Tech

Können Menstruationstassen die Periode verkürzen?

Viele Menschen, die Menstruationstassen benutzen, berichten von kürzeren und weniger schmerzhaften Blutungen. Warum hat das noch niemand untersucht?
26 Juni 2020, 5:00am
Eine Hand hält eine Menstruationstasse, eine andere Hand will diese berühren. Menstruationstassen haben viele Vorteile, sie sollen die Regelblutung vielleicht sogar verkürzen
Symbolfoto: Pixabay

Früher trug Melissa jeden Monat eine Woche lang zusätzliche Shorts unter ihren normalen Klamotten. Obwohl sie dazu noch alle zwei Stunden ihre Binde wechselte, lief die Regelblutung der 26-Jährigen so häufig aus, dass sie die Extrahose zum Aufsaugen brauchte. "Ich war gezwungen, mein Leben nach meiner Periode auszurichten, weil es einfach so viele Dinge gab, die ich nicht machen konnte", sagt Melissa. Seit sie eine Menstruationstasse verwendet, dauert ihre Regelblutung nicht mehr sieben oder acht, sondern nur noch fünf bis sechs Tage. Und sie sei zudem nicht mehr so extrem, so Melissa.

Obwohl Menstruationstassen schon 1937 auf den Markt kamen, haben sie nie die Beachtung bekommen, die sie eigentlich verdient hätten. Die umweltfreundlichen und wiederverwendbaren Tassen in Glockenform bestehen aus medizinischem Silikon und werden zusammengefaltet in die Vagina eingeführt. Im Vaginalkanal öffnen sie sich dann wieder und fangen das Menstruationsblut auf. Die Tassen könnten aber noch weitere Vorteile haben, die man so noch gar nicht bedacht hat.

Bei einer aktuellen Umfrage gaben 53 Prozent der 1.400 befragten Menstruationstassen-Nutzenden in der Facebook-Gruppe Put A Cup In It an, dass ihre Periode seit dem Wechsel zur Tasse nicht mehr so lange andauere. Und auch alle für diesen Artikel kontaktierten Menschen – Forscherinnen, Ärztinnen, Expertinnen und Tassenherstellerinnen – wissen über dieses Phänomen Bescheid. Dennoch hat sich noch keine wissenschaftliche Studie damit befasst.


Auch bei VICE: Ich habe mit meinem Blut Plätzchen gebacken und gegessen


Jen, ein Mitglied der Facebook-Gruppe, sagt, dass ihre Regelblutung nach der Geburt ihrer Kinder fast unerträglich wurde. Die 39-Jährige musste alle 45 Minuten ins Bad rennen, um ihren Tampon zu wechseln. "Ich benutze jetzt seit einem Jahr eine Menstruationstasse und meine Periode umfasst nicht mehr sechs heftige Tage, sondern nur noch zwei Tage schwere Blutungen und einen Tag normale Blutungen", schreibt sie in einer Nachricht.

Kim Rosas hat die Website Put A Cup In It mitbegründet – eine Plattform, die über die Periode aufklären und den Leuten dabei helfen soll, die richtige Menstruationstasse zu finden. Sie hört oft das Wort "lebensrettend", wenn andere Frauen über die Tassen reden. Eigentlich hatte sie erwartet, dass noch mehr Teilnehmende in der Umfrage angeben würden, eine kürzere Periode zuhaben. So vielen Menschen erzählen ihr, dass ihre Regelblutung durch Menstruationstassen kürzer und weniger heftig ausfalle und sie weniger Krämpfe haben. "Weniger Müll und niedrigere Kosten sind die offensichtlichen Vorzüge der Tassen. Aber die noch unerforschten Nutzen für die Gesundheit und das Wohlbefinden sind genauso wichtig", sagt Rosas.

Menstruationstassen werden immer beliebter, Tampons und Binden sind trotzdem noch viel weiter verbreitet | Foto: Pixabay

In der medizinischen Forschung bestimmt Geld das Geschehen. Und Männer. Man muss nur mal vergleichen, wie viele Innovationen in Sachen Erektionsstörungen gemacht wurden und wie viele bei Produkten zur Regelblutung. Dazu kommt, dass diese Produkte in vielen Ländern – etwa Schweden, Norwegen oder Griechenland – immer noch wie Luxusprodukte besteuert werden. In Neuseeland hingegen, wo mit Jacinda Ardern eine Frau Premierministerin ist, wurde vor Kurzem angekündigt, dass Schulkinder kostenlos mit Hygieneprodukten versorgt werden sollen.

Anders als bei Binden braucht es bei Menstruationstassen ein wenig, bis man das Handling richtig draufhat. Dafür muss man sich eingehend mit der eigenen Vagina beschäftigen. Es kommt nicht von ungefähr, dass sich in Online-Gruppen wie Put A Cup In It Tausende Userinnen austauschen. Eine Tasse kann dann allerdings bis zu zehn Jahre lang benutzt werden, was viel Müll und Geld spart. Aber was, wenn Menstruationstassen auch unbemerkt die Periode an sich beeinflussen?

Dr. Annemieke van Eijk ist eine leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Liverpool School of Tropical Medicine und war 2019 an einer Meta-Analyse der Menstruationstassen-Forschung beteiligt. Zwar habe sie immer mal wieder von Frauen gehört, die durch die Menstruationstasse kürzere Perioden erleben, aber auch sie bestätigt, dass es dazu noch keine Studie gibt. "Hier fehlt es an Forschung", schreibt van Eijk in einer E-Mail. "Wahrscheinlich, weil es hier um Frauen und um ein Thema geht, über das man lieber nicht spricht."

"Was ich bei mir und meinen Patientinnen gemerkt habe: Man verliert mit der Zeit gefühlt weniger Blut."

Claire Baker, eine in London lebende Perioden-Expertin, hilft Menschen dabei, besser mit der eigenen Menstruation klarzukommen. Sie sieht das mangelnde Forschungsinteresse zur Frauengesundheit als großes Problem. "Frauen sind in den meisten medizinischen Studien schon immer unterrepräsentiert", sagt sie und macht den lange vorherrschenden Irrglauben dafür verantwortlich, dass mit der weiblichen Gesundheit kein Geld zu verdienen sei.

Baker befürwortet Menstruationstassen nicht nur aufgrund ihrer ökologischen und finanziellen Vorteile, sondern auch, weil sie – im Gegensatz zu Tampons – keine chemischen Stoffe enthalten und nicht den Gebärmutterhals reizen. "Was ich bei mir und meinen Patientinnen gemerkt habe: Man verliert mit der Zeit gefühlt weniger Blut", sagt Baker zu den Berichten über kürzere Regelblutungen. "Bei Binden und Tampons ist es hingegen schwierig, die Menge einzuschätzen."

Die Frauenärztin, Geburtshelferin und Autorin des Buchs Die Vagina-Bibel, Dr. Jen Gunter, ist ebenfalls der Meinung, dass die kürzeren Perioden wahrscheinlich davon kommen, dass man bei Menstruationstassen die Blutmenge sieht. "Frauen nehmen diese Menge vielleicht anders wahr als bei Binden oder Tampons", sagt sie. Ansonsten ist Gunter eher skeptisch, ob eine Menstruationstasse wirklich einen biologischen Unterschied macht. Ihre Kollegin Dr. Larisa Corda überlegt, ob der durch die Tassen erzeugte Unterdruck vielleicht den Blutfluss der Menstruation anregt und so "die Dauer der Periode verkürzt". Zudem sagt sie, dass sich die ganzen Farbstoffe, Pestizide und Duftstoffe in Binden und Tampons möglicherweise auf den Blutfluss und die Gerinnung auswirken.

"Insgesamt sind unsere Kundinnen der Meinung, dass sie mit Tassen besser mit ihrer Periode zurechtkommen."

"Wir haben schon von Leuten mit kürzeren Perioden gehört. Ich habe das auch schon selbst erlebt", sagt Heli Kurjanen, CEO des finnischen Menstruationstassen-Herstellers Lune. "Im Feedback heißt es oft, dass die Regelblutung kürzer und weniger intensiv als erwartet ausfällt. Insgesamt sind unsere Kundinnen der Meinung, dass sie mit Tassen besser mit ihrer Periode zurechtkommen", so Kurjanen weiter. Sie betont aber auch, dass das Ganze trotz der vielversprechenden Rückmeldungen auf keiner wissenschaftlichen Grundlage beruht.

Deswegen würde Kurjanen auch zu gerne eine richtige Studie dazu sehen: "Es ist sehr schade, dass dieses Thema nicht interessant genug zu sein scheint." Madalena Limão vom dänischen Menstruationstassen-Hersteller OrganiCup ist ebenfalls der Meinung, dass Forschung in diesem Bereich ein "Game Changer" für die Industrie und alle Menschen mit Regelblutungen sein könnte. "Wenn man die Erfahrungen wissenschaftlich belegen könnte, würde das für Leute, denen Regelschmerzen schwer zu schaffen machen, einiges verändern."

Sandra ist 40, wohnt in den USA und hat vor fünf Monaten angefangen, eine Menstruationstasse zu benutzen. "Mir fiel sofort auf, dass die Krämpfe weniger wurden und die Blutung ungefähr einen Tag früher aufhörte", schreibt sie in einer Mail. "Ich habe außerdem das Gefühl, nicht mehr so stark zu bluten wie früher. Ich wünschte, ich hätte mir schon viel früher eine Tasse gekauft."

Die Erfahrungen mit Menstruationstassen sind überwiegend positiv – höchste Zeit also, dass die Wissenschaft sich damit beschäftigt, welchen Einfluss die Tassen wirklich auf die Periode haben. Immerhin besteht hier die Chance, die Lebensqualität für die Hälfte der Weltbevölkerung dauerhaft zu verbessern.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.

Anzeige