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Ich habe das Coronavirus überstanden, aber kann auch Monate später nichts riechen

"Ich war richtig niedergeschlagen und wollte mich mit ein paar Bierchen aufmuntern. Schlechte Entscheidung."
Ruby Lott-Lavigna
aufgeschrieben von Ruby Lott-Lavigna
2.12.20
Der Autor erkrankte an COVID-19 und war deswegen ans Bett gefesselt und kann b
Fotos: bereitgest Julian Morgans

Julian Morgans (34) arbeitet als Senior Editor im australischen VICE-Büro. In diesem Artikel erzählt er, wie es war, sich direkt am Anfang der Pandemie mit dem Coronavirus anzustecken, und unter welchen Folgen er heute noch leidet.

Ich glaube, ich habe mir das Coronavirus eingefangen, als ich zusammen mit meiner Freundin im März von London zurück nach Melbourne geflogen bin. Ich weiß noch, wie ich am Flughafen die Schnauze voll hatte. Wir mussten in so vielen Warteschlangen stehen, irgendwann rieb ich mir die Augen und dachte direkt danach: "Oh, das hätte ich besser nicht tun sollen." 

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Ein paar Stunden später saß im Flugzeug ein Typ nur eine Reihe von mir entfernt und hustete die ganze Zeit. Er hustete so laut und offen, dass ich mir dachte: "Der muss doch Asthma haben, wer hustet sonst während einer Pandemie so ungehemmt?"

Acht Tage danach hatte ich Corona.


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Als meine Freundin und ich zurück in Australien waren, mussten wir uns in Quarantäne begeben und durften unsere angemietete Airbnb-Wohnung mindestens zwei Wochen lang nicht verlassen. Zu diesem Zeitpunkt ging es mir noch gut, es heißt ja auch, dass das Virus eine gewisse Inkubationszeit hat. Ich konnte jeden Morgen nach dem Aufstehen mein Workout machen.

Dann wurde es jedoch komisch. Ich hörte einen Podcast, in dem ein Gesundheitsexperte darüber redete, dass sich Corona so schnell verbreitet, weil sich das Virus normalerweise erst nach sieben bis zehn Tagen bemerkbar macht. Schon witzig, genau in diesem Moment dachte ich: "Scheiße, ich fühle mich gar nicht mehr so gut, irgendwas stimmt nicht." Dann kam aber auch der Gedanke auf, dass ich mir das jetzt vielleicht nur einredete.

Also ignorierte ich das Ganze erstmal und ging schlafen. In dieser Nacht wurde mir dann heiß. Also verdammt heiß. Mein erster Gedanke: "Egal, ich will einfach nur, dass es weggeht."

Am nächsten Morgen wachte ich auf und fühlte mich noch viel beschissener: Ich hatte Schmerzen, mein ganzer Körper kribbelte und mir war heiß. Der Husten ließ aber noch eine Woche auf sich warten, zuerst waren da nur die Schmerzen und das Jucken. In den darauffolgenden drei Tagen verschlechterte sich mein Zustand: Mir wurde immer heißer, das Kribbeln wurde immer schlimmer.

"Beiß einfach die Zähne zusammen. Du bist jung, du wirst das schon überstehen."

Schließlich gestand ich mir ein, dass das Ganze nicht einfach so weggeht, sondern sich nur verschlimmert. Also ließ ich mich auf COVID-19 testen. Ich war müde und dachte mir: "Wenn ich es habe, dann weiß ich zumindest Bescheid." Deswegen war ich fast schon erleichtert, als das Testergebnis positiv ausfiel. Es hatte mir richtig zugesetzt, drei Tage lang die Augen vor der möglichen Realität zu verschließen und irgendwie mein Leben normal weiterleben zu wollen.

Nach der Diagnose blieben meine Symptome eine Woche lang stabil. Es ließ sich aushalten, ich konnte immerhin in meinem Bett sitzen und arbeiten. Laut den Ärzten sei es jedoch die zweite Woche, vor der man sich in Acht nehmen muss. Als ich nachfragte, was in der zweiten Woche passiert, sagten sie aber nur: "Das wissen wir nicht, weil wir so vieles über dieses neue Virus nicht wissen." Ein paar Ärzte meinten auch: "Beiß einfach die Zähne zusammen. Du bist jung, du wirst das schon überstehen." Diese Unklarheit war echt komisch.

In einigen Nächten war ich allein, konnte nicht schlafen und wurde von Fieber geplagt. Da bekam ich schon ordentlich Angst.

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Die zweite Woche war dann tatsächlich viel schlimmer. Ich war richtig niedergeschlagen und wollte mich mit ein paar Bierchen aufmuntern. Schlechte Entscheidung: Danach fühlte ich mich noch viel beschissener, so als ob ich in einem dieser Karussells feststecken würde, die sich drehen und in denen du durch die Fliehkraft an der Wand klebst. Ich hatte den Eindruck, mein Körper würde aus Blei bestehen und immer wieder zurück ins Bett gezogen werden. Richtig unangenehm. Dieser Zustand hielt 24 Stunden an und war definitiv der schlimmste Abschnitt meiner Erkrankung.

Jetzt halte ich mir Blumen oder stinkende Schuhe unter die Nase und nichts passiert.

Danach ging es mir langsam aber sicher immer besser. Am Ende der zweiten Woche kam es mir sogar schon so vor, als sei ich wieder gesund. In Wahrheit hat es noch gut einen Monat gedauert, bis ich wieder bei 100 Prozent war. In diesem Monat ging ich einige Male joggen und war danach total außer Atem. Also richtig im Eimer.  

Mein Geschmackssinn ist zurückgekommen, mein Geruchssinn allerdings nicht. Das ist für mich auf jeden Fall am frustrierendsten. Früher dachte ich immer, ziemlich gut riechen zu können. Jetzt halte ich mir Blumen oder stinkende Schuhe unter die Nase und nichts passiert. Da kommen keine Informationen in meinem Gehirn an.

Auch heute gerate ich noch schneller außer Atem, wenn ich jogge. In meiner Brust fühlt es sich dann anders an als früher: Es sticht mehr und es rasselt ein wenig, wenn ich atme. Ich hoffe, dass ich irgendwann wieder normal riechen kann, aber das ist ungewiss. Dass sich mit meiner Nase noch nichts gebessert hat, macht mir nicht gerade viel Hoffnung.

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