Soll ich Geld an Kony 2012 spenden oder nicht?

Bin ich ein zynischer Snob, nur weil ich die Wohltätigkeitsorganisation Invisible Children für eine Abzocke halte?

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07 März 2012, 5:20pm

Ihr seid vielleicht heute früh aufgewacht und habt festgestellt, dass etwas namens Kony 2012 das Internet übernommen hat. Falls ihr es noch nicht gemerkt habt, Kony 2012 ist ein Film, der von der Wohltätigkeitsorganisation Invisible Children produziert wurde, die damit Aufmerksamkeit für Kindersoldaten in Uganda schaffen will. Seit das Video am 5. März auf YouTube veröffentlicht wurde, wurde es mehrere Millionen Mal angeschaut. Hier ist es:

Das ist gut oder? Joseph Kony und seine Widerstandsarmee des Herren entführen Kinder und konvertieren sie zu Mördern. Sie machen das schon seit Jahren und es ist gut, dass jemand über Kony berichtet, damit die Politiker vielleicht dazu gezwungen werden, etwas gegen diese endlose Tragödie zu tun, oder?

Na ja, es ist weitaus komplexer als das. Dir ist vielleicht schon aufgefallen, dass, wenn IRGENDETWAS im Internet passiert, nur irgendwer darauf wartet, Kacke drüber zu schütten. Sicher, meistens geht es da um irgendwelche jungen Mädels, die als Schlampen bezeichnet werden, aber von Zeit zu Zeit legen diese Leute ein richtig dickes Ei und scheißen jemanden zu, der es wirklich verdient hat, wie etwa SOPA.
Also haben sich natürlich auch einige Leute über Kony 2012 ausgelassen. Ich bin mir sicher, dass die Leute hinter dem Film und die Organisation diese Kritik als belanglos abtun. Ich meine, immerhin ist das ganze so groß, das Rihanna sogar drüber twittert und irgendwelche Leute werden es immer verdächtig finden, neidisch sein oder einfach versuchen es zu ruinieren, egal warum. Manche Leute sind einfach Hater.

Das sei jetzt mal so dahingestellt und nun folgen die stärksten Kritikpunkte an Invisible Children und Kony 2012.

Kritik Nr. 1: Invisible Children ist eine finanziell fragwürdige Organisation.

Diese Zahlen wurden veröffentlicht:

Es ist unmöglich, alles über die Motive von Invisible Children herauszufinden, nur durch die Analyse dieser Zahlen. Acht- oder Neuntausend scheinen jedoch ein guter Lohn zu sein, aber spielt das wirklich eine große Rolle? Dass ihre Kosten sehr hoch sind, im Vergleich zu den Einnahmen, ist auch nicht überraschend. Das Kony 2012-Manifest besagt, dass das Unternehmen Aufmerksamkeit schaffen will. Menschen spenden also dafür, das Bewusstsein über die Not in Uganda zu erhöhen und über Nacht, dank eines Films auf YouTube, wurden Millionen von Menschen darauf aufmerksam. Das nennt man Erfolg, würde ich sagen.

Kritik Nr. 2: Invisible Children gibt keine Rechenschaft

Wenn man den Angaben einiger Leute im Internet traut, weigert sich Invisible Children mit dem Better Business Bureau zusammenzuarbeiten, einer Organisation, welche die ethische Rolle von Firmen überprüft.

Zusätzlich besagt der Charitiy Navigator (eine Homepage, deren Existenz mir bis heute unbekannt war), dass Invisible Children schrecklich undurchsichtig ist.

Kritik Nr. 3: Invisible Children lügt.

In einem Artikel vom Council on Foreign Relations steht Folgendes:

In ihrer Kampagnen manipulieren Organisationen [wie Invisible Children] die Fakten zu ihrem strategischen Vorteil. Sie überzeichnen die Entführungen und Morde der LRA, stellen die Nutzung von Kindersoldaten durch die LRA heraus und porträtieren Kony—ohne Zweifel ein brutaler Mann—als außergewöhnlich schrecklich, eine dem fiktiven Charakter Kurtz nachempfundene Verkörperung des Bösen.

Kritik Nr. 4: Invisible Children will Uganda mit Waffen überfluten.

OK … dies ist ein Foto von Jason Russell, Bobby Bailey und Laren Poole, den Filmemachern, die Invisible Children gegründet und Kony 2012 gemacht haben.

Heilige Scheiße. Ganz schlechte Idee, Leute. Ich meine, versteht mich nicht falsch, wenn VICE mich jemals an einen Ort wie den Kongo schickt, ist das Erste, was ich mache, ein neues Facebook-Profilbild, auf dem ich ein Gewehr halte. Aber ich setze mich ja auch nicht dafür ein, dass Amerika die Sudan People’s Liberation Army (von denen ich gehört habe, dass sie der Vergewaltigung und Plünderung bezichtigt wird) mit neuen Waffen ausstattet.

Ich bin kein Experte, aber war es jemals in der Geschichte der Volksbewaffnung keine Scheiß-Idee, in einem weit entfernten Land, eine Gruppe zu bewaffnen, damit sie eine andere Gruppe umbringt? Führt das nicht zu ethnischer Säuberung, Extremismus, Rache, Bürgerkrieg und Elend im Allgemeinen? Vielleicht nicht, aber ich bin ja auch kein Experte.

Kritik Nr. 5: Invisible Children wird von Arschlöchern geführt.

Als ich mir das erste Mal Kony 2012 angeschaut habe, hatte ich eine Offenbarung, als mir endlich klar wurde, wie oberflächlich ich wirklich bin. Es war mir unmöglich, die selbstgefällige Indie-Einstellung zu überwinden, die über all dem lag. Ich wurde an manipulative Technologie-Kampangen erinnert, oder das Kings of Leon-Video, in dem sie mit schwarzen Familien Party machen. Es ist pompöse Breitspurigkeit der Extraklasse, ohne jede Relevanz.

Aber der zentrale Inhalt, nämlich „Haltet diese Fotze Kony davon ab, Tausende von unschuldigen Kindern zu töten und zu vergewaltigen“ ist natürlich wichtig. Also habe ich über meine eigene Selbstgefälligkeit hinweg gesehen.

Aber vielleicht irre ich mich ja auch. Chris Blattman, Assistenzprofessor der Politikwissenschaft und Wirtschaft in Yale, schrieb diesen Blogeintrag über Invisible Children und sagt, dass sie im Grunde einfach Wichser sind. Er beleidigte ihre „Hipster-Krawatten“ und Cowboyhüte und endet dann damit, sie als kolonialistisch zu bezeichnen.

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Ich befinde mich hier ein bisschen in der Zwickmühle. Ich mache mir Sorgen, dass der wahre Grund, warum ich nach den Nachteilen des Kony 2012-Phänomens suche, einfach nur ist, dass ich ein Snob bin, der es genießt anderen Leuten den Spaß zu verderben und findet, dass ihr Promotion-Film einfach total peinlich ist. Wäre das nicht ein grausamer Grund, den Gemeinnutz zu ignorieren?

Der Film Kony 2012 kam überhaupt erst ins Rollen, weil die Filmemacher nach Uganda gingen und dort einen jungen Mann trafen, der so traumatisiert von seinen Erlebnissen war, dass er mit Selbstmordgedanken spielte. Konfrontiert mit der grotesken Realität der Kriegsgräueltaten, entschieden die westlichen Filmemacher etwas zu tun, von dem ich hoffe, ich würde es auch tun und versuchten zu helfen. Egal was es kostet. Mit dem im Hinterkopf, spielt es also wirklich eine Rolle, wie viel sie dabei verdienen? Spielt es eine Rolle, wenn sie Fakten gefälliger machen? Spielt es eine Rolle, wenn die Finanzierung der Organisation nicht öffentlich ist? Spielt es eine Rolle, dass sie naive Trottel sind, die denken dass der weiße Mann Afrika retten muss? Oder ist das alles einfach nur die selbstgefällige Sichtweise eines Menschen aus dem Westen, der genug Informationsfreiheit und Bildung hat, um solche wohltätigen Projekte von oben herab zu beurteilen?

Wäre es nicht besser, aufzuhören zu kritisieren. Sollten wir nicht lieber anfangen, den Kindern zu helfen? Oder ist es diese Art von blindem Einmischungszwang, der Länder wie Afghanistan in sehr, sehr lange Kriege führt?

Ich hab echt keine Ahnung. Sorry, Leute.

(Danke nochmal an all die Blogs und Leute auf reddit, von denen ich abgekupfert habe.)

Klicke hier, um Kony 2012 zu unterstützen.

Klicke hier für mehr Informationen dazu, warum du NICHTS an Kony 2012 spenden solltest.

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