Politik

Corona kommt zurück: Was du jetzt tun kannst, damit du im Herbst nicht wieder drinnen hockst

Es ist nicht edgy, einen Fantasienamen in eine Bar-Kontaktliste zu schreiben.
27 Juli 2020, 2:37pm
Eine Frau mit Maske vor einer Gruppe Menschen, die im Park sitzen
Symbolbild. Frau mit Maske: imago images / Westend61 | Hintergrund: Philipp Sipos

Ich habe keinen Bock darauf, dass das alles nochmal von vorn losgeht. Ich habe keinen Bock auf meine Maske, und ich träume davon, auf ein Festival zu gehen oder mich in einem verrauchten Club durch die Gegend schieben zu lassen. Und damit bin ich nicht allein: Zwischen 3.000 (schreibt der Tagesspiegel) und 5.000 Leute (so die B.Z.) hat es in einer Nacht am Wochenende mit einer ganzen Menge Müll in die Berliner Hasenheide gezogen, um zu feiern und Büsche zu zertrampeln. Dass es so viele waren, war sicher auch dem CSD-Tourismus geschuldet. Das größte LGTBQ-Event des Jahres sollte 2020 eigentlich online stattfinden, hier und da schlossen sich die Besucher aber auch dem mittlerweile regelmäßig stattfindenden Hasenheide-Rave an.

Legal ist das natürlich immer noch nicht, geblieben sind die Leute trotzdem. Und jetzt? Der Sprecher des Neuköllner Bezirksbürgermeisters Martin Hikel brachte seine Hilflosigkeit auf den Punkt: "Wir werden weiter keine Raves tolerieren, aber wir können auch nicht für zwei Millionen Euro einen Zaun um den Park bauen."

Leider kann man das alles mitten in der Pandemie nicht so richtig gut finden. Virologen halten es für unwahrscheinlich, dass es schon in diesem Jahr einen Impfstoff geben wird. Das bedeutet, dass wir wieder auf Freiwilligkeit und Solidarität setzen müssen. Denn nach diesem Wochenende sieht es tatsächlich danach aus, als hätten wir das Coronavirus in Europa bald nicht mehr richtig im Griff:

  • Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat in der Nacht zum Samstag so viele Neuinfektionen in 24 Stunden wie noch nie seit dem Beginn der Coronakrise gemeldet.
  • In Spanien gehen die Zahlen für neue Infektionen einen Monat nach Ende des Lockdowns wieder durch die Decke.
  • In Österreich, am bei Deutschen beliebten Urlaubsort Wolfgangsee, gab es Dutzende neue Fälle, die Einreisebestimmungen nach Österreich wurden für 32 Länder wieder verschärft und die Maskenpflicht ausgeweitet.
  • Auch in Deutschland meldet das Robert-Koch-Institut deutlich mehr neue Infektionen mit dem Coronavirus und nennt die Situation "beunruhigend". Noch ist nicht klar, ob sich der Trend verhärtet.

Aber etwas ist anders als zuvor: In der Vergangenheit waren es größere und lokale Ausbrüche, die die Zacken in der Grafik verursacht hatten. Als sich in der Fleischfabrik Tönnies in Rheda-Wiedenbrück 2.000 Menschen ansteckten, sah man das sofort in der Kurve. Jetzt aber steigen die Neuinfektionszahlen flächendeckend an. Eine Rolle spielen dabei vermutlich Reiserückkehrer, auch aus Österreich – denn schon im Frühjahr hatten Touristen aus Ischgl das Virus hier verbreitet.

Und das ist das große Problem: Denn wenn die Reproduktionszahl, der R-Wert, weiter ansteigt, gibt es bald nicht mehr nur lokale Herde wie bei Tönnies, die man eindämmen und bekämpfen kann. Dann gibt es eine gleichmäßige zweite Welle, vor der Epidemiologen schon seit dem Frühjahr warnen und die sie mit "Tinte im Wasser" umschreiben.

Vielleicht ist ein ekliges Stäbchen im Rachen eben auch nur ein ekliges Stäbchen im Rachen.

Deutschland überlegt jetzt, Tests für Reiserückkehrer aus Risikogebieten nicht mehr nur am Flughafen anzubieten, sondern verpflichtend zu machen. Rechtlich sei das "schwierig", weil es "schon ein Eingriff in die Freiheit" ist, mahnte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im Deutschlandfunk. Man kann das so sehen, aber: Vielleicht ist ein ekliges Stäbchen im Rachen eben auch nur ein ekliges Stäbchen im Rachen.

In der Diskussion um Freiheiten geht die Perspektive in Deutschland schon ein bisschen verloren, schließlich gab es hier noch nicht mal einen hart durchgesetzten Lockdown. Im so gut wie Covid-freien Neuseeland steckt das Militär alle Einreisenden in eine zweiwöchige Quarantäne in irgendein Hostel im Land. Sie dürfen ihr Zimmer nicht verlassen, haben oft ziemlich beschissenes W-Lan und bekommen dreimal am Tag eine Papiertüte mit Essen vor die Tür gestellt. Alkohol ist rationiert, das Hotel eingezäunt und und begleitete Ausflüge, Joggen gehen oder mal zum Supermarkt spazieren sind in aller Regel auch nicht drin.

In Berlin dagegen werden heute weitere Beschränkungen gelockert: Beim Fußball oder Handball dürfen jetzt wieder bis zu 30 Personen zusammen trainieren, und in Lokalen dürfen sich sechs Leute an einen Tisch setzen. Also wäre es doch vermutlich nicht zu viel verlangt, wenn wir uns weitere zwei Monate lang zwischen Biergarten und Freiluftkino an die paar Grundregeln halten, die das Virus eindämmen könnten: bisschen Stoff um Mund und Nase, in der Öffentlichkeit nicht drängeln, nicht so viel drinnen abhängen, Warn-App installieren, den echten Namen auf die Kontaktlisten schreiben und Hände waschen. Easy peasy!

Nach der Black Lives Matter-Demo in Berlin ging alles gut – vermutlich auch, weil die Leute Abstand hielten

Damit uns die Sache nicht entgleitet, müssen wir also noch ein bisschen aufpassen. Eine zweite Periode im Herbst, in der kaum Bars, Läden, Kinos und Geschäfte offen sind, wird sonst nämlich noch ätzender und belastender für die Wirtschaft und vor allem für die Gesellschaft – schließlich entlädt sich schon jetzt der Frust auf den Straßen, während hinter verschlossenen Türen die häusliche Gewalt von Männern und gegen Kinder zunimmt.


Auch bei VICE: Gefangen im Paradies – Das Festival im Lockdown

Eigentlich hätte man schon nach der Black Lives Matter-Demo rund um den Alexanderplatz in Berlin einen neuen Ausbruch erwartet, aber trotz Zehntausender Menschen im Freien ging danach wohl alles gut – vermutlich auch, weil die Teilnehmenden höflich waren, Abstand einhielten, fast zu 100 Prozent ihre Maske trugen und so gut wie kein Alkohol im Spiel war. Bei den Partys, auf denen (mindestens) geknutscht, getanzt und getrunken wird, liegt die Sache etwas anders. Auch deshalb wird es höchste Zeit für ein legales Konzept zum Feiern unter freiem Himmel in Berlin, wie zum Beispiel auf dem Tempelhofer Feld.

Und vielleicht muss das tatsächlich nochmal irgendjemand hören: Sei doch bitte so nett und zieh deine Maske an in der Bahn und im Laden. Wenn das medizinische Personal, das dir im Zweifel den Arsch rettet, das ein ganzes Arbeitsleben lang bei jeder Operation hinkriegt, dann schaffst du das auch für 20 Minuten in der S-Bahn. Dr. Drosten glaubt an dich!

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