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Beweist Angela Merkels Asylpolitik, dass sie psychische Probleme hat?

Der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz behauptet in einem Interview: „Ja." Wir haben da noch ein paar Fragen.
25.1.16
Foto: imago | IPON​

Angela Merkel hat es nicht so richtig leicht im Moment. Da setzt sie sich einmal offen für eine Sache ein und lässt etwas Menschlichkeit durchscheinen und schon wird sie von Teilen der deutschen Bevölkerung als eine Art politischer Antichrist gebrandmarkt. Oder—wenn es nach dem völkisch-besorgten Teil der Facebook-Community geht—als „Volksverräterin". Während Angie in anderen Teilen der Welt mit Auszeichnungen überhäuft wird, oder zumindest großen Anteil an der Entscheidungsfindung hat (TIME Person of the Year, Deutschland als „bestes Land der Welt"), stellen sich in Deutschland selbst Parteigenossen offen gegen die Kanzlerin.

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Einer der ganz großen Kritiker: Hans-Joachim Maaz, seines Zeichens Psychoanalytiker und Autor. Schon im Oktober des vergangenen Jahres hatte er in einem Interview mit der Thüringischen Landeszeitung Kritik an der Asylpolitik Merkels geäußert, jetzt betont er gegenüber der Huffington Post erneut, für wie gefährlich er den aktuellen Kurs der Kanzlerin halte—und versteifte sich im Rahmen dessen auf die Aussage, dass Angela Merkel psychische Probleme habe. Wird uns ihr „Narzissmus" alle in den Abgrund reißen oder lässt sich das Ganze doch eher unter Katastrophen-Populismus einordnen? Wir haben uns das mal ein bisschen genauer angeschaut.

Wer ist Hans-Joachim Maaz und was möchte er?

Eines direkt zu Anfang: Bei Hans-Joachim Maaz handelt es sich nicht um einen dieser fragwürdigen Experten, die in Boulevard-Sendungen gerne zu aktuellen Stars und Sternchen befragt werden und bei denen man nie so genau weiß, welche Qualifikation sie nun genau besitzen. Maaz ist ein studierter und mittlerweile pensionierter Psychiater und Psychoanalytiker und hat außerdem einige psychologische Sachbücher veröffentlicht—die inhaltlich von der Deutschen Einheit bis zur „neuen Lustschule" reichen. Das Thema Narzissmus ist ein ganz besonderes Steckenpferd des Psychoanalytikers, dem er mit Die narzisstische Gesellschaft. Ein Psychogramm sogar ein eigenes Buch gewidmet hat. Das Fazit des Bestsellers aus dem Jahr 2013: Eigentlich haben wir alle einen an der Klatsche.

Schon 2014 äußerte sich Maaz in Bezug auf Narzissmus in der Politik über Angela Merkel, und versuchte sich an einer psychologischen Erklärung für ihr politisches Wirken, erklärte gleichzeitig aber auch: „Ein umfassendes Urteil über ihre Psyche kann ich natürlich nicht fällen, ich kenne sie ja nicht persönlich." Zusätzlich ließ Maaz einen Blick in die eigene Psyche zu und offenbarte, dass er scheinbar doch weiß, wie schwierig hohe politische Ämter sein können: „Ich weiß nur, dass ich keinen Tag Bundeskanzler sein könnte, ich würde vergehen an Ängsten und Sorgen, was ich alles nicht verstehen und falsch machen könnte."

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Seitdem muss irgendetwas passiert sein zwischen dem Psychoanalytiker und der Kanzlerin. Im Oktober vergangenen Jahres zeichnete er gegenüber der Thüringischen Landeszeitung nämlich ein deutlich negativeres Bild Merkels. Scheinbar war es ihm plötzlich doch möglich, sich ein „umfassendes Urteil über ihre Psyche" zu machen: „Selfies mit Flüchtlingen, die Bemerkung, das Asylrecht kenne keine Obergrenze—sie scheint von allen guten Geistern verlassen."

Wieder ein paar Monate später scheinen die Ferndiagnostik-Fähigkeiten des 72-Jährigen so fortgeschritten, dass er sich gegenüber der Huffington Post an einem regelrechten psychologischen Profil versucht—das wiederum durchblicken lässt, das Maaz einfach kein Fan von der Asylpolitik der Kanzlerin ist. Geht es hier also wirklich um das Psychogramm der „mächtigsten Frau der Welt", oder versucht der Psychiater einfach nur, seine politische Einstellung unters Volk zu bringen?

Ist Angela Merkel wirklich die deutsche Version von Frank Underwood?

Man muss nicht die ersten drei Staffeln von House of Cards gebingewatcht haben, um das Zusammenspiel von Politik, Macht und Psychologie interessant zu finden. Deswegen liegt es gerade in politisch schwierigen Situationen nahe, sich mit gestandenen Psychologen darüber zu unterhalten, welche inneren Prozesse zu realen politischen Entscheidungen führen könnten, was für eine Art von mentaler Konstitution Menschen brauchen, die derart wichtige Ämter ausfüllen und was das schlussendlich alle für uns als Nation bedeutet.

Hans-Joachim Maaz findet auf diese Fragen relativ klare Antworten—zumindest dann, wenn es um Angela Merkel geht. Sie habe nie regiert, sondern nur reagiert, was von „Unsicherheit und einem Selbstwertdefizit" zeuge. Gleichzeitig attestiert er ihr aber auch ein „künstlich aufgeblasenes Selbstbild", das überhaupt erst zu ihrer „sturen Haltung" in der aktuellen Flüchtlingssituation geführt habe. „Das Verhalten von Frau Merkel ist gefährlich, denn es trägt sehr dazu bei, dass sich die Gesellschaft spaltet, weil sie auf Positionen beharrt, die eine wachsende Zahl der Bürger nicht mehr akzeptiert", heißt es weiter. Und: „Der Vergleich ist vielleicht hart, aber mich erinnert Merkel gerade an Erich Honecker, als er in das Flugzeug nach Chile steigt und zum Abschied die Rotfrontfaust erhebt. Zu sagen, man irrt sich, stellt das ganze bisherige Leben in Frage. Das können Narzissten nicht."

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Whistleblower Julian Assange ist kein Weltverbesserer, sondern ein Narzisst.

Wir möchten hier niemanden verteidigen, aber: Nur weil besorgte Bürger, Rechtspopulisten und alle anderen, die glauben, dass die einfachsten „Lösungen" auch immer die besten sind, der Meinung sind, dass sich die Flüchtlingskrise mit einer Obergrenze sofort beenden lässt, ist das noch lange nicht richtig. Darauf zu beharren, dass sich damit nichts lösen lässt, könnte man demzufolge auch mit einer gewissen Stärke assoziieren—anstatt Merkel als trotzige, irrationale und uneinsichtige Narzisstin darzustellen, die den „Bezug zur Realität" verloren hat. Mit solchen Aussagen verkennt man nicht nur die Komplexität der aktuellen Situation, sondern suggeriert zusätzlich, dass man irgendeine Art von psychischer Störung haben muss, um bei der aktuellen weltpolitischen Lage nicht zuerst an den „Untergang" der eigenen Nation zu denken. Und das scheint uns als Laien aus psychologischer Sicht schon ziemlich bedenklich.

Ihr eigenes Schicksal hat die Kanzlerin laut dem Psychoanalytiker übrigens bereits besiegelt: „Dann kommt die Einsamkeit, vielleicht der Alkohol und ein psychischer Zusammenbruch."

Wer ist der größere Narzisst? Merkel oder Maaz?

Die These, dass Menschen, die—und sei es nur durch ihre publizierende Tätigkeit—in der Öffentlichkeit stehen, von Grund auf ein kleines bisschen narzisstisch sein müssen, ist weder neu noch sonderlich überraschend. Wenn sich also jemand über Jahre hinweg darüber im Licht der Öffentlichkeit hält, dass er fragwürdige bis übergriffige Ferndiagnosen an Leute stellt, die noch ein bisschen bekannter sind als er: Liegt dann nicht der Schluss nahe, dass auch Hans-Joachim Maaz recht gerne seinen Namen in der Zeitung liest? Ist es nicht auch irgendwie ein meinungsmäßiger Isolierungsprozess, wenn man die eigene Ferndiagnose als unumstößliche Wahrheit verkauft, wo man doch selbst vor ein paar Jahren noch geäußert hat, sich derartige Aussagen nicht anmaßen zu können? Wir freuen uns in jedem Fall auf den nächsten großen Bestseller aus dem Hause Maaz. Möglicher Titel: Aufmerksamkeit statt Asyl—wie Deutsche die Flüchtlingskrise zur Selbstdarstellung nutzen.

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Titelfoto: imago | IPON