Ein fies dreinblickender Mann, in dessen Sonnenbrille sich der Livestream einer Twitch-Userin spiegelt – Frauen werden auf der Streaming-Plattform häufig zum Ziel von Belästigungen und Hasstiraden
Illustration: François Dettwiller
Popkultur

Warum Twitch für Streamerinnen die Hölle ist

In der oftmals feindseligen Atmosphäre der Streaming-Plattform hilft Frauen oft nur eins: eine große Followerschaft.
7.4.21

An einem Juliabend im Jahr 2016 war Adèle kurz davor, ihre Streaming-Karriere als "Areliann" für immer hinzuschmeißen. Obwohl die Französin schon seit 2014 auf Twitch aktiv war, hatte die damals 20-Jährige die Schnauze voll. Wenige Tage zuvor hatte ein beliebter Streamer sie "geraidet". 

Raiding bedeutet normalerweise, dass Twitch-User ihre Follower zu einem anderen Channel schicken, den sie gut finden. An sich eine gute Möglichkeit, um auf weniger bekannte Streamer und Streamerinnen aufmerksam zu machen. Leider kann man so aber auch einen wütenden Mob auf jemanden hetzen. In Adèles Fall fielen über 2.000 Leute in ihren Livestream ein, um sie zu mobben – und das zu einer Zeit, in der sie durchschnittlich nie mehr als 15 Zuschauende hatte.

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Es dauerte mehrere Wochen, bis Adèle wieder dazu bereit war, zu streamen und Apex Legends sowie GTA vor einem Online-Publikum zu spielen. Heute, fünf Jahre später, hat sie über 150.000 Follower, die sie auch vor feindseligen Raids beschützen. Um an diesen Punkt zu gelangen, musste Adèle sich allerdings "beweisen". Und das ist leider der Weg, den die meisten Streamerinnen bei Twitch gehen müssen: schnell eine große Followerschaft aufbauen, durch die Trolle dann kaum eine Chance haben. 

Trolle sind besonders gern bei Twitch aktiv, weil sie die Wirkung ihrer Beleidigungen und Aktionen quasi in Echtzeit beobachten können. "Sie wollen nur Aufmerksamkeit", sagt Adèle, die die gehässigen User so gut wie möglich ignoriert. Denn auch wenn sie es jetzt geschafft hat, wird sie immer noch regelmäßig belästigt. Adèle hat nun aber auch mehrere freiwillige Moderatoren, die solche Trolle bannen und die meisten Hasskommentare abfangen, bevor die Streamerin sie lesen kann. Manchmal wird das allerdings sogar den Moderatoren zu viel.


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Shakaam ist eine französische Streamerin, die sich auf das "Just Chatting"-Format spezialisiert hat. Das heißt, sie redet im Livestream mit ihrer Community, anstatt zu zocken. Dabei geht es oft um sexuelle Themen, damit "junge Leute nicht nur in Pornos etwas über Sex lernen", so Shakaam. Aber bei jedem ihrer Streams wird die Streamerin auch das Ziel von Beleidigungen und Übergriffen.

Obwohl Shakaam laut eigener Aussage gut mit den Hasskommentaren klarkommt, wird es ihr dennoch manchmal zu viel. Im Januar musste sie einen Livestream abbrechen, weil mehr als 20 Trolle sie gleichzeitig beleidigten. "Mein Tag war eh schon ziemlich beschissen, deswegen konnte ich nicht wie normal einfach darüber lachen", sagt Shakaam. "Ich war kurz davor, in Tränen auszubrechen." Die Streamerin sagt, dass man sich selbst nach Jahren bei Twitch nicht mit sowas abfinde. "Gewöhnt man sich im echten Leben als Frau irgendwann an die abfälligen Kommentare und Übergriffe auf der Straße? Nicht wirklich."

In den vergangenen Monaten haben viele beliebte Streamerinnen von mehr Gehässigkeit bei Twitch berichtet. Sie glauben, dass das mit dem Multiplayer-Spiel Among Us zusammenhängen könnte. Es ist während der Corona-Pandemie zu einem Dauerbrenner geworden und kann mit Freunden oder Fremden gespielt werden. Das ermöglicht Twitch-Streamerinnen und Streamern, mit ihren Communitys zu zocken. Mit der steigenden Beliebtheit von Among Us ging allerdings "ein Comeback der schlimmsten Seite von Twitch" einher, wie es Nahomay sagt. Der französischen Streamerin folgen über 46.000 Menschen.

Der Hass wirkt sich auf die Klamottenwahl aus

Der französischen Streamerin Ultia, die ihre 120.000 Mitglieder starke Community normalerweise als "nett und liebevoll" bezeichnen würde, ist aufgefallen, dass derzeit mehr User in ihren Chat einfallen und bei ihren Among Us-Livestreams alles kritisieren. Nat_Ali, die seit fünf Jahren auf der Plattform aktiv ist, sagt, dass sie das Gleiche erlebe. Das Mobbing hat bei der Französin solche Ausmaße angenommen, dass sie einmal ihren Among Us-Stream unterbrechen musste und das Spiel inzwischen gar nicht mehr spielt.

In den Chats der Twitch-Streamerinnen wird oft darüber diskutiert, wie viel Haut die Frauen zeigen. Im Dezember kochte dazu in Frankreich eine Twitter-Kontroverse hoch: Mehrere User warfen Streamerinnen in knappen Outfits vor, ihre männlichen Zuschauer auszunutzen. Auch Nahomay, die ihre Kolleginnen in dieser Diskussion verteidigte, bekam eine ordentliche Breitseite Hass ab, als sie bei Instagram ein Bild ihrer Schwangerschaft postete, das als "Nacktfoto" ausgelegt wurde.

Einige Frauen tragen bei ihren Twitch-Streams lieber weite Klamotten, um die Aufmerksamkeit von ihren Körpern wegzulenken und nicht als "Verführerinnen" zu gelten. Die 18-jährige Kaatsup aus Frankreich kam von TikTok zu Twitch, sie sagt, dass sie bei ihren Livestreams ihre Figur versteckt, weil sie keine Lust auf diese Art von Aufmerksamkeit habe. Gleichzeitig zeigen sich andere Streamerinnen solidarisch mit ihren Kolleginnen, die bewusst mehr Haut zeigen. "Das ist doch nur grundlegendes Marketing", sagt Drakony, eine französische Ex-YouTuberin, die jetzt bei Twitch ist. "Wenn es ein Angebot gibt, dann liegt das an der Nachfrage." Aber ganz egal, was sie auch tragen, Streamerinnen würden immer belästigt, so Nahomay.

Was bewirken die angekündigten Maßnahmen von Twitch?

Viele der Frauen, mit denen wir gesprochen haben, sind davon überzeugt, dass das gehässige Verhalten der männlichen Zuschauer auf männliche Streamer zurückzuführen ist. Manchmal reden die während ihrer Streams über die Channels weiblicher Twitcher und stiften ihre Zuschauer an, diese zu raiden. Diese Art von Mobbing anzusprechen, scheint auch nicht ganz oben auf der To-Do-Liste der Top-Performer von Twitch zu stehen. Und auch die Plattform selbst zeigt sich schmallippig. Viele Streamerinnen glauben aber, dass der Hass zurückgehen würde, wenn Twitch problematische Streamer anprangert.

Ein Sprecher von Twitch Frankreich sagte VICE, dass dem Unternehmen bewusst sei, dass noch viel zu tun ist, um Safe Spaces zu schaffen. Man habe aber mehrere Initiativen am Laufen, die die Belästigung vor allem von Streamerinnen und anderen unterrepräsentierten Gruppen auf Twitch vorbeugen sollen. Im Januar verschärfte Twitch die Regeln gegen Hassrede und Belästigung. Seitdem sind auf der Plattform auch unerwünschte Kommentare zum Aussehen und zur Sexualität anderer User verboten. Die französischen Streamerinnen haben allerdings auch Monate später noch keine Veränderung bemerkt. 

Twitch behauptet, jede Meldung einer Belästigung so schnell und sorgfältig wie möglich zu bearbeiten. Der Sprecher sagte dazu, dass das Unternehmen nicht die Macht besitze, "den Problemen der Gaming- und Online-Communitys ein Ende zu setzen". Man nehme die eigene Verantwortung als Service innerhalb dieser Communitys aber sehr ernst. Am 3. Februar 2021 veröffentlichte die Plattform ihren ersten jährlichen Transparency Report, in dem die Initiativen zur Sicherheit der User genauer beschrieben sind. Der Bericht zeigt den Fortschritt diesbezüglich – der aber offensichtlich noch lange nicht ausreicht, damit sich Twitch-Userinnen beim Streamen sicher fühlen.

Nat_Ali sagt, dass Twitch kein triftiges Interesse habe, wirklich etwas zu verändern. So lange ein Streamer Zuschauer – und damit Einnahmen – für die Plattform bringt, würde Twitch diesen Streamer promoten. "Außer, es gibt einen Twitter-Skandal", sagt Nat_Ali weiter.

Nahomay hofft, dass die Belästigungen langsam aufhören, wenn mehr und mehr Frauen bei Twitch aktiv sind. Sie meint das Mobbing, das Anfängerinnen ertragen müssen, die noch keine große Fangemeinde haben. Alle Streamerinnen, mit denen VICE gesprochen hat, haben sich inzwischen aber mit der Vorstellung abgefunden, dass Frauenfeindlichkeit und Twitch nicht zu trennen sind. Egal, wie erfolgreich du als Frau auf der Streaming-Plattform bist, die Beleidigungen und Drohungen hören nicht auf.

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