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Ein Plädoyer für mehr Schamhaare

Wie kann es sein, dass so viele Dinge, die für unsere Eltern noch schockierend waren, für uns so selbstverständlich sind, während andere plötzlich völlig irrational tabuisiert werden?
6.2.14

Foto von Jared Zimmerman

Der Exfreund einer guten Freundin von mir wollte einmal, dass sie aufhört, sich zu rasieren, nur um es auszuprobieren. Wir waren damals 18 und fanden das nicht nur unglaublich witzig, sondern ihn auch wahnsinnig und die Forderung vollkommen ekelhaft und absurd.

Wir haben das lautstark auf einem öffentlichen Klo besprochen und nachdem wir uns 10 Mal angewidert geschüttelt und Kotzgeräusche gemacht hatten, kam eine alte Frau aus einer der Klokabinen, sah uns ein bisschen traurig, ein bisschen verwundert an und drängte sich dann zwischen uns ans Waschbecken. Wahrscheinlich hat sie sich während der ganzen Unterhaltung gefragt, ob sie sich jetzt auch für ihren 70-jährigen Mann rasieren müsse und sich gewundert, wann, zwischen Woodstock und iPhone, es dazu gekommen ist.

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Jetzt habe ich die letzten Jahre schon ziemlich oft über das Thema gesprochen, wobei es meistens um unrasierte Frauen, nicht unrasierte Männer geht (weil Zweitere erstens mehr und zweitens akzeptierter sind). Und egal, ob jemand ganz rasiert oder teilrasiert toller findet, es gibt eigentlich nur zwei Antworten. Von Männern kommt ein: ganz unrasiert ist ekelhaft und von Frauen ein: ganz unrasiert fühle ich mich selbst nicht wohl. Und genau das ist der vollkommene Irrsinn, der mich, je länger ich darüber nachdenke, immer wütender macht. „Nicht wohl“ fühlen wir uns nämlich nur deswegen, weil wir, seit wir Pornos schauen, nichts Unrasiertes sehen. Und deswegen Männer und Frauen genau das und fast nur das geil finden.

Ja gut, da gibt es noch das Argument mit den Haaren im Mund. Aber der Trend zur vollen Behaarung in Männergesichtern wird auch nicht mit dem „Haare-im-Mund“-Argument bemängelt. Und die hat man im Mund, wenn man einen Mann mit Vollbart küsst. Stört’s? Nein. Dieser Haare-ab-Wahn ist derselbe wie der Vorhaut-ab-Wahn in Amerika, wo Frauen durchdrehen, wenn ein Mann unbeschnitten ist, weil das so unhygienisch und ekelhaft ist. Je unnatürlicher, desto besser.

Screenshot aus der Serie Girls

Das Schlimme an der ganzen Sache ist, dass ich mich nicht einmal trauen würde, nicht einmal, wenn mich ein Typ darum bitten würde, ganz unrasiert mit ihm Sex zu haben. Weil ich mich so tatsächlich extrem unwohl fühlen würde. Wie kann es sein, dass so etwas Natürliches für so viel Aufregung sorgt?

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Wenn American Apparel auf einmal in EINEM Geschäft in New York im Schaufenster Puppen mit Schamhaaren stehen hat, lesen wir das hier in Zeitungen. Dabei muss einfach nur jeder von uns ein paar Wochen auf den Rasierer verzichten und sich dann einmal nackt vor den Spiegel stellen, um dasselbe zu sehen.

Ich bin manchmal schon sehr froh, in einer Zeit zu leben, in der Homosexualität so akzeptiert ist (zumindest bei uns), was in der Generation unserer Eltern noch überhaupt nicht selbstverständlich war. Aber wie kann es sein, dass so viele Dinge, die für unsere Eltern noch schockierend waren, für uns so selbstverständlich sind, während andere plötzlich völlig irrational tabuisiert werden? Sex mit Pferden? Bitte, wenn’s ihr Spaß macht. Aber wenn sie dabei unrasiert ist, oh Gott, wie schrecklich ist das denn.

Foto von Michiel S.

Dass es normal ist, darüber zu sprechen, wenn man rasiert ist, wo es überall Waxing-Studios gibt, in die man gehen kann und in denen einem ein fremder Mensch die Haare wachst, ist eine Enttabuisierung der Schamzone, die aber gleichzeitig ein anderes Tabu gefördert hat: nämlich dass es Menschen gibt, die Schamhaare haben, oder haben wollen.

Bleibt die Frage, was man da tun kann. Revolutionen sind meistens von einigen wenigen ausgegangen, aber wem nutzt es, wenn 10 Mädchen auf einmal beschließen, sich nicht mehr zu rasieren? Wahrscheinlich niemandem außer den 10 Mädchen, und denen hilft es wahrscheinlich nur dabei, nie wieder Sex zu haben.

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Und trotzdem bin ich der Meinung, dass etwas passieren muss. Noch unnatürlicher können wir langsam nicht mehr werden. Niemand darf riechen, wie er riecht, aussehen, wie er aussieht und darüber reden sollte man sowieso nicht. Und wenn es jemand wie Charlotte Roche oder Lena Dunham tun, dann sind die alles andere als sexy.

Und das finden dann nicht (nur) Männer schrecklich, sondern auch viel zu viele Frauen. Ja, stimmt schon, Feuchtgebiete ist derb, aber ich wage zu behaupten, dass jeder von uns ein ähnlich ekelhaftes Buch schreiben könnte. Und das vollkommen autobiographisch.

DONNERSTAG:

Wir verlosen 2 x1 Karten für den 7. TBA21 Supper Club—SUPPER FOR SNOWDEN, einer Benefizveranstaltung für Edward Snowden, den schwulen Alien. Dieses Mal mit der Künstlerin Suzanne Treister. Ihr wisst, was ihr tun müsst, um zu gewinnen: Mail an [win@vice.at](mailto:Supper for Snowden).

FREITAG:

Unsere Freunde von SEAYOU feiern wieder einmal eine Label Night im Fluc. Da gibts eine Liveshow von Squalloscope und wie immer legt das v-team auf. Wir raten euch hinzugehen. Eintritt ist eine freie Spende, das schafft ihr auch ohne gratis Karten von uns.

SAMSTAG:

Rasiert euch oder tut es nicht, aber heute gibt's Rambazamba und Techno aus Berlin in der Grellen Forelle, mit Milton Bradley, Henning Bär und Sawlin live von Grounded Theory. Karten gibt's wieder bei uns, Mail an win@vice.at und schickt uns doch ein unterhaltendes Foto.