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The Children of the Dragon Issue

Die Zwiebel schälen

Es gibt Orte auf der Welt, die verloren scheinen. Afghanistan ist so ein Ort. Ein anderer liegt etwas nördlich von New York und ist die Heimat von Inzucht und Drogenmissbrauch.
28.2.12

Ein junger Mann tritt wütend gegen einen der vielen Müllhaufen, die Oniontown überziehen. Es gibt Orte auf der Welt, die von Natur aus verloren scheinen. Afghanistan ist so ein Ort. Ein anderer liegt eineinhalb Stunden nördlich von New York, außerhalb des im Hudson Valley gelegenen idyllischen Dörfchens Dover Plains. Er hört auf den Namen Oniontown. Trotz seines Namens ist Oniontown keine wirkliche Stadt—es ist eher eine an einem Berghang am Ende einer unbefestigten Sackgasse gelegene Enklave aus einer zusammengewürfelten Ansammlung von Trailern. Die Siedlung hat einen extrem schlechten Ruf, der Bilder von Hillbillys, Inzucht und Drogen heraufbeschwört. Die Anwohner bekommen wegen ihrer Adresse nur extrem schwer einen Job. Es wird erzählt, dass die Leute bei Auswärtsspielen des Basketballteams der örtlichen Highschool Zwiebeln aufs Spielfeld werfen. Und obwohl in den letzten 100 Jahren das Frauenwahlrecht eingeführt, die Rassentrennung beseitigt und Bürgerrechte zum Schutz von Minderheiten geschaffen worden sind, dauert die jahrhundertealte Stigmatisierung Oniontowns fort. In Dover Plains verziehen die Leute schon bei der Erwähnung des Namens Oniontown das Gesicht, als hätten sie etwas Schlechtes gerochen, oder als wäre eine lang unterdrückte, unangenehme Erinnerung wieder aufgetaucht. Die Leute aus Oniontown werden traditionell für etwas Schlechteres gehalten als die Leute aus Dover—sie gelten als zahnlose Hinterwäldler, die in mittelalterlicher Dunkelheit auf ihrem Berg hausen. „Subhuman“ nennen ein paar der Dorfbewohner das. Selbst das örtliche Postamt, das weniger als einen Kilometer von Oniontown entfernt liegt, hält es nicht für nötig, in Oniontown Post auszutragen. Keiner, nicht mal die Anwohner der Siedlung selbst, können sagen, woher der seltsame Name Oniontowns stammt. Manche glauben, es käme von „Youngintown“, weil die Leute hier so viele Kinder haben. Andere sagen, es wäre, weil die Bewohner nach Zwiebeln röchen. Eine dritte Fraktion meint, dass Onion ein Slangwort für „ungebildet“ sei. Um 1800 besiedelten arme weiße Landarbeiter das Gebiet. Die erste Erwähnung Oniontowns, die ich fand, erschien in dem Buch Historic Dover von 1908: „Eine Meile südlich von Dover Plains gibt es eine kleine Siedlung, die aus zwei Klassen besteht—Männern, die den ganzen Tag keinen Finger rühren, und Frauen, die die Kinder erziehen und den Männern den Rücken frei halten.“ Die kleine Ansammlung von Trailern und anderen Behausungen scheint auf Fremde aber schon immer eine besondere Anziehungskraft ausgeübt zu haben. 1947 wagte sich ein Reporter des International News Service, James L. Kilgallen, nach Oniontown, und er veröffentlichte drei Artikel über das Örtchen, mit Titeln wie „Flucht aus dem Atomzeitalter: Eine echte Tobacco Road 100 Meilen entfernt vom Broadway“, „Kein Radio oder Auto stört die Hillbillys einer Kolonie, die 100 Jahre zurückgeblieben ist“ und „Neununddreißigjährige hat 13 Kinder“. In seinen Artikeln machte sich Kilgallen über die Oniontowner lustig, weil sie Angst vor der Kamera hatten und sich nicht mit Shakespeare auskannten—lobte aber im gleichen Atemzug ihren einfachen, ländlichen Lebensstil: „Man stelle sich einen Gemeinde vor, die kein elektrisches Licht, kein Radio, kein Kino und keine Badewannen kennt, wo die Kinder es in der Schule kaum bis zur achten Klasse schaffen und Analphabetismus grassiert …das Leben in Oniontown ist rau, hart und primitiv.“ Im letzten der drei Artikel fahren Kilgallen und sein Fotograf auf dem Rückweg aus Oniontown an üppigen Landgütern vorbei, und der Fotograf beschwört das Bild des edlen Wilden herauf: „Ich bezweifle, dass viele der Leute, die auf diesen Gütern wohnen, glücklicher sind als die Leute aus Oniontown. In Oniontown sorgen sie sich nicht um ihre Einkommenssteuer oder die Atombombe.“ Zwölf Jahre später fuhr Kilgallen noch einmal in die Siedlung und schrieb einen Fortsetzungsartikel mit dem brillanten Namen „Die kuriose Siedlung Oniontown versteckt sich immer noch hinter ihrem geflickten Lumpenvorhang“. Die Siedlung hatte immer noch keinen Strom. Ethel Smith mit ihrem Urenkel Die Anwohner der umliegenden Gebiete hatten zwar eine abfällige Meinung über sie, ließen die Leute aus Oniontown aber in der Regel auf ihrem Berg in Ruhe. „Die meisten Nachbarn wissen, dass es keinen Sinn macht, da hoch zu gehen“, sagte mir ein Ermittlungsbeamter der örtlichen Polizei. Aber die Demografie der Gegend beginnt sich langsam zu verändern. New Yorker auf der Suche nach billigem und ländlich-idyllischem Wohneigentum haben sich ihren Weg durch Westchester und Putnam in die traditionellen Arbeitergegenden des Dutchess County gepflügt. Und seit einigen Jahren wagen sich immer mehr schaulustige Jugendliche aus den Vorstädten hierher, um sich die angeblich Inzucht treibenden Hillbillys anzusehen, die inzwischen von zahlreichen Mythen umwoben sind. Anfang 2008 erschien ein verwackeltes Video mit dem Titel „Oniontown Adventures“ auf YouTube. Es zeigt, wie drei junge Witzbolde in einem SUV einen Feldweg hochfahren und so tun, als würden sie eine Szene aus Deliverance nachspielen, während sie über dieses „kleine trashige Inzuchtnest“ lästern. Ein Typ auf der Rückbank sagt sarkastisch: „Wir werden sterben.“ Der Typ auf dem Beifahrersitz hebt eine Spitzhacke hoch und sagt: „Ich nehme einen dieser Idioten mit ins Grab“, während im Hintergrund laute Countrymusik läuft, um die Stimmung anzuheizen. Nachdem sie die imaginäre Grenze Oniontowns überquert haben, nimmt alles, was passiert, eine übernatürliche Bedeutung an. Sie kurbeln die Fenster herunter und machen mit dem Handy Fotos von den Trailern und dem Müll. Ein Typ sieht auf einem Weg ein Huhn und brüllt: „Oh mein Gott, ein verdammtes Huhn!“ Dann wird die Kamera langsamer und zoomt auf eine im Schatten der Bäume versteckte Figur. „DAS ist der gruseligste Mensch, den ich je gesehen habe“, sagt einer der Jungs. Ein anderer sagt: „Schaut mal, ich glaub hinter dem Fenster steht jemand!“ Darauf folgen ein paar a là Blair Witch in Zeitlupe gefilmte Sequenzen von Leuten, die im Wald stehen. Am Ende passiert außer ein paar schlechten Witzen und noch viel schlimmerem Gelächter herzlich wenig. Einer der Jungs sagt zum Schluss noch: „Sehen sie nicht alle irgendwie wie auf Drogen aus? Als wüssten sie nicht, dass der Rest der Welt überhaupt existiert.“ Noch im selben Sommer versuchten zwei Teenager aus der wohlhabenden Stadt Mahopac—vielleicht inspiriert durch das inzwischen populäre Video des Trios—mit einem Camcorder bewaffnet nach Oniontown zu fahren, um über dessen Anwohner herzuziehen. Es kam aber nicht dazu. Die Leute bewarfen ihr Auto mit Steinen und Felsbrocken und beide landeten im Krankenhaus. Der Vorfall schaffte es in die nationalen Nachrichten und verstärkte die traurige Berühmtheit des Ortes nur noch mehr. Die Situation spitzte sich weiter zu, nachdem der ermittelnde Polizeibeamte Eric Schaeffer der Presse ominös verkündete: „Wer nicht dort hingehört, also jeder, der nicht in Oniontown wohnt, täte besser daran, dort nicht hinzugehen.“ Die ganze Aufregung machte die Leute natürlich nur noch neugieriger. Abenteuersuchende Jugendliche, inspiriert von Videos mit Titeln wie „Ein Tag im Inzuchtdorf“ und „Rückkehr nach Fishkill“, kamen in Scharen und ließen sich auch nicht von der Gefahr abschrecken, dass ihr Trip in der Notaufnahme enden könnte. In einem Clip ist die Kamera in den Fußraum des Autos gerichtet, während man ein paar Mädchen panisch brüllen hört: „Oh mein Gott! Verpisst euch! Lasst uns in Frieden!“ Unter dem Clip erklären die Macher des Films: „Ein Typ begann uns mit seinem Auto zu verfolgen und sie versuchten mir den Weg abzuscheiden und warfen mir einen Stein in die Windschutzscheibe … diese Leute sind echt physco [sic].“ Oniontown wurde irgendwann für gelangweilte Teenager zu einer Art real existierendem Geisterhaus—aber eines, dessen Besuch oft nicht ohne Folgen blieb. Ein Mädchen bekam einen Stein an den Kopf. Die Autofenster von Oniontowns ungeliebten „Fans“ wurden regelmäßig eingeschmissen, die Passagiere oft aus den Wagen gezerrt und verprügelt. Andere wurden von Autos voller Oniontowner verfolgt und setzten ihre Wagen auf der Flucht gegen Bäume oder Felsen am Wegesrand. Irgendwann kontaktierte die örtliche Polizei dann Google und ließ einen Großteil der Videos auf YouTube löschen, aber es war schon lange zu spät. Oniontown war bereits viral. Ein Polizist sagte mir: „Die Kids kamen von überall her—Westchester, Fishkill, Cortlandt Manor. Wenn wir sie anhielten, sagten sie, dass sie sich verfahren hätten, aber sie hatten Google-Maps-Ausdrucke der Strecke nach Oniontown auf dem Rücksitz liegen.“ Ein anderer Beamter sagte mir: „Was würdest du machen, wenn jemand in dein Wohnviertel käme und anfängt im Kreis zu fahren, sich über deinen Ort lustig zu machen und dich zu beschimpfen? Die Leute kamen und zogen über sie her, also haben sie reagiert und dann haben wieder andere darauf reagiert und so schaukelte sich das Ganze dann immer weiter hoch. Es waren keine Kids aus der Gegend. Es war ein Phänomen, das durch YouTube entstanden ist.“ Ein Junge macht Schießübungen mit seiner Schrotflinte, vielleicht auch, damit er vorbereitet ist, wenn die nächste Gruppe YouTube-Paparazzi versucht in seinen Heimatort einzudringen. Was ist wohl der Kern dieses dunklen Sterns? Was ist die Wurzel dieser Faszination für und Furcht vor ländlicher Armut? Ich machte mich auf den Weg, um ein paar Antworten zu finden. Ich begann meine Reise in Poughkeepsie, einer typischen tristen Industriestadt. Hier traf ich mich in einem jahrhundertealten Haus in der Nähe der heruntergekommenen und größtenteils verlassenen Innenstadt mit Betsy Kopstein Stuts, der stellvertretenden Direktorin der Dutchess County Historical Society. Unbezahlte Freiwillige—ältere Herren und Studentinnen—wirbelten durch ihr staubiges Büro und katalogisierten historische Objekte aus mehreren Jahrhunderten der Stadtgeschichte Poughkeepsie und sahen dabei aus wie Statisten in einem Film. Betsy saß auf der anderen Seite eines riesigen, mit Papier übersäten Schreibtischs und schien über mein Interesse an so einem unwichtigen Ort wie Oniontown sehr verwundert zu sein. „Wir haben nicht sehr viele Fakten. Aber es gibt Geschichten“, sagte sie. „Was für Geschichten?“ „Dass sie Inzucht betreiben. Dass sie ganz in der Nähe, in Dover, extra ein Familienplanungszentrum eingerichtet haben, weil die Mädchen da draußen schon mit 12 oder 13 schwanger waren. Dass die Leute zu zehnt in einer Wohnung wohnen und die Polizei dort nicht hingeht. Wenn man versucht hinzugehen, um mit ihnen zu sprechen, verdrücken sie sich durch die Hintertür und verstecken sich im Wald. Sie lassen sich extrem ungern interviewen und erzählen nur sehr selten von sich. Das ist der Grund, warum man so wenig über sie weiß—sie lassen niemanden rein.“ Ich fragte Betsy, die in Poughkeepsie aufgewachsen ist, was sie als Kind für Geschichten gehört habe. „Es war ein Ort, von dem man sich nachts fernhielt“, sagte sie. „Man ging nur mit einer Gruppe, nie allein.“ Betsy erklärte mir, dass sie der Meinung sei, dass die Anwohner diese Isolation selbst gewählt hätten—dass sie sich freiwillig der Welt verschlossen hätten und dafür den Preis der Stigmatisierung zahlten. „Die Beziehung zwischen Dover und Oniontown ist bis zum heutigen Tag extrem schlecht“, fuhr sie fort. „Wenn du in ein neues Stadtviertel ziehst und da gibt es eine Person, die ihren Rasen nicht mäht und ihr Haus nicht streicht und den Müll vor die Tür schmeißt—wie fändest du diese Person dann wohl?“ Aber ist es fair, wie die Leute über Oniontown reden? „Nein, das ist definitiv nicht fair. Aber kannst du die Leute vom Reden abhalten? Kannst du verhindern, dass getratscht und gemunkelt wird? Das kannst du nicht.“ Eins der vielen Schilder, die vor dem Betreten von Oniontown warnen. Mein „Zugang“ zu Oniontown kam durch einen klassischen journalistischen Winkelzug zustande: einen Freund von einem Freund. Um ehrlich zu sein, hatte ich ziemliche Bedenken, eine Gruppe von Leuten, die seit Jahren einen Guerillakrieg für ihre Privatsphäre führen, zu fragen, ob ich zu ihnen nach Hause kommen und ihnen aufdringliche Fragen stellen kann. Aber irgendwie gelang es mir—wie es Journalisten immer gelingt, wenn sie an die Lohntüte am Ende des Regenbogens denken—meine Bedenken beiseite zu wischen und schon bald tippten meine Finger eine Nummer ins Telefon. Zu meiner großen Überraschung luden mich Patty Smith und ihre Schwiegermutter Ethel, die älteste Bewohnerin und eine Art Bienenkönigin von Oniontown, ein vorbeizukommen. Um elf Uhr morgens lief ich die berühmte Straße zur Siedlung hinauf. Kurz hinter dem Viehgatter und einem ganzen Schwall von „Betreten Verboten“-Schildern stand wie eine Warnung ein ausgebranntes Haus: Gebt acht Eindringlinge! Das knorrige, rußgeschwärzte Gerüst hatte sich so verzogen, dass es aussah wie eine Gestalt aus einem Edvard-Munch-Gemälde. Das eigentliche Oniontown war nicht mehr weit. Es war so unspektakulär und trist, wie ich erwartet hatte: einfach ein steiler kleiner Feldweg, den ein paar Trailer säumten und von denen aus man das ganze Tal sehen konnte—die Gleise der Metro-North-Strecke, den Highway, die Felsen in der Ferne. Ein paar Kinder spielten in den mit Müll übersäten Höfen. Ich sagte einem der Mädchen, dass ich auf der Suche nach Ethel sei und sie rannte in einen Trailer. Ein Pitbull beäugte mich argwöhnisch von der anderen Straßenseite, während ich unter dem Vordach wartete. Nach einer Weile öffnete sich die Tür einen Spalt weit und ein grimmig dreinschauender Junge mit einem flachen Hut und einer riesigen Gürtelschnalle mit einem Marihuanablatt darauf lugte heraus: „Ethel möchte im Moment nicht sprechen“, sagte er. „Sie fühlt sich nicht gut.“ Er warf mir finstere Blicke zu. Als ich ihn fragte, wann ich wiederkommen könne, zuckte er nur mit den Schultern, murmelte etwas darüber, sich von Oniontown fernzuhalten und schlug mir die Tür vor der Nase zu. Ich lief den kahlen, kleinen Hügel zu Pattys Trailer hoch, aber es war niemand da. Nachdem ich eine Weile in der sandigen Einöde herumgestanden und die Pitbullhundehütten und die nadellose Baumkrone des Berggipfels inspiziert hatte, ging ich nach Dover zurück, um Renny Abrams, den ortsansässigen Richter, in seiner Tankstelle und dem dazugehörigen Country Store zu besuchen. Abrams war ein freundlicher weißhaariger Mann, der mich auf fast unheimliche Weise an Johnny Cash erinnerte, und ganz wie bei Cash blieben auch seine politischen Vorstellungen recht nebulös. Ich hätte auch nach einer Stunde des Gesprächs mit ihm nicht sagen können, ob er eher rechts oder links drauf war. Als Richter und Geschäftsmann hatte er immer wieder mit den Oniontownern zu tun gehabt. Dick Smiths Schweine lassen sich ein paar Donuts schmecken. „Als ich ein Teenager war, wurden die Leute dort ständig gemobbt“, sagte er. „Ich erinnere mich an ein paar Situationen, wo ein bestimmtes Mädchen als ‚nicht wirklich akzeptabel‘ galt, weil sie aus Oniontown kam. Aber sie haben mich wie sonst kein anderer unterstützt, als ich diesen Laden hier eröffnete. Sie kamen zum Einkaufen her, sie wurden unsere Freunde und ich stehe bis heute in ihrer Schuld. Sie sind nicht darauf aus, ihr soziales Ansehen zu erhöhen. Sie sind sehr authentisch, sehr echt.“ In abgelegenen Gemeinschaften verbreiten sich Neuigkeiten fast unbemerkt und es kommen schnell Gerüchte auf. Abrams erklärte mir, wie einzelne Ereignisse, die irgendwie etwas mit Oniontown zu tun hatten, sich gegenseitig verstärkten und den Vorurteilen der Leute Vorschub leisteten. „Jemand wird wegen Drogen verhaftet und schon ist Oniontown eine Drogenhöhle. Jemand wird verhaftet, weil er zur falschen Jahreszeit ein Reh erschossen hat, und schon herrscht da oben Gesetzlosigkeit.“ Letztendlich, schloss er, sei es unwahrscheinlich, dass Oniontown seinen schrecklichen Ruf jemals ablegen würde. „Wie soll man das alles rückgängig machen? Wie soll man all das abschütteln? Wie heilt man Oniontown?“ Er seufzte. „Ich glaube nicht, dass man das kann. Selbst wenn sie einmal ausgestorben sind und der Ort dem Erdboden gleichgemacht wird, lebt das Mysterium dennoch fort.“ Desaray Duncan in ihrem Schlafzimmer Später am selben Nachmittag wagte ich mich noch einmal nach Oniontown zurück und sah schon von Weitem Rauch aus dem Schornstein von Patty und Dicks Trailer aufsteigen. Ich klopfte an und wurde von einer hart aussehenden Frau mittleren Alters begrüßt, die ein Flanellhemd und eine große Brille trug. Sie bat mich hinein. Ein kleiner Weihnachtsbaum stand in der Ecke und ein riesiger Holzofen hielt den Raum tropisch warm. Auf einem Satellitenfernseher in der Ecke lief Big Daddy. Alles war völlig normal. Sie stellte mir ihre 19-jährige Enkeltochter Desaray vor, die die Schule abgebrochen hatte und bis auf Weiteres mit bei ihnen wohnte. Als es dunkel wurde, fuhr draußen ein Wagen vor. Es war Dick Smith, Pattys Mann, der von einer zwölfstündigen Schicht Mistschaufeln zurückkam. Dick war Ende 50, ein stolzer, hartgesottener Mann, der in Oniontown geboren und aufgewachsen war. Ich fand ihn draußen bei einem Container, wo er mit einem Mann namens Kenny sprach, der zwei vakuumversiegelte Tüten mit Gras in der Hand hielt, als wäre das völlig normal. Kenny erzählte von einer Drogenrazzia, die letzte Nacht in der Stadt durchgeführt worden war. „Sie hatten Dope, Crack, Meth, alles“, sagte Kenny. „Ich hab ihnen hundertmal gesagt, wenn die Cops jeden Tag vor deinem Haus hin- und herfahren, passiert bald was. Es ist echte Scheiße—die gehen für viele Jahre in den Knast.“ „Aber schau dich mal an, Mann.“ Dick zeigte auf die Tüten. „Oh, das ist nur Gras. Nichts Ernstes.“ Nach diesen Worten zog Dick sich in den Trailer zurück, um sich zu rasieren und frisch zu machen. Als er es sich dann in seinem Lieblingssessel bequem gemacht hatte, redeten wir über seine Heimatstadt. „Alle denken, dass du aus der Unterschicht kommst, dass du nichts wert bist, zweitklassig. Sie lästern über dich und verprügeln dich. Sie sagen, dass du ein Inzuchtkind bist, und bevor du dich versiehst, musst du dich gegen drei oder vier Typen gleichzeitig wehren. Also lernst du zu kämpfen und dich zu verteidigen. Ich kämpfe schon mein Leben lang. Meine Hände und Handgelenke sind von den ganzen Kämpfen schon ganz vernarbt und kaputt.“ Ich fragte ihn, wie es zu seiner Schulzeit war. „Die Kinder sind fies zu dir. Sie kommen von hinten und schlagen dir auf den Kopf. Viele von uns verbergen, dass sie von hier sind. Das Stigma gibt es schon immer. Mein Vater erinnert sich auch schon daran. Meine Enkel haben immer noch damit zu tun.“ Ich fühlte mich sicher genug, um das YouTube-Video zu erwähnen und Dick hatte kein Problem, die Art, wie die unwillkommenen Gäste behandelt worden waren, zu rechtfertigen. „Früher haben sie die Leute mit einer Flinte bedroht, wenn sie uneingeladen hier aufgekreuzt sind. Wenn du heute kommst, und dich OK verhältst, passiert dir nichts. Aber wenn du herkommst und Ärger willst, bekommst du den auch.“ Dick Smith spielt mit seiner Enkelin Hannah. Später am selben Abend fuhr mich Patty in ihrem Jeep in mein Motel zurück. Während wir im Dunkeln mit voll aufgedrehter Heizung den Berg runterrasten, erzählte sie mir, dass ihr Vater nicht wollte, dass sie Dick heiratet, weil er aus Oniontown war. „Viele Leute haben Vorurteile und ich verstehe überhaupt nicht warum“, sagte sie. „Man muss eine Person doch erst kennenlernen. Man kann sie nicht danach beurteilen, woher sie kommt. Es ist in den letzten Jahren nur schlimmer geworden.“ Als wir am Motel ankamen, wünschte sie mir eine gute Nacht und ich stieg aus. Ich war am Verhungern und lief die Hauptstraße entlang, bis ich auf einen Laden mit dem Namen Four Brothers Pizza Restaurant stieß—der scheinbar einzige Ort, der noch geöffnet war. Das Restaurant war komplett leer. Ich setzte mich an die Bar und bestellte ein Bier. Ich fragte zwei Kellnerinnen, was sie über Oniontown wüssten. „Ich habe gehört, dass es sehr gefährlich sein soll“, sagte die eine. „In meiner Schule gab es zwei Kinder von dort und die sind beide rausgeflogen“, sagte die andere. „Ein paar Kumpels von meinem Freund sind mal da hoch gefahren und die Leute haben auf sie geschossen.“ „Es ist eine Meth-Ecke. Es gibt ’nen Haufen Meth.“ Der bärtige Manager hörte, worüber wir sprachen und kam rüber, um seinen Senf dazuzugeben. „Ich weiß, warum es Oniontown heißt: Weil das Feld auf der anderen Seite der Gleise früher voller wilder Zwiebeln war. Und dann haben sie dieses Inzestding. Du siehst in den Kleinstädten hier in der Gegend diese rothaarigen Mischlinge rumlaufen, und du weißt, woher sie sind.“ „Aber wenn sie eine Mischung aus zwei verschiedenen Ethnien sind, wird es sich kaum um Inzest handeln“, merkte ich an. „Am Anfang war es ja auch noch kein Inzest“, erklärte er besserwisserisch. „Das kam erst später und fing unter Cousins und Cousinen an.“ Patty bastelt einen Osterkorb zusammen. Am nächsten Morgen machte ich mich quer durch Dover Plains, entlang der aus Holz gebauten Kirchen und Dunkin’-Donuts-Läden, auf den Weg zu einem Laden namens Murphys Auto Parts, an dem die Straße nach Oniontown ihren Anfang nimmt. Dick hatte mir empfohlen, mit Warren Wilcox und Fred Murphy zu sprechen, den letzten zwei Überlebenden der ursprünglichen Familien Oniontowns. Ich fand sie in dem staubigen Büro hinter dem Autoersatzteilgeschäft. Wilcox hatte wenig Lust, mit mir zu reden. „Oniontown ist tot“, sagte er. „Alle ursprünglichen Familien sind ausgestorben. Wir bleiben lieber unter uns und wir werden nicht gern gestört.“ Während manche Leute meinen, dass Inzucht das Hauptproblem Oniontowns sei, redeten andere nervös über die vermeintliche „Vermischung“ der Einwohner, also Beziehungen zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen. Oniontown war bis in die späten 60er und 70er Jahre komplett weiß, bis ein paar von Ethel Smiths jungen Töchtern Schwarze heirateten und mit auf den Berg holten. „Mit den Niggern da oben fing der Ärger erst an“, sagte Warren. „Vorher kam keiner und störte uns.“ Nachdem ich den Laden verlassen hatte, lief ich die Straße nach Oniontown hinauf. Auf dem Weg sammelte ich vorsichtshalber eine paar Steine auf, für den Fall, dass ich es mit den Pitbulls zu tun bekam. Am Ende der gepflasterten Straße angekommen, entdeckte ich Desaray und ihre Freunde in der Mitte eines großen, leeren Felds. Desaray sagte, dass sie nicht in Pattys und Dicks abgeschlossenen Trailer gekommen war. Rap-Rock dröhnte aus dem SUV ihrer jungen, schwangeren Freundin und die Kids standen um das Auto herum, rauchten, verglichen Zungenpiercings und nannten sich gegenseitig schwul—vertrieben sich also die Zeit mit den Sachen, die junge Leute halt so tun. Sie hörten Lil’ Wayne und wackelten zu einem Song mit den Ärschen, der wie ein verschrobener Remix von „Cotton Eye Joe“ klang und in dem es, wie ich bald herausfinden sollte, um Tittenficks geht. Als Nächstes kam ein bekannter Song von Kid Cudi und alle sangen mit: Tell me what you know about dreams, dreams/ Tell me what you know about night terrors, nothing. Desaray erzählte, dass sie sich in der Schule genau wie ihr Großvater hatte durchkämpfen müssen. „Die Kids sitzen einfach da und schubsen dich oder schlagen dir auf den Hinterkopf. In der achten Klasse haben sie mich ziemlich übel angegriffen, weil ich von hier bin—eine Menge Mädchen kamen zu mir und sagten, dass meine ganze Familie nichts weiter wäre als ein Haufen inzestuöser Nigger und da bin ich dann ausgeflippt.“ Ich fragte Desaray, wie denn rausgekommen sei, woher sie stammt. „Wir behalten normalerweise für uns, dass wir von hier sind. Aber irgendwie haben sie in der Schule spitz gekriegt, dass ich aus Oniontown bin. Danach redeten einige nicht mehr mit mir.“ Desaray sagte mir, dass sie Schwierigkeiten habe, einen Job zu finden. Eine Adresse in Oniontown zu haben, macht die Sache nicht einfacher. „Die Post kommt nicht zu uns raus, also haben wir alle Postfächer in der Stadt. Aber viele der Läden hier wollen, dass man seine Postadresse und seine Wohnanschrift angibt. Wenn sie beides wollen, ist das Scheiße für uns. Wegen unseres Rufs müssen wir unter der Dummheit der anderen Leute leiden.“ Vor Ethel Smiths Fenster hängt eine amerikanische Flagge und ein Korb mit Plastikblumen. 2008 zog Desaray für eine Weile in eine andere Gegend des Bundesstaats. Das Schulsystem hatte sie immer in die Hilfsklassen gesteckt und ihr das Leben allgemein schwer gemacht. In ihrer neuen Schule hingegen hatte sie keinerlei Probleme. Sie kam nach Oniontown zurück, als die Sache mit den YouTubern gerade auf dem Höhepunkt war. „Ich war keine fünf Minuten zurück, da kam schon die erste Truppe angefahren. Plötzlich hörten wir, wie jemand ‚YouTuuuuuuube‘ brüllte. An einem Wochenende kamen drei Autos hier vorbei—als wären wir eine Freakshow oder so was.“ Sie erklärte mir, wie sie sich gegen die Plage wehrten. „Wir schlossen das Viehgatter ab, und sperrten sie damit hier ein. Sie kurbelten dann ihre Fenster hoch und schlossen die Türen ab. Meine Cousins fragten sie: ‚Was wollt ihr hier? Wollt ihr uns filmen, oder was?‘ Und manche sagten: ‚Sorry, tut uns leid.‘ Und andere: ‚Nein, wir haben uns bloß verfahren.‘ Dann mussten meine Cousins entscheiden, ob sie lügen oder nicht. Aber in letzter Zeit ist es nicht mehr so schlimm.“ Die Gegenmaßnahmen hatten also gewirkt—Oniontown ist jetzt noch gefürchteter als zuvor, und die Leute haben Angst um ihr Leben, wenn sie hierherfahren. Desarays Cousin Jamal war einer der Anführer bei der Vertreibung der Schaulustigen. Während meines Besuchs in Oniontown hatte Jamal mir gegenüber nur Zorn und Verachtung gezeigt—vielleicht mit gutem Grund, denn schließlich campte ich wie ein Paparazzo vor seinem Haus, weil ich unbedingt seine Großmutter Ethel interviewen wollte. Desaray musste mit Jamal reden und ihm sagen, dass ich „cool“ sei, und danach dauerte es nicht lange, bis ich mit dem dünnen, Flanellhemden und einen Pelzhut tragenden 19-Jährigen abhing. Jamal war in Brooklyn aufgewachsen, in den Cypress Hills Houses. Seine Mutter war aus Oniontown und sie waren, nachdem sein Vater sie verlassen hatte, hierher zurückgezogen, um näher bei der Familie zu sein. Er wusste, was die Leute über Oniontown sagten, und er fand es nicht toll. „Diese weißen Typen hier oben nennen dich Inzuchtbrut und Nigger und so’n Scheiß. Man möchte fast lieber in den Knast.“ Als Jamal 13 war, zerschmetterte er einem Jungen aus Dover den Schädel und musste für 18 Monate ins Gefängnis. Er sagte, dass die Legenden, die sich um seine Brutalität rankten, vielleicht einen Teil der Faszination für die Siedlung ausgemacht hätten. Als er aus dem Knast zurückkam, lief die YouTube-Geschichte auf Hochtouren. „Sie kamen jeden verdammten Tag hier hoch. Wir mussten dem ein Ende setzen. Ich will nicht, dass man mich wie ein wildes Tier mit einer Videokamera filmt.“ Jamal sagte, er habe vor, so lange in Oniontown zu bleiben, wie es Ethel noch gibt. „Sie ist unser Herz und unsere Seele. Sie hat einen beruhigenden Einfluss auf uns. Man könnte sagen, dass sie uns am Leben hält. Wir nennen sie die Wächterin.“ Während ich mit Jamal eine Zigarette rauchte, ließen wir den Blick über die triste Landschaft schweifen—grauer Himmel, ein niedergebranntes Haus, Trailer. Er seufzte. „Wir sind hier keine verdammten Monster. Normale Leute mit normalen Leben.“ Um fünf war es bereits dunkel draußen. Ich unternahm noch einen letzten Versuch, Ethel zu interviewen, und wartete unter dem schon vertrauten Giebel, während hinter der Tür Stimmen murmelten. „Sie will nicht reden“, sagte eine Frau mit herabhängenden Gesichtszügen. Nachdem die Wächterin mich also zum dritten Mal weggeschickt hatte, nahm ich das als Wink, nun wieder abzufahren. Dick und Patty waren gerade bei einem Gerichtstermin—anscheinend war in einem unglücklichen Zufall irgendwann ein Brocken Mist von Dicks Hänger auf ein Polizeiauto gefallen und sie mussten sich nun wegen des Fahrens mit ungesicherter Ladung vor einem Richter verantworten. Ich hatte also niemanden, der mich zurück in die Stadt bringen konnte, und machte mich, nachdem ich mich von Desaray verabschiedet hatte, auf den langen dunklen Weg den Berg hinab. Beim Laufen dachte ich darüber nach, wie über Leute, die nicht Teil dieser Welt sind, sich nicht an ihre Regeln halten und auch keine Geschichten über sich selbst erzählen, über kurz oder lang Geschichten von anderen entstehen. Ich dachte, dass es wohl Orte gibt, die von den Zentren der Welt entfernt und außerhalb der Reichweite von Scheinwerfern und neugierigen Blicken aus Autofenstern liegen, aber keinen Ort, an dem man vor ihrem Geschwätz sicher ist. Und ich dachte, dass die Welt eine Art Kreisel ist, der sich durch das Chaos der Zeit vorarbeitet und dessen Gewicht allein auf einer einzigen kleinen, ständig rotierenden Spitze ruht, die wir den guten oder schlechten Ruf nennen.

Fotos von Nadia Shira Cohen