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Wenn Mama anruft, ist Oma tot

Kein Mensch telefoniert mehr. Ein Forscher erklärt uns, dass wir am Arsch sind, weil wir nicht von WhatsApp, Facebook usw. loskommen.

von Lea Albring
02 Dezember 2016, 12:19pm

Foto: Cory Doctorow | Flickr | CC BY-SA 2.0

143 Neue WhatsApp-Nachrichten, fünf via Facebook-Messenger, dein Mailfach quillt dramatischer über als das Konto von Sami Slimani? STRESS! Tausend Blink-Nachrichten, dann kommt noch 'ne Pushmeldung über Beckers uneheliches Kind, gleichzeitig eskaliert die Partyplanung zur Silvesterfeier in der Facebook-Gruppe.

Herzrasen? Und zwar nicht vor Freude? Geht uns genauso. Der Scheiß will erstmal abgearbeitet werden, erst dann ist Ruhe—wären da nicht die Dreitrillionen neuen Nachrichten, die dich in der Zwischenzeit erreicht haben.

"Es gibt eine große Sehnsucht, aus diesen Digital-Mechanismen auszusteigen", sagt Jugendforscher Philipp Ikrath (36), vom Institut für Jugendkulturforschung. Und das kann er auch belegen.

Er hat erforscht: 26 Prozent der 14- bis 29-Jährigen Deutschen haben schon einmal eine Digital-Diät gemacht, also auf Smartphones und PCs verzichtet. Neun Prozent derer, die noch nie digital gedetoxt haben, wollen es künftig tun und ganze 57 Prozent der Leute ohne digitale Diäterfahrung können sich eine Fastenkur zumindest vorstellen. Andersherum gesagt: Nur für ein Viertel der Befragten kommt ein Verzicht auf digitale Devices NICHT in Frage.

Warum diese eskapistische Sehnsucht? Ikraths zentrale These: "Es hat etwas mit resonanten Beziehungen zu tun, die im Digitalen kaum zu finden sind." Und er ergänzt: "Allerdings ist der digitale Ausstieg eine Utopie, vielleicht DIE Utopie unserer Zeit."

Ein Interview über Kontrollmechanismen, Beziehungen auf Augenhöhe, ersehnte Ambivalenzen, erhebende Erlebnisse bei Konzertbesuchen, Gif-Kommunikation, Emojis und warum es radikale, totale digitale Aussteiger nicht geben kann.

VICE: Warum wollen wir digitale Aussteiger sein?
Philipp Ikrath: Sich aus dem Netz und von Social Media zu verabschieden, bedeutet, sich von Kontrollmechanismen zu verabschieden. Diese Dinge geben uns das Versprechen, alle Lebensbereiche komplett kontrollierbar zu machen. Das fängt mit den Kontrollhaken bei WhatsApp an und hört bei der Partnerschaftssuche auf Singlebörsen auf. Alles ist ausrechenbar, folgt einem Algorithmus. Die Dinge sind erwartbar und kontrollierbar—so zumindest die Verheißung. Aber genau das wollen wir nicht. Der Mensch will nicht alles schon vorher wissen, er will das Unerwartbare, er will Mehrdeutigkeiten, in Beziehungen auf Augenhöhe leben.

Woran machen Sie das fest?
Ich beziehe mich auf die Theorie des Soziologen Hartmut Rosa. Er sagt: Der Mensch will in Bezügen leben, er nennt das "Resonanzbeziehungen". Demnach wollen wir mit der Welt in Kontakt treten, interagieren, in Bezug treten—und zwar auf Augenhöhe, denn das produziert Unerwartetes, Unvorhersehbares. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen esoterisch, ein ganz einfaches Beispiel für eine gelingende Resonanzbeziehung ist eine Liebesbeziehung.

Solche intensive Beziehungen sind nicht bei Social Media nicht zu haben?
Nein, hier ist alles erwartbar beziehungsweise kontrollierbar. Deshalb haben Jugendliche auch große Probleme mit dem Telefonieren, viele vermeiden das regelrecht. Wenn Mama unerwartet anruft, kann das heißen, dass Oma plötzlich gestorben ist. Diese Art von direktem Kontakt lässt weniger Kontrolle zu. Wenn die Mutter eine Nachricht schreibt, bleibt Zeit, seine Reaktion zu überdenken, zu kontrollieren und nicht im Affekt reagieren zu müssen.

Was ist die Alternative zu Beziehungen und Kommunikation über Social Media?
Denken Sie nur mal an Ihren letzten Konzertbesuch. Wenn es ein gutes Konzert war: Gab es da einen Moment der Überwältigung, der Energie? Gab es ein Gefühl, das im Grunde unsagbar, nicht kommunizierbar ist? Ich glaube, solche Erfahrungen kennen die meisten. Das passiert immer wieder, auch routinierten Konzertbesuchern. In diesem Moment tritt das Unerwartbare, das Unsagbare ein, vermittelt durch Musik, durch die Energie im Raum. Wo finden Sie das bei WhatsApp?

Ist es also die Kunst, die im Gegensatz zu Social Media das Versprechen nach Resonanz, nach Unerwartbarem einlöst?
Ja, das kann man sicher so sagen. Voraussetzung ist, dass es einen interessanten, einen individuellen Zugang zu der wie auch immer sich ausgestaltenden Kunst gibt. Aber resonante Beziehungen gibt es überall im "realen Leben". Das kann auch ein spontaner, witziger Zwischenruf sein, der eine ernste Situation auflockert. Das sind unkontrollierbare Momente der Spontaneität, der Unverstelltheit, der Begegnung.

Zurück zum digitalen Eskapismuswunsch. Warum steigen wir nicht einfach aus?
Das ist eine Utopie. Radikale Netzverweigerer kann es unter jungen Menschen, die im urbanen Raum leben, nicht geben. Ja, Sie können sich bei Facebook "de-frienden", vielleicht sogar ganz abmelden. Sie können Ihr Buch im Laden kaufen statt im Netz. Sie können Briefe statt WhatsApp scheiben. Aber ist das praktikabel? Ich glaube, eine totale Verweigerung geht nicht: Spätestens im Job sitzen Sie heutzutage irgendwann vor einem Rechner und müssen mit einem Mailprogramm klarkommen. Ich kenne niemanden, der radikal und komplett darauf verzichten kann.

Kann es nicht doch auch gelingende, erfüllende Kontakte und Beziehungen via Social Media geben? Was ist zum Beispiel mit Gif-Kommunikation?
Sich über Memes und Gifs zu unterhalten, ist eine hochgradig ästhetisierte, fast schon wieder künstlerische Form der Kommunikation. Gifs laden zu Mehrfachdeutungen ein, lassen Ambivalenzen zu. Generell kann man beobachten, dass die Jugend es verlernt hat, zumindest rein schriftlich auch Ambivalenzen zu produzieren. Lesen Sie mal einen Liebesbrief aus dem 18. Jahrhundert. Der ist voll mit Anspielungen, Metaphern, Neckereien. Früher konnte man so etwas interpretieren, heute muss ein Zwinker-Emoji her, um klar zu machen, dass etwas ironisch gemeint ist. Wenn nun viel über Gifs kommuniziert wird, ist das vielleicht eine Art Gegenbewegung, ein gegenläufiger Trend: Symbole und Bilder sind immer mehrfach auslegbar, lassen viele Deutungen zu. Das fordert wiederum das Gegenüber heraus: Seine Interpretation und Reaktion ist nicht so erwartbar und kontrollierbar. Vielleicht ist das tatsächlich eine Strategie, auch im digitalen Raum in eine resonante, von Unerwartbarkeit gespickte Beziehung zu treten.

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