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Gefängnisausbruch—die ultimative Herausforderung

Egal wie sicher ein Gefängnis auch scheinen mag, ein findiger und entschlossener Insasse wird irgendwann trotzdem einen Fluchtversuch starten. Wir wollten wissen, was dabei passiert und warum man meistens nach wenigen Stunden wieder geschnappt wird.

von Joseph Remnant
02 Oktober 2014, 9:35am

Im Laufe seiner 50 Jahre andauernden Karriere schrieb Donald E. Westlake über 100 Bücher. Der Großteil davon ist dem Genre Krimi zuzuordnen und ist meistens aus der Sicht der Bösewichte geschrieben. 1993 verliehen im die Mystery Writers of America ihre höchste Auszeichnung, den Grand Master Award. Diese Ehre verdankt er vor allem zwei seiner klassischen Reihen: eine mit dem abgebrühten Einbrecher Parker (unter anderem gespielt von Lee Marvin, Robert Duvall, Mel Gibson und Jason Statham) und die andere mit dem glücklosen Räuber John Dortmunder (der dann aber Robert Redford erwischte—stell sich das mal einer vor). 

In diesen 50 Jahren schrieb Westlake auch ziemliche viele Reportagen, die aber für gewöhnlich irgendwie mit dem Krimi-Genre zusammenhängen. Im Oktober wird der Verlag University of Chicago Press eine Auswahl dieser Texte in dem Buch The Getaway Car: A Donald E. Westlake Nonfiction Miscellany veröffentlichen. Das hbier ist eines seiner Essays, das im Jahr 1961 in der dritten Ausgabe von Ed McBain’s Mystery Bookerschienen ist. Darin geht es um das Wie und Warum von Aufsehen erregenden Gefängnisausbrüchen. Als Autor hat es Westlake immer gefallen, seine Charaktere in unfassbar komplizierte Situation zu bringen und dann zu sehen, wie sie diese lösen. Diese Begeisterung für ein unmögliches Rätsel zieht sich wie ein roter Faden durch dieses Essay. 
 

Alcatraz ist wahrscheinlich das härteste und bekannteste Gefängnis der USA. Es hat schon lange den Ruf als unbezwingbare und ausbruchsicherer Knast. Alle Insassen sind Schwerverbrecher, die aus weniger sicheren Staatsgefängnissen hierher verlegt wurden. Mitten in der Bucht von San Francisco gelegen, ist Alcatraz umgeben von gefährlichen Strömungen, dichtem Nebel und starken Winden. Viele der dorthin geschickten Gefangenen sind bereits aus einer oder mehreren anderen Haftanstalten ausgebrochen. „Jetzt bist du auf Alcatratz“, wird ihnen gesagt. „Ein Ausbruch ist unmöglich. Hier kommst du nicht weg.“

Es war eine Herausforderung, die früher oder später jemand einfach annehmen musste. Dieser Jemand war Ted Cole. Cole ist bereits einmal aus einem Gefängnis in Oklahoma ausgebrochen, wo er für den Dienst in der Wäscherei eingetragen war. Der Ausbruch gelang, weil er sich in einem Wäschekorb versteckte. Cole befand sich jetzt jedoch auf Alcatraz und ihm wurde mehrmals gesagt, dass man dort nicht ausbrechen könne. 

Im Gefängnis arbeitete Cole in der Maschinenwerkstatt, was ihm sehr gelegen kam. Durch versteckte Botschaften in seinen sporadischen Briefen organisierte er die Hilfe durch seine Freunde aus der Gegend um San Francisco. Während er darauf wartete, dass draußen alles vorbereitet wurde, bearbeitete er unauffällig an jedem Arbeitstag die Wand der Werkstatt—auf der anderen Seite befand sich der steinige, von der Brandung gezeichnete Strand der Insel. 

Endlich war der Tag gekommen. Cole machte sich direkt nach dem Durchzählen ans Werk, denn so blieben ihm eine oder zwei Stunden Zeit, bevor man sein Fehlen bemerken würde. Cole brach durch die Werkstattwand aus, sprang ins Wasser und schwamm von der Insel weg. Dabei war der Nebel so dicht, dass er kaum seine eigenen Schwimmbewegungen sehen konnte. 

Was Cole selbst anging, war das der einzige wirklich gefährliche Teil der Flucht. Wenn ihn seine Freunde nicht finden würden, müsste er einfach so lange weiterschwimmen, bis er vor Erschöpfung ertrinkt oder von einer Polizeipatrouille wieder eingefangen wird. 

Plötzlich tauchte eine Barkasse im Nebel auf und wurde neben Cole langsamer. Er versuchte, etwas zu erkennen. Er fragte sich, ob seine Flucht nun weiter gehen würde oder ob sie zu Ende war. 

Die Flucht ging weiter. Seine Freunde zogen Cole aus dem Wasser, gaben ihm Decken und Brandy und die Barkasse steuerte die Küste an. Die Herausforderung der Gesellschaft wurde wieder angenommen und ein weiteres „ausbruchssicheres“ Gefängnis wurde eines Besseren belehrt. 

Das Annehmen der eben genannten, irgendwie antisozialen Herausforderung ist für einen notorischen Kriminellen eine Art Selbstverständlichkeit. Das Verlangen nach Freiheit ist bei den meisten Menschen vorhanden. Vielleicht ist dieses Gefühl bei denen am stärksten, die sich durch ihre Verbrechen von den Zwängen der gesellschaftlichen Regeln befreien wollten. Die viel härtere und totalere Einschränkung einer engen Gefängniszelle, ein durchgeplantes, eintöniges Leben in einer Haftanstalt und die Behauptung, dass ein Ausbruch unmöglich sei, verstärken diesen Drang der Freiheit bis an einen Punkt, an dem kein Risiko zu hoch erscheint—wenn nur die Möglichkeit der Freiheit besteht. Egal was die Architekten und Erbauer eines Gefängnisses auch behaupten, ein kreativer und entschlossener Häftling findet immer irgendwo eine kleine Möglichkeit, die ihm vielleicht die Freiheit beschert; egal ob das nun ein Stück Holz, ein rostiger Nagel oder der Ablauf der Wachablösung ist. 

Dieses Verlangen nach Freiheit führt natürlich nicht immer zu einfallsreichen und genialen Ausbrüchen. Manchmal werden so eher schwere Aufstände angezettelt, bei denen Geiseln genommen und heftige Forderungen gestellt werden und sowohl Menschen als auch die Einrichtung sinnloserweise zu Schaden kommen. Solche Vorfälle sind zwar von den Behörden gefürchtet, aber sie führen nie zu erfolgreichen Ausbrüchen. Sie sind zu laut und zu emotionsgeladen. Der erfolgreich geflüchtete Häftling ist ruhig und lässt sich eher von seinem Verstand als von seinen Emotionen leiten. 

Der Insasse, der seine Flucht mit Bedacht plant, fürchtet Aufstände tatsächlich genau so sehr, wie es auch die Gefängnisvorsteher tun. 

Die Folge eines solchen Aufstands ist auf jeden Fall eine sorgfältige Durchsuchung des gesamten Gefängnisses. Das könnte zur Entdeckung von potenziellen Fluchttunneln, Eisensägen, Pistolen-Attrappen, speziell gebauten Versandkisten, Strickleitern oder gefälschten Papieren führen. Dann muss sich der Ausbrecher einen neuen Plan einfallen lassen. 

Und das tut er. Egal wie streng die Überwachungen, wie hoch die Sicherheitsvorkehrungen, wie häufig die Kontrollen und wie „ausbruchsicher“ die Gefängnisse auch sein mögen, vor allem das Streben nach Freiheit lässt einen Menschen immer einen Plan B ausdenken. 

Nehmen wir als Beispiel mal John Carroll—vielleicht der einzige Mensch, der es jemals geschafft hat, aus einem Gefängnis auszubrechen und in ein anderes einzubrechen. In den 20er-Jahren waren er und seine Frau Mabel in den USA als die „Millionaire Bandits“ bekannt. Sie wurden letztendlich geschnappt: John wurde ins Bundesgefängnis Leavenworth gebracht, Mabel in die nahegelegene Frauen-Haftanstalt von Leeds. 

Damals im Jahr 1927 wurde Leavenworth immer noch als fast ausbruchsicher angesehen. Die ständigen Durchsuchungen und der strenge Tagesablauf haben Carroll für eine Weile den Wind aus den Segeln genommen—aber eben nur für eine Weile. 

Carroll wurde für die Arbeit in der Werkstatt eingeteilt und er verbrachte Monate damit, die Wachen zu studieren. Dabei wurde ihm klar, dass eine Flucht viel einfacher wäre, wenn er mit einem mit den Wärter zusammenarbeitet. 

Er entschied sich schließlich für den Aufseher der Werkstatt: eine streitsüchtiger, unzufriedener Mann mittleren Alters, der seinen Job offensichtlich nicht mochte. Eines Nachmittags wartete Carroll in der Werkstatt, bis alle anderen Mitarbeiter gegangen waren und er mit dem Aufseher alleine war. Der wollte wissen, was Carroll immer noch dort mache. Der Häftling setzte alles auf eine Karte und sagte: „Würden Sie gerne 34.000 Dollar verdienen?“

Der Aufseher war weder geschockt noch interessiert. Stattdessen reagierte er, als sei dies eine Art Herausforderung, und fragte: „Wie soll das gehen?“

„Draußen habe ich 68.000 versteckt“, erzählte ihm Carroll. „Wenn Sie mir beim Ausbruch helfen, gehört die Hälfte Ihnen.“

Der Aufseher schüttelte den Kopf und wies Carroll an, wieder zu den anderen Insassen zu gehen. Am nächsten Tag signalisierte er Carroll nach getaner Arbeit jedoch, wieder zu warten. Dieses Mal wollte er in Carrolls Pläne eingeweiht werden. 

Das machte Carroll dann auch. Zu der Arbeit in der Werkstatt gehörte auch das Bauen der Kisten, in denen die von den Insassen gefertigten Güter nach draußen verschickt wurden. Carroll und der Aufseher würden eine spezielle Box bauen. Wenn der richtige Zeitpunkt kommt, würde sich Carroll dann selbst zur Wohnung des Aufsehers schicken.

Der Aufseher willigte ein und sie machten sich an die Umsetzung des Plans. Carroll war sehr vorsichtig und sie ließen sich Zeit. Auch als die spezielle Kiste fertig war, brach Carroll nicht direkt aus. Er wartete stattdessen auf den richtigen Moment. 

Eine Nachricht seiner Frau, die er durch den Flurfunk des Gefängnisses erhielt, zwang Carroll jedoch dazu, sich zu beeilen. In der Nachricht von 28. Februar 1927 stand Folgendes: „Deine Braut leidet an Tuberkulose. Ich sterbe, wenn du mich nicht rausholst. Ich bin im Block D.“

Carroll wusste, dass seine Frau unter keinen Umständen im Gefängnis, sondern als freie Frau sterben wollte. Er brach noch in der selben Nacht in der Kiste aus Leavenworth aus. Die Box wurde aber natürlich auf dem Kopf im Laster gelagert. Carroll verbrachte so über eine Stunde in dieser Position und war zum Zeitpunkt der Ankunft in der Wohnung des Aufsehers schon bewusstlos. 

Wieder bei Sinnen befreite sich Carroll aus der Kiste und war alleine in der Wohnung. Die von ihm verlangte Wechselkleidung lag auf einem Stuhl. Er zog sich um und ging, bevor der Aufseher nach Hause kam. Der hat nie auch nur einen Cent der 34.000 Dollar gesehen. 

Carroll machte sich direkt auf den Weg nach Leeds. Er gab sich als Techniker aus und freundete sich mit einer der Wärterinnen des Gefängnisses an. So konnte er schließlich nicht nur herausfinden, wo innerhalb der Mauern Block D lag, sondern auch, wo genau sich die Zelle seiner Frau befand. 

Carroll brauchte fünf Monate, um alles vorzubereiten. Schließlich fuhr er am 27. Juli nach Einbruch der Dunkelheit in einem gebrauchten Auto zur hohen Außenmauer der Haftanstalt. Er nahm folgende Utensilien mit: eine Leiter, eine Eisensäge, ein Seil, ein Stück Seife und eine Dose Cayenne-Pfeffer. 

Carroll brachte die Leiter in Position, kletterte auf die Mauer und legte sich dann flach hin, damit keine Wache seine Silhouette erkennen konnten. Danach zog er die Leiter auf die andere Seite der Mauer, kletterte in den Gefängnishof und lief schnell zum Zellenblock D. Er presste sich gegen das Gebäude und pfiff in einem hohen Ton—dieses Signal erkannte nur seine Frau. Als sie ihm von ihrem vergitterten Fenster im zweiten Stock aus antwortete, warf er ihr das Seil zu. Beim dritten Versuch fing sie es, machte es in ihrer Zelle fest und Carroll kletterte hoch zum Fenster. 

Danach sprach Mabel den einzigen Satz während des ganzen Ausbruchs: „Ich wusste, du würdest kommen.“

Carroll reichte die Werkzeuge an seine Frau weiter und machte dann das Seil an seiner Hüfte fest. So konnte er mit beiden Händen arbeiten. Währenddessen rieb Mabel die Eisensäge mit der Seife ein, damit sie beim Sägen nicht so viel Lärm verursachen würde. Zusammen entfernten sie dann einen Gitterstab nach dem anderen und machten dabei immer wieder ein Pause, damit Carroll den Druck vom Seil an seiner Hüfte nehmen konnte. 

Es wurde fast schon wieder hell, als sie den letzten Gitterstab durchgesägt hatten. Carroll half seiner Frau aus der Zelle und zusammen ließen sie sich runter zum Boden. Dort verwischte er dann ihre Spuren mit dem Cayenne-Pfeffer: Die Suchhunde konnten so ihre Fährte nicht aufnehmen. Sie kletterten mit Hilfe der Leite wieder über die Mauer und fuhren davon. 

Über ein Jahr später wurde Carroll wieder geschnappt, aber er ging bereitwillig wieder zurück in die Haftanstalt. Seine Frau war zu diesem Zeitpunkt schon seit fünf Monaten tot. Ihr Wunsch wurde jedoch erfüllt und sie ist nicht im Gefängnis gestorben. 

Die meisten Ausbrecher bleiben aber nicht annähernd so lange in Freiheit. Die Mehrheit scheint ihren kompletten Einfallsreichtum beim Planen des Ausbruchs zu verbrauchen, so dass man dann unfähig ist, auch draußen zu überleben. Diese Männer beweisen viel Mut und Risikobereitschaft, wenn es um die Planung und die Durchführung eines schnell zu erledigenden Auftrags geht (sei es Mord, Banküberfall oder Gefängnisausbruch). Sie sind dann aber nicht mehr in der Lage, genau so viel Mühe in die Aufgabe zu stecken, jeden Tag ein normales, unauffälliges Leben inmitten der Gesellschaft zu führen. 

Eine weitere Flucht aus Leavenworth ist dafür ein Paradebeispiel. Dieses Mal waren fünf Männer involviert. Sie wurden angeführt von einem Verbrecher namens Murdock. Murdock war in der Holzwerkstatt des Gefängnisses eingeteilt, konnte gut mit dem Wekstoff umgehen und hatte viele gute Ideen. Bei den Raucherpausen im Gefängnishof war Murdock der Ablauf am Haupteingang aufgefallen. Dort gab es zwei Tore, die theoretisch nie zur gleichen Zeit geöffnet sein sollten. Wenn jemand das Gefängnis verließ, wurde das innere Tor aufgemacht, und der Knopf für das äußere Tor durfte erst dann betätigt werden, wenn das innere Tor wieder geschlossen war. Aber die am Einfang postierten Wachen waren schon zu lange angestellt und es gab nie auch nur ein Anzeichen für einen Ausbruchsversuch. Deshalb fiel Murdock auf, dass der Knopf für das äußere Tor oft gedrückt wurde, während das innere Tor noch nicht ganz zu war. Wenn dieser Knopf erst einmal gedrückt war, musste das Tor erst ganz aufgehen, bevor man es wieder schließen konnte. 

Diese Tatsache und seine Holzbearbeitungsfähigkeiten waren die Kernpunkte von Murdocks Fluchtplan. Den besprach er dann mit vier anderen Insassen und überzeugte sie von der Durchführbarkeit. Sie entschieden sich dazu, mitzumachen. Murdock ging mit viel Bedacht vor und schaffte es, fünf kleine Holzstücke an seinem Arbeitsplatz zu verstecken. Im Laufe der nächsten Monate schnitzte er aus diesen Holzstücken fünf exakte Nachbauten einer Pistole. Jedes Detail stimmte, vom Sicherungshebel bis zum Abzugsbügel. Schließlich verteilte er die Attrappen unter seinen Verbündeten. 

Der Tag der Flucht brach an. Murdock befand sich mit seinen vier Kameraden und anderen Häftlingen während der Raucherpause im Gefängnishof. Ein Lieferwagen fuhr durch den Haupteingang hinaus. Murdock sah, dass sich das äußere Tor öffnete, bevor das innere komplett geschlossen war. Er rief das ausgemacht Signalwort und rannte mit den vier Anderen in Richtung der Tore. Sie quetschten sich gerade noch so durch den ersten Spalt. Murdock fuchtelte mit seiner Waffenattrappe herum und warnte die Wachen davor, das innere Tor noch mal zu öffnen. Schließlich rannten die fünf Insassen durch das offene äußere Tor und zerstreuten sich. 

So viel Planung und Fantasie wurden in den Fluchtplan gesteckt. Aber wurde genau so sorgfältig darüber nachgedacht, wie man auch draußen bleibt? Murdock, der Anführer, wurde als Erster wieder geschnappt—keine 24 Stunden nach dem Ausbruch. Er stand zitternd und jämmerlich bis zur Hüfte im Wasser eines Kanals. Ein zweiter Ausbrecher wurde am darauffolgenden Morgen gefunden. Er hatte sich in einer Scheune versteckt. Nichtmal eine Woche nach der Flucht ging es schließlich auch für Nummer Drei und Vier wieder zurück in den Bau.

Nummer Fünf bildete jedoch die Ausnahme. Es dauerte fast 20 Jahre, ihn zu finden. Die Behörden bekamen heraus, dass er inzwischen der Bürgermeister einer kanadischen Kleinstadt war. Seit seinem Ausbruch aus Leavenworth hatte er sich nichts zu Schulden kommen lassen—deshalb ließ man ihn sein neues Leben in Ruhe weiterführen. 

***

Mut, Risikobereitschaft, Einfallsreichtum, Fantasie, Geschick und Begabung—das Ausmaß dieser Eigenschaften bei den oben genannten und ähnlichen Ausbrüchen ist beeindruckend. Wenn man sie im Interesse der Gesellschaft und nicht gegen die Gesellschaft einsetzen würde, dann gehörten die flüchtenden Insassen sicherlich mit zu den angesehensten Bürgern. Aber man stellt sie vor eine Herausforderung, die sie auch annehmen—leider dient diese Herausforderung nicht dem Wohl der Gesellschaft. 

Es scheint tatsächlich einen Zusammenhang zwischen der Strenge der Kontrollen und der Häufigkeit der Ausbruchsversuchen zu geben. Je strenger die Überwachung und je sicherer das Gefängnis ist, desto mehr Fluchtpläne, Fluchtversuche und erfolgreiche Ausbrüche wird es geben. 

Die Laufbahn von Jack Sheppard, wahrscheinlich der berühmteste Ausbrecher aus „sicheren“ Gefängnissen aller Zeiten, ist dafür ein perfektes Beispiel. In einem Zeitraum von fünf Monaten brach Sheppard 1724 drei Mal (!) aus der „unbezwingbaren“ englischen Haftanstalt Newgate aus. Beim ersten Mal wurde ihm innerhalb des Gefängnisses geholfen, wahrscheinlich die einfachste und häufigste Art des Ausbruchs. Beim zweiten Mal hatte er Werkzeug und Hilfe von draußen, was das Ganze etwas schwieriger, aber definitiv nicht unmöglich macht. Beim dritten Mal vollbrachte Sheppard ohne Hilfsmittel und andere Leute einen der mutigsten und komplexesten Ausbrüche überhaupt. 

Sheppard kam im Jahr 1701 auf die Welt und wurde schon im Jugendalter wegen Raub und Mord gesucht. Zum ersten Mal kam er im Mai 1724 nach Newgate. Zum Zeitpunkt der Festnahme war er mit seiner Freundin Bess Lion unterwegs, die ebenfalls von der Polizei gesucht wurde. Sie schworen, dass sie verheiratet waren, und wurden deshalb—auch weil es damals etwas lockerer zuging—zusammen in eine Zelle gesperrt. Bess hat es irgendwie geschafft, eine Metallsäge mit reinzuschmuggeln, die genaue Vorgehensweise ist aber nicht bekannt. Kaum waren die Beiden alleine, machten sie sich auch schon an den Gitterstäben zu schaffen. Sie befanden sich jedoch gut acht Meter über dem Boden und die aus ihren Decken gebastelte Strickleiter war nicht lang genug. Bess zog also ihre Klamotten aus und verlängerte mit ihnen die Leiter. So konnte das Paar in den Gefängnishof klettern, die nackte Bess machte dabei den Anfang. Die Beiden stiegen über ein nicht mehr benutztes Seitentor, die Klamotten wurden wieder angezogen und die Flucht war erfolgreich. 

Sheppard wurde allerdings fast sofort wieder eingefangen und erneut nach Newgate gebracht. Dieses Mal verurteilte man ihn für seine Verbrechen zum Tode. Am Tag vor der geplanten Hinrichtung wurde er gefesselt in den Besucherraum gebracht. Er bekam Besuch von Bess und einer anderen Freundin namens Poll Maggott. Während Bess die Wache „ablenkte“ (auch hier ist nicht Genaueres bekannt), entfernten Poll und Sheppard mit einer Säge die Gitterstäbe zwischen ihnen. Poll, die als „kräftige“ Frau beschrieben wird, warf den Gefangenen dann einfach über ihre Schultern und trug ihn aus der Haftanstalt, weil er sich durch die Fußfesseln nur schwer fortbewegen konnte.  

Das Ganze spielte sich im Juli 1724 ab. Zwei Monate später wurde Sheppard zum dritten Mal geschnappt und endete wieder in Newgate. Dieses Mal wollten die Behörden ihn aber unter keinen Umständen mehr entkommen lassen. Er durfte nicht besucht werden. Nachdem man eine ganze Ansammlung von Werkzeugen in seiner Zelle gefunden hatte, wurde er in einen speziellen Raum namens „the Castle“ verlegt. Darin befanden sich keine Fenster, man war mitten im Gefängnis und die Tür war eine sicher verschlossene Doppeltür. Diese Zelle war nicht möbliert und nur mit einer einzigen Decke ausgestattet. Sheppards Handgelenke wurden gefesselt und seine Füße in Ketten gelegt. Diese Ketten befestigte man dann an einer Eisenöse im Boden. 

Zu diesem Zeitpunkt war Sheppard 23. Er war klein, schwach und krank—er litt sowohl an einer Geschlechtskrankheit als auch an Alkoholsucht. Seine körperliche Verfassung schien in Verbindung mit den Fesseln und der Lage seiner Zelle eine Flucht absolut unmöglich zu machen. 

Sheppard wartete bis zum 14. Oktober, denn da war er sich sicher, dass die Eröffnung des Sessions Courts die Angestellten des Gefängnisses zu sehr beschäftigen würde und sie deswegen nicht an einen sicher eingesperrten Insassen wie ihn denken würden. An diesem Morgen schritt er zur Tat. 

Zuerst hielt er mit seinen Zähnen die Kette zwischen seinen Handgelenksfesseln fest, machte seine Hände so klein wie möglich und schaffte es schließlich, sie durch die Fesseln zu zwängen—dabei musste allerdings auch ein wenig Haut daran glauben. Danach packte er die Kette an seinem Fuß und es gelang ihm mit einer einzigen ruckartigen Drehbewegung, die Kette zu sprengen, die ihn mit der Öse im Boden verband. 

Mit dem zerbrochenen Kettenglied war Sheppard jetzt im Besitz eines Werkzeugs. Er wickelte die Fußfesseln um seine Beine, damit diese nicht weiter störten, und machte sich mit dem Kettenglied an einem Teil der Mauer zu schaffen, wo offensichtlich ein ausgedienter Kamin verputzt wurde. Er schaffte es, zum Kamin durchzudringen. Allerdings fand er dort eine Eisenstange, die den Kaminschacht etwas weiter oben zweiteilte. So hatte er nicht genügend Platz, den Schacht hochzuklettern. 

Unverzagt schlug Sheppard ein weiteres Loch in die Wand, und zwar an der Stelle, wo er die Stange vermutete. Er lag richtig, entfernte sie und schon hatte er ein zweites Werkzeug und einen Fluchtweg. Er kletterte durch den Kaminschacht in das Stockwerk darüber und brach durch eine weitere Wand in eine leere Zelle. Dort fand er einen rostigen Nagel—Werkzeug Nummer Drei—, mit dem er das Türschloss knackte und sich dann in einem Korridor befand. Am Ende dieses Korridors kam Sheppard an eine Tür, die von der anderen Seite aus verschlossen war. Er schlug ein kleines Loch in die Wand neben der Tür und konnte sie so einfach mit seiner Hand öffnen. 

Die dritte Tür, die in die Gefängniskapelle führte, brach er mit der Eisenstange auf. Die vierte Tür musste dasselbe Schicksal erleiden. Sheppard stand nun vor einer nach oben gehenden Treppe—er wusste, dass seine Flucht am Erreichen des Daches stehen und fallen würde. 

Die sechste Tür war mit einer breiten, verstärkten Stange fixiert, die mit dicken Eisenbügeln an der Tür und am Rahmen befestigt war. Dazu kam noch ein großes Eisenschnappschloss und ein Vorhängeschloss. Das Ganze wurde zusätzlich noch mit Eisenstangen gestützt, die an beiden Seiten der Tür festgeschraubt waren.

Sheppards Flucht dauerte nun schon vier Stunden. Er war erschöpft, seine Hände bluteten, das Gewicht der Fußketten raubte zusätzliche Energie und die vor ihm liegende Tür war offensichtlich nicht zu überwinden. Trotzdem machte er sich an die Arbeit. Zuerst wurde allerdings nur sein Werkzeug, die Eisenstange, verbogen. 

Er brauchte war zwei Stunden dafür, aber letztendlich schaffte Sheppard es, die gekreuzten Stangen zu entfernen und das Schnappschloss zu knacken. So konnte er die große Stange rausnehmen und das Gefängnisdach betreten. 

Bis dahin hatte der Ausbruch sechs Stunden gedauert. Die Sonne ging schon fast unter. Sheppard überquerte das Dach und sah, dass sich das benachbarte Haus gut sechs Meter unter ihm befand. Er wollte nicht riskieren, sich nach der bisherigen Flucht bei einem Sprung den Knöchel zu brechen und dann von den Gefängniswärtern wieder eingesammelt zu werden und musste noch einmal zurück: Er überquerte wieder das Dach, ging die Treppe runter, durchquerte die Kapelle und den Korridor bis zur Zelle über „The Castle“, kletterte den Kaminschacht runter und landete wieder am Ausgangspunkt seiner Flucht. Er nahm seine Decke und machte sich noch einmal auf den Weg auf’s Dach. Er hatte Werkzeug Nummer Vier vergessen und ist einfach zurückgegangen, um es zu holen!

Oben auf der Haftanstalt zerriss Sheppard die Decke in einzelne Streifen, baute daraus ein Seil und ließ sich damit auf das Dach des benachbarten Hauses ab. Dort wartete er, bis er sich sicher war, dass die Bewohner auch schliefen. Dann schlich er sich runter und raus in die Freiheit.

Sheppard konnte jedoch nie so viel Energie dafür aufbringen, auch draußen zu bleiben—wie so viele andere Ausbrecher auch. Die ersten vier Tage versteckte er sich in einem Kuhstall, bis endlich jemand vorbeikam und seine Fußfesseln mit einer Säge durchtrennte. Danach ging es direkt nach Hause, wo er und seine Mutter seinen Ausbruch mit Brandy feierten. Sie waren immer noch betrunken, als die Polizei auftauchte. Danach war Sheppard lang genug in Newgate inhaftiert, um schließlich erhängt zu werden. 

***

Aber hier liegt der Kern des Problems. Je härter die Bedingungen im Gefängnis gemacht wurden und je öfter Sheppard gesagt wurde, dass er dieses Mal nicht entkommen würde, desto entschlossener, risikobereiter und scharfsinniger wurde er. 

Fehlgeleitete Genialität war nie offensichtlicher als beim Zehn-Mann-Ausbruch aus dem Walla Walla-Staatsgefängnis von Washington im Jahre 1955. Dabei nutzten die zehn Männer einen Tunnel unter der Hauptmauer, aber mit nur einem Tunnel gaben sie sich nicht zufrieden. Auch ihre Zellen waren durch ein Tunnelsystem verbunden, damit sie kommunizieren und Gegenstände und Informationen austauschen konnten. Als man sie wieder festnahm (was natürlich nicht sehr lange dauerte), wurde erst das ganze Ausmaß ihrer Raffinesse und Risikobereitschaft ersichtlich. Jeder der zehn Männer hatte einen Aktenkoffer mit folgendem Inhalt bei sich: Einberufungsbescheide, Visitenkarten, Führerschein, Geburtsurkunde und sogar Kreditkarten—natürlich alles gefälscht. Darüber hinaus hatten alle Dokumente bei sich, die sie als Beamten der Vollzugsbehörde des Staates Washington auswiesen. Empfehlungsschreiben von Staatsbeamten (unter anderem die Aufseher von Walla Walla) rundeten das Ganze ab. Vier der Ausbrecher hatten auch gefälschte Gehaltsschecks dabei, die ihnen insgesamt über tausend Dollar beschert hätten. All diese Dinge wurden in den Gefängniswerkstätten angefertigt. 

Man muss das alles mit den Aufzeichnungen von Haftanstalten wie das sogenannte Modell-Gefängnis in Chino, Kalifornien, vergleichen. Ein Ausbruch aus Chino ist fast schon unglaublich einfach. Es gibt nur einen Zaun (der für einen zielstrebigen Insassen kein Problem darstellen würde), wenige Wachen und noch weniger Schlösser. Ein Großteil der Arbeit wird draußen erledigt und die Haftanstalt wird fast nur von bewaldeten Hügeln umgeben. Ein Insasse, der wirklich raus will, hätte in Chino leichtes Spiel. 

Und trotzdem musste Chino praktisch noch keine Ausbrüche verzeichnen. 

Vielleicht ist diese fehlende Herausforderung der Grund dafür, dass es in Chino nur so wenige Fluchtversuche gibt. Die Insassen fühlen sich dort nicht wirklich wie in einem Gefängnis. Sie sind zwar eingeschränkt, aber die Einschränkungen sind subtil. Es gibt keine Mauern und Gitter, die wirklich an ihren eingesperrten Zustand erinnern. In härteren Gefängnissen mit höherer Sicherheitsstufe werden die Gefangenen direkt mit der Herausforderung konfrontiert. „Hier kannst du nicht ausbrechen!“ Da lässt es sich nicht vermeiden, dass manche diese Herausforderung auch annehmen. 

Die Herausforderung in Chino und anderen, auf einem ähnlichen Grundsatz beruhenden Gefängnissen ist eine ganz andere. „Du solltest hier nicht ausbrechen! Wenn dir klar wird, warum die Gesellschaft verlangt, dass du hier bleibst, dann brauchst du auch nicht ausbrechen. Du wirst ja wieder freigelassen.“

Bei beiden Herausforderungen muss der Gefangene nachdenken und seinen Verstand, seine Scharfsinnigkeit und seine Fantasie einsetzen. Im einen Fall wird ihn sein Denkvermögen bloß weiter von der Gesellschaft wegbringen, im anderen Fall wird er hingegen wieder in die Gesellschaft eingegliedert. 

Egal um welche Herausforderung es sich nun handelt, es wird immer Menschen geben, die sie annehmen. Das hat ein Aufseher von Walla Walla damals 1952 ungewollt bewiesen. In diesem Jahr spendierte er den Insassen ein besonderes Abendessen, weil bereits seit einem Jahr kein einziger Tunnel mehr gegraben wurde. Drei Tage später fanden die Wachen dann bei einer normalen Durchsuchung den oben erwähnten, 30-Meter-langen Fluchttunnel.