Zehn historische Grime-Fotos und die Geschichten dahinter

Simon Wheatley hat in seinem Fotobuch ‚Don’t Call Me Urban‘ die Grime-Szene Londons dokumentiert. Wir haben ihn gebeten, uns etwas über einige seiner Lieblingsbilder zu erzählen.

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28 November 2016, 12:22pm

Fotos mit freundlicher Genehmigung von Simon Wheatley

Falls du noch nie einen Blick in ein Exemplar von Don't Call Me Urban geworfen hast, solltest du das so bald wie möglich nachholen. Es ist die vielleicht bekannteste Dokumentation der Grime-Szene Londons sowie der Kultur, die daraus entstanden ist. Eine Art Altes Testament des Grime, nur dass du statt des Turms von Babel und den zehn Plagen grobkörnige Fotos von Skepta in einer Pommesbude und Crazy Titch, der mit einem Pitbull posiert, darin findest.

Der Fotograf dahinter, Simon Wheatley, zog Ende der 90er eigentlich durch die Straßen, um ein paar Fotos von der Architektur Ostlondons zu schießen. Doch die Faszination für die Musik, die aus den Schlafzimmerfenstern der Hochhäuser und Wohnsilos schallte, sowie die Leute, die ihre PC-Lautsprecher damit zerstörten, war größer. Anfang und Mitte der 2000er fotografierte er die Szene ausgiebig.

Daraus entstand 2011 das Fotobuch Don't Call Me Urban. Es erschien zu einer Zeit, in der Grime etwas stagnierte. Mittlerweile ist das Buch auch in digitaler Form erhältlich, vollgepackt mit unzähligen neuen Sachen wie Video-Content—Dokumentationen über die Szenegrößen Chronik und Merky Ace—sowie einem exklusiven Soundtrack von Novelist und The Square.

Wir haben uns mit Simon in Verbindung gesetzt und ihn gebeten, in Erinnerungen zu schwelgen und die Geschichten hinter zehn seiner Lieblingsfotos von damals zu erzählen.

Havoc bei einem Piratenradiosender in Bow (2005)

Jetzt, wo Grime so populär geworden ist, wird leicht vergessen, woher es kommt und wie roh es mal war. Dieses Foto wurde am frühen Morgen bei einem Piratenradiosender in Bow geschossen. Als die Session zu Ende war, holten auf einmal ein paar Jugendliche Messer aus ihren Rucksäcken. Im Hintergrund ist Scratchy von Roll Deep zu sehen, dieser Typ nannte sich jedoch Havoc und lebte auf der Isle of Dogs.

Jammer und Crew (2004)

Das hier wurde auf der Treppe des legendären Kellers aufgenommen, wo offensichtlich später die ganzen Lord of the Mics gefilmt wurden. In der Rückschau und mit dem Wissen, mit wie vielen Lauten Jammer gearbeitet hat, scheint der Keller eine Art verrücktes Grime-Labor gewesen zu sein. Ich habe zu der Zeit für das Rewind-Magazin gearbeitet und sie wollten ein Bild mit allen Produzenten, also probierte ich verschiedene Anordnungen. Earz stand am Anfang des Shootings oben auf der Treppen und endete ganz unten. Jammer sagte uns, dass Earzs der nächste Dizzee wird. Er gehörte zu den nettesten Leuten, denen ich im Grime begegnet bin, also kommt seine Zeit hoffentlich noch.

Crazy Titch (2004)

Titch wartete für dieses Foto mit einem Hund auf einer Bank in der Nähe einiger typischer Stratford-Blocks. Er warnte mich, dass der Hund keine Leute mag, die viel reden. Tatsächlich nahm er es mir bald übel.

Ich wollte ein dramatisches Foto, in dem der Hund in Richtung Kamera springt, also maß ich den Abstand zwischen uns, damit er kurz vor der Linse halt machte. Ich machte die Aufnahme, sprang zurück, drehte den Film weiter und wartet auf den nächsten Sprung, während ich Titch zurief, dass er um Gottes Willen nicht die Leine loslassen soll. Dann gingen wir in den Block hinein und saßen auf der Treppe, wo er den gehorsamen Pitbull belehrte. Er zog an seinem Joint, aber ich wusste, dass das Rewind-Magazin auf keinen Fall eine Aufnahme davon abdrucken würde. Ich hasste es aber auch, Film zu verschwenden. Er nahm einen Zug und ich machte diese Aufnahme, von der ich nie dachte, dass ich sie verwenden würde, bevor ich den Film entwickelte.

Nachdem wir die Kamera beiseite gelegt hatten, nahm mein Assistent Marlon einen Zug von Titchs Joint. Ich weiß nicht, was er rauchte, aber eine Stunde später wanderte Marlon, ein erfahrener Jamaikaner, der mit Gras aufgewachsen war, in den Tunneln von Elephant and Castle umher wie ein Kind, das sich verirrt hatte. 

Jugendclub in der Chrisp Street (2005)

Ich ging früher mit Bomb Squad und The Wile Out Onez, den ‚Jüngeren' von Roll Deep, zu MC-Sessions in Jugendclubs. Dieser hier wurde von Wileys Vater betrieben, einem ruhigen Mann aus der Karibik mit leiser Stimme. Die Sessions waren allerdings alles andere als leise und dieses Bild fängt die Ekstase der Jugendlichen ein, die nach dem Mikro greifen, um ihre Reime zum Besten geben zu können. Letztendlich wurde die Session in diesem Club abgebrochen, weil es zu brutal wurde. Es war ein Typ aus [dem Postleitzahlbereich] E3 zu Gast, der im angrenzenden Postleitzahlgebiet E14 zur Schule ging und all seine Kumpels mitgebracht hatte, die mit den Jungs aus E3 aneinander gerieten. Das war die Zeit, in der der Wahnsinn der Postleitzahl-Kriege in London zu einem echten Phänomen wurde.

Roll Deep (2005)

Da stand dieser Eiswagen vor mir und eine Menge Typen neben mir. Es fühlte sich ein wenig so an, als müsste ich Mannschaften zum Fußballspielen im Park wählen. Scratchys Haare sprangen mich an und ich beschloss einfach, ihn auf das Dach zu verfrachten. Breeze hatte eine glänzend weiße Jacke an, also ergab es Sinn, ihn in einem dunkleren Bereich, auf dem Fahrersitz, zu positionieren. Doch als ich all die anderen Jungs positioniert hatte, war er verschwunden. Er war hinter dem Van und drehte einen Joint. Als das Motiv stand, fing Riko an zu gestikulieren und das ist letztendlich das Bild geworden. Trim hat viel herumgealbert, meine ich mich zu erinnern, und konnte nicht still halten. Also bat ich ihn, sich an der Ecke des Wagens zu sonnen.

Ein Homestudio in Isle of Dogs (2005)

Das digitale Zeitalter der massenhaften Ablenkung und des Hypes mag die Konzentrationsfähigkeit verschlechtert haben, doch wenn ein Instrumental im Loop lief und jeder einen Block und einen Stift hatte, konnten auch sonst eher flatterhafte Jugendliche wirklich konzentriert sein. Der Junge mit den Kopfhörern war der Jüngste der Crew, er war erst 14 und wurde von der Schule geschmissen und er begann wahrscheinlich, Musik als seinen Ausweg zu sehen.

Ruff Sqwad (2005)

Ich hatte bereits ein wenig in E3 fotografiert, diese Jungs sah ich allerdings selten, da sie wohl zu beschäftigt damit waren, Musik zu machen, und nicht wirklich auf der Straße zu finden. Ich bat sie, mir drei Locations zu zeigen, die für sie wichtig waren, als sie aufwuchsen. Wir starteten bei den drei Wohnungen in Devons Road, dann gingen wir an ein paar Orte in Mile End. Für das Buch wählte ich das Bild mit dem Canary Wharf im Hintergrund aus, weil es einem Kommentar zu den Veränderungen der Umgebung Ostlondons glich. (Dieses Foto wurde 2012 als Cover für Ruff Squads White Label Classics CD verwendet.)

Marcus Nasty (2005)

Als ich die Nasty Crew im Auftrag von Rewind zum ersten Mal in Plaistow fotografierte, waren die Bilder nicht sehr gut. Ich erinnere mich hauptsächlich wegen eines Vorfalls im Auto an den Tag. Chewy von Rewind und ich fuhren mit Stormin' und Nasty Jack zurück zur Station. Plötzlich fuhr ein anderes Auto vor und blockierte die Straße. Die beiden MCs machten schnelle Bewegungen und Chewy, der mit mir auf dem Rücksitz saß, sagte mir, ich solle mich ducken und aus dem Auto aussteigen. Plötzlich lag ich hinter einem anderen Auto auf der Straße und wartete, dass Kugeln in die Windschutzscheibe einschlugen, doch es war nur ein Beinahezusammenstoß. Chewy sagte später, dass Stormin' und Nasty Jack bereits nach ihren Pistolen gegriffen hatten, ich habe aber nie irgendwelche Waffen gesehen. 

Im Frühherbst 2005 verbrachte ich ein wenig Zeit mit der Nasty Crew in Stratford und ich wusste, dass sie bereits eine wichtige Crew waren, da Grime anfing Geschichte zu schreiben. Ich hatte von Marcus Nasty gehört und sagte, dass ich ihn fotografieren wollte. Also riefen sie ihn an und er kam eines Abends für dieses Porträt vorbei. Nach ein paar Minuten war er wieder weg.

Skepta in einer Pommesbude (2007)

Ich fuhr nach Tottenham und traf Skepta in der Näher der White Heart Lane. Wir machten einige Bilder auf einem Basketballplatz, aber es war mitten am Tag und das Licht war etwas zu hell. Ich weiß nicht mehr, wie die Idee mit der Pommesbude entstand, ob es seine oder meine war. Ich erinnere mich aber daran, dass er es eilig hatte. Er erzählte mir immer wieder, dass er nicht so lange bleiben könne, weil jemand vorbeifahren und auf ihn schießen könnte. Ich hatte nie das Gefühl, dass es zu meinen besten Fotos gehörte, aber er ist ein wichtiger MC und das T-Shirt war sehr wichtig für mein Buch, da es die Phänomene in dieser Zeit des Grime dokumentiert.

Assasins Zimmer, Aberfeldy Road, E14 (2005)

Auch wenn in diesem Bild keine Menschen zu sehen sind, ist es eines der Bilder, das mich am meisten berührt. Ich habe viele Jugendliche getroffen, die beinahe den Durchbruch als Fußballer geschafft haben, viele von ihnen haben ihr Geld auf der Straße verdient und nach Gelegenheiten gesucht zu MCen. Mich faszinierte der sehr schmale Grat, der einen Ausweg aus der Umgebung davon trennte, gefangen zu sein, und das Bild hat denke ich eine Prägnanz, die das symbolisiert. Dieser schmale Grat gilt genauso für Musik wie für Fußball.

Mehr Informationen über die digitale Edition von ‚Don't Call Me Urban' gibt es hier.

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