Wie man einen Online-Troll vor Gericht bringt

Eigentlich ist es fast schon Alltag, in den Kommentarspalten diverser sozialer Netzwerke hasserfüllte Kommentare und Drohungen zu lesen. Warum aber landen nur so wenige dieser Trolle im Gefängnis?
29.1.16

UPDATE: Zane Alchin bekannte sich letztlich "schuldig" und wurde im Sommer 2016 zu 12 Monaten auf Bewährung verurteilt. Er selbst gab später an, dass er das Ausmaß an negativen Reaktionen im Internet auf seine Vergewaltigungs-Postings nicht verdient habe.


Es kam doch ziemlich überraschend, als der 25-jährige Zane Alchin vor Kurzem in einem Gerichtssaal in Sydney auf „nicht schuldig" plädierte, denn eigentlich hatten alle erwartet, dass er ein Schuldgeständnis ablegen würde, um das zu erwartende Strafmaß zu mindern. Ihm wurde vorgeworfen, per Facebook damit gedroht zu haben, Paloma Brierley Newton zu vergewaltigen, und es gab auch diverse Screenshots seiner Kommentare. Wie sich allerdings herausstellen sollte, ist es nicht gerade leicht, solche Online-Trolls in den Knast zu bringen.

Die Geschichte beginnt eigentlich mit Drake. 2015 postete Chris Hall, ein Facebook-Freund Alchins, den Screenshot eines Tinder-Profils einer jungen Frau. Auf ihrem Foto lächelt besagte Frau—Olivia Melville—freundlich in die Kamera. Sie hat dunkle, lange Haare und ein Nasenpiercing. Hinter ihr sind zwei Freundinnen zu sehen. Unter dem Foto zitiert sie eine Zeile des Drake-Parts in Nicki Minajs Lied „Only": „Type to wanna suck you dry and then eat some lunch with you." Hall kommentierte dieses Zitat mit folgender Aussage: „Ich bin erstaunt, dass sie immer noch Hunger auf Mittagessen hat."

Melville wurde dann recht bald in Halls Post verlinkt. Es handelte sich sogar schon um das zweite Mal, dass ihr Tinder-Profil online geteilt wurde. „Olivia, warum zeigst du dein Tinder-Profil nicht mal deinen Eltern?", wurde sie von Chris Hall gefragt. „Die wären sicherlich beeindruckt." „Warum sollte sie das scheren?" kommentierte sie zurück. „Das ist doch nur ein Liedtext." Der Post ging viral und mit steigenden Klickzahlen kamen auch immer mehr hasserfüllte Kommentare, die sich gegen Melville richteten.

Melville teilte Halls ursprünglichen Post, um auf den Hass aufmerksam zu machen, der ihr entgegenschlug, und gemeinsame Freunde verlinkten daraufhin Hall, Alchin und andere Freunde, damit auch sie ihren Senf dazugeben konnten. „Die Kavallerie ist angekommen", schrieb Alchin angeblich in seinem ersten Kommentar. Auf Melvilles Facebook-Seite ist der junge Mann dann auch zum ersten Mal mit einer 23-jährigen Freundin von Olivia—nämlich Paloma Brierley Newton—aneinandergeraten. Sie klinkte sich in die Konversation ein und wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sie Zane Alchin später vor Gericht bringen sollte. Brierley Newton weiß nicht mehr genau, welcher von Alchins Kommentaren sie ursprünglich wütend gemacht hat, erinnert sich jedoch noch daran, dass es darin irgendwie darum ging, dass „Schlampen sich darüber beschweren, Schlampen zu sein, und dann sauer sind, wenn sie Schlampen genannt werden." Und so entschied sie sich dazu, Alchin zur Rede zu stellen.

Danach entwickelte sich die Unterhaltung laut Brierley Newton in eine Richtung, die schließlich von ihrer Meinung nach expliziten Vergewaltigungsdrohungen gekrönt wurde: „Das Beste an der Vergewaltigung von Feministinnen ist doch, dass bei denen im Bett nichts läuft und sie deswegen 100 Mal enger sind … Ich würde auch deine Mutter ficken, wenn sie mir über den Weg läuft."

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„Ich dachte mir nur: ‚Weißt du was, scheiß drauf'", erzählt sie mir. „Ich zitterte richtig vor Wut. Wenn ich YouTube-Kommentare oder Ähnliches lese, sehe ich immer ganz schnell irgendwelche Vergewaltigungsdrohungen—so nach dem Motto ‚Hey, wir drohen ihr einfach damit, sie zu vergewaltigen, weil das macht ihr richtig Angst.'" An diesem Tag schrieb Brierley Newton schließlich einen Facebook-Post zu dem Vorfall und ging zur Polizei. Sie wusste zwar nicht, ob man Alchin für irgendetwas belangen könnte, war aber dennoch fest davon überzeugt, dass dessen Kommentare nicht legal sind.

Als Brierley Newton die Screenshots von Alchins Drohungen den Beamten zum ersten Mal präsentierte, nahmen diese die junge Frau nicht wirklich ernst und versuchten, sie davon zu überzeugen, dass der Fall strafrechtlich gesehen nur schwer zu verfolgen wäre—allein schon deswegen, weil man erstmal irgendwie beweisen müsste, dass es wirklich Alchin war, der besagte Drohungen ausgesprochen hat. Brierley Newton stürmte wütend wieder nach Hause, wo sie dann herausfand, dass ihr Post über 500 Mal geliket worden war. Zusammen mit den Frauen, die auch einen Kommentar dagelassen hatten, gründete sie schließlich eine Gruppe namens Sexual Violence Won't Be Silenced und startete eine Petition gegen Alchin.

Eigentlich sollten nicht erst gut 16.000 Unterschriften nötig sein, um die Polizei zu ordnungsgemäßen Ermittlungen zu bewegen. In Australien fällt Online-Belästigung unter Abschnitt 474.17 des Strafgesetzbuchs—dieser Abschnitt wurde 2004 eingeführt und 2012 angepasst. „Jeder ist der Meinung, dass ohne eine explizite Drohung wie ‚Ich werde bei dir vorbeikommen und dich vergewaltigen' auch nichts Illegales passiert. Das stimmt so jedoch nicht", erklärt mir Brierley Newton. „In dem Gesetzesabschnitt heißt es ja schließlich, dass man einen Datenübertragungsservice dazu nutzt, um andere Leute zu belästigen, Drohungen auszusprechen oder Ärgernis zu erregen."

Laut David Rolph, einem Lehrbeauftragten der University of Sydney Law School, umfasst diese Definition der Straftat auch die Belästigung und Drohung per Handy, Facebook, Twitter und so weiter. „Wenn ein solches Delikt strafverfolgt werden soll, dann muss man es zuerst einmal bei der Polizei melden. Wenn das nicht geschieht oder die Leute das besagte Delikt gar nicht als solches erkennen, dann können auch die Polizei und die Staatsanwaltschaft nichts machen", meint er. „Es bedarf wohl einer gewissen Schwere des Delikts—ein einmaliger Kommentar wird zum Beispiel kaum zur Anzeige gebracht."

Wenn solche Fälle der Online-Belästigung strafrechtlich verfolgt werden, gibt es oft Diskussionen darüber, ob man dadurch die freie Meinungsäußerung einschränkt. Kann ein Gesetz wirklich zwischen einem Witz und einer echten Drohung unterscheiden? 2012 wurde der Brite Paul Chambers des Verschickens einer „bedrohlichen elektronischen Botschaft" schuldig gesprochen und zu einer Geldstrafe von gut 1300 Euro verurteilt. Zwei Jahre zuvor hatte er aufgrund eines Flugausfalls folgenden Tweet geschrieben: „Scheiße! Der Robin-Hood-Flughafen wurde geschlossen. Ihr habt eine Woche Zeit, das wieder in Ordnung zu bringen, ansonsten sprenge ich das Ding hier in die Luft!!" Die Behörden sahen das zwar anfangs noch als ernsthafte Drohung an, aber der High Cour of Justice revidierte das Urteil später wieder.

Solche Fälle machen Schlagzeilen, aber es gibt auch viele andere, bei denen das Gesetz nicht greift, weil es sich vor allem auf Taten bezieht, die wir im echten Leben niemals tolerieren würden—online jedoch schon. Ende 2014 erstellte der damals 22-jährige Student Billy Bartolomeus Tamawiwy ein falsches Facebook-Profil mit dem Pseudonym „Tayla Edwards". Damit schickte er einem Teenager dann eine Freundschaftsanfrage und fing an, besagtem Teenager sexuelle Nachrichten zu schreiben.

2015 wurde Tamawiwy dann von einem Gericht verurteilt, weil der dem Teenager Sex mit Tayla Edwards versprach und ihn beim Aufeinandertreffen schließlich vergewaltigte und das Ganze sogar noch mit seinem Handy filmte. Danach hat Tamawiwy versucht, den jungen Mann zu weiteren Treffen zu zwingen, indem er damit drohte, das Video zu verbreiten. Der Student wurde schließlich festgenommen, nachdem er die Filmaufnahmen an den jüngeren Bruder des Teenagers geschickt hatte.

Im Gegensatz zu Tamawiwys Fall spielt sich Alchins Fall jedoch komplett in der Grauzone ab, in der unsere Online-Aktivitäten mit unserem Alltag verschwimmen. Falls er schuldig gesprochen werden sollte, dann wäre das so etwas wie ein Präzedenzfall.

Zane Alchin drohen bis zu drei Jahre Gefängnis, aber Brierley Newton ist der Meinung, dass Sozialstunden in einem Frauenhaus mehr bringen würden. Sie erzählt mir außerdem davon, wie sie seit dem Bekanntwerden des Falls ständig neue hasserfüllte Nachrichten von Leuten bekommt, die wütend darüber sind, dass sie mit der ganzen Sache zur Polizei gegangen ist. Gleichzeitig machen ihr aber auch die vielen Frauen Hoffnung, die sich mit ihr in Verbindung gesetzt haben und dankbar dafür sind, dass Sexual Violence Won't Be Silenced auf ihre Online-Rechte aufmerksam macht.

Am 1. März wird Zane Alchin das nächste Mal vor Gericht stehen.