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In Freital gehen die „besorgten Bürger“ mit Baseballschlägern auf Jagd

Weil sie nicht an die Asylbewerber rankommen, greifen die Hools von „Frigida" eben Unterstützer an.

von Johannes Grunert
25 Juni 2015, 1:00pm

Alle Fotos: Marcus Fischer​

Tobias* und seine Freunde wurden bei der Abfahrt von einer Gruppe Männer beobachtet. Sekunden später sind zwei Autos an ihnen dran, eins davon versucht die Gruppe abzudrängen. Paul*, der Fahrer, fährt immer schneller in Schlangenlinien durch die Stadt, während sie die Polizei rufen, die ihnen rät, an eine Tankstelle zu fahren und auf die Ankunft der Beamten zu warten. Doch die Tankstelle ist leer und dunkel, keine Polizei in Sicht, die beiden Autos direkt im Nacken.

Die Freunde fahren weiter bis nach Dresden, schließlich an eine andere Tankstelle. Plötzlich sind die Autos wieder da, keilen sie ein, ein Mann springt raus: „Sein Gesicht war voller Hass", erzählt Tobias. „Dann schlug er mit dem Baseballschläger direkt auf unsere Frontscheibe ein". Als Paul begreift, was passiert, kann er sein Auto zwischen den Angreifern befreien, der Schläger setzt von hinten an und zertrümmert die Heckscheibe. Durch die Splitter wird Tobias verletzt. Ein Auto folgt den Freunden weiter und wird am Ende vermutlich nur durch eine Straßenbahn gestoppt. Die Polizei hält das Schlägerauto noch in der Nacht an und kann den Tatverdächtigen fassen.

Die Szene hat sich am Dienstagabend abgespielt, angefangen hat die Jagd in Freital in Sachsen. Seit am Montagnachmittag überraschend bekannt wurde, dass kurzfristig 280 Flüchtlinge aus dem überbelasteten Chemnitz in das „Hotel Leonardo" in Freital verlegt werden sollen, liefen die örtlichen Rassisten Sturm. Die Kampagne „Freital wehrt sich. Nein zum Hotelheim." meldete sofort, dass „neue Asylbetrüger" einziehen sollen und rief zum Protest auf.

Seitdem steht jetzt schon die dritte Nacht in Folge eine Mischung aus ca. 150 „besorgten Bürgern", Pegida-Fans (sie nennen sich tatsächlich „Frigida"), NPDlern und Hooligans vor dem Heim herum, trinkt Bier und brüllt ausländerfeindliche Parolen. Sogar Pegida-Gründer Lutz Bachmann war mal da, hat sich aber in Rekordzeit wieder mit den Frigida-Leuten zerstritten. Auch in der Vergangenheit wurden Flüchtlinge in Freital schon bedroht und angegriffen: Eine rassistische Bürgerwehr überwacht die Heimbewohner in der Stadt teilweise auf Schritt und Tritt. Einmal standen zwei aus dem Ort schon mit dem Molotowcocktail vor dem Heim, wurden aber noch von der Polizei festgehalten.

Alle Fotos: Marcus Fischer

Zwei Flüchtlingen erging es in der Vergangenheit noch schlimmer. Die Rassisten griffen sie direkt an, sie konnten sich nicht aus der Situation befreien. Einer von ihnen wurde bis zur Bewusstlosigkeit geschlagen, er verließ Deutschland daraufhin. „Pogromartig", beschreibt Tobias die Stimmung in Freital.

Deshalb haben die neuen Aufmärsche die Unterstützer der Geflüchteten in Alarmbereitschaft versetzt. Aber am Montag schafften es nur wenige, schnell zu reagieren: Wenige Unterstützer der Flüchtlinge hatten sich am Leonardo versammelt, sahen sich aber zusammen mit weniger als zehn Beamten der aufgebrachten Gruppe machtlos gegenüber. Es flogen Böller, Augenzeugen behaupten, es wurden auch Steine auf das Heim geworfen.

Diejenigen, die es nicht hinnehmen wollten, dass der Mob das Heim Nacht für Nacht belagert, meldeten kurzerhand eine Kundgebung vor dem Leonardo für den nächsten Tag an. Auch Tobias und Paul waren Dienstag angereist, um das Asylbewerberheim zu schützen—auch wenn sie am Ende selbst Schutz gebraucht hätten. Viele Flüchtlinge und ihre Unterstützer stehen nun jeden Abend davor, um das Heim zu schützen und gleichzeitig Polizeipräsenz zu provozieren. Das stellt sicher, dass die Polizei mit bis zu 100 Beamten vor Ort ist und die Heimgegner auf Abstand bleiben müssen.

So bleibt es, vom Mob hinter der Polizeikette abgesehen, ruhig vor dem Heim, und viele nutzen die Zeit, um Kontakte zu knüpfen und die Asylsuchenden besser kennenzulernen. Ich spreche mit einer Gruppe von ihnen, einer hat in Afghanistan als Übersetzer gearbeitet und spricht Englisch.

Er will nicht über sich, seine Flucht und die Gründe reden, ihm liegen die aktuellen Sorgen, die alle Bewohner des Heims teilen, mehr auf dem Herzen. Die Kundgebung der Rassisten, die 15 Meter entfernt gerade „Wir wollen euch hängen sehen!", skandieren, mache den meisten keine große Angst, sagt er, solange Polizei und Unterstützer vor Ort sind. Was sie rufen, will ich ihm nicht übersetzen.

Er beklagt sich über die Verpflegung im Heim, gerade während des Ramadan. Sie sei unzureichend, Beschwerden darüber würden nicht gehört. Angst habe man vor allem vor Angriffen in der Stadt. Das hindere viele, neben dem wenigen Geld, daran, sich gesünderes Essen im Supermarkt zu kaufen. Er wurde erst vor kurzem von Chemnitz aus nach Freital gebracht. Die Chemnitzer Erstaufnahmeeinrichtung für Asylsuchende ist schon seit längerer Zeit über ihrer zugedachten Kapazität, weshalb Zelte hinter dem Schießstand auf einem nahegelegenen Polizeigelände errichtet wurden—keine Dauerlösung, weshalb nun 280 Leute nach und nach mit Bussen ausgerechnet nach Freital gebracht werden.

Die Abreise derjenigen, die sich mit den Flüchtlingen solidarisieren, wird dabei immer wieder zur Mutprobe. Am Dienstag die Verfolgungsjagd, außerdem zwei zerstochene Reifen und eine große Gruppe Nazis vor dem Bahnhof, die mit Böllerwürfen verhinderte, dass die Unterstützer aus Dresden ihren Zug bekommen konnten. Am Mittwochabend wieder eine Attacke bei der Abreise: Als eine Gruppe Jugendlicher zum Bahnhof gehen will, taucht plötzlich ein Mob auf, zwischen 20 und 40 Männer laut Augenzeugen. Sie jagen die Jugendlichen zurück und bewerfen sie mit Bierflaschen. Wieder wird ein Aktivist verletzt.

Solange die Bürger noch Tag für Tag vor dem Heim stehen, will man auch da sein und Kundgebungen anmelden, so der Tenor vor dem Leonardo. Bei einigen herrscht Unsicherheit.

Einerseits provoziere man die Rechten sicher auch, in dem man sich jeden Tag hier hinstellt. „Das ist unsere Stadt!" heißt es dann, und wieder haben sie mindestens ein Feindbild mehr. Andererseits haben die ganzen Ereignisse in der Vergangenheit ein schlechtes Gefühl bei den Beteiligten ausgelöst.

Was noch alles passiert wäre, wenn die Flüchtlinge und Aktivisten nicht ihre Kundgebungen abhalten würden, weiß hier niemand. Sie werden sich aber wieder und wieder schützend vor das Leonardo stellen, mit dem Gewissen, dass man durch bloße Anwesenheit zumindest zeitweise dafür sorgen kann, dass sich Pogrome nicht wiederholen. Die Polizei kündigte noch in der Nacht zum Donnerstag an, nun rund um die Uhr vor Ort sein zu wollen.

Jagt Johannes auf Twitter: @johannesgrunert