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Sex

Diese Polyamoristen sind dauerverliebte Nerds

Ich wollte schon immer mal wissen, ob man in einer polyamorösen Partnerschaft glücklicher und freier ist als in einer monogamen Beziehungen, und bin zu einem ihrer Treffen gegangen. Es stellte sich heraus, dass es eine Menge Organisation bedeutet und...
24.6.13

Unsere Berliner Kollegin widmet sich in ihrem Bericht dem Multitasking der Liebe.

Das Konzept von Polyamorie fand ich eigentlich immer ganz nett und ein bisschen hippiemäßig, so im guten Sinne von wegen Weltfrieden und alle haben sich lieb. Die Idee ist es, eben nicht seinen Partner zu betrügen, wenn man mal jemand anderen geil findet, sondern ganz ehrlich zu sein. Hey, ich würde gerne mit What's-his-face schlafen, ist das OK für dich? Wenn sich daraus eine Zweit-Dritt-Viert-Beziehung entwickelt, auch gut. OK? Cool.

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Also besuche ich mein erstes polyamouröses Gruppentreffen in Berlin, um herauszufinden, ob das wirklich so entspannt abläuft. In einem kleinen stickigen Raum sitzen sich nicht ganz 20 Leute gegenüber und nippen an ihrem Radler. Die meisten in ihren 40ern und älter, aber sechs von ihnen sind eher zwischen 20 und 30. Sie alle stellen sich inklusive aktueller Beziehungskonstellation vor.

Marta (die Namen habe ich verändert, weil die meisten hier nicht genannt werden wollten) ist Anfang 20, hat vier Freunde, einer davon sitzt neben ihr.

Beide sehen schon nach Informatikstudium aus und wie sich im Laufe des Abends herausstellt, ist das auch so. Generell scheinen die jüngeren „Polys“, wie sie sich selbst nennen, übermäßig Hacker- und Informatikerkreise zu frequentieren. Marta erzählt, dass sie ein paar ihrer Freunde bei den Treffen des Chaos Computer Clubs kennengelernt hat. Also doch nichts dran am Klischee des sexlosen Nerds, denke ich. Die haben ja anscheinend sogar gleich mehrere Partner.

Da überrascht es mich nicht, dass ich hier Simon treffe. Der langhaarige frauenpolitische Sprecher der Piraten, der am Anfang des Treffens erst einmal seine blinkenden pinken Kopfhörer ausschaltet, hat auch kein Problem damit, dass ich seinen echten Namen benutze. Er lebt nach der feministischen Parole „Das Private ist politisch.“

Insgesamt scheint Marta sehr glücklich mit ihrem Liebesleben, aber ein Problem hat sie doch, über das sie heute beim Poly-Stammtisch reden möchte: Outing. Sie berichtet von ihrer Mutter, die Martas erstes Outing als Lesbe (da ihre Hand die ganze Zeit über den Oberschenkel eines Typen streicht, gehe ich mal davon aus, dass sie mittlerweile eher bi ist) noch geflissentlich ignoriert hat. Als Marta ihr aber erzählt, dass sie mehrere Freunde hat, die sie ihr gerne vorstellen würde, flippte Mutti offenbar aus.

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Volles Programm, inklusive: „Das hat Gott nicht so vorgesehen!“ Marta lacht immer wieder, während sie die Geschichte erzählt, aber es sieht eher wie ein Lachen aus, das alles irgendwie als absurd deklariert. Eigentlich tut ihr die Reaktion ihrer Mutter weh.

Insgesamt scheint keiner hier mit diesem Beziehungsmodell von ihrer Familie voll akzeptiert zu sein. Manche haben es ihren Verwandten auch gar nicht wirklich erzählt.

Simon ist schon seit der ersten Stunde der Poly-Treffen in Berlin dabei. Vor sechs Jahren haben sie angefangen. Seine Freundin Nina ist heute zum ersten Mal da, für sie ist der Poly-Lebensstil noch relativ neu. Sie betont, dass es unheimlich viele Modelle von Polyamorie gibt: Manche wollen mehrere gleichberechtigte Beziehungen haben, andere haben eher eine Hauptbeziehung und dann noch ein paar nebenher.

Bei Simon und Christin ist es Letzteres. Ob sie nicht manchmal eifersüchtig wird, wenn Simon etwas mit einer anderen hat. Ja, schon, sagt sie. „Aber ich bin dann immer nicht ganz sicher: Bin ich eifersüchtig, weil ich wirklich eifersüchtig bin? Oder bin ich eifersüchtig, weil mir das als Kind so eingetrichtert wurde?“

Eifersucht ist auch für Lisa ein Problem, allerdings eins, was für sie ganz neu ist. Sie lebt seit mehreren Jahren polyamourös und findet sich gerade in einem neuen Geflecht aus diversen Fernbeziehungen wieder. Klingt jetzt nicht überraschend, ich wäre auch nicht so happy, wenn mein Freund sowieso schon selten da ist und seine Zeit dann auch noch zwischen mehreren Leuten aufteilt.

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Von Lisas Gefühlswelt geht die Diskussion langsam über zum Problem der Organisation.

Marta berichtet von ihren terminlichen Schwierigkeiten, wenn sie mal nach Aachen fährt, wo sie zwei Freunde hat, und die Zeit irgendwie einigermaßen fair zwischen den beiden aufteilen will. Gleichzeitig ist es ja aber auch irgendwie doof, nur zu einem zu gehen, weil sie sich verpflichtet fühlt, wenn sie eigentlich lieber gerade etwas mit dem anderen machen würde.

Generell bekomme ich im Laufe des Abends immer mehr das Gefühl, dass poly zu sein, einfach unheimlich viel Arbeit und Organisation bedeutet. Als ich Christin frage, ob meine Einschätzung da richtig ist, nickt sie heftig. „Auf jeden Fall!“

Zu der Organisationsfrage kommt, dass man alles mit seinem Partner abspricht. Und natürlich immer der Aufwand, mit sich selbst klar zu kommen, wenn man eifersüchtig ist. Aber eigentlich sollte man auch das mit Freund oder Freundin besprechen. Brutale Offenheit. Boah, klingt das anstrengend!

Obwohl ich das Konzept selbst echt schön finde (weil, ihr wisst schon, Weltfrieden und so), komme ich nicht umhin, mich zu fragen, warum die das alle eigentlich machen, wenn es doch so viel Aufwand bedeutet. Doch dann fällt mir die Vorstellungsrunde wieder ein. Während der haben fast alle, nachdem sie die aktuelle Beziehungskonstellation beschrieben hatten, gesagt, dass sie damit sehr glücklich sind und dabei so frisch verliebt gegrinst. Genau das war es nämlich, was ich auf diesem Poly-Treffen gesehen habe: einen Haufen dauerverliebter Nerds.