Eine Skateboarderin erklärt, warum sich die Stellung der Frau in der Skateboard-Industrie grundlegend ändern muss

Wir haben uns mit Lacey Baker über den Frauen-Contest beim Street-League-Wettbewerb und die Doppelmoral der Skate-Industrie unterhalten.

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18 Dezember 2015, 4:37pm

Alle Fotos: Hannah Bailey

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Die groß aufgezogene Skateboard-Contest-Reihe Street League Skateboarding existiert zwar schon seit fünf Jahren, aber erst in diesem Jahr feierte beim Stop in Chicago eine Frauen-Wettbewerbsgruppe Premiere. Nachdem sie bei Contests jahrelang entweder an den Rand gedrängt wurden oder nur ohne großartige Promo und Preisgelder antreten durften, bestand für Skateboarderinnen nun endlich zum ersten Mal die Chance, vor einem Massenpublikum auf der großen Bühne zu skaten.

Lacey Baker, die beim diesjährigen Street-League-Contest den vierten Platz belegt hat, sieht das jedoch anders. Obwohl sie von vielen Experten als eine der technisch besten Street-Skateboarderinnen aller Zeiten angesehen wird (2013 hatte Thrasher Magazine für ihren ersten vollen Part in einem Skate-Video zum Beispiel nur Lob übrig), verdient Baker mit ihren gewonnenen Preisgeldern nicht genug, um ausschließlich von ihrer Skateboard-Karriere leben zu können. Inzwischen redet die 24-Jährige davon, dass sie sich von der gleichen Skate-Szene im Stich gelassen und zurückgewiesen fühlt, die von ihrem jahrelangen Mitwirken profitiert hat.

Wir haben uns deswegen mit Baker getroffen und mit ihr darüber gesprochen, wie es sich anfühlt, Klartext über die Szene zu reden, und warum die von Männern dominierte Skateboard-Industrie endlich damit aufhören muss, in Bezug auf Skateboarderinnen nur mit dem Schwanz zu denken.

VICE: Erzähle uns doch erstmal davon, wie du mit dem Skaten angefangen hast.
Lacey Baker: Das ist schon eine ganze Weile her—damals war ich zwei oder drei Jahre alt und wurde von Pflegeeltern großgezogen. Mein Pflegebruder ist immer in der Miniramp im Garten rumgeskatet und ich wurde gefragt, was ich mir zu Ostern wünschen würde. Da habe ich dann mein erstes Skateboard bekommen und mit der ganzen Sache angefangen. Das ist jetzt schon mindestens 20 Jahre her, ich kann also wirklich nicht älter als drei gewesen sein. Ich habe dann zwar auch noch ein bisschen mit Rollerblades und Fahrrädern rumexperimentiert, aber als ich sieben oder acht Jahre alt war, wollte ich eigentlich nur noch einen Kickflip stehen.

Du arbeitest nicht als Vollzeit-Skateboarderin, sondern als Vollzeit-Grafikdesignerin. Hättest du es lieber andersrum?
Nein, das passt schon so. Ich habe ja die Schule fertig gemacht, um später mal einen ordentlichen Job zu finden und das Skateboarden richtig schätzen zu können. Das alles wurde dann jedoch ein bisschen auf den Kopf gestellt, als Skateboard-Contests meine einzige Einnahmequelle waren. Zu dieser Zeit herrschte großer Druck, auf diese Weise Geld zu machen oder Fotos zu schießen—bzw. allgemein Dinge zu tun, bei denen Frauen eigentlich gar keine Chance oder Möglichkeit haben, das überhaupt zu erreichen.

Glaubst du, dass der Frauen-Contest beim Street-League-Wettbewerb daran etwas ändern wird?
Das hoffe ich zumindest. Es wäre schon schön, endlich mal etwas Gleichberechtigung zu sehen, denn es herrschen immer noch diverse Diskrepanzen und man wird als Frau immer noch herablassend behandelt. Ich nerve deswegen vielleicht, aber die Art und Weise, wie mit uns gesprochen wird ... „Findest du es nicht toll, endlich Teil des Ganzen zu sein? Schau doch nur, was wir für euch gemacht haben!" Oder Fragen wie „Wie fühlt es sich an, eine Skateboarderin zu sein?" Ja, ich skate und ja, ich habe eine Vagina. Wow, ich habe einen Kickflip gestanden und es befinden sich immer noch die gleichen Genitalien zwischen meinen Beinen ... Was ist denn das für eine beschissene Frage?

Für Skatevideos zu filmen, ist für dich sehr wichtig und du gehst auch gerne mal alleine skateboarden. Warum willst du dich dann überhaupt noch in Wettbewerben messen?
Ja, ich skate in erster Linie für mich selbst und ich mag Videoparts, aber Contests sind eben auch ganz cool. Ich halte den Frauenwettbewerb bei Street League für eine gute Sache und ich glaube, dass dadurch große Dinge ins Rollen gebracht werden. Es ist wichtig, dass wir Frauen uns auch selbst eine Plattform schaffen, anstatt uns nur darauf zu verlassen, dass uns in der von Männern dominierten Skateboard-Industrie Platz gewährt wird. Meow Skateboards, Girls Skate Network, Mahfia TV und so weiter sind da schon mal ein guter Anfang. Wenn wir das Ganze selbst in die Hand nehmen, gibt es nichts, worüber wir uns beschweren können. Ich glaube, dass wir damit viel mehr erreichen werden als mit dem, was wir unserer Meinung nach aus der bereits bestehenden Industrie rausholen können. Es ist schade, dass es so sexistisch ablaufen muss, aber das ist nunmal die Realität.

Welche Unternehmen greifen dir derzeit unter die Arme?
Ich fahre für Meow. Verschiedene andere Unternehmen unterstützen mich zwar mit ihren Produkten, aber Geld sehe ich da keins. Immerhin verdiene ich mir durch die von mir designten Skateboards ein bisschen was dazu, das ist ganz cool. Vans schickt mir regelmäßig Schuhe, aber mehr wird da nie passieren. Ich fahre auch schon seit meinem 12. Lebensjahr für Bones, aber ein Flugticket oder irgendeine andere Art der finanziellen Unterstützung für Skateboard-Reisen ist immer noch ein Ding der Unmöglichkeit.

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Da du eine der bekanntesten Skateboarderinnen bist, könnte man ja eigentlich annehmen, dass du dadurch gutes Geld verdienst.
Nein, ich bin pleite, haha.

Wow, ich glaube, dass das für einige Leute doch echt überraschend kommt.
Ja. Man nimmt aber auch häufig an, dass wir uns beschweren. „Ihr solltet dankbar dafür sein, weniger als die Hälfte des Preisgelds für den erstplatzierten Mann zu bekommen." Fickt euch. Am Montag muss ich wieder zur Arbeit, um mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Wenn die Wettbewerbsplattform für Frauen groß genug wäre, würde man sich dadurch wohl auch seinen Lebensunterhalt bestreiten können.
Nicht nur das, dann würde auch eine ganz andere Geschlechterpolitik herrschen. Wenn du heutzutage wie ein Mann aussiehst, interessiert sich die Industrie nicht für dich.

Ist das wirklich so?
Absolut. Die Skateboard-Industrie besteht aus einer Reihe von Typen, die die Entscheidungen treffen und Urteile fällen. Wenn man da als Frau keine langen Haare hat, keine engen Jeans trägt und die Brüste nicht mit einem Push-Up-BH in Szene setzt, wird man einfach als zu maskulin abgestempelt. Da ist es dann egal, wie gut ich skate. Es geht nur darum, wie ich aussehe bzw. wie wir alle aussehen. Man will eben die ganzen Kerle der Skateboard-Industrie glücklich machen. „Wer ist die Hübscheste? Das bist du ... " Das ist noch mal eine ganz andere Bullshit-Ebene. Vielleicht würden sie mir das geben, was ich will, wenn ich dem entsprechen würde, was sie wollen. Das werde ich jedoch nicht tun ... So ergeht es mir persönlich. Ich bin allerdings nicht der Meinung, dass irgendeine von den Skateboarderinnen sich wirklich an diese ganze Sache anpasst—diejenigen von uns, die sich etwas femininer präsentieren, sind halt im Vorteil. Wenn ich mich mit einem feminineren Look wohlfühlen würde, hätte ich dieses ganze System sicherlich schon voll ausgenutzt.

Das ist ganz schön scheiße.
Stimmt. Ehrlich gesagt, widert mich die Skateboard-Industrie allein schon aus diesem Grund ziemlich an. Ich stecke hier jetzt schon eine ganze Weile drin. Damals, als ich noch lange, blonde Haare hatte, hat man mich auf jeden Fall anders behandelt. Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Ich will hier jetzt aber auch nicht zu viele negative Dinge vom Stapel lassen, denn das Ganze entwickelt sich auch wirklich in eine gute Richtung. Es geht jedoch immer noch sehr viel darum, wie sexuell wir uns geben, welche Frisur wir tragen oder wie eng unsere Hosen sind. Schaut ihr den Frauen beim Skateboarden zu, weil ihr euch daran aufgeilen wollt, oder weil ihr unsere Fähigkeiten auf dem Brett wirklich respektiert?

Das trifft auf einen bestimmten Teil der Skateboard-Industrie vielleicht wirklich zu, aber ich glaube dennoch, dass euch das allgemeine Skate-Publikum tatsächlich wegen eurer Fähigkeiten respektiert.
Ja OK, ich verallgemeinere hier vielleicht schon ein paar Dinge und es gibt da draußen auch viele Leute, die uns trotz unseres Geschlechts respektieren. Das heißt jedoch nicht, dass wir das Patriarchat einfach so ignorieren sollten. Manchmal frage ich mich wirklich, warum ich das Ganze überhaupt mache. Wenn mich die Industrie mal wieder richtig anwidert, denke ich mir: „Mag ich Skateboarden wirklich?" Natürlich mache ich das. Ich meine, warum habe ich denn damals überhaupt damit angefangen? Für mich ging es nie um das Geld, sondern immer nur um den Spaß.

Vielleicht hilfst du mit deiner Teilnahme am Frauen-Contest der Street League dabei, den Weg für zukünftige Skateboarderinnen zu ebnen und ihnen eine Plattform zu schaffen.
Ich bin auf jeden Fall der Meinung, dass meine Teilnahme in diesem Sinne wichtig ist. Wir müssen uns gegenseitig unterstützen, denn von den Typen können wir das nicht erwarten. Es ist unerlässlich, dass wir den jungen Frauen, die uns bewundern, gegenüber freundlich und offen eingestellt sind und ihnen eine Plattform schaffen. Wir müssen klarmachen, wie Frauen in der Skateboard-Industrie behandelt werden sollten.