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Wir haben uns in ein Olympiastadion geschlichen!

Mit einer lächerlichen Verkleidung aus Sicherheitsweste und Schutzhelm sind wir durch ein streng gesichertes Stadion geschlendert.
27.7.12

Seit den frühen 90ern hat G4S, das Unternehmen, das für die Sicherheit bei den Olympischen Spielen 2012 in London sorgt, mehr als nur einmal seine Aufgabe verkackt. Der letzte Rekord der Armseligkeit war 2010, als ein angolanischer Häftling namens Jimmy Mubenga in der Obhut der Unternehmens auf einem British Airways Flug starb. Presse und soziale Netzwerke sind vor den Olympischen Spielen nicht gerade zimperlich mit dem Unternehmen umgegangen. Nach einer Reihe von gut dokumentierten (oder schlecht verschleierten) Patzern der Firma, ist ihr Name bereits jetzt, noch bevor überhaupt die erste Flagge von einem verzückenden Kind bei der Eröffnungszeremonie gehisst worden ist, ein Synonym für Versagen geworden.
 
G4S’ kometenhafter Aufstieg in öffentlicher Peinlichkeit ist einer genialen Fehlkalkulation bezüglich der Anzahl an Arbeitskräften, die man für die Sicherheit eines solchen Events benötigt, zu verdanken. Dreieinhalbtausend Soldaten müssen zusätzlich eingesetzt werden, um die Arbeit zu bewältigen, für die G4S eigentlich vom Staat bezahlt wird. Diejenigen, die sie dazu bringen konnten, für sie zu arbeiten, sind oft so miserabel geschult, dass es teilweise Arbeitsausfälle von bis zu 66% pro Austragungsort gibt. All das geschah in den letzten Monaten. Deswegen hasst das gesamte Land G4S. Abgeordnete hassen sie, ihre eigenen Angestellten hassen sie, die Bürger hassen sie und ihre Aktionäre hassen sie sowieso (G4S-Aktien sind um 9 Prozentpunkte gefallen, nachdem sie behauptet hatten, sie würden 65 Millionen Euro verlieren, weil sie ihre Angestellten so beschissen ausgebildet haben). Gestern hat VICE-Journalist Graham Johnson uns erzählt, dass er sich in einen berühmten Austragungsort der Olympischen Spiele geschlichen hat. Mit einer lächerlichen Verkleidung bestehend aus Sicherheitsweste und Schutzhelm. Mein Gott, G4S, wann hört das endlich auf? Hör auf, dich selbst zu erniedrigen, G4S! Warum erniedrigt ihr euch selbst?! Ihr seid ja so dumm. Hier erklärt Graham euch nun, wie ihr mit einer Thermoskanne Tee und einem Gesicht wie ein Bauarbeiter so gut wie überall in England reinkommt. Inklusive Hochsicherheitsbereichen wie den olympischen Austragungsorten, z.B. die O2-Arena oder North Greenwich Arena, wie sie LOCOG momentan offiziell nennt.

VICE: Hi Graham, wie geht’s dir?
Graham: Sehr gut. Was ist die Story hinter den Videos, die du gemacht hast?
Ich wollte die Sicherheitsvorkehrungen der O2-Arena oder jetzt eben North Greenwich Arena, auschecken. Des Hypes um die beschissene Sicherheit von G4S wegen habe ich mich letzten Montag dazu entschieden, dort einzusteigen. Das ist ein gesichertes Olympiagelände. Die Öffentlichkeit hat keinerlei Zutritt, weil sie gerade für die Turn- und Basketball-Events umgebaut wird. Aber dich haben sie einfach so reingelassen?
Es war wirklich einfach. Ich mache das schon länger. Ich ziehe mir eine Sicherheitsweste an und schleiche mich in irgendwelche gesicherten Orte. Ich habe mir so eine Weste für vielleicht 5 Euro gekauft, dazu einen blauen Sicherheitshelm. Ich mache das seit Jahren. Ehrlich gesagt kannst du überall reinkommen, wenn du wie ein Bauarbeiter aussiehst. Ich wurde von einem G4S-Wachmann durch das Sicherheitstor gelassen. Danach sprach ich mit einem zweiten Sicherheitsmann, der mich ohne Probleme durch den Backstage-Bereich laufen ließ. Dort befinden sich übrigens alle Büros der Olympiafunktionäre. Hattest du einen Namen an der Jacke?
Nein. Es war eine ganz einfache Sicherheitsweste. Ich bin einfach nur umhergelaufen und habe mit meinem iPhone Videos gemacht. Und es hat dich wirklich gar niemand gefragt, was zur Hölle du da tust?
Keiner hat mich gefragt, was ich dort mache. Es wollte auch keiner einen Ausweis oder so sehen. Jeder Auftragnehmer der Olympiade oder einfach jeder, der dort arbeitet, hat zwei oder drei Pässe. Es gibt den schlichten London 2012 Contractor Pass. Dann gibt es wahrscheinlich noch eine Magnetkarte und viele andere Arten von Identifikationskarten, aber kein Mensch hat mich darum gebeten, eine vorzuzeigen. 1999, als der Millenium Dome gebaut wurde, sagte der Hauptkommissar der Metropolitan Police: „Niemand kann in den Millenium Dome gelangen. Es ist ein Hochsicherheitstrakt, bis Tony Blair und die Queen kommen.“ Aber auch damals schon habe ich mir einfach eine Sicherheitsweste und einen Schutzhelm gekauft und bin da reinmarschiert. Ich hatte vier Becher mit Tee dabei. Wenn du also jemals bei dem Versuch, irgendwo einzusteigen, aufgehalten wirst, dann gehst du einfach um die Ecke und kaufst ein paar Becher mit Tee und läufst durch. Das habe ich auf der ganzen Welt so gemacht, an verschiedenen Orten und es hat immer funktioniert. Keiner hält dich so jemals auf. Wo bist du sonst noch dank Tee reingekommen?
Eine Menge VIP-Sport- und Celebrity-Events. Wenn du kein Ticket für ein Konzert hast oder einfach nur Backstage gehen willst, dann kannst du das immer so machen. Einmal bin ich vor einem Finalspiel ins Wembley-Stadion gekommen und habe es tatsächlich auf den Platz geschafft. Ich bin einfach darauf zugelaufen, etwa fünfzehn Minuten vor Spielbeginn. Einfach nur aus Spaß. Keiner hat etwas gesagt. Wer sollte auch etwas sagen? Jeder dachte, ich sei ein Bauarbeiter oder so. Außerdem habe ich mir auf diese Weise Zugang zu vielen Fabriken in Indien und Pakistan verschafft, um über Kinderarbeit zu berichten. An diese Orte kommst du nicht so leicht, aber ich habe es geschafft. Was glaubst du, warum die Leute so viel Vertrauen haben?
Eine Sicherheitsweste ist zu dem Kostüm eines jeden geworden, der irgendetwas zu sagen hat. Inklusive der Polizei, Bauarbeitern und Inspektoren jeglicher Art. Jeder Sicherheitsmann und die Bosse dieser Locations verhalten sich oft wie Schafe, wenn sie diese Leute sehen, von denen sie glauben, sie hätten etwas zu sagen und wüssten, was sie tun. Ganz offensichtlich ist G4S so stark in Kritik geraten, weil zusätzlich Soldaten als Sicherheitskräfte hinzugezogen worden sind. Hast du irgendwelche davon gesehen, als du in der Arena warst?
Nein, es waren keine Truppen da und ganz offensichtlich hat G4S nicht genügend Leute ausgebildet, um die Arena ausreichend zu bewachen. Sie stand sperrangelweit offen, um genau zu sein. Hunderte, ach was, Tausende Euro an Equipment lagen da einfach offen herum. Was für Equipment?
Hunderte Computer auf dem neuesten Stand der Technik für die Richter der Olympischen Spiele. Es gab aber auch einen Riesenwürfel von der Größe eines Vans, der in den olympischen Farben leuchtete. Er wirkte wie ein Kunstwerk, aber ich glaube, er dient als Anzeigetafel. Die olympischen Ringe und die Flaggen hingen schon herum. Ich hätte ein Feuer machen, eine Bombe platzieren oder eine 400 Volt starke Schaltanlage sabotieren können. Die sollte eigentlich schwer gesichert sein, aber die Sicherheitsklappe davor war offen.

Hast du G4S deswegen kontaktiert?
Ja. Ich sprach mit ihnen am Freitag und sie haben mir einfach nur eine Zeile geschickt. Da stand drin, es sei ein „sehr ernster“ Sicherheitsverstoß und dass sie es untersuchen wollen?
Ja. Das ist alles. So ein Statement kriegst du von denen aber sonst nie zu hören, weißt du? Sie haben also kein öffentliches Statement herausgegeben, sondern einfach nur dich kontaktiert?
Ja. Sie haben nur mit mir gesprochen. Ich schätze, wenn irgendjemand einen Anschlag plant, dann hätten sie das schon längst tun können. Was hätten denn die Angestellten von G4S deiner Meinung nach tun sollen? Hätten sie dich nach einem Ausweis fragen sollen?
Ja! Das ist das Mindeste. Und sie hätten mich aufhalten und befragen sollen—„Wo gehst du hin? Was machst du hier? Für wen arbeitest du?“ Es sollte alles abgeschottet sein. Wieso lassen sie mich in die Räume, wo alle wichtigen Personen der Olympischen Spiele sitzen werden? Das Problem ist, dass die Sicherheitsleute etwa 8 Euro die Stunde verdienen. Netto nehmen sie also etwa 5 Euro mit nach Hause. Das ist zu wenig für einen 18-jährigen. OK, es ist für keinen viel. Manche von den Wachmännern sind 50-jährige Gurkhas. Also wäre mein Argument, den Leuten mehr zu bezahlen, um diese Orte besser zu bewachen. Aber das Problem bei privaten Sicherheitsfirmen ist, dass sie versuchen, überall Kosten zu sparen. So sehr, dass sie den Leuten nicht genügend zahlen, als dass die sich … …einen Scheiß drum scheren würden?
Ja. Was ist die Geschichte des bengalischen Jungen? Es war sein erster Tag. Hat er dich ein wenig bewundert? Wollte er von dir Ratschläge haben?
Ja. Er war etwa 18 Jahre alt. Ein Kind aus dem Osten Londons. Er sagte mir: „Der Boss war gerade hier und er hat mich wirklich krass beschimpft. Er hat mir gesagt, ich solle hier nicht herumsitzen.“ Und dann meinte er noch: „Das ist mein Haus hier. Ich bin aus East London. Ich kenne hier fast alle.“ Er hat seinen Ärger bei mir abgelassen. Ich wechselte schnell das Thema zu Fußball. Wenn du jemals in einer seltsamen Situation aufgehalten wirst, dann rede über Fußball. Jeder redet gerne Scheiße und sofort hast du einen neuen Kumpel. Wurdest du zu irgendeinem Zeitpunkt gebeten zu gehen oder bist du einfach von selbst gegangen?
Nein. Ich bin einfach nach eineinhalb Stunden gegangen, weil mein iPhone voll war und ich nichts mehr filmen konnte. Mir wurde langweilig und ich wollte heim zu meinen Kindern. Also bin ich gegen 19:20 Uhr gegangen. Angekommen bin ich etwa um 17:45 Uhr, denke ich.

Wie sehen die Umkleidekabinen aus?
Luxuriös. Normalerweise ist die O2 Arena sehr spartanisch eingerichtet; sehr industriell. Die Büros sind eigentlich total trostlos. Aber diesmal waren schöne Tapeten mit einem blumenartigen Muster angebracht. Außerdem gab es einen wirklich schönen Parkettboden und eine kunstvoll verzierte Garderobe. Ich schätze mal, dass hier Bruce Springsteen, oder wer auch immer da auftritt , seine Jacke aufhängt, bevor er rausgeht und spielt. War drinnen schon irgendein Turnequipment aufgebaut?
Nein, gar nichts. Ich hatte mich darauf gefreut, auf Trampolins zu hüpfen, aber es war noch nichts aufgebaut. Ich hätte ja auch behaupten können, ich sei der Kapitän des britischen Trampolinteams und hier, um die Dinger zu testen. Oder jemand von der Qualitätskontrolle oder so …
Ja, Qualitätskontrolle. Gesundheit und Sicherheit. Keiner hält dich dann noch auf. Was bedeutet das in deinen Augen, wenn jeder so leicht da einmarschieren kann?
Ich glaube, das lässt mehrere Schlussfolgerungen zu. Zum einen werden die meisten Sicherheitsproblem erfunden, um die Öffentlichkeit in Furcht zu versetzen. Meine persönliche Meinung ist, dass es keine Bedrohung durch al-Qaida oder andere Terroristen gibt … In London ist das viel unwahrscheinlicher, als man uns das erzählt. Aber darum geht’s mir nicht. Zum anderen wurde G4S so viel Geld gegeben, um die Spiele zu sichern und es hat so lange gedauert, die Spiele zu organisieren, dass sie es eigentlich drauf haben sollten. Sie sollten eigentlich alles komplett abgesichert haben. Darum geht es mir. Außerdem sind die Sicherheitsvorkehrungen wirklich ziemlich beschissen, wenn du mit einem 12-Euro-Kostüm reinlaufen kannst. Wenn ich der Präsident des IOC wäre, dann wäre ich jetzt ziemlich angepisst. Das ist meine Meinung. Ich werde andauernd von Magazinen darum gebeten, irgendwelche Sicherheitsgeschichten zu machen und ich lehne die meisten ab, weil sie einfach zu aufgebauscht sind. Und das verbreitet nur Angst. Das hier habe ich gemacht, um zu zeigen, was da schief läuft.

Seht euch hier den Trailer zu The VICE Guide to the Olympics an!