Film

Warum Filmfestivals für Nachwuchs-Regisseure so verdammt wichtig sind

Das Sehsüchte-Festival ist Europas größte Plattform für junge Filmemacher. Wir haben mit dem Berlinale-Regisseur Moritz Krämer gesprochen, dessen „Heimatfilm" bereits auf der Berlinale lief—und verlosen Festivalpässe, damit du dir den neuen deutschen...

von VICE Staff
15 April 2015, 2:30pm

Vom 22. bis 26. April findet in Babelsberg, dem Hollywood Brandenburgs zwischen Berlin und Potsdam, das Sehsüchte Film Festival statt. Eine Veranstaltung, die sich ausschließlich dem filmischen Nachwuchs widmet und damit die größte Veranstaltung ihrer Art in Europa ist. Während das Festival für die Besucher vor allem jede Menge filmische Perlen bietet, die man nicht regulär im Kino zu sehen bekommt, geht es für die Filmemacher auch darum, eine der begehrten Auszeichnungen zu gewinnen, die in 16 Kategorien an die talentiertesten Studenten und besten Werke vergeben werden. Gerade weil das Sehsüchte Film Festival schon in den vergangenen Jahren für Qualität und frische Impulse stand, freuen wir uns besonders, das mit Jasmin Steigler auch eine unserer VICE-Producerinnen Teil der Jury ist.

Anlässlich der 44. Auflage der Veranstaltung haben wir mit Moritz Krämer gesprochen, der aktuell an der Berliner dffb Filmhochschule Regie studiert und dessen Bube Stur, eine moderne, tiefgründige Adaption des deutschen Heimatfilms, bereits bei der diesjährigen Berlinale lief. Moritz hat uns erklärt, warum Filmfestivals für Nachwuchs-Filmemacher so wahnsinnig wichtig sind, wie man sich so ein Studium an einer Filmhochschule vorstellen kann und wie es eigentlich ist, wenn der eigene Film bei der Berlinale zwischen den neuesten Werken der ganz Großen läuft.

Du willst mal was Gutes auf der großen Leinwand sehen? Wir verlosen 5 x 2 Tagespässe für das Sehsüchte-Festival. Schick uns einfach bis diesen Freitag, 17. April um 15 Uhr eine Mail mit euren vollen Namen und dem Betreff „Sehsüchte" an contests-de@vice.com und mit etwas Glück et cetera pp. Weil es sein muss: Den juristischen Salat zum Gewinnspiel findest du hier.

Foto: Karo Krömer

VICE: Gibt es Unterschiede zwischen den großen deutschen Filmhochschulen?
Moritz Krämer: Ich war immer nur an der dffb, deshalb weiß ich nicht genau, was an den anderen Filmhochschulen passiert. In Ludwigsburg kann man zum Beispiel auch Werberegie studieren und man sagt, dass da allgemein immer Filme rauskommen, die sehr Hollywood-mäßig aussehen. Die dffb, meine Filmhochschule, hat das Klischee, dass sie so Zwei-Leute-sitzen-in-einem-Raum-haben-ein-Problem-und-reden-nicht-drüber-Filme machen. So Berliner Schule eben. Das ist zum Einen nicht schlimm und stimmt natürlich auch überhaupt nicht, weil alleine in jedem Jahrgang ganz unterschiedliche Sachen passieren.

Ein Schauspiel-Seminar kann dann zum Beispiel auch so aussehen, dass wir uns einen Ausschnitt aus einem Bergmann-Film angucken, in dem jemand einen Monolog in die Kamera spricht, wie Tilda Swinton spielt, wie so Einfühl-Sachen funktionieren ... Oder wir unterhalten uns über Auflösungen. Wir streiten ziemlich viel, aber im Grunde genommen drehen wir vor allem ziemlich viele Übungen. Nach den ersten zwei Jahren gehen alle so ein bisschen ihre eigenen Wege, drehen mal einen Kurzfilm für Arte oder einen 30-Minüter für den RBB, oder sind ein Jahr weg, um eine Dokumentation zu drehen. Von den Abschlussfilmen sind in den vergangenen Jahren auch viele im Kino gelaufen— Oh Boy zum Beispiel.

Macht man diesen Abschluss mehr, um das Ganze dann auch noch mal schriftlich zu haben, oder benötigt man den wirklich, um beispielsweise als Regisseur arbeiten zu dürfen?
Es gibt an der dffb ein System mit Scheinen, die man für Abgaben bekommt und die man sich bei seinen Dozenten eigentlich holen muss. Ich habe keinen Einzigen, weil das eigentlich egal ist. Der Abschluss ist grundlegend wirklich egal, eigentlich geht es nur um die Filme, die du gemacht hast—und die, wenn du Glück hast, auf einigen Festivals gelaufen sind. Das ist wichtig für das Referenzpunktesystem und somit für die Filmförderung. Wenn du auf bestimmten Festivals läufst, bei denen es eine unabhängige Jury gibt, oder dein Film das Prädikat „wertvoll" verliehen bekommt, bekommst du bestimmte Punkte.

Diese Punkte werden dann, je nachdem wie groß der Fördertopf im jeweiligen Jahr ist, in eine bestimmte Summe umgewandelt, die du für ein neues Projekt abrufen kannst. Das sind quasi die ersten Schritte, um in dieses Fördersystem reinzukommen. Der Abschlussfilm ist eigentlich nur deswegen für einen wichtig, weil das dann der Film ist, der auf den Festivals „Debütfilm" heißt. Damit geht man raus in die Welt und das ist es auch, woran einen die Leute erst einmal messen, wenn man mit neuen Ideen an sie herantritt.

Das wirklich Gute an Filmhochschulen ist, dass man dort andere Leute kennenlernt, die auch Filme machen wollen. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber die meisten meiner Dozenten behaupten, dass sie immer noch mit den Leuten zusammenarbeiten, die sie an der Filmhochschule kennengelernt haben.

Dein Film Bube Stur wird jetzt im Rahmen des Sehsüchte Film Festivals gezeigt, lief aber auch schon bei der Berlinale. Wie war denn die Rückmeldung bisher?
Bei der Resonanz läuft es immer so: Wenn mehrere Leute im Kino waren, sagen nicht die, die den Film scheiße fanden, was zu dir. Dich sprechen immer die Leute an, die was Positives sagen können. Wenn man sich richtig aufregt und ärgert, sagt man vielleicht auch noch was, aber wenn es einem einfach nur nicht gefällt, dann äußert man sich in so einer Fragerunde nicht. Man freut sich natürlich trotzdem über die direkte Rückmeldung bei einem Festival, weil man ganz gut ausblenden kann, dass es ein paar Leuten da draußen wahrscheinlich nicht gefallen hat. (lacht)

Mir haben Leute gesagt, die aus der Region kommen, in der der Film spielt, dass sie es toll finden, wie die alemannische Sprache verwendet wird, weil sie das so noch nie gesehen haben. Wenn Nils Braun, der den Bauern spielt und vorher noch nie irgendwo mitgespielt hat, sagt „Nee, das würde ich so nicht sagen", dann hat der das so halt nicht gesagt. Dadurch fehlen an manchen Stellen Informationen und man versteht manche Handlungsstränge vielleicht schlechter. Ich habe den Fokus sehr auf das Schauspiel gelegt und es ist mir absolut bewusst, dass das auf Kosten der Dramatik geht.

Wie kann man sich Veranstaltungen wie die Berlinale denn allgemein aus Filmemacher-Sicht vorstellen?
Die Berlinale ist ja riesig und ich habe einen sehr kleinen Film gemacht, der in einer sehr kleinen Sektion gelaufen ist. Man geht halt zu ziemlich vielen Essensempfängen, Diskussionsrunden und Parties, oder guckt sich andere Filme an—wie in all den anderen Jahren auch. Wenn man auf einer Filmhochschule in Berlin ist, ist man sowieso immer auf der Berlinale, oder war schon mal da, weil ein Kumpel dort einen Film laufen hatte. Nur weil man einen Film laufen hat, heißt das nicht, dass man zwingend neue Leute trifft, mit denen man zukünftig zusammen Filme machen kann. Eigentlich habe ich dieselben Leute gesehen, wie in den anderen Jahren auch. Es hat sich gar nicht so anders angefühlt. Ich glaube, Leute aus der Produktion sind auf solchen Festivals auch aktiver und mehr hinterher, wenn es darum geht, neue Menschen kennenzulernen.

Wie wichtig sind Festivals wie das Sehsüchte für junge Filmschaffende?
Wenn ein Film diesen ganzen Festivalzirkus durchläuft, kann es sein, dass er in der Zeit ein Fernsehredakteur über den Film stolpert und sagt „Den will ich nachts um 12 im SWR zeigen". Oder der Produktions-Student bequatscht auf einer der Partys irgendeinen Verleiher, der den Film dann ins Kino bringt. Wenn das nicht passiert, wird niemand diese Filme sehen, der nicht bei diesen Festivals war. Diese Veranstaltungen sind wie ein eigener Kanal, der andere Sachen zeigt als Netflix, die Kinos oder das Fernsehen.

Dadurch fühlt sich das für mich wie eine andere Auswertung von einem Film an. Dass der Film dann aus diesem Festivalzirkus rüberspringt in etwas Programmiertes, passiert eben nicht immer und deswegen hat man über solche Veranstaltungen die Möglichkeit Dinge zu sehen, die man sonst nie sehen würde. Bube Stur ist ein typischer Festivalfilm—da wussten wir schon beim Drehen, dass der wahrscheinlich nicht ins Kino kommen wird, aber mir war es wichtig, diesen Film genau so zu machen, wie ich ihn machen wollte. Ohne an die spätere Auswertung zu denken. Diesen Druck mache ich mir erst mit meinem Abschlussfilm.