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Popkultur

Migrationserfahrung ist kein Stigma, sondern eine Chance

Jenny Gands Kurzfilm 'Schneeglöckchen' beschäftigt sich mit dem Flüchtlingssterben an Europas Grenzen.
24.9.14

Foto: Daniel Auer

Zum ersten Mal stolperte ich über Jenny Gand, als ich gerade zum Thema Frontex—Europas berüchtigter Grenzbewachungs-Agentur mit Hauptsitz in Warschau—recherchierte. Seither bin ich dank ihr noch öfters gestolpert: zuerst über den Begriff „Schneeglöckchen“ und anschließend jedes Mal beim Gedanken an die Schicksale der Flüchtlinge und Migranten, die weniger als 6 Autostunden von unserem sicheren, lebenswerten Wien beim Übertreten der EU-Außengrenzen sterben.

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Trotzdem geht es der Regisseurin nicht vorrangig um schwarzmalerischen Sensationalismus, sondern darum, Menschen verstehen zu lernen und Gemeinsamkeiten zu entdecken. Außerdem habe ich im Gespräch einiges über innerdeutsche Migration, die FKK-Nischen der DDR und den österreichischen Konjunktiv aus der Sicht von Deutschen gelernt.

VICE: Worum geht es dir bei deinem Film?
Jenny Gand: Wichtig war mir, dass man in dem ganzen Flüchtlingsdiskurs versucht, wegzukommen von den Zahlen und hinzukommen zu den Menschen und den Geschichten dahinter. Es geht um Menschen und ihre Biografien. Am problematischsten an der ganzen Debatte finde ich von politischer Seite die Unterscheidung zwischen klassischem Flüchtlingsstatus, der durch die UN-Charta besiegelt ist, und der Frage nach den sogenannten Wirtschaftsflüchtlingen. Da wollte ich in meiner Geschichte keinen Unterschied machen. Deshalb wird auch die Vorgeschichte der Figuren nicht erzählt. Es gibt einen Somalier, und wir wissen Somalia ist problematisch, aber wir wissen nicht genau, wie die Situation und die Geschichte der Figuren dahinter ist. Natürlich gibt es eine Backstory, die ich mir für die Figuren überlegt und mit den Schauspielern besprochen habe, aber die wird im Film nicht erzählt und das ist für mich essentiell. Dahinter steht vielleicht der leicht idealistische und naive Gedanke, dass es für jeden Menschen auf der Welt möglich sein sollte, in einem anderen Land neu anzufangen. Vor allem, wenn man bedroht und verfolgt wird, aber auch, wenn die wirtschaftlichen Zustände im eigenen Land so schlecht sind, dass man sein Leben nicht als lebenswert empfindet. Und ich hoffe, dass man mit dem Film—auch wenn er Fiktion ist—Einfluss darauf nehmen kann, wie wir hier in Wien oder Österreich zur Flüchtlingsfrage stehen. Auch beim Refugee Protest Camp, das hier vor der Votivkirche begonnen hat, sollte man sich in Zukunft mehr die Frage stellen, was das denn für Schicksale sind.

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Du hattest in Bezug auf deinen Film auch mit der Frontex, dem europäischen Außengrenzschutz, zu tun. Inwiefern genau?
Das war sehr skurril, Frontex hat mich über eine Filmfirma in Warschau angesprochen, die im Rahmen einer Frontex-Tagung, dem “European Day for Border Guards” offensichtlich einen Medien-Filmpool zum Flüchtlingsthema zusammengestellt hat. Ich war von Anfang an skeptisch und habe mich dann auch dagegen entschieden, weil es eine reine geschlossene Veranstaltung der Frontex war, die sich an alle Organisationen der Grenzsicherung wie der Polizei wendet. Ein Dialog mit Außenstehenden hätte nicht stattgefunden. Außerdem war der Veranstaltungskalender voll mit Tagespunkten wie Panel-Diskussion bis abends—die Filme hätte man nur in so einem Nachbarraum schauen können, quasi in den Pausen. Wer soll da denn noch freiwillig rübergehen? Für mich war das eindeutig eine Alibi-Geschichte. Trotzdem haben unglaublich viele Leute ihre Filme zur Verfügung gestellt. Aber ich wollte mich davon distanzieren, weil es kein Gespräch oder Screening gab und man da auch nicht in den Dialog kommen konnte. Mir war das einfach zu wenig, vor allem, weil es eine geschlossene Veranstaltung war. Hätte es eine Podiumsdiskussion gegeben, wäre die Sache anders.

Wie bist du auf das Thema gekommen?
Ausgegangen ist das Ganze von einer Kurzgeschichte aus dem Jahr 2008 über die EU-Osterweiterung. Darin ging es um zwei Freunde, die durch die Verschiebung der Grenzen getrennt werden. Im Zuge der Recherche bin ich dann auf den Begriff „Schneeglöckchen“ gestoßen—das zarte Pflänzchen, das den Frühling ankündigt und sich hier als Symbol in der Geschichte ins Gegenteil verkehrt hat.

Wofür steht der Begriff im Zusammenhang mit Flüchtlingen?
Als Schneeglöckchen werden von den lokalen Bauern in der Ukraine und der Slowakei die Leichen von Flüchtlingen bezeichnet, die in der Grenzregion aufgegriffen werden. Ich weiß nicht, ob es den Begriff auch in anderen Regionen gibt, aber ich habe meine Geschichte jetzt mal in dieser Region angesiedelt, der Grenzübertritt passiert dort.

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Du sagst, es sollte im Idealfall möglich sein, dass jeder in jedem Land neu beginnen kann. Was sagst du Realpolitikern, die meinen „irgendwie regulieren muss man ja“?
Sicher, die Sache ist problematisch. Es gibt natürlich immer diesen Nationalstaatengedanke, der einer freien Migration im Weg steht. Ich selbst habe ja auch eine Migrationsgeschichte,—jetzt nicht nur von Deutschland nach Österreich, sondern ich bin in Ostberlin aufgewachsen und dann nach Westberlin gezogen. Auch bei dieser innerdeutschen Migration habe ich selbst erlebt, wie zermürbend dieser Regulierungsgedanke sein kann. Ich finde es sehr problematisch, zu urteilen.

Bist du aus der DDR geflohen?
Nein, meine Mutter hatte einen Ausreiseantrag beantragt, der nach mehrmaliger Ablehnung nach 4 Jahren endlich bewilligt wurde. Man lässt etwas zurück und weiß nicht, was einen erwartet—ich hab auch mit meiner Mutter 14 Tage in so einem Auffanglager gelebt, mit Stockbetten und auf insgesamt 10 Quadratmetern. Ein paar Monate später war dann die Wende.

Insofern hat auch die Geschichte in Schneeglöckchen einen kleinen autobiografischen Kern.
Ja, sie ist zumindest biografisch motiviert. Dieses Thema der Grenzen und auch gewisser Einschluss- und Ausschlussmechanismen finde ich auch von einem kulturwissenschaftlichen Standpunkt her sehr spannend.

Foto: Daniel Auer

Was genau ist dein Background in den Kulturwissenschaften?
Ich hab Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte studiert, Kulturwissenschaft war also auch ein Teil meines Studiums. Ich arbeite in meinen Projekten zum Teil auch sehr theoretisch. Zum Beispiel lese ich für mein nächstes Spielfilmprojekt, in dem es um verschiedene Arten von DDR-Vergangenheit geht, sehr viel über den Begriff Heimat. Wie sich der Heimatbegriff verändert hat und woran man den festmachen kann.

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Und was ist da bisher die Erkenntnis daraus? Wie definieren die Leute Heimat?
Ganz oft ist das psychologisch und biografisch konnotiert—Heimat hat natürlich mit dem Geburtsort und der Sprache zu tun. Deswegen finden sich auch ganz schnell Communitys zusammen, wenn die Sprache gleich ist.

Sollten Institutionen da schon eingreifen und bessere Rahmenbedingungen für Leute die als Flüchtlinge in ein Land kommen schaffen? Zum Beispiel Sprachkurse anbieten?
Ja natürlich! Es wäre sehr sinnvoll, wenn es mehr integrative Maßnahmen gäbe. Ich hab eine Nachbarin aus Bulgarien, die Türkisch und Bulgarisch spricht und in der Grenzregion gewohnt hat, und hier aber erhebliche Probleme hatte, sich richtig auszudrücken, was auch die Selbstwahrnehmung beeinflusst. Ich hab sie dann an eine CARITAS-Hilfsstelle, an das MigrantInnenzentrum, verwiesen. Manchmal wissen die Leute auch gar nichts von diesen Institutionen, insofern ist Aufklärungsarbeit umso wichtiger.

Auf Seite 2 lest ihr, wie sich Menschen mit Migrationshintergrund die Frage nach Identität beantworten und was Deutsche und Österreicher unterscheidet.

Ist Heimat für dich auch eine Frage der Identität?
Ja, die Frage nach Identität ist ein großes Thema.

Und wie beantwortest du sie für dich selbst?
Nachdem ich mich auch immer sehr am Begriff und dem Gefühl, das dahintersteckt, abarbeite, hab ich jetzt für mich beschlossen, dass eine Migrationserfahrung kein Stigma, sondern auch eine Chance sein kann. Ich finde den Pluralismus, den Interkulturalitätsgedanken eigentlich sehr spannend. Selbst beim Umzug innerhalb von Deutschland oder von Deutschland nach Wien habe ich viele Unterschiede in der Mentalität festgestellt. Inzwischen kann ich auch bestimmte Codes lesen, die mir früher nicht so zugänglich waren.

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Karl Farkas hat gesagt, was Österreicher und Deutsche unterscheidet, ist die gemeinsame Sprache.
Genau. Schön formuliert. Es ist tatsächlich so, dass man in Deutschland eher direkt anspricht, was man möchte oder was einen stört, während ja in Österreich irgendwie durch die Blume versucht wird, Zeichen zu geben. Diese Codes muss man erst mal deuten und wird schnell als unhöflich wahrgenommen, wenn man zu direkt ist. Wenn man in einem Mail in den ersten zwei Sätzen sein Anliegen formuliert, geht das gar nicht. Also ich musste jahrelang meine E-Mails kontrollieren lassen, und darauf achten, dass man sich quasi übertriebenermaßen zuerst über die Befindlichkeiten der Gattin erkundigt, bevor man zum Eigentlichen kommt. Das war irgendwie auch anstrengend. Vor allem diese Benutzung der Konjunktive.

Hast du dir den österreichischen Konjunktiv inzwischen schon selbst angeeignet? Sagst du auch „Ich würde gerne dort hingehen“, wenn du irgendwo hingehst?
Als ich zuletzt in Berlin und in Hamburg bei Familie und Freunden zu Besuch war, ist mir aufgefallen, dass gewisse Sachen schon in meinen Sprachgebrauch übergegangen sind. Das ist wiederum lustig, weil ich inzwischen merke, dass ich so gewisse Chamäleon-Tendenzen habe. Ich eigne mir schnell die Sprache des anderen an. Und dann kommt natürlich auch immer die Frage „Was ist denn da das Eigene“ und ich sehe dieses Eigene genau in dieser Pluralität.  Das kann eine echte Bereicherung sein.

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Also ist das, was einen ausmacht, nicht das, was einen von jemand anderem abgrenzt, sondern eher das Gemeinsame?
Ja, das würde ich so sagen. Es ist die gegenseitige Ergänzung, in der man auch seine Identität finden kann.

Foto: Daniel Auer

Aber trotzdem ist es wichtig, die jeweiligen kulturellen Codes zu kennen, um sich nicht ausgegrenzt zu fühlen, oder?
Ja. Ich glaube, Identität besteht einerseits aus gemeinsamen Erfahrungen die man in der Gegenwart macht, Erlebnisse, die einen verbinden. Und andererseits aus einer geteilten Erinnerung, zum Beispiel an die Kindheit. Ich stehe zum Beispiel immer an, wenn jemand mit Am Dam Des kommt, weil ich nicht damit aufgewachsen bin. Ich komme dann vielleicht mit der Sesamstraße. Vor kurzem bin ich mit der U-Bahn gefahren und beim Westbahnhof sind unglaublich viele Leute aus allen möglichen Kulturen eingestiegen—und es war ein richtig schönes Erlebnis und nicht so „Oh Gott, was wollen die hier alle und wo kommen die alle her?“

Mir geht es ganz genau so. Sobald ich unterschiedliche Menschen sehe und verschiedene Sprachen höre fühl ich mich wohler. Aber was genau ist es, das einen daran so fasziniert? Eigentlich könnte es einem ja auch scheißegal sein, in welcher Sprache man nicht mit jemandem redet.
Es ist natürlich noch mal ein Unterschied, ob man mit den Menschen in Berührung kommt und Freunde aus verschiedenen Kulturkreisen hat und dabei feststellt, dass es doch ähnliche Sachen gibt, die einen verbinden, trotz der Unterschiede. Ich habe zum Beispiel Freunde aus dem Kosovo, aus der Türkei, aus dem Iran oder Ex-Jugoslawien. Sie alle hatten gemeinsam, dass sie Kriege, Ausgrenzung und soziale Unsicherheiten erleben mussten, auch wenn sie auf einer anderen Ebene sehr unterschiedlich waren.

Du hast vorher dein nächstes Projekt erwähnt, in dem es um das Leben in der DDR gehen soll. Kannst du uns dazu noch kurz was sagen?
Ich bin da in einem Stoffentwicklungsprogramm namens „Diverse Geschichten“ für MigrantInnen, das vor 4 oder 5 Jahren ins Leben gerufen wurde, um sowohl Stoffe als auch Geschichten aus diesen Kulturkreisen zu bekommen und Leuten eine Chance zu geben, die vielleicht bei anderen Filmförderungsprogrammen kein Geld bekommen würden. Das Ganze heißt MAUERLAND, ist mein erster Langspielfilm-Stoff und handelt ein bisschen von meiner eigenen Vergangenheit, der „Dritten Generation Ost“, die zwischen 1975 und 1985 geboren wurde und die Wende als Kinder und Jugendliche miterlebt haben. Es soll ein Familiendrama werden, in dem ich versuchen will, weg von klassischen Opfer-und-Täter-Geschichten zu gehen und stattdessen viele verschiedene Standpunkte abzubilden, die das Leben des Durchschnitts in der DDR zeigen sollen. Die DDR war ja ein klassischer Nischenstaat, wo sich jeder im Privaten die Nische gesucht hat—ob das Bauernhäuschen am Land oder der Ostseeurlaub am FKK-Strand, wo man irgendwie aus dem ideologisierten Alltag ausbrechen konnte. Mir geht es darum, was dieses Umfeld mit den Menschen gemacht hat und vor allem diese Generation unter die Lupe zu nehmen, die irgendwie mittendrin aufgewachsen ist.

Jenny Gands Kurzfilm Schneeglöckchen feiert übrigens diesen Freitag, beim langen Tag der Flucht, um 19:45 Uhr seine Österreich-Premiere im Wiener Haydn Kino. Der Eintritt ist frei, aber wenn ihr keine Abweisung riskieren wollt, könnt ihr hier noch mal 1 x 2 Karten gewinnen. Danach geht's weiter zur Afterparty im Schaltwerk in der Luftbadgasse 19.

Markus diskutiert auch auf Twitter über sprachliche und kulturelle Differenzen oder Gemeinsamkeiten: @wurstzombie