Ein Mann mit braunem Hut, langen schwarz-grauen Haaren und einem grauen Bart, daneben ein Bild von einer Westernlandschaft. Omar bin Laden, der Sohn von Osama bin Laden, malt Bilder, um seine traumatische Vergangenheit zu verarbeiten
Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung von Omar bin Laden
Menschen

Osama bin Ladens Sohn ist Maler, Amerika seine Muse

Wir haben mit Omar bin Laden über seine traumatische Kindheit, seinen Vater und seine Kunst gesprochen.

Wenn sich Omar bin Laden niedergeschlagen fühlt, guckt er Erbarmungslos. In dem Western-Klassiker von und mit Clint Eastwood gibt ein ehemaliger Outlaw die Ruhe des Farmerlebens auf, um ein letztes Mal seine gewaltreiche Vergangenheit aufleben zu lassen. Ansonsten malt Omar. Landschaftsbilder, vor allem Wüsten. Neben den Orten seiner Kindheit und Jugend ist sein Motiv immer wieder der amerikanische Wilde Westen: tote Bäume, Rinderschädel und kahle Tafelberge.

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Omar ist der viertälteste Sohn des früheren al-Qaida-Anführers Osama bin Laden. Von ihm hat er auch die markante Nase und die sanften, dunklen Augen mit den eindringlichen Augenbrauen. Aber die künstlerische Ader? Die hat Omar von seiner Mutter.

"Einige in der Familie meiner Mutter sind künstlerisch sehr begabt", sagt Omar über WhatsApp. "Meine Mutter malt gerne, eine meiner Schwestern auch. Mein Onkel war auch ein sehr guter Künstler. Der Drang zu zeichnen und zu malen liegt mir also im Blut."

Ein Bild von einer Wüstenlandschaft bei Nacht

'Arizona Desert' von Omar bin Laden

Über das vergangene Jahr hinweg hat Omar über ein Dutzend Bilder gemalt. Sein Stil ist einfach und geprägt von lebendigen Farben und flachen, expressionistischen Pinselstrichen. Eines seiner Gemälde zeigt die zackigen Bergrücken von Tora Bora, dem Höhlenkomplex, in dem sich sein Vater nach dem 11. September 2001 versteckte. Die Gipfel sehen aus wie die Zähne einer Säge und leuchten in wütendem Rot. Ein anderes, Omars Lieblingsbild, zeigt die Wüste Arizonas bei Nacht. Eine erleuchtete Hütte steht neben einem Feld aus blassgrünen Kakteen, am Himmel scheinen der Mond und die Sterne.

Alle von Omars Bildern drücken eine kindliche Einfachheit aus, was vielleicht auch nicht verwundert. Wenn man mit ihm spricht, merkt man schnell, dass seine Kunst ein Weg ist, etwas von der längst verlorenen Gelassenheit seiner frühen Jugend wiederzukriegen und zurück zum Anfang zu gehen, bevor die ganze Gewalt und das Blutvergießen begannen.

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"Ich vermisse meine gute Zeit: als ich zu jung war, um etwas zu wissen, zu unschuldig, um die Welt um mich herum zu verstehen", sagt Omar. "Ich vermisse die weiten Dünenfelder und das Rauschen des Meeres. Ich vermisse den Frieden der Kindheit."

Eine Wüstenlandschaft mit Sanddünen

'Deserted 3' von Omar bin Laden

Die Dünen und das Meeresrauschen aus Omars Kindheit befinden sich in Dschidda, einer Hafenstadt an der Westküste Saudi-Arabiens. Seine frühe Jugend verbrachte er abwechselnd zwischen der winzigen Wohnung im Stadtzentrum und der Familienfarm der bin Ladens draußen auf dem Land, wo sein Vater Pferde, Ziegen und Gazellen hielt. Schon als Kind zeigte Omar ein Faible für Malerei.

Omar erinnert sich daran, dass er sieben war, als er "wunderschöne Bilder" von Osamas Pferden malte. Einmal sei eins seiner Bilder in der Schule im Klassenzimmer aufgehängt worden. Er beschreibt das als "den einzigen glücklichen Moment", an den er sich erinnern könne.

Die Idylle hielt nicht lange. Bald marschierte Saddam Hussein in Kuwait ein, und Osama, davon überzeugt, Saudi-Arabien vor den irakischen Truppen beschützen zu müssen, baute die Familienfarm in einen Militärstützpunkt um. Drei Jahre später, nachdem sie sich selbst mit den Saudis überworfen hatten, migrierten die bin Ladens in den Sudan.

Eine Kamel-Karawane auf dem Rücken einer Sanddüne

'Memory' von Omar bin Laden

In diesem geopolitischen Kreuzfeuer wuchs Omar heran. Seine frühen Jahre als Teenager verbrachte er in der sudanesischen Hauptstadt Khartum, die späteren in den Gebirgsausläufern und auf den Schlachtfeldern Afghanistans. Omar war 15, als er in der Nähe von Tora Bora in al-Qaida-Trainingslager geschickt wurde, um sich auf den Kampf gegen die Armeen der Ungläubigen aus dem Westen vorzubereiten. Mit 16 musste er an die Front im afghanischen Bürgerkrieg.

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Omar sagt – nicht ohne einen kleinen Anflug von Traurigkeit –, dass er seinem Vater nie besonders nahegestanden habe. Osama sei alles andere als ein vorbildlicher Vater gewesen. Er war ein strenger Patriarch, der seinen Söhnen kein Spielzeug erlaubte, sie regelmäßig schlug und später versuchte, sie zu Selbstmordattentaten zu überreden. Seine Truppen führten an den Haustieren von Osamas Kindern Giftgastests durch. Wenn Omar oder seine Geschwister über Asthma-Symptome klagten, sollten sie einfach an einem Stück Honigwabe oder einer Zwiebel lutschen. Je älter Omar wurde, desto mehr begann seine einst unerschütterliche Unterstützung für seinen Vater zu bröckeln.

Er erinnert sich an einen wichtigen Wendepunkt während des Bürgerkriegs. Scharfschützen hatten Omar auf einem afghanischen Gebirgspfad in die Zange genommen. Die Scharmützel zwischen Taliban und Nordallianz waren chaotisch und verwirrend geworden. Beide Seiten hatten bereits mehrmals auf eigene Kämpfer geschossen, weil die Soldaten nicht zwischen Freund und Feind unterscheiden konnten. Irgendwann sagte ein befreundeter Soldat Omar über Funk, dass er ohne Zögern seinen Befehlen folgen und ihn abknallen würde, falls er ihn auf dem umkämpften Land sehe. Auf diesem Gebirgspfad erkannte Omar die Nutzlosigkeit des Krieges, während die Kugeln der Scharfschützen in die Hügel um ihn herum einschlugen.

Mit 18 entschied er sich endlich, der al-Qaida-Mission den Rücken zu kehren und mit seiner Mutter nach Syrien zu reisen. Seinen Vater sah er das letzte Mal 2001 in Afghanistan in dessen Anwesen. Als zwei Passagierflugzeuge in den Nord- und Südturm des World Trade Centers flogen, war Omar 20 und lebte wieder in Saudi-Arabien. Kurz nach den Anschlägen floh Osama zu seiner Militärbasis in den Höhlen von Tora Bora – den gleichen schroffen Hügeln, die sein Sohn fast zwei Jahrzehnte später in blutroter Acrylfarbe auf eine Leinwand malte.

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gemalte Berggipfel in rot-schwarz

'Tora Bora (Untouchable)' von Omar bin Laden

Der heute 39-jährige Omar hat die Anschläge vom 11. September in den vergangenen Jahren wiederholt verurteilt. Immer wieder hat er sein Mitgefühl für die Tausenden Menschen ausgedrückt, die dadurch ihr Leben verloren haben. Al-Qaida prangerte er für den schamlosen Mord an unschuldigen Zivilisten an. Die brutale Ideologie seines Vaters lehnt er ab. Und obwohl er sich nie für seinen Familiennamen geschämt hat, versucht er schon lange, sich von der damit verbundenen Brutalität zu distanzieren.

"Viele Menschen denken, dass Araber – insbesondere die bin Ladens und ganz besonders Osamas Söhne – allesamt Terroristen sind", sagte Omar 2008 der Associated Press. "Das ist einfach nicht wahr."

Er wolle ein "Botschafter des Friedens" werden, ergänzte er. Er wolle versuchen, den "großen Fehler" seines Vaters wiedergutzumachen. Eine kolossale Aufgabe, keine Frage. Auch wenn er Osama bin Ladens blutiges Erbe wahrscheinlich nie komplett abschütteln werde, sagt Omar, dass er endlich eine Art Frieden mit sich geschlossen habe.

Ein Frieden, den er auch der Malerei verdankt.

Ein Segelschiff auf dem Meer

'West Water' von Omar bin Laden

"Ich will, dass die Welt merkt, dass ich gewachsen bin; dass ich mich zum ersten Mal in meinem Leben wohl mit mir fühle. Die Vergangenheit liegt hinter uns und man muss lernen, mit dem zu leben, was vergangen ist", sagt er. "Man muss vergeben, wenn nicht sogar vergessen, damit man den Frieden finden kann."

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Mit seiner Frau Zaina Mohamed Al-Sabah und ein paar Pferden lebt Omar seit einigen Jahren in der Normandie in Nordfrankreich.

Auch Zaina hat eine Leidenschaft für Kunst. Omar erinnert sich daran, dass beide, kurz nachdem sie sich 2006 kennengelernt hatten, stundenlang zusammen gemalt und mit Photoshop herumgespielt haben. Als dann jedoch andere Dinge in ihrem Leben wichtiger wurden, verschwand das Hobby immer mehr aus ihrem Alltag. Mit Beginn der Corona-Pandemie und dem Lockdown besann sich Zaina wie so viele andere Menschen wieder auf ihre kreative Seite, um die Langeweile zu bekämpfen. Sie fing an, Gebäude und Häuser zu zeichnen. Bald schlug sie Omar vor, es auch mal mit dem Malen zu versuchen.

Eine Landschaft mit einem Fluss, einem Gebirge und einer Hütte

'The Nile' von Omar bin Laden

Seine künstlerische Inspiration zieht Omar bin Laden aus dem, was ihn umgibt: seine Frau, seine Freundinnen und Freunde; der innere Frieden, den er spürt, wenn er reitet oder den Fluss an seinem Haus vorbeifließen sieht. In seinen Arbeiten zeigt sich deutlich seine Wertschätzung für die Natur. Aber während die pastoralen Landschaftsszenen ihn an "den wunderschönen Ort" erinnern, an dem er jetzt lebt, sind andere weitaus weniger einladend.

Auf die Melancholie angesprochen, die aus einigen seiner Bilder spricht, sagt Omar: "Ich bin traurig, wie die Welt sich seit meiner Kindheit verändert hat. Ich sehe Traurigkeit in den Augen anderer. Ich spüre den Schmerz, den sie spüren. Ich sehe die Einsamkeit und das Elend, ausgelöst durch Hunger und Krieg. Ich sehe und fühle den Schmerz, der durch Gewalt verursacht wird." 

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Das ist die doppelte Funktion von Omars Kunst: Für ihn ist sie eine Methode, um die Geborgenheit seiner Kindheit in Saudi-Arabien und seines neuen Lebens in Frankreich zu kristallisieren, während er sich gleichzeitig mit dem Trauma aus den Jahren dazwischen auseinandersetzt. Dieses Ringen zeigt sich auffällig häufig vor dem Hintergrund einer klassischen amerikanischen Westernlandschaft. Eine gewisse Ironie hat das natürlich, wenn man bedenkt, wie verbittert sein Vater über diesen bestimmten Teil der Welt war.

Einen Westernlandschaft mit Kakteen und Bahngleisen

'Wild West' von Omar bin Laden

Omar war noch nie in den USA. Als er aufwuchs, war sein Bild dieses weit entfernten Landes geprägt von seinem Vater, der Amerika als "die schlimmste Zivilisation, die die Menschheit je gesehen hat" bezeichnet hatte. Omars Bilder zeigen aber, dass auch andere Dinge seinen Blick auf Nordamerika beeinflusst haben. Der romantische Gesang von Country- und Western-Musik, die er zum ersten Mal als Teenager in Afghanistan im Radio hörte. Auch die Bilderwelten seiner Lieblings-Hollywoodfilme haben ihn beeinflusst.

"Ich mag alte Western", sagt Omar. "Ich respektiere Cowboys. Ich liebe die Würde der Cowboys."

Der Mythos des Cowboys ist zutiefst amerikanisch, und doch scheint er den Sohn Osama bin Ladens direkt angesprochen zu haben: Die Geschichte des vermeintlich noblen Banditen, der sich nimmt, was er will, und seine Ziele mithilfe von Gewalt erreicht. Dafür gibt es keinen besseren Archetyp als Omars heißgeliebten Clint Eastwood. Dabei ist Erbarmungslos, einer seiner Lieblingswestern, eine Abrechnung mit diesem Mythos. Der Film stellt die Cowboy-Ehre infrage – und mit ihr die Geschichten, die wir uns über Gewalt und Krieg erzählen.

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Eine Wüstenlandschaft mit einem Tierschädel, einem toten Baum und rötlichen Bergen

'American dream' von Omar bin Laden

Wie der Filmkritiker Brian Eggert schreibt: "Alles an der Handlung von Erbarmungslos stellt das Bild klassischer Westernfiguren auf den Kopf. Hartgesottene Revolverhelden werden als Feiglinge, Schwächlinge und Lügner bloßgestellt. Der Film suggeriert, dass ein Westernheld nicht unbedingt der Gute ist, sondern einfach nur der, der überlebt hat."

Das könnte man auch über Omar sagen: der, der überlebt hat. Der pferdeliebende Cowboy, der gegen den Lauf der Geschichte ankämpft, um der Gute zu werden. Der Revolverheld – in diesem Fall ein al-Qaida-Kämpfer –, der sich zur Ruhe gesetzt hat, der immer wieder in den Wilden Westen seiner Vorstellung zurückkehrt, wo Männer Würde haben und Herr über ihr eigenes Schicksal sind.

Omar wird immer der Sohn seines Vaters bleiben. Vergangenheit sei Vergangenheit, wie er es sagt, und man müsse lernen, mit ihr zu leben. Die Kunst habe ihm dabei geholfen. Das Malen, sagt er, helfe ihm dabei, seinen inneren Frieden zu finden, und transportiere ihn in "eine Welt der Phantasie und Träume". Diese bietet nicht nur eine Zuflucht in der Unschuld seiner Kindertage oder der amerikanischen Prärie, sondern sie ist auch Teil eines Heilungsprozesses.

Eine Wüstenlandschaft mit Sonne und Wolken

'Dream' von Omar bin Laden

Sein Bild "The Light" zeigt einen schwarzen Highway, der in einen erleuchteten Horizont führt. Das Auge wird geradezu zu diesem Horizont hingezogen, über den Hügel, wo die Straße verschwindet und ein weißes Licht von einer unbekannten Quelle strahlt. Es ist wahrscheinlich Omars düsterstes Werk, dafür aber besonders symbolgeladen.

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"Ich glaube, ich versuche, ein Licht am Ende dieser dunklen Straße zu finden", sagt er. "Ich hoffe, das Malen wird das Licht zurück in mein Leben bringen."

Eine schwarze Straße, die in einen hellgrauen Horizont führt

'The Light' von Omar bin Laden

Ein teufelsähnliches Wesen mit Hörnern, roten Augen und weißen Zähnen vor einem Sonnenaufgang

'Jinn' von Omar bin Laden

Eine Wüstenlandschaft mit einer Kamelkarawane und Zelten

'Deserted' von Omar bin Laden

Ein Friedhof und Vögel in Bäumen vor blauem Hintergrund

'Death and Birds' von Omar bin Laden

Eine Moschee mit Dorf neben einer Wüste bei Nacht

'Safe Village' von Omar bin Laden

Eine Wüstenlandschaft mit Tierschädel und totem Baum

'American Day' von Omar bin Laden

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