Noch im Knast, aber fast schon draußen: im offenen Strafvollzug

Christopher ist verurteilter Gewaltverbrecher, sitzt aber nur so halb im Knast—nämlich im offenen Vollzug, wo er lernen soll, sich wieder an das Leben draußen zu gewöhnen. Das ist wie an einer langen Leine, sagt er. Man schnuppert an der Freiheit und...

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Apr. 24 2013, 9:42am

Christopher Kraft ist einer von den schweren Jungs. Sein Nachname ist Programm. Der ruhige Mann mit dem kahl rasierten Schädel erfüllt rein optisch voll und ganz das Klischee des gewalttätigen Straftäters. Ich treffe ihn im Fitnessraum der Justizvollzugsanstalt des Offenen Vollzugs Berlin. Nach knapp zwei Jahren im geschlossenen Vollzug kam er vor fünf Monaten hierher. Seine Gesamtstrafe für schweren Raub, besonders schweren Diebstahl und räuberische Erpressung beläuft sich auf sechs Jahre und zwei Monate Gefängnis. Sollte seinem Antrag auf Haftverkürzung stattgegeben werden, könnte er Ende des Jahres auf freien Fuß kommen. 

„Ich nahm damals Drogen“, erzählt er mir. „Und als ich meinen zwölfjährigen Bruder auf der Straße traf, wusste ich sofort was los war. Wenn man selber Drogen konsumiert, weiß man, wie jemand aussieht, der drauf ist. Ich habe ihn gedrängt, mir den Namen und die Adresse des Dealers zu verraten, der ihm das Zeug verkauft hat. In der Nacht ging ich mit einem Kumpel zu ihm und habe mit dem Schlagstock auf ihn eingeschlagen. Wir haben seine Wohnung auseinander genommen und nach Drogen durchsucht. Ich wollte ihm das Zeug weg nehmen.“ 

Ich mustere noch einmal Christophers Oberarme und frage mich, wieso ein Kerl wie er überhaupt einen Schlagstock braucht um jemandem richtig weh zu tun? „Das war ja nicht immer so“, sagt er. „Mit dem Sport habe ich erst im Knast angefangen. Seither trainiere ich jeden Tag. Man muss sich etwas suchen. Meiner wahren Leidenschaft konnte ich ja für eine Weile nicht mehr nachgehen.“

Die Einrichtung unterscheidet sich schon auf den ersten Blick von einem klassischen Gefängnis. Es gibt keine hohen mit Stacheldraht bewehrten Mauern. Tischtennisplatte, Fußballtore, Gartenteich – alles da. Die Gefangenen können ihre Tagesabläufe mitgestalten und sich auf dem Gelände frei bewegen. Die Türen sind nicht verschlossen. Zum Arbeiten oder für Familienbesuche können die Häftlinge den Knast unter Auflagen für mehrere Stunden verlassen. Sogar bis zu 21 Tage Urlaub sind möglich. Einzelhaft? Nur für den Notfall gibt es Arrestzellen. Alles in allem klingt das nach einer ziemlich entspannten Angelegenheit – Knast light, wenn man so will.

Wiedereingliederung, oder Resozialisierung wie es so schön heißt, ist das worauf es ankommt beim Offenen Vollzug. „Unsere Einrichtung ist nicht dafür da, es sich gemütlich zu machen. Die Vollzugslockerungen sind Behandlungsmaßnahmen, die dazu dienen, die Gefangenen auf das Leben in Freiheit vorzubereiten“, sagt Alfred Leszczynski, Leiter der Anstalt. „Wir pflegen Kontakt zu den Familien der Gefangenen, helfen ihnen dabei, ihre Freizeit sinnvoll zu gestalten. Und nicht zuletzt versuchen wir, so viele wie möglich in Beschäftigungsverhältnisse zu entlassen. Wesentliche Faktoren beim Wiedereintritt in die Gesellschaft sind Struktur und Eigenverantwortung.“

Nur wenn die Gefangenen lernen Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen, ihre Tagesabläufe durch Arbeit und Regelmäßigkeit zu strukturieren und stabile soziale Bindungen aufbauen, gibt es eine Basis für die zweite Chance. Während Straftäter im geschlossenen Vollzug zumeist jegliche Bindung zum Leben draußen verlieren – Freunde, Arbeit, Wohnung – versuchen die Beamten hier die Verbindung zur Außenwelt aufrecht zu erhalten, bzw. langjährige Gefangene langsam auf das Leben in Freiheit vorzubereiten. 

Dass dies in den allermeisten Fällen gelingt, wird selten notiert. In den Fokus der Öffentlichkeit rückt die Vollzugsform nur, wenn etwas schief geht und Häftlinge einen ihrer Freigänge nutzen, um wieder straffällig zu werden. Das Risiko sei jedoch eher gering, erklärt mir Leszczynski, da der Selektionsprozess, wer überhaupt für diese Vollzugsform in Frage kommt, sehr kompromisslos geführt werde. 

„Das Schlimmste hier drinnen ist das Untereinander zwischen den Leuten. Einfach zu viele unterschiedliche Menschen treffen aufeinander und wollen ihren Kopf durchsetzen. Man kann niemandem aus dem Weg gehen.“ Daniel sitzt aucuh hier. Und das schon zum zweiten Mal. „Ich sprühe seit dreizehn Jahren. Mit 19 wurde ich erwischt. Und weil wir uns damals der Verhaftung widersetzten, uns illegal Zugang zu Orten verschafften, an denen wir sprühten und weitere Vergehen in die Strafe einflossen, musste ich für volle drei Jahre ins Gefängnis, in Berlin Plötzensee.“ Diesmal teilt sich Daniel eine Zelle mit drei anderen Insassen–Bereich Kisselnallee. 

Daniel wirkt ruhig und reflektiert, fast schüchtern. Er möchte lieber nicht fotografiert werden und wenn, dann nur im Halbschatten. Ich tue mich schwer mir vorzustellen, wie er den Alltag hinter Schloss und Riegel vor allem emotional meistert. „Nach der ersten Entlassung hatte ich noch den Elan, das Ganze in eine künstlerische Richtung weiter zu treiben, aber ich bin dann total abgestürzt. Ich wurde krank, hatte Depressionen und erlitt Panikattacken. Ich war ein Jahr in stationärer Behandlung, in der Geschlossenen.“ 

Beim offenen Vollzug geht es um das Ausüben von Kontrolle über den Menschen, so Leszczynski, notfalls auch unter Zuhilfenahme des unmittelbaren Zwanges. Die Aufgabe sei klar: „Wir wollen soziale Sicherheit produzieren.“

Das mit dem Zwang ist bei Daniel nicht nötig. Sein größter Traum sei es Architektur zu studieren. Eine Entwicklung, die ihm die Sozialarbeiter in der Anstalt zutrauen. Jetzt beginnt er erstmal einen Job als Trockenbauer, den man ihm vermittelt hat. Was seine Freundin, die draußen auf ihn wartet, an ihm schätzt, möchte ich zum Schluss noch wissen. „Mit mir kann man gut reden. Es wird nicht langweilig. Daniel an sich, so wie er wirklich ist, denke ich. Sie und meine Mutter sind die Einzigen, die mich wirklich kennen. Ich muss viel zu oft schauspielern, weil es keinen Platz für Schwäche gibt. Zumindest habe ich diese Erfahrung gemacht.“

Laut Gesetz steht jedem Gefangenen in bundesdeutschen Haftanstalten eine Einzelunterbringung zu. Die Häftlinge, die hierher kommen, unterschreiben jedoch, dass sie mit der Mehrfachbelegung der Zellen einverstanden sind. Ein Preis, den die meisten bereit sind zu zahlen für die Annehmlichkeiten der Hafterleichterung, die ihnen hier widerfahren. Vor allem jene, die bereits eine gewisse Zeit im geschlossen Vollzug verbracht haben.

Christopher ist so etwas wie der Paradegefangene des Offenen Vollzugs. Einsichtig, reuig, reflektiert und clean. Als Freigänger verlässt er das Gefängnis um acht Uhr morgens und beginnt seine Arbeit als Kochlehrling. Am Nachmittag geht er trainieren und besucht abends seine Mutter.

Und was dann kommt passt so gar nicht zu dem, was ich bisher in der Schublade Christopher K. notiert hatte: „Es gibt nichts, was mich glücklicher macht, als Klavier zu spielen – Mozart, Bach, Beethoven und eigene Stücke.“ Er erzählt mir, dass er während seines ersten Jahres in Untersuchungshaft Briefe an die Senatsverwaltung, den zuständigen Richter und die Staatsanwaltschaft geschrieben hat. Und dass ihm schließlich als erstem Häftling überhaupt, erlaubt wurde, ein Keyboard in seine Zelle in Moabit zu bringen.

„Neun Monate vor Haftende bekommt man vom Arbeitsamt die Möglichkeit, eine eigene Wohnung anzumieten – als entlassungsvorbereitende Maßnahme. Am Anfang hat man ja nur wenige Ausgänge, wenn man sich benimmt, wird es mehr. Das Schlimmste ist, dass man sich vorkommt wie an einer Leine. Man schnuppert an der Freiheit und die wird einem wieder entzogen. Im Geschlossenen hat man weniger Probleme. Es ist alles vorgegeben. Hier muss man sich selbst organisieren und auf die Regeln achten.“ Die Tatsache, dass Christopher als verurteilter Gewaltverbrecher bereits nach etwa der Hälfte seiner Strafe das Gefängnis tagsüber verlassen darf, ist Beleg für seinen Werdegang seit Beginn der Haft. 

„Nichts wird mich jemals wieder in den Knast bringen. Das war der erste Auftritt und der letzte. Die Justiz hat mir gezeigt, dass man nicht alles machen kann, was man will. Man muss sich in der Gesellschaft ein Stück weit anpassen. Es macht auch mehr Spaß, mit der Gesellschaft zu leben als dagegen.“ 

Ein Justizbeamter begleitet mich in Richtung Ausgang. Wir kommen an der Essensausgabe vorbei. Dort hat sich eine Schlange gebildet. Ich schaue in die Küche und beobachte wie ein Gefangener nach dem anderen seinen Kopf durch die Luke schiebt, um sein Tablett entgegen zu nehmen. „Das Essen hier ist in Ordnung“, sagt ein Typ in schwarz rot goldener Trainingsjacke. „In der U-Haft habe ich Aufkleber auf den Essensrationen gesehen, auf denen stand: ‘Für Häftlinge und Schweine.‘“ 

Siegfried A., der eigentlich türkische Wurzeln hat, möchte, dass ich ihn so nenne –wegen der Geschäfte draußen. Im echten Leben betreibt er ein Geschäft für gebrauchte Fahrräder.

Das größte überhaupt, wie er sagt. Dank des Freigangs müsse er seine sieben Mitarbeiter nicht auf die Straße setzen. 

„Ein ehemaliger Geschäftspartner hat mich verleumdet und immer wieder beleidigt. Ich wollte es auf eigene Faust regeln und habe ihm eine geklatscht.“ Nun gut, die Klatsche führt zu erheblichen Gesichtsverletzungen bei seinem Opfer und erfolgt mit 600 Autobahnkilometern Anlauf, was die Staatsanwaltschaft dazu veranlasst Vorsatz zu unterstellen. 

Hinzu kommt, dass A. ehemaliger Leistungssportler ist, Kampfsportler um genau zu sein. Als früheres Mitglied der deutschen Nationalmannschaft im Ringen kann man ihm in Sachen Zweikampf wohl nicht allzu viel vormachen. „Deutschland ist ein Rechtsstaat. Wir sind nicht in Afrika, hier funktioniert die Justiz. Heute würde ich anders handeln“, sagt er und bringt den Deutschland-Schriftzug für ein Foto in Position.

Als ich durch das schmiedeeiserne elektrisch betriebene Tor das Gelände verlasse, fegt gerade ein Gefangener den Boden der Einfahrt. Nach etwa dreißig Metern drehe ich mich noch einmal um. Das Tor hat sich noch immer nicht wieder vollständig geschlossen. Der Gefangene fegt weiter den Betonboden.

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