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Wieso die Isländer ständig ihre Staatschefs aus dem Amt jagen

Wir haben drei Isländer, die in Berlin leben, zur aktuellen brisanten Lage in ihrer Heimat befragt.
11.4.16

Geballte Elfen-Kraft Foto: imago | Martix

Isländer sind irgendwie süß. Sie sehen aus wie Elfen, machen die verträumteste Musik der Welt und ihr Englisch klingt so, dass man am liebsten mit ihnen kuscheln möchte. Aber in dieser Zuckerwatte-Hülle stecken Kämpfernaturen. Seit der Enthüllung der Panama Papers gehen jeden Tag Tausende auf die Straße. Ihren Premierminister Sigmundur David Gunnlaugsson haben die Isländer in die Wüste geschickt. Das ist ihnen schon einmal gelungen: Nach dem Wirtschaftscrash 2008 stürmten die Isländer Banken und setzten die Regierung ab. Jetzt fordern sie wieder sofortige Neuwahlen für das Parlament, das in Island mittelerde-mäßig Althing heißt. Noch drückt sich die Regierung davor, sie will die Sache lieber bis zum Herbst aussitzen.

Dazu hat sie auch allen Grund. Denn nicht nur Premier Gunnlaugsson ist in die Affäre verwickelt (er soll zusammen mit seiner Frau Millionen Euro in Panama versteckt haben). Auch die Namen von drei weiteren Ministern tauchen in den Papieren auf. Es kann also gut sein, das die gesammelte Regierungsmannschaft bald arbeitslos ist.

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In anderen Ländern gibt es dagegen kaum Proteste. Wir haben drei Isländer gefragt, warum ausgerechnet die zarten Nordfrauen und -männer so abdrehen.

Herdís Stefánsdóttir, Musikerin, 28

Fotos: Marlene Göring

Ich höre gerade so viel aus Island, die Proteste sind einfach überall. Ich hänge die ganze Zeit vor den Medien. Das ist absolut wichtig für mich, auch wenn ich gerade nicht da bin. Ich wünschte, ich wäre es, dann wäre ich jeden Tag bei den Protesten dabei. Was da abgeht, ist ein Riesenzirkus und ein totaler Skandal. Zuerst waren alle ziemlich unter Schock. Es war einer der peinlichsten Momente in unserer Geschichte, als Gunnlaugsson beim Interview einfach aufstand und ging, statt die Fragen zu beantworten. Fast wie ein Diktator. Da wurden die Leute echt stinksauer.

Unter der Oberfläche hat es schon lange gebrodelt, seit dem Wirtschaftskollaps 2008. Jetzt bricht alles aus den Leuten raus. Ich glaube, sie werden das diesmal nicht so schnell vergessen wie beim letzten Mal. Die Leute wollen nicht mehr denselben Scheiß immer wieder mitmachen.

Wir lernen auch noch und verändern uns. Wir haben schließlich eine ganz junge Geschichte als zivilisierte Nation. Noch im vorletzten Jahrhundert haben die Leute in Häusern aus Lehm und Gras gewohnt. Wir haben keine etablierte Politik wie in Europa. Im Geist ist das Land sehr jung, das merkt man jetzt. Ein Beispiel: Vor dem Crash waren die Leute einfach verrückt mit ihrer superstarken Währung. Ich konnte mit 18 Jahren einfach überall hin und alles kaufen, was ich wollte. Wie ein Öl-Lord oder ein anderer Superreicher. Die Leute kauften einfach jeden Scheiß mit Geld, das sie nicht hatten. Jeder hatte einen Flachbildfernseher, zwei Autos, Grundstücke. Dann platzte die Blase.

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Nur war es drei Jahre später wieder so, als wenn nichts passiert wäre. Aber jetzt sind es nicht mehr nur die Hippies, die auf die Straße gehen. Es sind alle, wirklich alle, ohne Klassenunterschiede, aus allen politischen Lagern. Es ist eine Explosion. Heute gibt es viel mehr Protest als früher. Nach dem Crash, nach der NSA-Affäre, nach den Panama Papers—vielleicht ist protestieren schon eine Art Mode geworden. Das wird immer größer, und die Leute mögen es. 22.000 Menschen—das ist riesig für Island, es leben ja nur 200.000 Menschen in Reykjavik. Das ist schon verrückt. Wenn wir diese Affäre jetzt wieder vergessen, sind wir einfach das dümmste Land der Welt.

Ingimar Flóvent, Autor, 27

Ich komme aus Reykjavik, aber als Teenager sind wir nach Egilsstadir gezogen, eine kleine Stadt im Osten Islands. Dann bin ich aus Island nach Berlin geflüchtet, denn dort wird es immer abgefuckter. Als ich wegging, hatten wir gerade dieselbe Regierung wieder gewählt, die das Land 2008 in den Wirtschaftskollaps getrieben hatte. Da habe ich den Glauben an Island verloren.

Ich glaube, wir protestieren so viel, weil es einfach funktioniert. Beim Crash damals haben wir es getan, und das Resultat war eine neue Regierung. Für ein paar Jahre funktionierte das gut. Leider ist Island sehr schnell beim Vergeben und Vergessen.

Ein Freund von mir aus Brasilien erzählte mir, die Menschen dort seien auch auf die Straße gegangen—aber nach ein paar Stunden war alles wieder vorbei. Ich glaube, Isländer haben einfach ein sehr starkes Bedürfnis danach, dass alles korrekt abläuft. Du solltest uns nicht verarschen. Und da ist noch das, was vor den Panama Papers passiert ist: Der Premierminister lehnte sich sehr aus dem Fenster, kündigte an, mehr für den kleinen Mann zu tun, und schimpfte sehr auf Korruption. Und dann das. Das macht jeden super-wütend. Die Leute wurden betrogen und sind entsprechend sauer. Ich weiß nicht, warum das in anderen Ländern nicht so ist. Gunnlaugsson hatte außerdem Anteile an einer Bank, wurde dann Premier und hat in seiner Position ausgehandelt, dieselbe Bank zu retten. Er saß also an beiden Enden des Tisches, er hat einen Deal mit sich selbst gemacht. Das macht mich am allerwütendsten.

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Dabei brennt es bisher sogar erst ein bisschen, das Feuer wird noch richtig auflodern. Noch kennen wir nur vier bis fünf der insgesamt 600 Isländer, die in die Affäre verwickelt sind. Anscheinend haben auch Leute Geld versteckt, die die Fischerei-Lizenzen vergeben. Sie haben offenbar unsere Fischer beschissen, das macht Isländer ganz besonders wütend.

Heute am Freitag ist es schon der vierte Tag des Protests. Gunnlaugsson ist als Premier zurückgetreten. Er sollte die politische Bühne besser komplett verlassen. Die Isländer werden laut und klar protestieren, bis er das tut.

Berglind Þrastardóttir, Künstlerin und Kindergarten-Lehrerin, 27

Als Kind bin ich mit meinen Eltern von Island weggezogen, wir haben alle drei Jahre woanders gewohnt. Familien sind in Island ziemlich groß, und der Großteil meiner lebt auch weiter da. Jedes Jahr waren wir zweimal dort. Island war damit die einzige Konstante, mit der ich aufwuchs. Ich fühle mich dem Land sehr verbunden.

Meine Großmutter und meine Mom waren beide bei den Protesten, und ich bin mir sicher, viele andere Verwandte auch. Sogar meine Tante war da, und die hat die Rechts-Konservativen gewählt.

In Island machen wir diese Witze übers Daten: Bei uns fangen Beziehungen eigentlich immer mit crazy betrunkenem Gelegenheitssex an. Denn wenn man es macht wie üblich, so mit Eisessen am Nachmittag, wird dich jemand sehen und alle werden Monate drüber reden und deine Oma ruft an und du hast nie wieder Ruhe. So ähnlich ist das jetzt mit den Panama Papers. Nachrichten verbreiten sich so unglaublich schnell, und es gibt diesen Sinn für Gemeinschaft. Du hast gar keine andere Wahl, als rauszugehen, und an den Protesten teilzunehmen. Das bedeutet es, Teil einer Gemeinschaft zu sein.

Es gibt in Island, ich will nicht sagen, eine Sozialpolizei, das klingt so negativ—eher: eine starke Verantwortung für das, was du tust. Denn wenn du in so einem kleinen Land lebst, werden Leute automatisch darauf aufmerksam. Und jetzt haben wir diesen Premier mit seinen dubiosen Geschäften. Wenn die Isländer damit kein Problem hätten, wäre es nicht Island.

Wir haben sicher einen Sinn für Transparenz. Ich glaube, andere europäische Länder wollen da auch hin. Aber sie sind einfach nicht so eine kleine Gemeinschaft. Eigentlich ist Island eine Utopie. Man könnte so viele Gesellschaftsstrukturen und Staatssysteme ausprobieren.