Anzeige
Popkultur

Das verrückte Leben des LSD-Produzenten, der die 60er Jahre geprägt hat



"Er hat die 60er Jahre zu dem gemacht hat, was sie waren. Ohne sein LSD wäre diese Zeit wohl nicht so verrückt und besonders gewesen."

von Seth Ferranti
16 November 2016, 5:00am

Illustration: Olivia Thomson

Vielen ist der Name vielleicht nicht geläufig, aber Augustus Owsley Stanley III aka "Bear" war eine Untergrund-Hippie-Legende, die größtenteils für den Zeitgeist der US-Gegenkultur der 60er Jahre verantwortlich war—dank der Herstellung von unglaublich reinem LSD. In anderen Worten: Ohne Bear hätte Tom Wolfes literarischer Klassiker Der Electric Kool-Aid Acid Test wohl ohne Acid auskommen müssen.

Zu einer Zeit, als die Droge noch legal war, stellte Stanley Millionen Pappen des ultrareinen LSDs "White Lightning" her. Ihm wird zugeschrieben, den Verstand von einigen der einflussreichsten Persönlichkeiten der 60er erweitert zu haben—darunter auch John Lennon, der gleich einen lebenslangen Nachschub von Bears Produkt klarmachen wollte. Der Chemiker finanzierte mit dem so verdienten Geld sogar die Anfänge von Grateful Dead. Außerdem fungierte er für die Band als Toningenieur und kreierte die "Wall of Sound" sowie das legendäre "Steal Your Face"-Logo.

Obwohl Bear von der Popkultur nie wirklich wahrgenommen wurde, war sein Einfluss doch omnipräsent und hätte wohl auch weiter diverse Berühmtheiten der damaligen Ära inspiriert, wenn man ihn Ende 1967 nicht festgenommen hätte (LSD war ab 1966 nämlich illegal). Nach seinem Gefängnisaufenthalt stellte Stanley zwar kein Acid mehr her, blieb bis zu seinem Tod im Jahr 2011 aber dennoch in den Kreisen von Grateful Dead und der Gegenkultur-Szene aktiv.

In seinem neuen Buch Bear: The Life and Times of Augustus Owsley Stanley III beleuchtet der bekannte Rock-Historiker Robert Greenfield das Leben von Stanley, der "die 60er zu dem gemacht hat, was sie waren". "Ohne sein LSD wäre diese Zeit wohl nicht so verrückt gewesen", erklärt der Autor. Greenfield hatte sich für den Rolling Stone schon einmal mit Bear beschäftigt und dabei so viel ungenutztes Interviewmaterial angesammelt, dass er sich dazu entschloss, eine richtige Biografie zu schreiben. Wir haben mit Greenfield telefoniert, um herauszufinden, warum genau Stanley zu den wichtigsten Größen der Gegenkultur-Community zählte, wieso dessen Festnahme für viele Menschen das Ende einer Ära bedeutete und ob LSD tatsächlich den Weg für das Internet geebnet hat.

VICE: Wie kam Bear mit LSD in Berührung—sowohl in Bezug auf den Konsum als auch auf die Herstellung?
Robert Greenfield: Die Genialität dieses Menschen bestand auch darin, dass er ein "Rebel without a cause" war. Er hat nirgendwo reingepasst und war ein Außenseiter. Er arbeitete für die US-Luftwaffe und als Raketentechniker. Gleichzeitig wandelte er als verlorene Seele durch die Welt und hatte keine Möglichkeit, zu sich selbst zu finden. Dann gab ihm jemand eine halbe Dosis pures Sandoz-LSD und das war anders als alles, was Bear zuvor genommen hatte. Damals war er an der University of California eingeschrieben und verschanzte sich nach dieser Acid-Erfahrung in der Bibliothek, um alle Bücher zum Thema LSD zu verschlingen. Anschließend begann er selbst damit, die Droge herzustellen und schuf dabei das reinste LSD, das jemals verkauft wurde.

Der LSD-Erfinder Albert Hofmann soll mal gesagt haben, dass Stanley der einzige Mensch war, der den Kristallisationsprozess richtig hinbekommen hat. Es ist unglaublich schwer, Acid herzustellen. Da kann man nicht einfach mal wie Walter White einen Wohnwagen kaufen und loslegen. Nein, der chemische Prozess ist richtig kompliziert und Bear hatte sich dem Ganzen so sehr verschrieben, dass er sich sogar eigene Laborglaswaren anfertigen ließ. Sein LSD war so wirkungsvoll und rein, dass er sogar zum Lieferanten des Schriftstellers Ken Kesey und der Merry Pranksters avancierte.

Warum war Bear für die Gegenkultur der 60er Jahre so wichtig?
Bears LSD half bei der Gestaltung der ganzen ikonischen Gegenkultur-Events. Als er 1966 zum ersten Mal Grateful Dead hörte, wusste er sofort, dass die Band größer als die Beatles werden würde. Er arbeitete fortan als deren Toningenieur und bezahlte auch den Trip, damit sie an Ken Keseys Acid-Experiment teilnehmen konnte. Die meisten Anwesenden beim Human Be-In waren auf einer von Bears brandneuen LSD-Sorten namens "White Lightning". Die erste Ladung enthielt ganze 800.000 Dosen. Beim Monterey Pop Festival im Jahre 1967 gab es dann eine weitere neue Sorte mit dem Namen Monterey Purple. Stanley gab sein LSD auch an Pete Townsend von The Who weiter, der vorher zwar schon mal Acid genommen hatte, aber trotzdem total umgehauen wurde. Laut dem Musiker war das Zeug so heftig, dass er in den darauffolgenden 18 Jahren kein LSD mehr anrührte.

John Lennon schickte einen Kameramann nach Kalifornien—und zwar mit dem Auftrag, mit einem lebenslangen Vorrat an Bears LSD wieder zurückzukommen. Also verpackte Stanley die Droge in eine Objektiv-Tasche und die Beatles waren die darauffolgenden drei Wochen total drauf, was auch zum Magical Mystery Tour-Album und -Film führte. Jimi Hendrix hat Bears LSD übrigens ebenfalls konsumiert.

Bear (links) und Grateful-Dead-Mitglied Jerry García Ende der 60er Jahre | Foto: Rosie McGee, bereitgestellt von Robert Greenfield

Du hast auch schon über andere Gegenkultur-Superstars der 60er geschrieben. Was genau hat dich dann so sehr an Stanleys Geschichte fasziniert, dass du ihn zum Thema eines ganzen Buchs gemacht hast?
2007 brachte Rolling Stone eine Sonderausgabe zum 40. Jubiläum des Summers of Love heraus und wollte dafür einen Artikel über Bear haben. Er vertraute nur wenigen Leuten und ließ sich auch nur ungern fotografieren. Er war jedoch bereit, mit mir zu sprechen. Also haben wir stundenlang miteinander telefoniert und der Artikel lief auch sehr gut. Bear war ebenfalls richtig zufrieden damit. Er besuchte mich dann sogar und wir hatten eine richtig gute Zeit. Nach seinem Tod hatte ich noch eine Riesenmenge an ungenutztem Interviewmaterial übrig und mir wurde klar, dass er die 60er Jahre mit zu dem gemacht hat, was sie waren. Ohne sein LSD wäre diese Zeit wohl nicht so verrückt und besonders gewesen. Deshalb entschloss ich mich dazu, das Buch zu schreiben.

Welche Infos enthält das Buch, die im vorherigen Artikel nicht zu finden sind?
Für den Artikel war es mir nicht möglich, Bears außergewöhnlichen familiären Hintergrund komplett darzustellen oder alle Informationen aus den Interviews einzubauen. Deshalb gibt es im Buch auch mehr Kontext zu seiner Rolle im Aufbau der Gegenkultur. Dort konnte ich dazu noch die Aussagen von Leuten wie etwa Jerry García einbauen—und auch das, was Stanley über seine Beziehung zu verschiedenen Größen dieser Zeit zu berichten hatte.

Warum war Bears Festnahme Ende der 60 Jahre für viele Hippies gleichbedeutend mit dem Ende dieser Ära?
Vor 50 Jahren haben die kalifornischen Behörden LSD verboten. Bis zum 6. Oktober 1966 war die Droge dort noch legal und die Merry Pranksters verteilten bei ihren Experimenten mit LSD angereicherte Limonade. Damals war das Zeug trotzdem nur schwer zu beschaffen, weil ausschließlich das Labor, in dem Albert Hofmann seine Entdeckung machte, die Droge herstellte. Stanley hat das Ganze dann quasi für jedermann verfügbar gemacht. Nach seinem Gefängnisaufenthalt ließ er die Acid-Produktion jedoch für immer bleiben.

Man muss bei Stanley allerdings immer im Hinterkopf behalten, dass dessen Großvater ein hochrangiger Politiker, Gouverneur des US-Bundesstaats Kentucky und Senator war. Bear stammte also aus einer sehr wohlhabenden und angesehenen Familie. Sein Vater war als Anwalt bei der Regierung angestellt. Die beiden haben sich nie gut verstanden und er schickte Bear auch auf eine Militärschule. Dort versorgte er die anderen Schüler mit Alkohol und flog deswegen wieder raus. Stanley wurde außerdem in die gleiche psychiatrische Anstalt eingewiesen wie der Dichter Ezra Pound. Bear stammte nicht "von der Straße" und dieser Umstand wirkte sich auf alles aus, was er machte.

Stanley stand einfach für alles, was die 60er Jahre für die Gegenkultur ausmachte. Als die Behörden ihn dann wegsperrten, war alles vorbei. Er verkörperte auf gewisse Art und Weise den Spirit dieser Ära, weil er als legendärer Außenseiter galt. Als Bear damals in den Anfängen auf sämtlichen Konzerten herumhing, hatte er einen direkten Einfluss auf alles, was um ihn herum passierte. Er besaß damals richtig viel "Macht" und diese Tatsache lebte durch Grateful Dead weiter. Er zeichnete nämlich alle Live-Shows der Band auf—und zwar nicht auf Anfrage, sondern weil er sich als deren Toningenieur immer weiter verbessern wollte.


Viele Leute haben behauptet, dass LSD dabei geholfen hat, das Internet zu entwickeln. Ist da deiner Meinung nach etwas dran?
Steve Jobs hat tatsächlich mal gesagt, dass der LSD-Konsum mit das Wichtigste war, das er in seinem Leben je gemacht hat. Zu diesem Thema gibt es auch ein Buch namens What the Dormouse Said. Klar hat Acid dabei geholfen, das digitale Universum zu erschaffen. Im Grunde ist ein Computer doch eine Simulation des menschlichen Gehirns. Man bekommt auf digitalem Weg Zugang dazu. Ich glaube nicht, dass die dahintersteckenden Forscher ohne LSD die Vision dazu gehabt hätten. LSD-Konsum ist damit auch für unsere heutige Welt verantwortlich.

John Perry Barlow, der Mitbegründer der NGO Electronic Frontier Foundation, gehört zu den Leuten, die von der Welt Grateful Deads in die Welt der Computer überwechselten. Er ist so etwas wie der lebende Beweis für die Beziehung zwischen LSD und dem digitalen Universum. Wenn man weiß, wie einschneidend und überwältigend ein LSD-Trip sein kann, dann stellt sich die Frage, ob die Leute auch ohne die Droge zu den gleichen Schlüssen und Gedanken gekommen wären. Obwohl man sie häufig lieber ignoriert oder verneint, steht eine Tatsache fest: Die Menschen, um die sich meine Werke drehen—also Bill Graham, Jerry García oder eben Augustus Owsley Stanley III—, haben die Kultur und die Welt, in der wir heute leben, auf ganz verschiedene Arten und Weisen mitgestaltet.

'Bear: The Life and Times of Augustus Owsley Stanley III' erscheint bei Thomas Dunne Books und ist ab jetzt erhältlich.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.