Istanbuls Fußball-Ultras von Besiktas, Fenerbahce und Galatasaray sind Soldaten Atatürks

Der Beşiktaş-Fußballfanclub Çarşı wurde zu einer terroristischen Vereinigung erklärt. 22 Mitglieder wurden verhaftet und es drohen ihnen 24 Jahre Haft. Ein Ex-Bundesligaprofi war mit uns auf der Straße, als vormals verfeindeten Fans der Istanbuler...

|
Juni 18 2013, 11:30am
 

Please enable Javascript to watch this video

Kamera: Robert King

Der Beşiktaş-Fußballfanclub Çarşı wurde zu einer terroristischen Vereinigung erklärt und 22 Mitglieder in ihren Wohnungen verhaftet.

Die Mitglieder der Çarşı, einer Ultra-Gruppierung des Istanbuler Fußballclubs Beşiktaş, waren die Ersten, die sich mit den Demonstranten auf dem Taksim-Platz solidarisierten und sie in den ersten Tagen an vorderster Front aktiv gegen die Gewalt der türkischen Polizei verteidigten. Es waren Çarşı, deren Stadion direkt neben dem besetzten Gezi-Park liegt, die einen Bagger kaperten, um mit ihm eine Polizeiabsperrung zu durchbrechen.

Das Zeichen der Çarşı ist das umrundete A für Anarchie. Ihr Motto lautet „Çarşı Atatürk harici her şeye karşı“, übersetzt: „Çarşı ist gegen alles außer Atatürk“. Atatürk hat, gestützt auf die Armee, die Türkei gewaltsam modernisiert und den von ihm als rückständig betrachteten Islam unterdrückt, beziehungsweise als Staatsreligion gezähmt und so die Türkei hin zu einem säkulären Staat reformiert.

Es ist somit eine direkte Provokation gegen Regierungschef Recep Tayyip Erdoğan, der versucht, die Türkei erneut hin zu einem konservativen islamischen Staat zu formen und auf dem Weg dorthin eingriffe bei Abtreibungsfragen vornahm, die Verfügbarkeit der sogenannten „Pille danach“ begrenzte und auch die Einschränkung des Alkoholverkaufs auf seine Agenda geschrieben hat.

Wir traffen in Istanbul auf einen Ex-Bundesligaprofi, der, nachdem er seine Karriere aufgrund einer Verletzung beenden musste, wieder in Istanbul heimisch geworden ist. Dort ist er nun aktiver Bestandteil der Çarşı, denen in der Türkei und bei den beiden anderen großen Istanbuler Fußballclubs Fenerbahçe und Galatasaray der Ruf voraus eilt, die aggressivste Fangruppierung der Türkei zu sein. Die Fans der Çarşı halten auch den Weltrekord, was die Lautstärke im Stadion angeht. Beim UEFA-Cup-Heimspiel 2008 gegen Liverpool wurde eine Lautstärke von 132 Dezibel gemessen.

Doch daneben kämpft die 1982 gegründete Gruppe Çarşı für soziale Themen. Zum Beispiel treten sie gegen atomare Bewaffnung ein und betreiben eine der größten Blutspendebank der Türkei. Sie unterstützen an Krebs erkrankte Kinder und sammeln bei ihren Spielen Geld und Kleiderspenden für Benachteiligte.

Bedingt durch die derzeitige Situation demonstrieren nun vormals verfeindete Fans von Fenerbahçe, Galatasaray und Beşiktaş geschlossen und solidarisch gegen die von der Regierung angewendete Gewalt. Wenn man bedenkt, dass es bei Ausschreitungen vor und nach Spielen dieser Teams regelmäßig zu Verletzten und wie in einigen tragischen Fällen auch zu Toten kam, so war der Marsch der Çarşı, der am 8. Juni in ihrem Viertel Beşiktaş startete und zum Taksim-Platz führte, ein Zeichen dafür, was für eine übergreifende Solidarität die türkische Staatsmacht mit ihrem rigiden Vorgehen innerhalb der türkischen Bevölkerung hervorgerufen hat.

10.000 Menschen beteiligten an dem Protestzug und als Zeichen des Protests gegen das brutale Vorgehen der Regierung Erdoğans. Einige der Beteiligten befinden sich nun seit gestern in Haft, nachdem sie in ihren Wohnungen festgenommen wurden. Die erhobene Anklage lautet: „Gründung und Führung einer terroristischen, kriminellen Organisation“. Laut türkischem Recht können dafür Haftstrafen von bis zu 24 Jahren verhängt werden.

Mehr VICE
VICE-Kanäle