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Kurz vor Ramadan fliegen in Istanbul noch einmal die Gummigeschosse

Kurz vor Beginn des Ramadan griff die Polizei noch einmal hart gegen die übriggebliebenen Demonstranten durch. Als ich einmal versuchte, aus einer Seitenstraße davon Fotos zu machen, bemerkte mich der Schütze und bedachte mich gleich mit einer...

von Matern Boeselager
10 Juli 2013, 4:39pm

Pünktlich zu Beginn des Ramadan am Dienstag scheint in Istanbul fürs Erste ein wackliger Frieden eingekehrt zu sein. Aber obwohl der Gezi-Park zum ersten Mal seit Wochen wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, um dort den heiligen Monat zu feiern, sind die Demonstranten mit der Entwicklung alles andere als zufrieden.

Noch am Montagabend traf ich Feride, die schon beim allerersten Protest im Park dabei gewesen war und mir erklärte, dass die Öffnung des Parks zu Ramadan eine weitere Finte der Regierung sei, das Volk zu teilen. „Sie versuchen alles, um Gläubige und Nichtgläubige gegeneinander aufzubringen“, meinte sie. „Jetzt wollen sie es so darstellen, als ob wir die gläubigen Muslime, die einfach nur friedlich im Park ihren Ramadan feiern möchten, terrorisieren wollen. Dabei gäbe es den Park gar nicht mehr, wenn wir nicht demonstriert hätten!“

Denn noch am Vortag, am Montag, war es zu heftigen Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten gekommen.

Die Polizei setzte viel mehr Gummigeschosse ein, als vorher normal gewesen wäre. Auf der Einkaufsstraße Istiklal im Zentrum der Stadt, gleich neben dem Taksim-Platz und dem Gezi-Park, fuhr sogar ein gepanzerter Jeep, auf den sie oben einen Polizisten mit einer Art Gummi-Maschinengewehr gesetzt hatten. 


Der Arschkasper auf seinem MG-Jeep

Als ich einmal versuchte, aus einer Seitenstraße davon Fotos zu machen, bemerkte mich der Schütze und bedachte mich mit einer großzügigen Salve. Obwohl er keine zwanzig Meter an mir vorbeifuhr, traf mich aber kein einziges Geschoß, was uns beide ziemlich überraschte. Wir schauten uns einen Moment verdutzt an, dann schoss er noch einmal eine Ladung in meine Richtung, die mich aber wieder nicht erwischte, obwohl die Plastikkugeln links und rechts neben mir in die Mauer klatschten, und dann war er schon vorbei.

Am Nachmittag hatte die Polizei zum ersten Mal seit drei Wochen wieder Menschen in den Gezi-Park gelassen, nur um sie knapp drei Stunden später doch wieder rauszuwerfen. Weil die Demonstranten für sieben Uhr eine Versammlung im Park angekündigt hatten, wurde der Platz in gewohnter Manier von der Polizei und Wasserwerfern verteidigt.

Die Trupps griffen mit gewohnter Härte durch, um die Demonstranten durch die Gassen zu scheuchen und somit zu vertreiben. Es waren deutlich weniger Demonstranten gegen deutlich mehr Polizisten. Gleichzeitig schienen es aber mehr von der aggressiveren Sorte zu sein, die sich gerne Tücher ums Gesicht binden und Steine werfen.


Vermummter Steinewerfer


Nihat zeigt seine Wunden

Der Gouverneur von Istanbul, Mutlu, hatte verkündet, der Park, eine „himmlische Ecke“, gehöre dem „Volk Istanbuls“. „Einen Park, der der Gesellschaft gehört, in eine Protestgegend zu verwandeln, das ist Folter für die Gesellschaft. Aber das Volk wird seinen Park zurückfordern.“ Das klingt schon ziemlich verdreht, wenn man weiß, dass die Proteste nur angefangen haben, weil die Regierung den Park abreißen und durch ein Einkaufszentrum ersetzen wollte.

Montagnacht gingen die Straßenkämpfe noch bis lange nach Mitternacht weiter, obwohl der Park anscheinend um Mitternacht noch einmal geöffnet wurde. 

Seit die Demonstranten am 15. Juni aus dem Park geworfen worden waren, hatte die Polizei mehr als drei Wochen lang niemanden mehr hineingelassen. Trotzdem wurde bald bekannt, dass im Park heftig gepflanzt wurde.

Am Dienstag, nachdem Ramadan eingetreten ist und die Kämpfe aufhörten, konnte ich das Ergebnis bewundern: Alle Flächen waren mit frischem Gras bepflanzt worden, die Beete strahlten in ihrer neuen Blumenpracht, und es waren eine ganze Menge neuer Bäume gepflanzt worden.

Im frisch renovierten Park hatten ein paar Demonstranten aber schnell ein paar Steine arrangiert, auf denen die Namen der in den Protesten gestorbenen Jugendlichen standen. Gerade heute ist der 19-jährige Ali İsmail Korkmaz gestorben, der am 2. Juni in Eskişehir während eines Tränengasangriffs von einer Gruppe Männer ins Koma geprügelt worden war. Ich fragte einen davor stehenden Mann, was er von dem neuen Park hielt, und er gab zu, dass es eigentlich ziemlich hübsch geworden sei. 


Erman

„Aber wir sind noch lange nicht zufrieden. Die Mörder dieser Jungen laufen immer noch frei herum, während die Polizei Leute in Gewahrsam festhält, weil sie mit Atemmasken im Gepäck erwischt wurden“, ärgerte sich Erman. 

Gegenwärtig befinden sich noch immer noch Dutzende Menschen in Gewahrsam. Um die 50 haben heute einen Hungerstreik angekündigt, um gegen die Dauer ihrer Festnahme zu protestieren. 

Obwohl der Park jetzt wieder zugänglich ist, ist noch so gut wie gar nichts geklärt. Die Regierung hat sich zu keinem Zeitpunkt für die Polizeigewalt entschuldigt oder irgendwelche Zugeständnisse an die Forderungen der Opposition gemacht. Stattdessen wird weiter versucht, die Bewegung zu delegitimieren: Heute wurde sogar bekannt, dass ein verrücktgewordener Dönerbudenbesitzer, der auf dem Taksim-Platz Demonstranten mit seinem Dönermesser angegriffen hatte, als „Terrorismus-Opfer“ für die durch die Proteste entstandenen Verluste entschädigt werden soll. Und Erdoğan, der in letzter Zeit zunehmend verschwurbelte Verschwörungstheorien von sich gegeben hat, hat sich einen Mann zum Chefberater ernannt, der überzeugt ist, dass ausländische Mächte versuchen, den Premier per Telekinese umzubringen.


Iftar auf der Istiklal

Um das friedliche Wesen des Protests zu betonen, versammelten sich am Dienstagabend mehrere hundert Menschen auf der Istikal, um den Iftar, das traditionelle Fastenbrechen nach Sonnenuntergang, zu begehen. In einer langen Schlange saßen die Menschen auf dem Boden und teilten sich Börek, Köfte und Süßigkeiten.

Iftar

Dort unterhielt ich mich mit Melis, von der ich erfuhr, dass dieses Iftar von den muslimischen Gruppen in der Protestbewegung organisiert worden war. „Sie wollten daran erinnern, dass es im Ramadan um Bescheidenheit und Gemeinschaft geht, nicht wie oben auf dem Platz.“ Auf dem Taksim hatte die Stadtverwaltung ein eigenes Iftar aufgebaut, an dem aber nur geladene Gäste teilnehmen durften. „Ich bin selber Agnostikerin bis Atheistin, bei mir zu Hause wird nie gefastet. Aber hier wird niemand ausgeschlossen“, fuhr sie fort.


Melis

„Das ist eine Fortsetzung des Gezi-Geists, jeder bringt etwas mit, wir teilen alles. Es macht einfach sehr viel Spaß.“ Immer wieder brachen die Essenden in spontanes Klatschen oder Protestgesänge aus, alles schien sich prächtig zu amüsieren. Ich fragte Melis, ob sie glaube, dass die Demonstranten gewonnen hätten. „Es ist auf jeden Fall ein Sieg , aber nicht an allen Fronten. Es sind immer noch viele Leute in Gewahrsam, die Regierung hat sich für nichts entschuldigt. Aber wir haben etwas erreicht.“ Unser Nachbar, der sich als Deniz vorstellte, rief: „Wir sind hier alle die Kinder von Mustafa Kemal [Atatürk]. Wir haben einen großen Sieg errungen, die können uns gar nichts mehr tun, weil wir wissen, was wir können!“


Iftar


Wasserwerfer vor dem Taksim-Platz

Um kurz vor neun gaben die Polizeitrupps den Taksim-Platz frei, und die Menge zog singend über den Platz zum Gezi-Park. Auch hier ließ die Polizei sie durch, und bald beruhigten sich die Menschen. Ich hatte Melis vorher gefragt, ob sie Angst habe, dass die Bewegung ohne den Park als Fokus auseinander fallen würde. „Manche sind enttäuscht, dass wir kein festes Ziel mehr haben“, meinte sie. „Aber ich glaube, das ist nicht unbedingt schlecht. Wir treffen uns weiter in den Parks, jetzt vielleicht auch wieder im Gezi-Park, und denken über die Zukunft nach. Es ist etwas Neues entstanden, und wir werden es uns nicht nehmen lassen, auch wenn es ein langer Kampf wird.“