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Befreiung und BefriedigungIm Kino herrscht ein ständiger Wechsel von Beklemmung und Lachanfällen bei Szenen wie dieser: Zwei dicke, österreichische Sextouristinnen sitzen in ihrem Luxushotel an der Bar, zwingen den Kellner das Wort „Speckschwarterln“ zu sagen, lachen ihn anschließend aus und schmachten über „Negerschwänze“. Man kann das Fremdschämen und Unwohlsein im Saal buchstäblich spüren. Seidl provoziert gern, er fordert die Zuschauer heraus, indem er ihnen schonungslose Bilder serviert. Aber es geht dem Regisseur nicht darum, Skandale zu erzeugen. „Filme sind auch immer ein Spiegelbild der Seele des Zuschauers. Der eine lacht, der andere fühlt sich unangenehm berührt, der nächste ist empört”, sagt Seidl im Anschluss an den siebenstündigen Filmmarathon.Was er zeigt, ist die Realität. Doch die Kamera schweift nicht ab, sondern hält direkt drauf, was eine unerträgliche Intimität erzeugt. „Ich möchte, dass die Filme nachhaltig sind, auch wenn sie im ersten Moment verstören, daraus erwächst ja erst Erkenntnis und das bringt doch Befreiung und Befriedigung.“

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Solche Szenen sind leise, man hört allenfalls einen Vogel krähen oder das ferne Rauschen der Autobahn. Im Gegensatz zu vielen anderen Filmemachern, die Musik bewusst einsetzen, um Liebesszenen noch schnulziger und Actionszenen noch dramatischer zu machen, verzichtet Seidl darauf. In seinem Filmen gibt es keine Musik, die eine Stimmung untermalt oder sie überhöht.Gerade dadurch kommt man den Figuren unvermittelt nahe und spürt ihre Gefühle fast bis ins Innerste.