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Musik

Back to Abnormal

Michael Gira holt mit Swans das Extreme in sein Leben zurück.
17.1.11

Der Jahrhundertwinter hat sein Ticket nach Berlin bereits gelöst, wir werden in die Einfahrt der Volksbühne gebeten und stehen nun da. Vor uns Michael Gira, größer als man erwarten würde, massiver als man erwarten würde, in Sachen Halsstarrigkeit aber jeder Erwartung entsprechend. Das folgende Gespräch ist Giras täglicher rituellen Zigarrenpause untergeordnet. Er steht raumgreifend, beinahe unüberwindbar im schmalen Gang und legt unter seinem monströsen Cowboyhut Rauchspuren in die eiskalte Luft. Die Show, die er ein paar Stunden später spielen soll, wird einleuchtend erklären, warum Swans, die 2010, im Jahr der großen Reunions von Gira reanimiert wurden, zweifelsfrei von jedem Verdacht der Vergangenheitsausbeutung freizusprechen sind. Ihr Kopf und Dirigent tut vorher sein Möglichstes dazu. Vice: Deine künstlerische Entwicklung der letzten 30 Jahre ist insgesamt sehr linear. Warum hast du kein komplett neues Projekt gegründet, sondern es wieder Swans genannt?
Michael Gira: Weil Swans mein Name ist. Außerdem vermisste ich einige ästhetische Aspekte und Arbeitsweisen, die Swans ausmachten. Swans ist mein Ding, warum es also nicht Swans nennen? Ich bekomme dadurch mehr Aufmerksamkeit und kann weiter voranschreiten. Und wenn du dich mit der Musik beschäftigst, findest du eine enge Beziehung zu dem, was Swans über die Jahre ausmachte. Was sind diese ästhetischen Aspekte und Arbeitsweisen?
Das physische Element der Musik, der überwältigende Charakter des Sounds, die eskalierenden Crescendos. Dafür waren Swans bekannt. Ich nahm diese Elemente und entwickelte sie weiter. Kannst du ergründen, warum gerade jetzt der Wunsch auftauchte, an die Spezifika von Swans anzuknüpfen?
Der Wunsch gründet in dem Verlangen, diese besonderen Sinneseindrücke wiederzuerleben. Es fühlt sich einfach notwendig an, es zu tun. Ich habe nach Swans jahrelang in Angels Of Light gespielt und war damit in einer Sackgasse angekommen. Ich brauchte das Gefühl des Extremen. Ich war mit dem Status quo einfach nicht mehr zufrieden und wollte etwas anderes machen. Du hast jetzt seit der Neuauflage von Swans einige Shows mit dem aktuellen Line-up gespielt. Haben sich deine Erwartungen daran erfüllt?
Oh ja, definitiv. Wir sind ein formidables Biest auf der Bühne. Es ist echt gut. Es ist sehr kraftvoll. Es ist auch irgendwie macho. Für mich persönlich ist es eine sehr spirituelle Erfahrung. Wie steht es um die Reproduzierbarkeit dieser Erfahrung?
Das lässt sich nicht immer reproduzieren. Wir versuchen es aber. Jede Nacht ist anders. Manchmal ist es ekstatisch. Manchmal fühlt es sich an wie auf einem LSD-Trip. Manchmal versuchst du es zu erzwingen, aber es stellt sich einfach nicht ein. Alles vollzieht sich im Moment und jede Nacht ändern sich die Dinge. Die Songs vom neuen Album sind live ganz anders, länger. Zwei davon sind 30 Minuten lang. Wir finden jede Nacht etwas Neues in ihnen und versuchen das dann in der nächsten Nacht weiter auszuarbeiten. Wir ändern die Songs andauernd. Du hast dich sehr deutlich dagegen ausgesprochen, die neuen Swans als Reunion zu begreifen. Warum?
Weil es einfach keine ist. Ich will meine Musik voranbringen. Es geht nicht darum, wieder zusammenzukommen und ein paar alte Lieder zu spielen, mit den alten Alben zu touren. Viele Bands machen das ja heutzutage. Ich mache neue Musik und wenn ich ältere Musik spiele, verändere ich sie. Ich mache neue Alben und bewege mich nach vorne. Das machen diese anderen Bands ja nicht. Sie ruhen sich einfach auf ihrer Vergangenheit aus. Das interessiert mich nicht. Das ist so, als wäre man eine Comicfigur. Du hast auf neuere Finanzierungsmethoden zurückgegriffen, um das neue Swans-Album zu produzieren …
Die einzigen verfügbaren Finanzierungsmethoden. Wie schätzt du diese Methoden ein im Vergleich dazu, wie man vor zehn oder zwanzig Jahren eine Platte finanziert hat?
Es ist eine Menge harter Arbeit. Aber ich muss Musik machen, das ist mein Ding. Ich bin ein menschliches Wesen und meine Bestimmung ist Musik zu machen. Also mache ich alles, was nötig ist, um dieses Ziel zu erreichen. Die Leute kaufen kaum noch Musik, also biete ich spezielle Editionen an, die mehr als die Musik enthalten. Und ich toure so viel ich kann. Ich finanzierte das Album, indem ich Demos der Songs als limitierte Collectors-Edition verkaufte. Durch die Erlöse hatte ich einen Großteil der Kosten für die anstehenden Aufnahmen gegenfinanziert, aber nicht alle. Du hast den Vorteil, diesen Fankreis zu haben, der bereit ist in die Band zu investieren  …
Falls du mich jetzt irgendetwas über das derzeitige Klima fragen willst, kann ich dir nichts dazu sagen. Es ist geradezu idiotisch. Ich kann mir nicht vorstellen, wie irgendjemand unter diesen Bedingungen in den, sagen wir mal, nächsten zehn Jahren vernünftig Musik herausbringen soll, wenn es niemand unterstützt. Wie soll das gehen? Alle machen Bedroomaufnahmen und haben nebenbei Jobs, um das Ganze zu finanzieren? Niemand wird in der Lage sein, sich mit seiner ganzen Zeit und Energie der Musik zu widmen. Es wird schwierig sein, in ein gutes Studio zu gehen und am Ende etwas zu haben, das wirklich vollwertig klingt. Wie wirst du damit umgehen?
Es beschäftigt mich ständig. Ich betreibe ein sehr gutes Plattenlabel. Ich kann damit nicht fortfahren, weil niemand mehr die Platten kauft, die ich herausbringe. Ich stecke Tausende Dollars und Hunderte von Stunden in das Produzieren einer Band und dann klauen es die Kids einfach online. Also was soll ich machen? Es wäre idiotisch weiterzumachen. Ich kann es nicht. Was heißt das konkret für Young God Records?
Ich werde keine neuen Künstler mehr signen und die Möglichkeiten bereitstellen, eine musikalische Karriere zu verfolgen, da es für mich keinen Sinn ergibt, für nichts und wieder nichts zu arbeiten. Ein Zimmermann arbeitet auch nicht ohne Bezahlung, warum sollte ich das tun? Du sprachst gerade davon, dass dein Leben ausschließlich auf die Musik ausgerichtet ist …
Ja. Ich kann einfach nichts anderes. Ich habe kein sonstiges Talent. Ohne die Musik wäre ich komplett aufgeschmissen. Ich habe früher mal auf dem Bau gearbeitet, aber auch das konnte ich nicht besonders gut. Ich habe sonst nie etwas anderes gemacht. Ich bin wirklich verloren ohne die Musik. Es heißt, du hättest mal mit Drogen gedealt.
Nimmst du das immer noch auf? Ja.
Ich habe nicht mit Drogen gedealt, ich habe sie nur verkauft. Das war nur ein Mal, in Israel. Ich war ein Kind und wurde deswegen festgenommen. Ich war ein Ausreißer, muss so 14 oder 15 gewesen sein, als sie mich schnappten. Ich hatte nur ein bisschen Hasch, das mir ältere Amerikaner gaben, um es zu verkaufen und dann dafür bezahlt zu werden. Dabei wurde ich dann erwischt. Ich wusste nicht mal, was ich da genau mache, deswegen war ich nicht vorsichtig genug. Ich war dann dreieinhalb Monate in Israel im Gefängnis. Es war im Jahr 1969. Aber genug davon. OK. Gab es irgendwelche Bemühungen, wieder mit Jarboe zusammenzuarbeiten?
Nein. Für mich wäre das ein nostalgischer Akt. Wir hatten eine Beziehung. Wir waren nicht verheiratet, aber wir waren 14 Jahre zusammen. Und das war wesentlich für die Band. Vor allem in den letzten acht Jahren, bis ich Swans auflöste. Das wiederaufleben zu lassen, würde sich für mich falsch anfühlen. Oder nostalgisch. Oder so, dass man es nur des Geldes wegen macht. Wir haben einfach keine Verbindung mehr. Weder musikalisch, noch persönlich. Swans mit Jarboe wäre dann reines Business. Wie war es für dich, auf dem Song „You Fucking People Make Me Sick“ deine Tochter singen zu lassen?
Ganz einfach. Ich habe ihr ein Mikrofon entgegengehalten, haha. Es war so. Devendra (Banhart; Anm. d. Red.) hat den Song eingesungen. Er klang für mich sehr verlassen. Wir hörten meine Tochter im anderen Zimmer singen, also brachten wir ihr die Wörter bei und ließen sie singen. Ich hielt das für sinnvoll. Hast du ihr den Song mal vorgespielt?
Nein. Sie weiß nicht, worum es da geht. Sie ist gerade mal vier Jahre alt. (lacht) Ist sie dein einziges Kind?
Ich möchte nicht über mein Privatleben sprechen, aber ich habe noch ein anderes Kind, ja. Darf ich fragen, wie diese Kinder deine Ansichten dem Leben gegenüber verändert haben?
Sie machten es unwahrscheinlicher, meinem Wunsch nachzugehen, andere Menschen zu töten. Danke.
Ich danke dir. Swans My Father Will Guide Me Up a Rope to the Sky ist bei Young God Records erschienen.

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VON ANDREAS RICHTER, FOTO: CHRISTOPH VOY