erst mit dem Älterwerden.

Eine Tante von dir erzählt im Buch, dass sie seit 40 Jahren arbeiten gehe, aber seit 25 Jahren habe sie Angst, ihren Job zu verlieren. Am Ende des Monats überlege sie deshalb, ob sie sich ihre Lieblingspralinen noch leisten kann. Dein Vater ist Elektriker, deine Mutter Kindergärtnerin. Kann man nicht viele Sachen, die du als Ost-Momente beschreibst, auch mit sozialer Herkunft begründen?
Total. Vieles hat auch damit zu tun, was es mit Leuten macht, wenn sie vergleichsweise weniger Geld haben. Man kann auch auf die Unterschiede zwischen Norden und Süden gucken, oder zwischen Nordrhein-Westfalen und dem Rest. Aber viele Menschen im Osten sind nicht klassisches Bildungsbürgertum, selbst wenn die Eltern studiert haben. Die DDR war eben ein Arbeiterstaat. Arbeiterinnen konnten sich Theater genauso leisten wie die Anderen. Und Wissenschaftler haben in der Platte neben Handwerkerinnen gelebt. Diese Strukturen wirken bis heute nach.

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Du schreibst, der Osten sei eine Art Paralleluniversum, ein Ost-Kosmos.
Nicht der Osten, eher der Ost-Diskurs. Vieles von dem, was ich im Buch schreibe, haben Ost-Expertinnen schon vor 20 Jahren gesagt. Ich hab das aber nicht mitbekommen – und viele Menschen im Westen erst recht nicht. Das liegt auch an den Medien: Redaktionen sind immer noch weiß, heterosexuell, männlich und eben westdeutsch geprägt. Alle überregionalen Zeitungen haben ihren Hauptsitz in Westdeutschland. Auch das überregionale Fernsehen wird vor allem dort produziert. Vom Westen aus wird auf den Osten geguckt.

Was hat das mit dir gemacht?
Ich musste die ganze DDR-Kultur selbst erst erobern und kennenlernen. Bei meinen Eltern war das kein großes Thema. Und in den Medien, die ich als gesamtdeutsch aufgewachsenes Kind konsumiert habe, kam das kaum vor.

Ich dachte, das sei ein Unterschied auf Augenhöhe. So wie zwischen Kirmes und Oktoberfest.

Ich hab seit Tagen einen Ohrwurm von "Kling Klang", weil das in deinem Buch mehrfach vorkommt.
Geil, das finde ich toll. Bei einem Fernsehbeitrag über das Buch lief das Lied schon im Hintergrund und in der ersten Amazon-Bewertung schrieb auch einer, dass er einen Ohrwurm davon habe.

Hast du das als Teenie schon gehört?
Ja, bei uns im Jugendclub lief das zwischen Spice Girls und Nena. Ich habe da nie besonders dran gehangen, weil mir gar nicht bewusst war, dass man das nur in Ostdeutschland hört. Als ich nach Berlin zum Studieren gegangen bin, merkte ich: Meine westdeutschen Freunde kennen das nicht. Das war erst kein Problem für mich. Ich dachte, das sei ein Unterschied auf Augenhöhe. So wie zwischen Kirmes und Oktoberfest. Dann hat mein Ossiprozess angefangen …

… "Ossiprozess" …
… ja, meine Ossiwerdung. Ich habe das Lied wieder öfter gehört, erst aus Prinzip, und dann einfach, weil es gute Laune macht. Jetzt läuft es auf jeder WG-Feier, wo ich bin. Vor zwei Jahren war ich auf einer Betriebsfeier. Ich hatte vorher eine lange Liste mit Ostsongs geschickt, aber der DJ hat einfach keins gespielt. Immer hört man die Neue Deutsche Welle und Herbert Grönemeyer auf solchen Feiern, aber nie Sachen aus der DDR- oder Nachwendezeit. Ich bin dann dreimal hin, bis er wenigstens "Kling Klang" von Keimzeit gespielt hat. Dann lagen sich vier Leute, die sich wenig bis gar nicht kannten, in den Armen und haben dieses Lied rausgebrüllt. Das war ein Ost-Empowerment-Moment!

Kennst du das, wenn ostdeutsche Millennials besoffen sind und das Lied vom Eierbecher singen?
Nee.

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Echt? Das kommt vom Traumzauberbaum , einer Hörspielkassette. Das ist quasi das ostdeutsche Benjamin Blümchen.
Wie geht das?

"Es war mal ein Eierbecher, das war ein besonders fescher …" Krass, dass du das nicht kennst.
Meine Eltern haben mir sowas gar nicht beigebracht, die haben zu DDR-Zeiten schon keine Ostmusik gehört und DDR-Bücher gelesen.

Es ist schade, wenn der kulturelle Fußabdruck eines Landes so verschwindet.

Na ja, ist ja auch nicht so wichtig, ob du das kennst.
Ich finde schon. Es ist schade, wenn der kulturelle Fußabdruck eines Landes so verschwindet. Es geht nicht nur um meine Identität, sondern um Vielfalt. Die DDR-Kultur ist ja nicht weg, weil sie schlecht war. Ich habe zum Beispiel vor einem Jahr erst Paul und Paula gesehen. Kennst du bestimmt?

Nee.
Große Empfehlung, wegen des Frauenbilds: Paula ist eine alleinerziehende Mutter, geht arbeiten und reißt die ganze Zeit Männer auf. Und all das wird gar nicht moralisiert. Ich hätte den Film so gern schon mit 14 geschaut.

Verstehe ich gut. Ich komm auch richtig gut mit den Frauenbildern von ostdeutschen Schriftstellerinnen klar: Sibylle Berg, Katja Lange-Müller. Die schreiben von Frauen, die rauchen, trinken, Kinder kriegen und weiter Sex haben. Aber nicht zu überladen, sondern ehrlich und rotzig.
So ist Paula auch. Sie hat Haare unter den Achseln, redet Klartext und berlinert. Und sie wird trotzdem als attraktive Person dargestellt. Noch eine tolle Frauenfigur ist die Helga in dem Film Gundermann. In der hab ich meine Oma wiedererkannt.

Das ist 200 Prozent meine Oma. Ich musste quietschen, als ich das gesehen habe.

Kenn ich nicht.
Die strahlt so einen Ultra-Pragmatismus aus. Als Gundermann, der Sänger und Baggerfahrer war, ihr gesteht, dass er bei der Stasi war, zuckt sie mit den Schultern und sagt sowas wie: "Hab ich mir gedacht, was willste machen." Das ist 200 Prozent meine Oma. Ich musste quietschen, als ich das gesehen habe. Wären wir Westdeutsche, würden wir solche Klassiker beide kennen. Aber ostdeutsche Kultur ist nicht prägend, man wächst nicht damit auf. Das sieht man an uns beiden: Wir sind beide an dem Thema interessiert, auch informiert, aber es gibt anscheinend noch kein gemeinsames, kulturelles Fundament – also so etwas, was einfach alle kennen, weil man es halt kennt. Wir Nachwendekinder müssen uns das erstmal noch jede für sich erobern.

In der Oberstufe haben wir mal die Tagebücher von Brigitte Reimann behandelt. Meine beste Freundin und ich sind voll auf die abgegangen: eine alleinstehende, kettenrauchende, trinkende, rumvögelnde Ost-Schriftstellerin. Ich glaube nicht, dass die in West-Lehrplänen vorkam. Aber: Sie war halt auch systemtreu, hat sich vom Staat bezahlen lassen und kitschige Arbeiterromane mit doofer Propaganda geschrieben. Ich verstehe schon, dass man das nicht einfach weitertragen kann, denn es war ja eben doch gefärbt von einem Staat, der eine Diktatur war.
Ja, das muss immer kritisch hinterfragt werden. Trotzdem finde ich, dass, erstens, bei der Kultur aus der DDR nicht genug differenziert wird. Und zweitens halte ich es für wichtig, immer zu unterscheiden zwischen dem Staat, der eine Diktatur war. Und zwischen den Menschen und dem, was sie dort geleistet haben, auch in der Kunst. Viele Menschen haben sich eben arrangiert.

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Ich glaube, ostdeutsche Nachwendekinder haben ein intuitives Verständnis dafür, was das heißt. So eine Art Verständniskompetenz, was es bedeutet, in der DDR aufgewachsen zu sein. Es gibt hingegen immer noch genug Menschen, die sich auf ein moralisches Podest stellen, das ich mir nie anmaßen würde. Meine Familie war auch nicht im Widerstand. Die haben zwar niemanden verraten und keiner war bei der Stasi – aber die haben sich auch arrangiert.

Du schreibst, dass du deinen Dialekt abgelegt hast und nicht mehr "Geschörrspüler" sagst. Ich dachte: Shit, genau so sage ich das. Schon wieder ein Wort, das mich outet. Bis vor ein paar Jahren habe ich den Supermarkt noch "Kaufhalle" genannt. Als mir ein Freund sagte, dass das ostdeutsch ist, habe ich mich sehr geschämt. Hast du auch noch solche Momente?
Früher hatte ich das. Ich habe lange "Ölf" gesagt und viele haben sich darüber lustig gemacht. Dass man seinen Dialekt ablegen sollte, war für mich immer ganz normal. Wenn ich heute was Ostdeutsches sage, mache ich das bewusst. Ich stehe aus Trotz dazu, seit es diese Debatte in den Medien über Ostdeutschland gibt. Das kann ja auch ein Empowerment-Moment sein. Wie siehst du das? Seit wann fühlst du dich Ostdeutsch?

Oktober 2010. Eine Freundin hat in Bayern studiert und auf einer Party dort wurden wir gefragt, warum wir nicht, wie alle Ossis, zweifarbige Haare haben.
Ja, viele haben ihren ersten Ossi-Moment, wenn sie die Welten wechseln. Ich glaube, die kollektive Identität, das Ostbewusstsein, ist in den vergangenen Jahren gewachsen, seit es mehr Berichterstattung gibt und man sich von den medialen Bildern abgrenzen will.

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Ostbewusstsein klingt gut. Aber wenn ich in Thüringen bin, sehe ich auch immer öfter diese Pullis, wo in Frakturschrift Ostdeutschland draufsteht.
Ja, das Selbstbewusstsein kann natürlich super schnell kippen. Die Gefahr sehe ich auch. Bei Pegida-Gängern hat sich ja auch ein Stolz entwickelt.

Ich finde, es gehört auch dazu, für den Osten zu streiten, den man will: einen friedlichen und progressiven Osten.

Du bist nicht stolz, Ostdeutsche zu sein?
Nee. Stolz bin ich, wenn ich morgens ein bisschen früher aufstehe, um joggen zu gehen. Ostdeutsch zu sein, ist ein Teil von mir, so wie Frau zu sein und eine schiefe Nase zu haben. Ich mag diesen Teil von mir und ich stehe dazu. Aber ich bin nicht stolz. Ich finde, es gehört auch dazu, für den Osten zu streiten, den man will: einen friedlichen und progressiven Osten.

Würdest du eigentlich jemals zurückgehen?
Nicht allein. Ich versuche, meine Freunde zu bearbeiten, aber sieht gerade schlecht aus. Du?

Ich bin ein zweimal im Monat da, weil ich mich um den Schrebergarten meines Opas kümmere. Aber ganz zurückgehen würde ich nicht. Mein Bruder ist dageblieben, das habe ich nie ganz verstanden.
Es gibt ja diese Einstellung: Wie können Leute nur im Osten bleiben – warum wollen die nicht mehr vom Leben? Aber ich finde, das ist eine Verdrehung der Tatsachen. Wenn es irgendwann vernünftiges Internet und Infrastruktur gibt und kulturelle Angebote, dann fragt das keiner mehr. Und dann werden auch die nicht mehr komisch angeschaut, die dageblieben sind.

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