Menschen

Coronavirus: Wie ein Sommer ohne Festivals unsere Generation verändern könnte

Statt vor der Realität zu fliehen, müssen wir uns ihr diesen Sommer vielleicht einfach mal stellen.

von Fabian Herriger
13 März 2020, 9:36am

Foto: imago images | ZUMA press & Christian Ohde | Collage

Dinge, die mich in den vergangenen Wochen nicht berührt haben:

- Eilmeldungen

- Coronavirus-Liveticker

- Supermärkte ohne Klopapier und Nudeln

- Jens Spahns ernstes Gesicht

- Anrufe meiner besorgten Mutter

Ich bin trotz Warnungen weiter U-Bahn gefahren, habe mir die Hände zu selten und zu kurz (jedenfalls nicht 20 Sekunden lang) gewaschen und war in Asien unterwegs. Dann aber sprach meine Freundin einen Satz aus, der mich zum ersten Mal verstehen ließ, dass das Coronavirus auch mein Leben verändern wird. Er lautete:

"Wahrscheinlich werden im Sommer auch noch alle Festivals abgesagt."

Das ist ignorant, bedeutet es doch, dass ich erst in dem Moment das Ausmaß einer Krise verstanden habe, in der sie mein Vergnügen bedroht. Auf der anderen Seite: Wir leben in einer Welt, die schlechte News am Fließband produziert, da braucht es manchmal eine Weile, bis man ein Problem ernst nimmt, und das bedeutet für mich und vieler meiner Freunde: bis man es auf sich bezieht. Es ist wie beim Klimawandel: Der Mensch merkt erst, dass etwas falsch läuft, wenn alles um ihn herum schon brennt.

Gesundheitsminister Jens Spahn hatte Anfang März dazu aufgerufen, Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Teilnehmern abzusagen, damit sich das Virus nicht noch schneller ausbreitet. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels fand die Leipziger Buchmesse nicht statt, Gladbach und Köln kickten ohne Zuschauer, die meisten Theater sind dicht, das Berghain verkündete, seine Pforten für Wochen zu schließen, und auch Weltereignisse wie das Rottaler Volksfest und der Sportlerball in Mansfeld-Südharz mussten ausfallen. Das Virus befällt auch unsere Feste. Wie stehen die Chancen dann für Festivals, die in ein paar Monaten stattfinden sollen? Eher schlecht.

Das Coachella Festival in Kalifornien wurde gerade von April auf Oktober verschoben. Aus Angst vor dem Virus. In Deutschland sind die Absagen noch nicht konkret: Die Veranstalterinnen der Fusion halten daran fest, das Festival wie geplant im Juni stattfinden zu lassen – für eine andere Entscheidung sei es noch zu früh, heißt es auch von Seiten der Behörden in Mecklenburg-Vorpommern. Aber ob in drei Monaten wirklich 70.000 Besucher auf das Gelände in Lärz spazieren dürfen, bleibt fraglich. Auf Festivals im Ausland auszuweichen, ist keine Alternative: An der polnischen Grenze messen Behörden schon heute Fieber bei Busreisenden. Italien ist eh dicht.


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Laut Experten werden auch die wärmeren Temperaturen im Frühjahr das Virus kaum bremsen. Das Robert-Koch-Institut geht davon aus, dass sich 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung infizieren werden. Deutschland steht mit seinen momentan wenigen tausend bestätigten Infizierten erst am Anfang einer Krise.

Große Festivals abzusagen oder zu verschieben, halte ich für richtig. Wenn Zehntausende Menschen aus aller Welt zusammen im Matsch tanzen, Sektflaschen teilen, sich schwitzend umarmen, knutschen und sich dabei tagelang nicht waschen, würde das das Virus unkontrolliert von Mund zu Mund schleudern, von Bühne zu Bühne, Zelt zu Zelt. Das will keine Veranstalterin verantworten.

Aber damit könnte dieser Sommer meine ganze Generation verändern. Wer heute Mitte 20 ist, fliegt im Sommer nicht nach Spanien oder Griechenland. Was wir wirklich wollen, sind Festivals. Wir verzichten auf Strandurlaub, um uns Tickets für Festivals leisten zu können. Und wir planen unser Jahr nach den Wochenenden, an denen sie stattfinden. Wir tragen die verwaschenen Bändchen für Jahre am Handgelenk, bis sie anfangen zu stinken – oft auch länger. Scheiß auf teure Armbanduhren. Festivalbändchen sind Statussymbole. Mehr als das: Sie sind Identifikation.

Ein Festival bietet uns ein Gefühl von Gemeinschaft, das wir andernorts nicht mehr so leicht finden. Uns verbinden keine Ideologien mehr, keine Sportvereine, keine sozialen Trennlinien, auch keine gemeinsamen Wegmarken wie: Heirat, Kinder, Eigenheim. Wir sind divers, einigen uns nur noch auf eine gelungene Netflix-Serie, den Klimawandel und eben Festivals.

Wir brauchen die Festivalgemeinde, diese Feierei, diese Realitätsflucht, um unser Vertrauen in die Welt wieder aufzutanken. Wir sind eine Generation, eingeklemmt zwischen Trump, AfD, Wohlstand und Selbstverwirklichungsdruck, die ständig versucht, nicht überfordert zu sein, und doch andauernd überfordert ist.

Deshalb sehnen wir uns nach Harmonie und Gutmenschentum. Ich finde diesen Frieden auf Festivals. In der Gemeinschaft. Die Menschen, denen ich dort begegne, sind herzlich und offen – auch dann, wenn ihnen gerade keine Pille die Liebe ins Hirn prügelt. Man hilft sich. Man schaut, dass es einander gut geht. Niemand wird zurückgelassen. Ein Wochenende reicht, um mich wieder an die Menschheit glauben zu lassen. Wenn mich eine Fremde auf der Tanzfläche umarmt, weil ich meine Freunde verloren habe. Wenn meine Zeltnachbarn ihr Bier, ihre Ravioli und ihren Tabak mit mir teilen, weil ich über meine Verhältnisse gelebt habe. Wenn mir ein Kerl, den ich gerade erst kennengelernt habe, von seinen Zukunftsängsten erzählt. Dann weiß ich: Alles ist gut.

Corona nimmt uns das. Es raubt uns die Freude, lässt uns in unserer unstillbaren Vergnügungssucht verdursten – und hält uns so den Spiegel vor. Denn während wir auf Festivals die Liebe feiern, geht um uns herum die Welt unter. Vielleicht wäre dieser Sommer ohne Festivals gerade deshalb eine Chance für uns. Jetzt, wo wir uns nicht mehr darauf verlassen können, unseren Optimismus auf einem Festival wiederzufinden, müssen wir ihn aktiv woanders suchen.

Wir sollten uns um die Älteren kümmern – schließlich sind sie es, die das Coronavirus am stärksten bedroht und viel stärker als uns einschränkt. Wir sollten uns um alle Menschen kümmern, deren Sommer noch nie von Festivals, sondern von Geldnot, Krankheit, Klimawandel oder Krieg bestimmt wurde. Gemeinschaft im Anderssein finden. Statt vor der Realität zu fliehen, müssen wir uns ihr diesen Sommer vielleicht einfach mal stellen. Und wenn du doch ein bisschen Realitätsflucht brauchst: Ruf doch mal deine Mutter an. Oder lies ein Buch.

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