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Wir müssen über „Kiweno" reden

„Kiweno ist so sehr auf Gewinn fixiert, dass das StartUp eine Menge an moralischen Grundsätzen über Bord wirft, nur um das eigene Wohl zu puschen."
31.3.16
Screenshot via Puls4

Dieser Artikel erschien zuerst auf Gregors Blog Senfautomat.

Ich weiß, wie und wie sehr mich Werbung und Marketing beeinflussen. Und ich weiß, dass mich das Wissen darüber nicht immun dagegen macht. Und trotzdem bin ich immer wieder schockiert, wenn mir bewusst wird, dass es wieder passiert ist.

Am Dienstagabend hat das „Startup" Kiweno bei der österreichischen Startup-Show 2 Minuten 2 Millionen ein Investment (ich weiß, es ist Mediavolumen, aber das ist eine ganz andere Debatte) von 7 Millionen Euro abgeräumt. Die Idee von Kiweno ist grundsätzlich, (Blut-)Tests mehr oder minder selbst durchführen zu können, indem man sich zu Hause selbst ein paar Tropfen Blut abnimmt und dann ins Labor schickt. Ein schönes Ausrufezeichen für die österreichische Startup-Szene, wenn da das „wenn" nicht wäre …

Vor einigen Monaten bin ich schon einmal über Kiweno gestolpert. Schöne Website, gutes Branding, nette Idee. Während der Show vernahm ich dann die ersten kritischen Stimmen und ließ mich aufklären:

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— Fabian Pimminger (@i_am_fabs)29. März 2016

— Fabian Pimminger (@i_am_fabs)29. März 2016

Es geht dabei um einen Test, der angeblich Nahrungsmittelunverträglichkeiten feststellen soll. Nach kurzer Google-Suche ist klar: Der Test ist alles andere als unumstritten.

So gibt etwa auch die Österreichische Gesellschaft für Allergologie und Immunologiekeine (ÖGAI) keine Empfehlung für die Bestimmungen von Nahrungsmittelunvertäglichkeiten mittels IgG-Test ab. In einem Positionspapier der ÖGAI heißt es wörtlich: „Daher wird die Bestimmung von IgG4 gegen Nahrungsmittel als irrelevant für die Labordiagnostik einer Nahrungsmittelallergie oder -intoleranz angesehen und sollte bei Symptomen, die im Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme auftreten, nicht durchgeführt werden." Zur selben Einschätzung gelangten auch Kolleginnen und Kollegen in Deutschland und der Schweiz und weitere Gesellschaften für Allergologie, die an diesem Positionspapier mitgearbeitet haben.

Wer es ein bisschen genauer wissen will, der kann sich in den Kommentaren unter diesem Facebook Posting die verlinkten Studien anschauen (Georg Molzer ist CTO und Co-Founder von Kiweno). In diesem Brutkasten-Live-Interview konnte die Geschäftsführerin Bianca Gfrei auch nicht mit sonderlich mehr Argumenten punkten. Denn zu sagen, es sei „im Interesse der Allergologen, dass IgG-Tests unter Kritik stehen" und darauf zu verweisen, dass man „positive Rückmeldungen von Kunden" bekäme, sind weder wissenschaftliche noch glaubhafte Beweise für die tatsächliche Verlässlichkeit dieser Tests.

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Ich hab keine Ahnung von Medizin, aber alles, was ich bisher zu diesen Tests gelesen habe, deutet stark darauf hin, dass sie vollkommen unzuverlässig sind. Was man aber auf jeden Fall sagen kann, ist, dass Kiweno das Produkt extrem dreist und unehrlich vermarktet. Denn bewiesen ist die Verlässlichkeit des Tests keinesfalls, die Bewerbung auf der Website mit „sichere Analyse" und „garantiert sichere Ergebnisse" ist also vollkommen daneben.

Als durchaus dreist kann auch die Produktseite des nutreos-Tests bezeichnet werden. Scrollt man dort ein wenig nach unten, wird unter der Überschrift „Lebensmittelübersicht" angegeben, dass Nutzer „(…) die Verträglichkeit von über 70 Nahrungsmitteln einfach und schnell zuhause testen" können. Dazu werden explizit Milchprodukte angeführt. Das Problem an der Sache: Im eigenen FAQ zum Produkt „nutreos" schreibt Kiweno: „Der nutreos testet die Verträglichkeit von Nahrungsmitteln über das Blut. Eine Lactose-, Fructose-, oder Histamin­intoleranz kann aufgrund der verschiedenen Parameter-Anforderungen nicht berücksichtigt werden".

Was mich zudem verwundert hat, ist die unglaublich schwere Auffindbarkeit des Testnamens. Erst nach mehreren Klicks erfährt man auf der Website des Labors, dass der durchgeführte Test eben dieser umstrittene IgG-Test ist. Bei aller Liebe: Das sieht sehr nach Verschleierung der Tatsachen aus.

Kiweno bietet auch noch einen zweiten Test an. Der Histaminintoleranz-Test. Dieser wird laut Aussage von Bianca Gfrei von der Krankenkasse übernommen—ich konnte dazu online nichts finden—wenn man ihn auf herkömmliche Weise machen lässt. BeiKiweno kostet er 39 Euro. Ob es dann so sinnvoll ist, ihn ohne Hinweis darauf auf der Plattform anzubieten, ist eine andere Frage. Menschen eventuell das Geld aus der Tasche zu ziehen, nur aufgrund von Unwissenheit, finde ich ja eher uncool.

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Auf der Austrian Startup Pinwall gab es relativ heftige Kritik. Einige versuchten, dies als die „Neid-Kultur" der Österreicherinnen und Österreicher abzutun. Das finde ich falsch. Es geht hier um die Gesundheit von Menschen und ihre Ernährung. Damit ist nicht zu spaßen, vor allem gilt es keine falschen Warnungen auszusprechen. Falsche Analysen können die Lebensqualität von Menschen negativ beeinflussen.

Ich habe mittlerweile das Gefühl, Kiweno ist so sehr auf Gewinn fixiert, dass das „Startup" eine Menge an moralischen Grundsätzen über Bord wirft, nur um das eigene Wohl zu puschen. Und dass so etwas von der österreichischen Startup Szene kritisiert wird, ist hoffentlich für jeden nachvollziehbar. Falsche Spieler können den Ruf einer ganzen Branche ruinieren. Ich lese die Austrian Startup Pinwall regelmäßig und ich hatte noch selten das Gefühl, dass dort viele Neider unterwegs sind. Ganz im Gegenteil.

Für mich persönlich erschreckend ist, wie gut Branding und Design der Firma sind. Das sind zwei Faktoren, die für mich immer eine wesentliche Rolle spielen. Auf einer modern designten Website klicke ich viel schneller mal auf den „Kaufen"-Button, das weiß ich. Oft funktioniert das auch ganz gut. Firmen, die Wert auf die Qualität ihrer Website legen, legen oft auch Wert auf die Qualität ihrer Produkte. Doch bei Kiweno wäre ich nicht einmal auf die Idee gekommen, die Verfahren zu hinterfragen. Es ist wohl wiedermal Zeit für ein bisschen Selbstreflexion.

Ihr könnt Gregor auf Twitter folgen: @onatcer


Titelfoto: Screenshot via Puls4